Trotz des Nebels fuhren wir am 31. August schon früh ab. Im Laufe des Vormittags hatten wir einige Untiefen zu passieren, bevor wir das Dorf Boka erreichten. Diese allerdings ziemlich unbedeutende Ortschaft war bereits zur Hälfte überschwemmt, als wir daran vorbeifuhren. Auffallend war eine verhältnismäßig große Zahl von Ziegen, welche die Bewohner zu besitzen schienen. Von dem Dorfe Boka an heben sich die Ufer des Flusses allmählich, ja der Ortschaft gegenüber zieht sich ein langer Hügelrücken hin, wie ich ihn sonst am Sanga unterhalb der Ngoko-Mündung gar nicht kenne; auf diesem haben die Einwohner Bokas ihre Bananenpflanzungen angelegt und besitzen daselbst wahrscheinlich auch ihre Hütten während der Hochwasserperiode. Gegen Mittag bereits ging unser Holz derartig auf die Neige, daß wir anlegen mußten. Nach kurzer Zeit fuhren wir darauf weiter, um gegen 3 Uhr noch einmal zum Holzfällen anzulegen, denn uns lag viel daran, endlich das nicht mehr ferne Wesso zu erreichen. Der Holzvorrat, welchen wir nun einnahmen, reichte gerade aus, um uns gegen 5½ Uhr am Abend nach Wesso zu bringen, wo kurz vor uns der „Tirier“ eingelaufen war.

Da wir noch während des Vormittages am nächsten Tage in Wesso zu bleiben gedachten, verschob ich eine Besichtigung des Ortes auf den nächsten Vormittag: außerdem brach nun die Dunkelheit ein, und einige Zollformalitäten mußten noch bei dem hier stationierten französischen Beamten erledigt werden.

Am Abend waren wir alle in Wesso anwesenden fünf Europäer (außer dem Gastgeber bestehend aus dem Agenten des holländischen Hauses, dem französischen Chef de Poste, Herrn Langheld und mir) zusammen bei dem Agenten der Société Anonyme Belge zu gemeinsamem Abendessen versammelt.

