Bevor wir auf der Rückreise die Congo-Mündung wieder passierten, liefen wir am 17. Dezember noch zwei Küstenplätze an, erst Ambrizette und darauf Mussera. In Ambrizette hatten wir fast den ganzen Tag zu thun, so daß ich es vorzog, an Land zu fahren. Die ganze Küste Angolas litt damals unter einer längeren Dürre, so daß die Vegetation mehr oder minder vertrocknet war. Es gab infolgedessen nichts Interessantes hier für mich zu sehen.

Als wir in der Nacht vom 18. zum 19. Dezember etwa der Congo-Mündung gegenüber waren, hatten wir den seltenen Anblick eines wahrhaft wundervollen Meeresleuchtens. Auch einige Scharen phosphoreszierender Fische zogen in der Nähe des Dampfers vorüber. Am nächsten Morgen erreichten wir Kabinda. Von nun an hatten wir an allen Küstenplätzen bis Kamerun hinauf Palmenkerne als Hauptfracht einzunehmen. Palmenöl und kleinere Quantitäten von Kautschuk kamen auch noch von den meisten Niederlassungen hinzu. Von Kabinda fuhren wir zunächst nach Landana und Chiloango, wo wir eine Fracht von 6000 Säcken Palmenkerne und 250 Tonnen Öl erhielten, so daß wir drei volle Tage daselbst zu thun hatten. Am 23. Dezember liefen wir noch Nyanga und bald darauf Settekama an, erhielten aber keine Ladung. Nun ging es direkt auf Cape Lopez zu, wo wir am Nachmittag des 24. Dezember eintrafen. Ich benutzte unseren kurzen Aufenthalt daselbst zu einer Exkursion in die Sümpfe hinter der Niederlassung. Während des heiligen Abends waren wir auf der Fahrt nach Gabun. Am frühen Morgen des Weihnachtstages erreichten wir Libreville, die Hauptstadt des französischen Congo-Gebietes (Gabun). Da wir nicht die Erlaubnis bekamen, während der Feiertage Cargo einzunehmen, so waren wir gezwungen, 2½ Tage hier zu bleiben. Gleich am ersten Tage machte ich unserem deutschen Konsul Herrn Gebauer meine Visite. Einer Einladung, während der Zeit meines Aufenthaltes in Libreville sein Gast zu sein, leistete ich gern Folge, da ich dann nicht immer des Abends zum Dampfer zurückzukehren brauchte und so mehr Zeit hatte, die Umgebung und den botanischen Garten kennen zu lernen. Herr Gebauer führte mich auch sogleich zu Herrn Chalot, dem Direktor des botanischen Gartens, unter dessen kundiger Führung ich die Sehenswürdigkeiten dieses nach dem Victoria-Garten wohl besten botanischen Gartens von Afrika besichtigen konnte. Unter anderen interessanten Sachen erhielt ich hier Stecklinge einer mit Landolphia sehr nahe verwandten Kautschukliane, der Ancylobotrys pyriformis Pierre, sowie gute Samen von Coffea Chalotii, einer neuen Kaffeeart aus der Ubangi-Region.

Für den 26. Dezember hatten wir eine Besichtigung der etwa zwei Stunden von Libreville entfernt liegenden Woermannschen Sibange-Plantage in Aussicht genommen. Schon früh am Morgen fuhren wir durch die Stadt, soweit die Wege dazu geeignet waren. Als dieselben dann aber schmäler wurden, schickten wir den Wagen zurück und setzten nun zu Fuß die Reise weiter fort. Bald hatten wir die Zone des von den Eingeborenen teils einst kultivierten, teils noch unter Kultur stehenden Landes um Libreville durchschritten und traten nun in einen prachtvollen Urwald ein, welcher an Üppigkeit mit den Wäldern am Fuße des Kamerun-Gebirges wohl rivalisieren kann. Da wir die Sibange-Plantage noch erreichen wollten, bevor es zu heiß werden würde, denn der Tag versprach ein wundervoller zu werden, so hielten wir uns hier nicht erst auf, sondern schritten rüstig weiter, bis wir gegen 10 Uhr auf der Plantage anlangten.

