Am Vormittage des nächsten Tages wurde die ganze Besatzung des Dampfers ausgeschickt, um Holz zu schlagen, denn Herrn Langheld hielt es nicht länger hier; er wollte durchaus zu seiner Faktorei zurück. Gegen Mittag nahmen wir Abschied von Herrn Schulz, welcher nun hier allein zurückbleiben soll. Mit dem größtmöglichen Dampfdruck wurde der „Major Cambier“ den Dja hinuntergejagt, wobei uns die starke Strömung noch Beistand leistete. Schon um 3 Uhr trafen wir an der Bumbe-Faktorei ein. Nach nur halbstündigem Aufenthalte dampften wir weiter den Ngoko hinunter. Diese Fahrt, welche wir nun machten, dürfte wohl für lange Zeit die schnellste bleiben, welche je auf dem Ngoko geleistet wurde, denn schon gegen 7 Uhr trafen wir in der Faktorei ein. Unterwegs sahen wir noch eine Herde Büffel am Flußrande, welche aber schnell im Busche verschwanden, als sie unserer ansichtig wurden. Da es zu spät war, um jetzt noch die ermüdeten Leute zur Canoefahrt anzutreiben, schlief ich am Abend noch auf dem Dampfer und kehrte erst am nächsten Morgen zur Ngoko-Station zurück, wo ich bei strömendem Regen eintraf. Die Regenzeit schien jetzt überhaupt hier einzusetzen, denn während der letzten Zeit hatten wir auffallend starke und häufige Niederschläge gehabt. Herr Gruschka, welchen wir am Schwarzwasserfieber niederliegend verlassen hatten, war wieder einigermaßen hergestellt, doch noch immer so schwach, daß er nicht arbeiten konnte. Herrn v. Lüdinghausen fielen daher nun die sämtlichen Arbeiten allein zu.
Die Zeit, welche ich noch auf der Station verweilte, hatte ich mit dem Einpacken meiner Sachen und Trocknen der Kickxiasamen sowie anderen laufenden Arbeiten auszufüllen. Dasselbe herzliche und liebenswürdige Entgegenkommen, welches ich bei Dr. Plehn gefunden, wurde mir nun auch von Seiten des Herrn v. Lüdinghausen zu teil. In Zukunft konnte ich nur einige kleine Exkursionen machen, da ich kein Personal aufzutreiben vermochte, welches mich begleiten konnte. Herr v. Lüdinghausen war zwar so freundlich, mir von den wenigen Leuten, welche ihm gelassen waren, einige zur Verfügung zu stellen, doch machte ich keinen Gebrauch davon, weil ich wußte, wie nötig er sie selbst brauchte. Einmal noch wollte ich versuchen, auf die Hügel auf der anderen Seite des Ngoko zu kommen, mußte es aber aufgeben, da der ganze Wald am Fuße derselben überschwemmt war.
Am Nachmittage brach während dieser Zeit mit merkwürdiger Regelmäßigkeit ein Tornado mit Regen aus, welcher häufig so stark war, daß die Häuser auf der Station Gefahr liefen, umgeblasen zu werden. Herr v. Lüdinghausen ließ zwar gerade ein neues Steinhaus bauen, doch wäre es uns dennoch sehr unangenehm gewesen, wenn uns in den provisorisch aufgebauten (Raphia-) Bambushäusern das Dach entführt worden wäre. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß wir es der äußerst luftigen Konstruktion dieser Häuser, welche den Wind von allen Seiten hindurchfegen ließen, zu verdanken haben, daß wir einem derartigen Zufalle entgingen.
Herr Kruschka, welchen Herr v. Lüdinghausen zur Erholung auf eine kleine Reise nach Djimu, die Herr Langheld mit dem „Major Cambier“ kurz nach unserer Rückkehr vom Dja angetreten, mitgeschickt hatte, traf am 29. Oktober plötzlich mit der Nachricht wieder auf der Station ein, daß am 1. November die „Holland“ von Wesso nach dem Stanley-Pool abfahren wolle. Glücklicherweise hatte ich mich so weit bereit gehalten, daß ich denn auch dank der liebenswürdigen Unterstützung von seiten des Herrn v. Lüdinghausen, welcher mit einigen Leuten aushalf, bereits am nächsten Tage unterwegs war. Es wurde mir ordentlich schwer, hier von der Ngoko-Station Abschied zu nehmen, wo ich erst mit Dr. Plehn und dann mit Herrn v. Lüdinghausen so angenehme Stunden verlebt hatte. Das ziemlich große Canoe war kaum im stande, meine vielen Lasten zu tragen; doch hier galt kein Zögern, wenn ich nicht viel Zeit verlieren wollte. Sehr hatte ich mich noch am letzten Tage gefreut, daß Herr v. Lüdinghausen durch sein forsches Auftreten es so weit brachte, daß vier Misangas einwilligten, zusammen mit einigen Leuten von der Station mich nach Wesso zu bringen. Es war dieses das erste Mal, daß die Misangas zu einer derartigen Arbeitsleistung gebracht worden waren.