Nachdem ich am nächsten Morgen das Dorf Wesso, welches schon ganz den Charakter der Fan-Dörfer trug, besucht hatte, dehnte ich meine Exkursion noch weiter ins Innere aus. Etwa 1½ Stunden war ich mit meinem Jungen marschiert, und doch kam ich nicht aus den kultivierten Gebieten heraus. Die früher unter Kultur gewesenen Strecken, welche man nun nach Art der Negerkultur wieder verwildern ließ, waren mit dichtem Busch bestanden, in dem außer Costusarten keine Pflanzen zu finden waren, welche mich interessierten. Besonders Trema scheint in solchen Lokalitäten neben Zingiberaceen häufig sich einzustellen. Ich wäre gern weiter marschiert, mußte es aber aufgeben, da ich zur Zeit am Dampfer zurück sein wollte, um dessen Abfahrt nicht zu verzögern. Ich vermute nach allem, was ich auf jener Tour gesehen, daß Kickxia in den noch nicht kultivierten trockneren Teilen westlich vom Wesso vorhanden sein dürfte. Kurz nach dem Mittagsmahle fuhren wir wieder von Wesso ab, um nun bald aus dem Sanga in den Ngoko einzubiegen, welcher sich etwa eine halbe Stunde oberhalb Wesso in den Sanga ergießt. Nördlich von Wesso senkt sich das Land wieder sehr bedeutend, so daß die Ufer jetzt schon kaum über dem Wasserspiegel hervorragten. An einer kleinen, flachen Insel vorbeifahrend, welche direkt am Zusammenflusse der beiden Flüsse liegt, während des hohen Wasserstandes aber völlig überschwemmt ist, bogen wir in den Ngoko ein. Man hatte mir diesen Fluß mit den schwärzesten Farben geschildert und behauptet, daß nicht einmal ein Vogel dort zu finden sei, doch das war natürlich arg übertrieben. Im wesentlichen bot er denselben Anblick dar wie der Sanga, nur war er bedeutend enger und die Strömung wohl etwas reißender. Gegen 4½ Uhr, nachdem wir etwa zwei Stunden den Ngoko hinaufgefahren waren, ging unser Feuerungsmaterial zur Neige, so daß wir gezwungen wurden, für den Rest des Tages und die Nacht hindurch an Land anzulegen, um Holz schlagen zu lassen. Selten hatte ich einen Wald gesehen, der derartig von Elefanten zertreten war wie der, an welchem wir hier lagen. Landolphia war schon ziemlich reichlich vertreten, ebenso Kaffee, doch war für Kickxia der Boden offenbar zu feucht, denn auch hier war der Wald schon teilweise überschwemmt. Es war zu verwundern, daß wir auch hier trotz der Waldsümpfe fast gar nicht während der Nacht von Moskitos zu leiden hatten. Bald passierten wir zwei unbedeutendere Dörfer der Misanga, wie man hier die Eingeborenen nennt, und kurz darauf gingen wir bei dem Dorfe Muntunda vor Anker. Die Bauart des Dorfes war auch die für die Fan typische, wie ich sie bereits bei Wesso beobachtet hatte. Die dicht aneinander stehenden Hütten waren zu beiden Seiten einer einzigen breiten Straße aufgebaut, welche durch je ein befestigtes Haus, in dem alle Versammlungen abgehalten werden, an beiden Enden abgeschlossen wird. Diese Häuser, welche allgemein bei den Europäern als Palaver-Häuser bezeichnet werden, haben statt der bei den gewöhnlichen Hütten aus Rinde hergestellten Brüstungen eine dicke Untermauer, welche aus verschiedenen Schichten von aufrechten Baumstämmen gebildet wird. Hier am unteren Ngoko waren diese Häuser nie so verstärkt wie ich sie später am Dja gesehen, denn während die Mauern hier aus zwei bis drei Schichten von Baumstämmen bestanden, wurden sie zum Beispiel in dem Dorfe des Häuptlings Lobilo aus zehn und mehr Schichten gebildet. Zum ersten Male sah ich auch hier bemalte Thürpfosten und Schwellen, ja einige Leute hatten sich sogar zu vollständig bemalten Hütten aufgeschwungen. Rot und Weiß waren die verwendeten Farben. Auch hier sah ich, daß mir die Kaufleute in Bonga die Verhältnisse zu schwarz geschildert hatten; glänzend waren sie ja freilich nicht; wohl aber gelang es uns, von den Leuten einige Hühner und Bananen zu kaufen. Herr Langheld behauptete allerdings, daß es das erste Mal sei, daß er hier einige Eßwaren erstanden hätte. Faul sind diese Fan-Völker im Ngoko ohne Zweifel, und es mag lange dauern, ehe man sie zur Arbeit wird erziehen können, und viel wird auch von der Tüchtigkeit der deutschen Stationsleiter in jenem Bezirke abhängen, wie weit und wann das gelingt. Nach sehr kurzem Aufenthalte in Muntunda dampften wir gegen 10 Uhr wieder weiter. Bald sahen wir die ersten etwa 300 Fuß hohen Hügel, zwischen welchen hindurch der Ngoko sich Bahn gebrochen hat, vor uns auftauchen. Da wir nur sehr knapp mit Holz versehen waren, ließ Herr Langheld am Fuße der ersten Hügel wieder etwas Holz schlagen. Von diesen Hügeln aus, welche wir gegen Mittag verließen, hatten wir noch etwa vier Stunden bis zur zweiten Ngoko-Insel zu fahren, welcher gegenüber die Station auf dem Hügel liegt. Es wechselten während dieser Fahrt Hügel und Niederungen beständig ab. Da unsere deutsche Station in der Nähe einer Kette von Flußschnellen liegt, welche nur eine schmale Passage an der Seite der Insel freiläßt, legten wir uns an der Insel vor Anker und gaben ein Signal mit der Dampfpfeife, um unsere Ankunft auf der Station, welche man vom Flusse aus nicht erblicken konnte, anzuzeigen. Bald erschien auch ein Canoe, in welchem der Lazarethgehülfe Herr Peter saß, welcher mich nun im Auftrage des Herrn Oberleutnants Dr. Plehn willkommen hieß. Da noch eine ganze Anzahl von Lasten für mich und für die Station mitzunehmen waren, und Herr Langheld auch noch vor Anbruch der Dunkelheit seine etwa zehn Minuten weiter stromauf gelegene Faktorei erreichen wollte, so fuhr ich mit Herrn Peter erst noch bis zur Faktorei hinüber, um dann der Einladung des Herrn Dr. Plehn, bei ihm zu wohnen, Folge zu leisten. Nachdem ein Teil meiner Lasten in mein großes Canoe hinüber gepackt war, fuhren wir über die Schnellen hinweg zur Station zurück. Ein etwa 20 Minuten langer Anstieg brachte mich zur Station, wo mich Dr. Plehn äußerst liebenswürdig aufnahm. Da es bereits zu dunkeln anfing, setzten wir uns kurz darauf zum Abendessen nieder, bei welchem wir, Dr. Plehn, Herr v. Lüdinghausen, als stellvertretender Stationsleiter, und ich bis tief in die Nacht hinein Neuigkeiten austauschten. Dr. Plehn hatte seit vielen Monaten keine Nachrichten aus Kamerun erhalten und war daher ein dankbarer Zuhörer bei allem, was ich von dort zu berichten hatte.

