Endlich nach 2 Uhr konnten wir die Fahrt fortsetzen. Die hügeligen, zum großen Teile bewaldeten Ufer boten einen recht pittoresken Anblick dar mit ihren häufig steil abfallenden Wänden. Am Ufer des Stromes dehnten sich mächtige Sümpfe aus, welche großen Scharen von Vögeln Schutz boten. Gegen Abend legten wir uns mit einbrechender Dämmerung wieder am Ufer fest. Der 17. November endlich brachte die Erlösung von dieser furchtbaren Reise. Da wir früh aufgebrochen, fuhren wir schon gegen 9 Uhr im Stanley-Pool ein und kamen endlich gegen Mittag in Brazzaville bei der Hauptfaktorei des holländischen Hauses an. Noch an demselben Nachmittage fuhr ich nach Kinchassa hinüber. Dort besuchte ich noch Herrn Dr. Briart und Herrn Vaalbroek, um mich von diesen Herren zu verabschieden. Hier entlief mir auch mein Bangala-Diener, welcher wohl glaubte, daß ich ihn zu weit von seiner Heimat wegführe.
Am 19. November siedelte ich darauf zur Station Dolo über, welche nunmehr nach der sandigen Ebene hinter der ehemaligen alten Station verlegt worden war. Ich hatte so Gelegenheit, noch einmal die Wurzelkautschuk-Pflanze zu sehen, und ließ einige hundert Früchte derselben sammeln, um sie zunächst einmal nach Kamerun überzuführen.
Meine Kickxiasamen, welche ich in der letzten Zeit häufig durchgetrocknet hatte, waren hier noch in gutem Zustande. In der Nacht gab es wieder Scharen von Moskitos.
Am 20. November brachte mich die Eisenbahn, nach einer ziemlich interessanten Fahrt, über die nun in vollem Blütenflor stehenden Savannen nach Tumba, wo wir Passagiere des Zuges wieder für die Nacht Quartier suchen mußten. Am 21. November traf ich dann gegen Abend in Matadi ein. Da ich schon gehört hatte, daß Kapitän Jensen, welcher mich im Februar nach Lagos gebracht hatte, hier mit der „Leopoldville“ liege, um über Lagos und Sierra Leone nach Antwerpen zu fahren, so ging ich zu ihm an Bord. Da der Dampfer eigentlich keine Passagiere vor seiner Abfahrt annahm, so lud mich Kapitän Jensen ein, bis zur Zeit der Abfahrt sein Gast zu sein.
Am 24. November verließ die „Philippeville“ Matadi und fuhr, ohne sonstwo anzulaufen, bis Boma, wo wir nach dreistündiger Fahrt eintrafen. Da keine wichtigeren Telegramme in Lagos aufzugeben waren, konnte die „Philippeville“ dort nun doch nicht anlaufen, denn sie würde sonst zu spät in Antwerpen eingetroffen sein. Ich beschloß daher, in Banana auf den englischen Dampfer zu warten, welcher bereits seit einiger Zeit erwartet wurde. Mit diesem konnte ich allerdings nicht anders nach Kamerun kommen, als daß ich die ganze Reise bis Angola hinunter machte. Für meine Kickxiasamen war das sehr ungünstig, denn wenn ich mit der „Philippeville“ nach Lagos hätte fahren können, so wäre ich einen ganzen Monat früher in Kamerun eingetroffen.
In Boma machte ich noch Abschiedsbesuch bei Herrn Gouverneur Vanghermé, um mich daselbst auch für die Unterstützung zu bedanken, welche ich auf meinen Reisen seitens des Congostaates erhalten hatte.
Am 25. November verließ der Dampfer Boma, um nach vier Stunden in Banana einzutreffen. Hier entdeckte ich beim Ausschiffen meiner Lasten, daß ein Kolli mit getrockneten Pflanzen abhanden gekommen sei. Alles Suchen half nichts. Offenbar war das Paket auf der Eisenbahn verloren worden; ich stellte natürlich sofort die nötigen Nachforschungen an.