Da ich zu gleicher Zeit die Post der Station mitnehmen sollte, hatte ich bis gegen 3 Uhr nachmittags zu warten, ehe ich am 30. Oktober aufbrechen konnte. Wir kamen daher denn auch nicht sehr weit, besonders da ich am Dorfe des Häuptlings Angojo anlegen ließ, um einige Lebensmittel zu kaufen. Ehe wir von dort aus das Dorf N’gali erreichten, war es stockfinster geworden, außerdem hatte wieder ein Tornado eingesetzt, so daß die Situation nicht ganz gefahrlos war. Erst gegen 7½ Uhr trafen wir in N’gali ein. Ich wollte nicht erst mein Zelt und das Feldbett unter den übrigen Lasten hervorsuchen lassen, und setzte mich deshalb zum Schlaf in einen langen Stuhl. Doch, o weh! Es gab hier Millionen von Moskitos, welche mich während der ganzen Nacht nicht schlafen ließen. Noch müder als am Abend vorher, setzten wir am nächsten Morgen gegen 6 Uhr unsere Reise fort. Nach einer Stunde ließ ich einige Minuten an einem kleinen Dorfe Halt machen, wo uns die Eingeborenen Elefantenfleisch zum Kaufe anboten. Von dort aus ging es bis 1 Uhr ohne Unterlaß weiter, bis wir den Sanga erreichten. In Sicht von Wesso ließ ich nun noch anhalten, um den Leuten Zeit zum Essen zu gewähren. Kurz darauf trafen wir auch wohlbehalten in Wesso ein, wo man mich bereits aufgegeben hatte, da man dachte, daß ich schon am Abend vorher oder gar nicht eintreffen würde. Der Dampfer war glücklicherweise noch nicht abgefahren. Im Laufe des Nachmittags ließ ich meine Lasten an Bord des Dampfers unterbringen und schickte dann das Canoe mit der Bemannung zur Ngoko-Station zurück.
Da am 1. November der Nebel, welcher den ganzen Fluß bedeckte, uns verhinderte, zu der festgesetzten Stunde zeitig abzufahren, so wurde es ziemlich spät, ehe wir die Reise antreten konnten. Außer mir war noch ein französischer Beamter vom oberen Sanga Passagier auf dem Dampfer; auch er wollte zum Stanley-Pool hinunter. Da der Dampfer nur sehr langsam fuhr und sich fast nur treiben lassen mußte, denn er hatte sich noch während der letzten Ngoko-Reise einige arge Schäden zugezogen, so kamen wir trotz der starken Strömung doch recht langsam vorwärts. Holz wurde nur halb soviel verbraucht als auf dem „Major Cambier“. Es war eine elende Fahrt auf einem der schlechtesten Dampfer, welche den Congo befahren. Hätte ich Leute genug gehabt, würde ich sicher eine Canoereise dieser Dampferfahrt vorgezogen haben, denn dann hätte man doch wenigstens noch die Ufer besser kennen gelernt. Da wir, nach Angabe des Kapitäns, Holz für drei volle Tage besaßen, so fuhren wir bis 5 Uhr am Nachmittage ohne Unterbrechung. Gegen 1½ Uhr sahen wir Likilembe und bald darauf Pembe allmählich hinter uns verschwinden. Bei einem Dorfe, Butinda, welches wir bei der Auffahrt nicht gesehen hatten, legten wir uns am Abend vor Anker. Auch während der Fahrt am nächsten Vormittage sahen wir ein Dorf, welches mir auch früher entgangen war, es wurde N’gunga genannt. Gegen Mittag erreichten wir N’kunda, wo, seit der Zeit meiner Reise den Fluß hinauf, eine Faktorei einer französischen Gesellschaft, in deren Konzessionsgebiet der Ort gehörte, entstanden war. Hier befanden sich zwei Europäer, welche sich beide sowohl darüber beklagten, daß die Eingeborenen ihnen keine Lebensmittel verkaufen wollten, so daß sie gezwungen seien, allein von Konserven zu leben, als auch, daß es überhaupt keinen Handel gebe, denn bis zur Zeit (sie waren bereits zwei Monate in N’kunda) hätten sie noch keinen Zahn Elfenbein kaufen können. Diese Aussagen bestätigten genau meine Ansichten über die französischen Konzessionen am Sanga, wie ich sie übrigens weiter oben und bereits auch an anderen Orten wiederholt ausgedrückt habe. Die armen Leute wußten vor Langeweile nicht, was sie anfangen sollten. Mit großem Eifer hatten sie einen weiten Platz freigeschlagen, um nun daselbst ein großes Haus aufzuführen, denn bis zu unserer Ankunft hatten sie in Zelten gewohnt.