Als ich mir am nächsten Tage die kaum drei Monate alte Station auf einem kleinen Rundgange betrachtete, war ich erstaunt, zu sehen, was alles geleistet worden. Wie anders sah es hier aus als auf den französischen Stationen, welche ich in der letzten Zeit gesehen. Um auch von den Eingeborenen unabhängiger zu sein, hatte man Anpflanzungen von Mais und Bananen begonnen, sowie ein Feld Bergreis ausgesäet, das vorzüglich stand. Alles zeigte die wunderbare Umsicht, mit welcher Dr. Plehn bei Anlage der Station vorgegangen war. Es gab allerdings auch einen Übelstand, den zu erwähnen ich nicht unterlassen darf, nämlich die Entfernung des Wassers, welches die Leute immer vom Flusse her heraufzuholen hatten. Dr. Plehn sprach mit mir verschiedentlich darüber und war selbst aus diesem Grunde nicht ganz zufrieden mit der Anlage seiner Station; doch war da nichts zu ändern möglich, wenn er nicht die sicher gesundere und kühlere Lage auf dem Hügel aufgeben wollte. Gesundheitlich war die Station trotz ihrer guten Lage etwas vom Unglück verfolgt worden. Es waren mehrere Leute besonders unter den Arbeitern (Weiboys aus Liberia) bereits gestorben, doch meist an Krankheiten, welche sie noch von der Küste mitgebracht hatten, außerdem war eine bedenklich große Zahl von Dysenteriefällen vorgekommen, auch einige Schwarzwasserfieber, von welchem auch Herr v. Lüdinghausen und der Unteroffizier Kruschka, welcher die Soldaten zu drillen hatte, befallen worden waren. Diese große Zahl von Krankheitsfällen ist leicht zu erklären, wenn man bedenkt, welche Mühen die Sanga-Ngoko-Expedition auszuhalten hatte, ehe sie zum Bau der Station schreiten konnte, und darauf die schweren Arbeiten bei zum Teil sehr dürftiger Ernährung, denn infolge der schlechten Verbindungen war der europäische Proviant lange Zeit am Congo liegen geblieben. Je mehr man die Geschichte dieser Station kennt, desto mehr ist man gezwungen, die Energie der vier Europäer, unter deren Leitung diese Station entstand, zu bewundern, und ganz besonders die des Führers, Dr. R. Plehn. Mit Dr. Plehn und Herrn Langheld, welcher zu Mittag zur Station gekommen war, besprach ich dann am Nachmittage die Möglichkeiten meiner Exkursionen. Dr. Plehn war so liebenswürdig, mir für die Zeit meines Aufenthaltes Soldaten und Leute zur Verfügung zu stellen.

Einige Exkursionen, welche ich am nächsten Tage zuerst einmal in die nähere Umgebung der Station machte, zeigten mir, daß die Bossassangapflanze in ziemlichen Mengen vorhanden sei. Ebenso fand ich Landolphien in jüngeren Exemplaren in der Nähe der Station, am Flusse aber mit langen, dicken Ästen. Landolphia florida war längs der Ufer auch reichlich vorhanden und durch die gelben, über apfelgroßen Früchte schon von weitem zu erkennen.