In Banana quartierte ich mich in dem „Hôtel des Magasins Généraux“ ein, einem am Meere gelegenen Gebäude, welches infolge der angenehmen Brise, welche mehr oder minder beständig hier weht, für Rekonvaleszenten als Aufenthaltsort sehr zu empfehlen ist. Die ganze Einrichtung war allerdings nicht vom allerbesten, doch gab sich der Verwalter die größte Mühe, seinen Gästen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Der Aufenthalt in Banana wäre furchtbar langweilig gewesen, da man keine Exkursionen machen konnte, weil der Dampfer stündlich erwartet wurde, wenn nicht noch Herr Dr. Sucaro aus Leopoldville und der englische Missionar Mr. Forfeit mit seiner Gemahlin anwesend gewesen wären. In dieser angenehmen Gesellschaft verging uns die Zeit schnell genug. Ich hatte außerdem mit dem Lüften meiner Samenkisten und dem Durchtrocknen meiner Lasten immer mehr oder minder zu thun.
Erst am 7. Dezember erschien endlich der langersehnte Dampfer „Niger“, welcher mich hier erlösen sollte. Um besser Erkundigungen betreffs meines verlorenen Pflanzenpakets anstellen zu können, machte ich die Reise nach Matadi noch einmal. Der Directeur d’Exploitation der Eisenbahn, Herr Levi, gab sich die größte Mühe, dasselbe für mich zurückerlangen zu können. Solange wir in Matadi waren, allerdings ohne Erfolg; doch erhielt ich dann später in Kamerun die Nachricht, daß das Paket gefunden worden sei. Bis zum 12. Dezember dauerte unser Aufenthalt in Matadi. Am Nachmittage des folgenden Tages verließen wir die Congo-Mündung bei Banana und nahmen dann einen südlicheren Kurs an der Küste von Angola entlang.
Am frühen Morgen des 14. Dezember fuhr der „Niger“ vor Mussera an, einem kleinen Orte, der auf einem nach dem Meere zu steil abfallenden Hügel liegt. Die Brandung an der ganzen Angola-Küste bis Sao Paulo de Loanda hinunter ist sehr stark und deshalb das Landen der Waren mit ziemlichen Schwierigkeiten verknüpft. Bis zum späten Nachmittage hatten wir zu thun, bis wir den für diese Niederlassung bestimmten Cargo gelandet hatten. Von Mussera bis Kissembo dauerte die Fahrt nur zwei Stunden. Die Ortschaft Kissembo ist ganz ähnlich wie Mussera angelegt und fast ebenso groß. Nachdem wir am Morgen des 15. Dezember auch die Ladung für Kissembo gelöscht und die wenigen Exportwaren, bestehend aus Kaffee und sehr wenig Kautschuk, geladen hatten, dampften wir nach Süden weiter und erreichten gegen 10 Uhr die Handelsniederlassung Ambriz. Hier hatte der Dampfer bis zum Abend zu thun, da wir auch einen nicht unbedeutenden Teil neuer Fracht für Europa mitnehmen mußten. Schon bevor die Sonne am 16. Dezember aufging, fuhren wir in den Hafen von Sao Paul de Loanda ein. Sogleich nach dem Frühstück fuhr ich zur Stadt, um unserem deutschen Konsul daselbst, Herrn Dr. Gleim, einen Besuch abzustatten. Gern wäre ich einer Einladung desselben gefolgt und hätte mich länger hier aufgehalten; doch das war nicht möglich, da ich schon sehr viel Zeit im Congo verloren hatte. Auf den Hügeln am Rande der Stadt wuchs Euphorbia rhipsaloides Welw. in großen Quantitäten. Ich konnte mich hier davon überzeugen, daß der Milchsaft dieser Pflanze derartig mit anderen Substanzen vermischt ist, daß das aus ihm durch Koagulation gewonnene Produkt nicht als Kautschuk verwendet werden kann. Ich nahm einige Zweige der Pflanze mit, um sie nach dem botanischen Garten in Victoria (Kamerun) überzuführen. Schon am Nachmittage dampfte der „Niger“ wieder nordwärts. Ich war gerade noch zur rechten Zeit an Bord angekommen. Außer Kaffee und Kautschuk, letzteren in ziemlich unbedeutenden Quantitäten, hatten wir hier auch eine Anzahl großer Ballen geschlagener Blätter von Sanseviera teretifolia als Ladung erhalten.