Bis zu der Zeit hatte man nur Kaffee angepflanzt und dann die ganze Plantage, welche doch schließlich nichts einbrachte, mehr oder minder vernachlässigt. Ein Grasbrand, welcher sich über die Plantage ausgebreitet hatte, hatte einen großen Teil der Kaffeestämme teils vollständig getötet, teils arg beschädigt. Seitdem Herrn Gebauer die Vertretung der Firma Woermann in Gabun übergeben worden war, hatte er sich dieser Plantage wieder etwas angenommen und einen Europäer dorthin geschickt, der dafür sorgen mußte, daß die vorhandenen Bestände einigermaßen rein gehalten wurden. Da infolge eines Abkommens, welches Herr Gebauer mit der französischen Regierung in Gabun getroffen, sich nun für den Kaffee ein bedeutender Preis erzielen ließ, so gewann natürlich das Vorhandensein der schon Früchte tragenden Kaffeestämme eine ganz andere Bedeutung für die Plantage. Herr Gebauer behauptete, daß er in der letzten Zeit schon einen kleinen Verdienst aus der Anlage gezogen hätte. Da er nach seiner Aussage aber bedeutend größere Quantitäten absetzen könnte, so würde von der Plantage in Zukunft wohl Gewinn zu erwarten sein; natürlich vorausgesetzt, daß der ausnahmsweise gute Absatz des Kaffees anhält. Mit Kakao hatte Herr Gebauer auch einige Versuche machen lassen. Die vorhandenen Pflanzen sahen sehr gesund und kräftig aus, so daß ich es also nicht für ausgeschlossen halte, daß der Kakao hier gedeihen wird. Der Feuchtigkeitsgehalt der Luft ist hier allerdings ein bedeutend geringerer als in den Plantagengebieten Kameruns, und deshalb dürfte es hier sehr geraten erscheinen, mehr Schattenbäume stehen zu lassen. Für Kickxia-Anpflanzungen würde sich der Boden sehr gut eignen. Gegen Abend kehrten wir nach Libreville zurück. Nun hatte ich unterwegs mehr Zeit, auf die Vegetation zu achten, fand auch bald einige Landolphien, aber nur in sehr schwachen Exemplaren. Die sämtlichen stärkeren Lianen werden von den in der Umgebung der Stadt wohnenden Gabunesen sofort zur Kautschukgewinnung abgebaut, sobald sie anzapfbar sind.

Von Gabun längs der Küste weiter nach Norden fahrend, erreichte der „Niger“ am frühen Morgen des 28. Dezember die Corisco-Bucht. In der Nähe der Elobi-Inseln an der Mündung des Muni-Flusses an einer englischen Faktorei, „Ukaka-Beach“ genannt, gingen wir vor Anker. Nachdem der kleine Vorrat an Palmenkernen, Öl und Kautschuk im Dampfer verstaut war, fuhren wir den Muni-Fluß hinauf, um daselbst an verschiedenen Orten große Mahagoniholz-Stämme einzuladen. Ich entdeckte während einiger Exkursionen, die ich in den Wäldern unternahm, Ancylobotrys pyriformis in Menge und schaffte einige Exemplare an Bord, um sie nach Victoria überzuführen. Botanisch war diese Gegend äußerst interessant. Die Eingeborenen, welche zu der großen Familie der Fan-Völker gehören, zeichneten sich durch sehr reichen Perlenschmuck aus. Sie sollen sehr hinterlistig sein und keinen Europäer hier weit ins Innere hineinlassen. Bis jetzt ist es offenbar auch noch keinem gelungen, trotz der Wasserstraßen, welche vorhanden sind, weiter als zwei Tagereisen ins Innere vorzudringen.

Am 29. Dezember verließen wir den Muni-Fluß wieder und dampften nun längs der Küste nach Norden bis in die Nähe des Benito-Flusses, wo wir auch wieder eine große Zahl Mahagoniblöcke empfingen. Wir hatten etwa eine englische Meile von der Küste entfernt Anker geworfen. Neun oder zehn dieser Mahagoniblöcke wurden an der Küste immer zu einem Floß verbunden und dann durch die Dampfpinasse des „Niger“ zum Dampfer hinübergezogen. Am Abend des 31. Dezember erreichten wir Batta. Nachdem wir uns noch am Neujahrstage in Groß-Batanga kurze Zeit aufgehalten hatten, fuhren wir am 2. Januar 1900 in den Kamerun-Fluß ein und warfen um 8 Uhr der Stadt gegenüber Anker.

