Dicht bei dem Dorfe befand sich einer der in jenen Gegenden so überaus häufigen Fetischplätze. Dieselben bestehen aus einem runden freien Platze, welcher dicht mit Dracaenastämmen umpflanzt ist. Innerhalb des Platzes steht ein einzelner Fetischbaum, welcher den verschiedensten Pflanzenfamilien angehören kann, denn ich sah die verschiedensten derartigen Bäume auf solchen Plätzen. Nicht uninteressant war mir auch ein Grabmal, welches sich in der Nähe befand. Es waren die sämtlichen Töpfe, Taschen und sonstigen Utensilien des Verstorbenen, auf einen Haufen geworfen, ebenso eine große Anzahl von Makaboknollen (Xanthosoma esculentum), darüber hing, zwischen zwei Stöcken ausgespannt, die Kleidung des Verstorbenen. Ob der Leichnam darunter begraben war, oder in der Hütte eingescharrt wird, darüber konnte ich nichts erfahren. Die Eingeborenen befürchteten offenbar eine Zauberei, wenn sie mir dieses verraten würden.
An jenem Abend hatten wir viel von Moskitos und Sandfliegen zu leiden, besonders aber die letzteren waren es, welche in diesen Gegenden als furchtbare Landplage auftraten. Diese winzigen, kaum sichtbaren kleinen Dipteren hinterlassen Spuren ihrer Thätigkeit, gegen welche ein Moskitostich oft unbedeutend erscheint. Die Eingeborenen hier im Dorfe waren am Abend so merkwürdig stille und belästigten uns so wenig mit ihrer Anwesenheit, daß es mir sehr auffiel. Es schien überhaupt auch hier der größere Teil der Bevölkerung sich langsam aus der Nähe des „weißen Zauberers“ hinweggeschlichen zu haben. Von den wenigen zurückgebliebenen Leuten erhielt ich fünf Hühner und so viel Planten zum Geschenk, daß meine Leute wieder einmal nicht wußten, wie sie die Vorräte verschlingen sollten. Auch Eier konnte ich hier kaufen; für ein Blatt Tabak erhielt ich durch geschicktes Manövrieren meiner Jungen drei Stück. Tabak schien für die Leute der größte Genuß geworden zu sein, und dennoch muß es doch auffallen und ist recht charakteristisch für den Neger dieser Waldgebiete, daß die Leute trotz des fruchtbaren Bodens, welchen sie besaßen, nirgendwo selbst Tabak bauten, obgleich es ihnen eine Leichtigkeit gewesen wäre, Samen davon von einigen Bakossi-Dörfern zu erhalten.
Nach der Bauart der Hütten zu urteilen, gehören die Leute in Otam noch zu den Balundu, obgleich sie sich von diesen ziemlich fern zu halten scheinen und ihre hauptsächlichsten Verkehrswege nach Westen zu den Bakundu-Dörfern hinüberführen. Die Bakundu bauen jedoch ganz andere Hütten, wie ich bereits oben bei Gelegenheit der Beschreibung meines Eintreffens in dem Bakundu-Dorfe erwähnt habe. Unsere nähere Kenntnis der Stämme südlich vom Elefantensee bis zum Mungo nach Malende hinunter scheint überhaupt noch sehr im Argen zu liegen und wäre wohl wert, einem Forscher zum Spezialstudium zu dienen. Es sitzen in diesen Gegenden an verschiedenen Stellen, eingesprengt inmitten anderer Stämme, kleine Gruppen von Dörfern, welche sich wohl noch von früheren Wanderungen her an den betreffenden Orten haben halten können, während die Hauptmasse des Stammes andere Wohnsitze aufgesucht hat oder dazu gezwungen wurde. So ist z. B. die äußerst merkwürdige Verbreitung der Bakundu-Dörfer für jeden, welcher in diesen Gegenden umherreist, auffallend. Um wirklich Positives über einige dieser Fragen bringen zu können, wäre ein längerer Aufenthalt unter diesen doch recht wenig bekannten Völkern des Waldgebietes notwendig, als ich ihn mir gönnen konnte. Conrau, welcher uns mit höchst interessanten und wichtigen Aufsätzen über die nördlich und nordöstlich vom Elefantensee wohnenden Stämme beschenkt hat, scheint sich weniger für die Gebiete südlich des Sees interessiert zu haben.