Am 5. September ging ich zusammen mit Leutnant Plehn längs des Flußrandes zur Faktorei der Südkamerun-Gesellschaft hinüber, um einige dort in der Nähe bekannte Kautschukbäume zu untersuchen. Etwa zehn Minuten von der Faktorei entfernt, brachte mich ein Marsch durch den Wald zu den betreffenden Bäumen, in welchen ich zu meiner Freude Kickxia elastica feststellen konnte. Auf einigen Exkursionen, welche ich nun während der nächsten Tage unternahm, gelang es mir, die Kickxia in ziemlicher Zahl rings um die Station herum, sowohl auf den Thälern wie auf den Hügeln feststellen zu können. Ich schickte einige Leute speziell aus zu dem Zwecke, eine größere Quantität Milch einzusammeln, mit der ich experimentieren konnte. Anfangs, während der warmen Tage, kamen die Leute mit weniger Milch zurück, als ich eigentlich erwartet hatte. Als Grund dafür führten sie an, daß bei der großen Hitze die Milch kurz nach Austritt an die Luft sehr bald koaguliere. Als ich dieselben Leute bei kühlerem Wetter aussandte, wurden ihre Aussagen durch die großen Quantitäten Milch, welche sie heimbrachten, bestätigt; auf späteren Exkursionen sah ich auch die zuerst angeschnittenen Bäume mit dem an der Luft koagulierten Kautschuk. Ich erwähne diese Umstände besonders, da sie zeigen, daß die Kickxien vielleicht vorteilhafter bei kaltem als bei warmem Wetter angezapft werden, was für den plantagenmäßigen Anbau von Nutzen sein kann. Auch ist es nicht unwahrscheinlich, daß die Kickxia bei feuchtem oder kaltem Wetter einen größeren Ertrag an Latex liefert als bei trockenem und heißem Wetter. Inwieweit der Prozentsatz des Kautschuks zu der gewonnenen Quantität von Milch unter diesen verschiedenen Witterungsverhältnissen variiert, ist noch eine offene Frage, welche erst durch jahrelange Versuche endgültig entschieden werden kann. Während meines verhältnismäßig kurzen Aufenthaltes im Ngoko-Gebiete konnte ich nichts sicheres in dieser Hinsicht feststellen. Über die verschiedenen Methoden, welche ich bei der Koagulation der Kickxiamilch angewendet habe, habe ich schon früher einmal berichtet. Die erste Methode, welche ich anwendete, das Einkochen der Milch, scheint mir die empfehlenswerteste. Durch Zusatz von Bossassanga wird, wie die von mir mitgebrachten Proben bewiesen haben, der Kautschuk nicht verbessert.

Die Para-Räuchermethode ebenso wie die Centrifugivmethode sind, da beide zu viel Arbeitskräfte bedingen, für Afrika und ganz besonders für diesen Teil Afrikas nicht zu empfehlen.

Auch ein trichterförmiges Gefäß zum Austrocknen der Milch hatte ich mitgenommen und konnte es nun zum ersten Male gebrauchen. Ich goß die Milch in dieses Gefäß hinein und ließ sie mehrere Tage hindurch stehen, bis sich die Kautschukkügelchen nach oben abgesetzt hatten. Die oberste, sehr harzreiche Schicht wurde abgenommen, nachdem die Milch genügend in Wasser und Kautschukkügelchen gesondert war, und das Wasser allmählich durch einen am Grunde des Gefäßes angebrachten Hahn abgelassen. Die zurückbleibende flockige Masse blieb zum besseren Austrocknen erst noch einige Tage stehen, um dann durch einfaches Pressen mit der Hand endgültig in Kautschuk verwandelt zu werden. Der auf diese Weise gewonnene Kautschuk erfordert wenig Arbeit und ist nicht der Gefahr ausgesetzt, anzubrennen, wie es beim Kochen der Fall ist. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß auch diese Methode des Austrocknens sich bei Gewinnung des Kautschuks in den Plantagen bewähren wird. Da ich später noch einmal auf die verschiedenen Methoden der Koagulation einzugehen haben werde, so will ich darüber hier nicht mehr sagen, sondern nun auf die Anzapfungsmethoden der Kickxien übergehen. Die von mir mitgenommenen Instrumente bewährten sich nur halb, da man mit ihnen nur langsam arbeiten konnte. Der Pikierapparat war im Verhältnis zur Zähigkeit der Kickxiarinde leider zu schwach gebaut, so daß sich die Zähne beim Einschlagen teils umbogen, teils abbrachen. Ich möchte fast glauben, daß besonders bei warmem Wetter diese Pikiermethode etwas für sich haben dürfte, besonders wenn man durch einen am Fuße des Stammes herumgelegten Ring den etwa herunterlaufenden Saft auffangen könnte, so daß auf diese Weise nichts verloren geht. Diese Methode hat vor allen anderen den Vorzug, daß der Baum dadurch nicht so leicht verletzt wird, und das ganze Jahr hindurch in kurzen Abständen angezapft werden kann. Der Kautschuk, welcher dann natürlich auch in der Form der [Ceara-Kautschukthränen] exportiert werden müßte, würde sicher durch seine Reinheit und Trockenheit einen guten Preis erzielen.

Für die verbreitetste und bei einmaligem Anzapfen rentabelste Methode des Grätenschnittes müßte man noch passende Instrumente erfinden, mit denen man schnell und ohne die Cambiumschichten unter der Rinde zu verletzen, arbeiten könnte.