Als wir am Nachmittage N’kunda verließen, erhob sich ein solcher Sturm, daß wir mit dem Dampfer vergeblich versuchten, umzudrehen; erst als wir im Schutze einer Insel waren, konnten wir wieder richtig manövrieren. Wir wurden dann bald von der Strömung ergriffen, welche uns, selbst wenn wir keinen Dampf gehabt hätten, unserem Ziele schnell zuführte. Gegen Abend liefen wir bei einem verlassenen Dorfe an Land. Da wir das Holz der alten Hütten gut als Feuerungsmaterial verwenden konnten, so ließ unser Kapitän die ganze Besatzung daran gehen, die gesamten Holzvorräte auf dem Dampfer zu bergen. Ich sah hier übrigens einige Mittelpfähle an den Häusern, wie ich sie früher noch nicht beobachtet hatte. Dieselben waren am oberen Ende in drei bis fünf verkehrte, übereinander stehende Kegel ausgeschnitzt worden und endeten mit zwei kurzen Spitzen. Der das Dach tragende Querbalken war zwischen diese zwei Spitzen aufgelegt. Unterhalb dieser kegelartigen Verzierung an der Spitze der Pfähle war ein viereckiges Loch angebracht worden, über dessen Bedeutung ich nie recht klar geworden bin, es sei denn, daß man dort Pulverhörner oder sonstige Gegenstände aufhängte.
Daß wir uns nun der schlimmsten Moskito-Region des Congo näherten, wurde uns nur zu bald klar an den vielen Stichen, mit denen wir Europäer bedeckt waren. In der Nacht konnten wir kaum schlafen. Auch die Eingeborenen haben unter dieser Plage sehr zu leiden, da sie fast alle mit vollständig entblößtem Körper sich zur Ruhe legen.
Wieder verhinderten uns starke Nebel am 3. November, vor 9 Uhr aufzubrechen. Wir verfolgten einen Kurs, welcher von dem, welchen wir mit dem „Major Cambier“ bei der Fahrt flußaufwärts eingeschlagen, etwas abwich. So kam es, daß wir auch heute gegen Mittag wieder ein Dorf erreichten, von dem ich vorher auch nichts gehört hatte. Unserem Kapitän war es wohlbekannt, da er dort bereits häufiger Holz gekauft hatte. Auch diesmal versuchten wir wieder, einiges zu erhalten. Nach langem Feilschen willigten die Dorfbewohner schließlich ein, uns etwas von ihrem Vorrate abzulassen. Das Dorf lag an einem kleinen, dicht mit Wassergras, Pistia, Azolla und Utricularia bedeckten Creek, welcher, wie mir die Eingeborenen erzählten, weit aus dem Innern kommt, wo viele Nilpferde (Ngubos) seien; nur bei sehr hohem Wasserstande sei es möglich, dort hinzukommen. Die Leute waren äußerst mißtrauisch. Gegen Abend setzten wir unsere Fahrt dann fort. In der Nähe des Platzes, welchen wir zum Nachtlager erkoren hatten, fand ich viel Landolphien, welche guten Kautschuk gaben. Auch hier wurden wir von den Moskitos arg zugerichtet. Da der Fluß nur wenig Abwechselung bot und der Dampfer nur langsam vorwärts kam, fing die Fahrt an, uns beiden Passagieren äußerst langweilig zu werden. Nicht einmal ein Nilpferd oder ein Krokodil ließ sich sehen; außerdem regnete es sehr häufig, so daß wir uns nicht selten recht ungemütlich befanden. Weiße Edelreiher waren die einzigen Tiere hier, welche einen Schuß Pulver wert gewesen wären; doch diese verschwanden immer wieder, bevor wir uns auf Schußweite nähern konnten, denn die Maschine unseres Dampfers verursachte einen solchen Lärm, daß alle Tiere verscheucht werden mußten. Gegen