Kurz nachdem wir am 8. November morgens Bonga verlassen hatten, um nun nach dem Congo zu fahren, trafen wir den „M’Fumuntango“, einen größeren Dampfer des holländischen Hauses. Unser Kapitän, welcher gern derartige Gelegenheiten benutzte, sich eine kleine Abwechselung zu gestatten, ließ an Land anlaufen und ging dann an Bord des „M’Fumuntango“, um sich nach Neuigkeiten zu erkundigen. Auf dem Dampfer befand sich der Gouverneur des Congo français, welcher mit seinem ganzen Stabe auf einer Reise nach dem Ubangi begriffen war. Unser Kapitän, welcher wohl hier eine Gelegenheit gefunden zu haben glaubte, sich besonders auszeichnen zu können, benutzte einen Fieberanfall seines Kollegen zum Vorwande, um unseren Dampfer, welcher hier nur leicht an einer Grasbank durch einen Anker befestigt war, im Stiche zu lassen, und nun den „M’Fumuntango“ nach Bonga zu führen, obgleich sich auf demselben noch ein zweiter Kapitän für etwaige Notfälle befand. Da wir noch in Sicht von Bonga waren, meiner Ansicht nach ein ebenso überflüssiger wie gewagter Schritt, denn es war deutlich zu sehen, daß wir innerhalb der nächsten Stunde einen starken Tornado zu erwarten haben würden. So geschah es nun auch, daß der äußerst lose befestigte Dampfer ohne Führung diesem Sturme preisgegeben wurde. Wenn wir losgerissen worden wären, so wäre der Dampfer rettungslos verloren gegangen, denn seine Steuermaschine fungierte sogar in der gewöhnlichen Strömung kaum und wäre beim Tornado vollends nutzlos gewesen. Als der Sturm ausbrach, ließ ich einen zweiten Anker, welcher glücklicherweise an Bord war, vom hinteren Teile des Dampfers nach dem Ufer hinüberlegen und dann den Dampfer soweit als möglich an die Grasbank heranziehen, so daß er etwas sicherer lag und vom Sturme weniger zu leiden hatte. Als der Tornado vorüber war, wäre es Zeit gewesen, daß der Kapitän hätte wieder zurückkommen können, doch schien es diesem in Bonga so gut zu gefallen, daß er auch am Abend noch nicht zurückkehrte. Gegen 11 Uhr am nächsten Tage erschien ein Canoe von Bonga, welches von dem Chef de Poste daselbst geschickt war, um drei von einer französischen Firma entlaufene Bangalas, welche der Kapitän engagiert hatte, zurückzuholen. Von ihm selbst war noch nichts zu sehen. Erst um 2 Uhr erschien er, sehr vergnügt über die Unterbrechung, welche ihm die Rückreise nach Bonga gestattet hatte. Nun hatte er natürlich Eile, fortzukommen, um das Versäumte nachzuholen. Da ich den Maschinisten aufgefordert hatte, einen gewissen Dampfdruck zu halten, damit wir sogleich nach Ankunft des Kapitäns abfahren könnten, waren wir schon kurz nach 2 Uhr in der Lage, abdampfen zu können. Zwischen den Inseln und dem Festlande fuhren wir stromab. Man wußte nie recht, ob man sich hier noch im Sanga oder im Congo befände, da die davor gelagerten Inseln gewissermaßen die Scheide zwischen Congo und Sanga bilden, während andererseits durch den Kanal von Likensi das herunterkommende Wasser des Congo bei Bonga vorbeifließt. Die Mündung des Likuala, welcher mit dem „Likuala aux herbes“ nichts zu thun hat, passierten wir gegen 3 Uhr und gelangten dann kurz darauf in den wahren Congo, welcher dort gerade ein recht typisches Bild darbot mit seiner breiten Wasserfläche und den unzähligen Inseln. Als die Sonne sank, gelang es uns, in dem Gewirr von Inseln noch eben einen Platz zum Anlegen für die Nacht zu erreichen; Holz gab es hier allerdings nicht, so daß sich wohl bald wieder Mangel bei uns einstellen mußte. Erst gegen 10 Uhr ließ der Kapitän am nächsten Tage abfahren. Da ich in Eile war, nach der Küste zur rechtzeitigen Abfahrt eines Dampfers zu kommen, um möglichst wenig Zeit zu verlieren, war mir dieses doppelt unangenehm. Da wir zwischen den vielen Inseln auch nicht einen direkten Kurs einhalten konnten, so war unser Fortschritt nur ein sehr langsamer. Ein Tornado, welcher am Nachmittage heraufzog, zwang uns, an einer