IV. Kapitel.
Kamerun- und Bakossi-Expedition.

In Kamerun angekommen, machte ich zunächst dem dortigen Richter, Herrn Grafen v. Oberndorf, welcher dort den Herrn Gouverneur vertrat, meine Visite, um mich als zurückgekommen bei ihm zu melden. Von ihm erfuhr ich nun Genaueres über die Zustände im Innern, von denen ich schon Gerüchte in Batanga vernommen. Leutnant v. Queis und Conrau waren in der Zwischenzeit ermordet worden. In Kamerun wurde eben die Strafexpedition, welche Hauptmann v. Besser führen sollte, ausgerüstet; man wartete mit der Entsendung derselben nur noch auf einige Ausrüstungen, welche der nächste Dampfer bringen sollte. Unter diesen Umständen schien die Ausführung einer Expedition in die Gebiete der Bakossi, welche so wie so bereits den Ruf eines leicht erregbaren Volkes genossen, sehr in Frage zu kommen. Da ich an der Südküste infolge der Buli-Aufstände auch nicht weiter ins Innere vordringen konnte, hatte ich jene Bakossi-Expedition geplant, denn ich vermutete in jenen Gegenden das Vorhandensein der Kickxia elastica.

Da ich vorher keine andere Gelegenheit fand, nach Victoria zu fahren, wartete ich bis zur Abfahrt des „Niger“, um dorthin zu gelangen. Am 5. Januar fuhren wir aus dem Kamerun-Flusse hinaus und erreichten gegen Mittag die Ambas-Bay, welche in der Mittagssonne sich in ihrer ganzen Pracht zeigte. Während meiner sämtlichen Reisen hatte ich doch keinen Platz in Afrika gesehen, welcher dieser Ambas-Bay an Üppigkeit der Vegetation und Schönheit der Lage gleichkommt. Capetown in Südafrika ist entschieden auch schön gelegen und würde wohl die Ambas-Bay an Schönheit übertreffen, wenn nicht dort die Vegetation trotz ihrer immensen Reichhaltigkeit einen so äußerst dürftigen Charakter tragen würde. Am Nachmittage ließ ich meine sämtlichen Sachen an Land schaffen und quartierte mich wieder im Hotel der Ambas Bay Trading Company ein, das unterdessen bedeutend verbessert worden war, so daß man sich, dank den Bemühungen des Herrn Lange, hier stets sehr wohl fühlte. Zu meiner großen Freude vernahm ich, daß Herr Geheimrat Wohltmann auch am Tage vorher angekommen sei. Am Nachmittage ging ich dann noch sofort zum botanischen Garten, um dem Gärtner daselbst die von mir mitgebrachten Pflanzen und Samen zu überweisen. Die Kickxiasamen sahen schon recht bedenklich aus, so daß ich befürchtete, sie hätten trotz der Sorgfalt, mit der ich sie behandelt hatte, ihre Keimfähigkeit verloren. Leider war dieses auch wirklich der Fall, wie sich bald herausstellte.

Am Abend kam Herr Bergassessor Hupfeld, der Generalbevollmächtigte des Herrn Sholto Douglas, und bat mich, doch noch am selbigen Tage Herrn Geheimrat Wohltmann aufzusuchen, bei dem ich am Nachmittag vergeblich vorgesprochen hatte, da sie am nächsten Morgen nach Buëa aufbrechen wollten. Mit Herrn Geheimrat Wohltmann verabredete ich nun, daß ich zusammen mit Herrn Stammler, dem Leiter der Moliwe-Pflanzung, nach Buëa nachkommen wolle, um mich dann an einer Rundreise in den Plantagengebieten des Kamerun-Gebirges zu beteiligen; ich wäre lieber sofort mit nach Buëa gegangen, um dem Herrn Gouverneur v. Puttkamer Bericht über die Sanga-Ngoko-Reise zu erstatten, wollte aber doch erst die Verteilung der Kickxiasamen erledigen, soweit dieses möglich war.