Mittag langten wir an einem Dorfe an, welches an einem breiten Arm des Sanga gelegen war, der dem Kapitän und mir bis dahin unbekannt war. Da das Fahrwasser günstig schien und wir vermuteten, sehr bald wieder in den alten Kurs zurückzukommen, ließ sich der Kapitän bewegen, in diesen Arm des Flusses einzufahren. Obgleich wir bis gegen Anbruch der Dunkelheit fuhren, war doch noch keine Gelegenheit gewesen, in den Hauptstrom zurückzukehren. Wir wären eventuell wieder umgekehrt, wenn wir nicht aus der stark ablaufenden Strömung ersehen hätten, daß wir uns immer noch im Sanga befanden. Von einer so großen Insel, wie wir sie hier offenbar an unserer Seite hatten, war im Sanga gar nichts bekannt. Sehr neugierig wurden wir schließlich, doch zu wissen, wo wir endlich wieder in uns bekannte Gegenden kommen würden; der nächste Tag mußte ja diese Frage lösen. Natürlich war auch die Gefahr vorhanden, daß wir infolge schlechter Wasserverhältnisse umkehren müßten, wir hätten dann zwei Tage Zeit verloren. Am nächsten Tage dampften wir schon zeitig ab, da wir doch alle gespannt der Dinge harrten, welche nun kommen würden. Das Fahrwasser war gut. Jede neue Biegung zeigte uns dasselbe Bild, zu beiden Seiten hoher Urwald, durch den diese prachtvolle Wasserstraße führte. So fuhren wir in diesem Kanal des Sanga hin, bis wir endlich zu unserer Freude gegen Mittag den Hauptstrom wieder vor uns sahen. Wie sich herausstellte, hatten wir durch diese Fahrt eine bedeutende Verkürzung der Route erreicht, denn die Ausmündung des Kanales lag in nicht großer Entfernung der Mündung des „Likuala aux herbes“ und war bisher stets als eine Mündung eines Nebenflusses des Sanga betrachtet worden. Gegen 4 Uhr erreichten wir die Mündung des „Likuala aux herbes“ und machten dann nach etwa noch einstündiger Fahrt Halt, um den Leuten Zeit zu geben, für den Dampfer genügend Holz zu schlagen. Im Walde waren hier nur wenige Kautschuklianen zu sehen. Erst gegen 9 Uhr konnten wir am nächsten Tage fort, da wir nicht genügend Holz hatten, denn, da keine richtige Aufsicht über die Leute existierte, so benutzten dieselben natürlich auch jede Gelegenheit, um möglichst zu faulenzen. Die Savannen waren schon seit gestern immer häufiger geworden und waren heute sogar an der Likuala-Seite vorherrschend. Gegen Mittag erreichten wir die Mündung des Likensi-Kanales. Hier hatten wir noch das Glück, zu sehen, wie vier Eingeborene in zwei kleinen Canoes ein Nilpferd, welches sie offenbar bereits vorher verletzt hatten, harpunierten. Es war erstaunlich, daß das geängstigte Tier nicht die Canoes umwarf. Kurz nach 1 Uhr trafen wir dann glücklich wieder in Bonga ein.
Wir hatten gehofft, in Bonga einen Holzvorrat zu finden, der es uns ermöglichen würde, am nächsten Morgen gleich weiterzufahren, hatten uns hierin aber getäuscht. Während des folgenden Tages mußte daher die ganze Schiffsbesatzung für einen neuen Holzvorrat sorgen, da wir im Congo voraussichtlich Schwierigkeiten haben würden, die nötigen Holzmengen ohne großen Zeitverlust zu beschaffen. Ich hatte in Bonga noch einiges zu ordnen und benutzte dann den Rest der Zeit dazu, eine Exkursion zu machen, bei der ich aber nichts Neues entdecken konnte.