Sandbank Schutz zu suchen. Da das Wetter noch lange Zeit sehr drohend aussah, konnten wir auch im Laufe des Nachmittags nicht weiterfahren. Nilpferde gab es nur sehr spärlich, aber desto mehr Schlangenhalsvögel und weiße Reiher. Ich unternahm noch am Nachmittage eine Canoefahrt zwischen den Inseln hindurch, um zu versuchen, ob ich nicht irgendwo in den Wald eindringen könnte, mußte diesen Versuch aber bald aufgeben, da die sämtlichen Wälder überschwemmt waren. Am nächsten Tage fuhren wir kurz nach 6 Uhr ab. Gegen 8 Uhr trafen wir bei der belgischen Station Bolobo ein, wo wir uns wieder tüchtig mit Hühnern versehen konnten. Ich wollte mir die Station näher ansehen und erkundigte mich nach dem Kommandanten. „Er sei mit 50 Soldaten ins Innere gezogen, um die Eingeborenen zu lehren, wie Kautschuk gemacht werde“, erhielt ich zur Antwort. Auf einer kleinen Streiferei sah ich auch hier ein Exemplar der Kickxia latifolia. Nachdem wir unsere Einkäufe beendet (wir hatten etwa 50 Hühner gekauft), dampften wir weiter. Bei einem kleinen Holzposten unterhalb der Station liefen wir an, da der Kapitän glaubte, von dem den Posten verwaltenden Eingeborenen Holz kaufen zu können. Derselbe gehorchte aber seinen Instruktionen genau und gab kein Holz ab. Wir hielten uns nun gar nicht weiter auf, sondern suchten sogleich nach einem Platze, wo wir genügend Holz finden würden, daß es sich verlohnte, daselbst schlagen zu lassen. Nach etwa halbstündiger Fahrt legten wir für einige Zeit an, bis wir uns überzeugt hatten, daß es sich nicht verlohne, hier weiter Holz schlagen zu lassen. An dem Abend desselben Tages erreichten wir gegen 6 Uhr die englische Missionsstation Chumbiri, welche wir aber von Europäern verlassen fanden. Kurz nach uns traf der Missionsdampfer „Peace“ ein, welcher von Herrn Grenfell, dem bekannten Congo-Forscher und Entdecker der Ubangi-Mündung, geführt wurde. Sehr interessante Neuigkeiten sowie verschiedenes über seine letzte Reise gab dieser noch immer äußerst rüstige alte Missionar und Forscher an jenem Abend zum besten. Am 12. November kamen wir nun endlich einmal wieder schon um 6 Uhr fort, allerdings auch nur, um wieder eine kurze Fahrt zu machen, denn schon um 9 Uhr wurde abermals angehalten, da unser Holzvorrat nun völlig erschöpft war. Ich bestieg, während Holz geschlagen wurde, einen der bewaldeten Hügel in der Nähe, fand aber keine Landolphien dort, wie ich eigentlich erwartet hatte. Von dieser Anlegestelle bis zur Mündung des Kassai hatten wir nur eine sehr kurze Fahrt. Gegenüber der Kassai-Mündung hatte das holländische Haus auch eine Faktorei bei dem Dorfe Bokabo, wohin wir nun zunächst unsern Kurs richteten. Kurz nach dem Essen langten wir vor der Faktorei an. Ein sehr netter, junger Holländer, welcher der Faktorei vorsteht, führte mich am Nachmittage in der Umgebung umher, wo er einiges Interessante für mich zu finden glaubte. Savannen wechselten hier mit Urwald ab, erstere häufig durch Sümpfe unterbrochen. An sandigen, sonnigen Stellen im kurzen Grase sah ich hier den Wurzelkautschuk wachsen, von dem die Bateke auch schon anfangen sollen, Kautschuk zu bereiten. Da es unser Kapitän mit der Zeit offenbar nicht sehr eilig hatte und am nächsten Tage in Bokabo liegen blieb, so benutzte ich diesen gezwungenen Aufenthalt dazu, die Umgebung näher zu untersuchen. Wurzelkautschuk war ziemlich reichlich vertreten, verschwand aber sofort, wenn das Terrain weniger sandig und feuchter wurde. Auf den Bäumen in den Wäldern wie auch auf einzeln stehenden Bäumen, häufig der prallen Sonne ausgesetzt, wuchs hier eine Orchidee, welche allerdings nicht in Blüte war, doch noch an vertrockneten Blüten, welche sich in den Blattachseln fanden, leicht erkennen ließ, daß man es mit dem offenbar seltenen Angraecum ichneumoneum zu thun hatte. Auch eine Bossassanga-Art sah ich hier zum ersten Male, welche wohl für die Wissenschaft neu sein dürfte.

Kickxia latifolia Stapf.

A Zweigstück, B Knospe, C Blüte, D dieselbe von oben, E Kelchblatt von innen, F Längsschnitt durch die Blüte, G Antheren, H Fruchtknoten mit Griffel.

Bis zu dieser Faktorei bei Bokabo kommen die Bateke aus dem Innern des Congo français, um ihren Kautschuk zu verkaufen. Am Nachmittage erschienen auch wieder einige, welche wenige Zähne Elfenbein und einige Taschen voll Kautschuk brachten. Der Kautschuk war in große Kugeln geformt, welche einen ziemlich reinen Schnitt zeigten, aber doch viele Hohlräume besaßen. Nach Angaben der Leute stammte er von Landolphien her. Diese Bateke hatten eine interessante Haarfrisur. Die nach dem Scheitel zusammengekämmten Haare waren zu einem langen, stumpfen Kamme zusammengeflochten, welcher sich von der Stirn zum Hinterkopfe zog.

Da von seiten dieser Faktorei oberhalb des Dorfes Bokabo Holz für passierende Dampfer des holländischen Hauses geschlagen wird, so beschloß unser Kapitän, dorthin zu fahren, um sich mit Holz zu versehen. Am Morgen des 14. November dampften wir ab, nun wieder stromauf. Um die Strecke bis zu dem Holzposten zurückzulegen, wozu ein Canoe gewöhnlich 1 bis 1½ Stunden gebraucht, waren wir drei Stunden auf der Fahrt. Erst gegen 1 Uhr war dann das Holz auf dem Dampfer verstaut, so daß wir an die Weiterreise denken konnten. Auf der Rückfahrt hielten wir noch bei der Bokabo-Faktorei an, um Post nach Brazzaville mitzunehmen, dann setzten wir ohne Unterbrechung die Fahrt bis 4 Uhr nachmittags fort. Die „Marie“, ein kleiner Dampfer eines französischen Hauses, kam vor uns den Strom hinauf. Das gab nun natürlich dem Kapitän unseres Dampfers wieder Grund, anzuhalten, um zu gleicher Zeit mit dem Kapitän der „Marie“ für den Rest des Tages sich festzulegen. Unsere Fahrt nach dem Stanley-Pool, die ja schon allerdings eine sehr langsame war, wurde auf diese Weise immer mehr verlängert. Am 15. November ereilte uns nun gar erst das Unglück. Wir hatten den Dampfer „Brazzaville“ getroffen und natürlich wieder für einige Zeit die Fahrt unterbrochen. Der Kapitän kam schließlich in ziemlich benebeltem Zustande wieder zurück und ließ die Fahrt fortsetzen. Ich machte ihn damals schon auf einen heraufziehenden Tornado aufmerksam, welcher in Kürze ausbrechen mußte. Er lachte nur und behauptete, dagegen mit der „Holland“ anfahren zu können. Der Tornado brach bald darauf aus und trieb den Dampfer, welchen er wie eine Feder erfaßte, gegen Felsen und Baumstämme, so daß wir ein großes Leck erhielten und sich die ganzen unteren Räume im Vorderteile des Schiffes bald mit Wasser füllten. Zu unserem Glücke wurden wir dann gegen eine Sandbank aufgetrieben, so daß wir gerettet waren.

Den Nachmittag sowohl des 15. November wie den ganzen Vormittag des nächsten Tages dauerten nun die Reparaturen, welche glücklicherweise an Ort und Stelle ausgeführt werden konnten. Unsere Fracht, welche nicht leicht verderben konnte, denn sie bestand fast nur aus Elfenbein, mußte ausgeladen und an Land gebracht werden. Ich benutzte wieder diesen Zwischenfall zu Streifereien in den Wäldern, um nach Kautschuk zu fahnden. Landolphia owarilusis war ziemlich verbreitet, außerdem noch eine windende Carpodinusart, welche keinen Kautschuk gab. Von einer kleinblütigen Landolphie fand ich im Walde noch auf dem Boden Blüten, konnte der Pflanze selbst aber nicht habhaft werden, obgleich ich lange danach suchte.

Landolphia owariensis P. Beauv.

A Blühender Zweig, B Knospen, C Blüte, D Längsschnitt durch dieselbe, E Längsschnitt durch den Fruchtknoten, F Griffel, G Anthere von vorn, H dieselbe von der Seite.