Am 27. Januar brachen wir sehr zeitig von Otam auf, denn nach Aussage der Otam-Leute lag das nächste Dorf sehr weit entfernt. Durch einen dichten Wald führte der schmale Pfad, welcher in recht schlechtem Zustande war und zeigte, daß er nur selten betreten werde. Das Gebiet war sehr gut bewässert, aber stellenweise etwas steinig. Je weiter wir nach dem Mungo zu vordrangen, desto üppiger wurde der Wald und desto häufiger hatten wir teils stark fließende, teils jetzt zur Trockenzeit dürre Bachthäler zu überschreiten, welche allerdings sich nur so weit eingebettet hatten, daß das Land seinen ebenen Charakter nicht verlor. Landolphia sah man recht häufig, ebenso Kickxia, doch schien die Kickxia africana hier von beiden Arten die vorherrschende zu sein. Als wir eben in eines der Bachthäler hinabstiegen, trabte ein Trupp von acht Elefanten, welche wir wohl in ihrem Morgenbade gestört hatten, den jenseitigen Abhang hinauf. Es war ein großartiger Anblick, zu sehen, wie die Tiere allmählich durch das Dickicht hindurchbrachen, wo sie unseren Augen bald entschwanden. Elefantenspuren gab es hier in großen Mengen, auch machten mich die Leute häufig auf Spuren von Wildschweinen aufmerksam, doch bekamen wir keines derselben zu sehen. Als wir nach etwa dreistündigem Marsche den Mungo erreichten, welcher übrigens hier Manya genannt wird, hatten wir bereits durch fünf nicht unbedeutende Bäche waten müssen. Der Manya hatte zur Zeit, als wir ihn passierten, eine Wasserfläche von etwa 30 m Breite und war an der Furt bis zu 1½ m tief. Das ausgetrocknete Flußbett bewies, daß er bei höherem Wasserstande bis 100 m breit sei, wenigstens an der Stelle, wo wir ihn überschritten. Inmitten des Flußbettes befand sich eine Insel, auf der nur Gras zu wachsen schien, welches für die Elefanten der Gegend eine gute Lockspeise abgeben muß, denn von vielen Richtungen sah man die Spuren der Tiere nach dieser Insel führen. An der südlichsten Spitze der Insel machte ich eine merkwürdige Entdeckung, welche sicher mit der vulkanischen Beschaffenheit des Bodens zusammenhängt. In dem Flußsande hatten sich am Rande des Wasserspiegels eine größere Zahl trichterförmiger Miniaturkrater gebildet, aus welchen eine ölige oder fettige Substanz zum Tageslichte befördert wurde. Die Krater hatten einen Durchmesser von etwa einem Fuße und schienen je nach der Höhe des Wasserspiegels verschoben zu werden. Der Inhalt machte etwa den Eindruck, als bestehe er aus Petroleum, das mit Wasser vermischt war. Ich will damit nicht etwa sagen, daß ich die Meinung gewonnen habe, daß es sich hier um Petroleumquellen handele, denn bei der starken Vermischung des ausgestoßenen Produktes mit Wasser wäre es nur mit Hülfe einer genauen chemischen Analyse möglich, festzustellen, welche Öle in der Flüssigkeit enthalten sind.
Sobald wir den Manya überschritten hatten, stiegen wir langsam auf einen Hügelrücken hinauf. Mit jedem Schritt wurde der Weg schlechter, so daß wir endlich nichts weiter vor uns hatten als einen kleinen Gießbach, in dessen felsigem Bette wir nun für eine gute halbe Stunde zu marschieren hatten, dabei immer von Felsen zu Felsen weiter hinaufkletternd. Entsetzlich müde gelangten wir dann endlich bis über den Hügelrücken, wo ich, um den Leuten wieder frischen Mut zu geben, eine kleine Pause machen ließ. Der Wald wurde nun immer interessanter, je weiter wir vordrangen, besonders da, wo die reißenden Bäche größere Thäler ausgewaschen hatten. Wir mußten noch mehrere derartige Bäche überschreiten, bis wir endlich bei Banga aus dem Walde heraustraten. Das Gebiet, welches wir nun vor uns hatten, gehörte zu den fruchtbarsten Geländen, welche ich gesehen. Der niedergeschlagene Wald bewies, daß die Bakossi, in deren Gebiet wir uns nun befanden, die Ebenen hier früher unter ausgedehnter Kultur gehabt hatten; auch einige verfallene Hütten zeigten sich bald, die uns den gleichen Beweis liefern konnten. Zu unserem nicht geringen Erstaunen setzte sich der schmale Weg plötzlich in einer breiten, reingehaltenen Straße weiter fort, und etwa eine halbe Stunde später zogen wir in Mafura, dem ersten Bakossi-Dorfe, ein. Die Eingeborenen hatten von unserem Kommen nicht eher etwas bemerkt, als bis wir bereits im Dorfe waren. So kam es, daß wir fast die ganze Gesellschaft beim Mittagsschlafe antrafen. Ich forderte die Leute nun auf, mir ihren Häuptling zu zeigen, erhielt aber als Antwort, daß derselbe in Eko-Keyoke, dem nächsten Dorfe, sei. Als ich dann noch einige Kleinigkeiten mit Tabak eingetauscht und mir so die Leute gewonnen hatte, gab ich zum großen Entsetzen meiner ermüdeten Leute den Befehl zum Aufbruch. Doch da half nun einmal nichts, erst in Eko-Keyoke wollte ich Mittagsrast machen, und dabei blieb es.
Die Hütten, welche ich hier im ersten Bakossi-Dorfe sah, setzten mich nicht wenig in Erstaunen, denn dieselben waren nicht wie die der übrigen Waldland-Bewohner am Kamerun-Gebirge viereckig, sondern vollständig rund mit einem Spitzdach. Das Vorhandensein dieser runden Bakossi-Hütten muß um so mehr auffallen, als die sämtlichen umwohnenden Stämme die gewöhnlichen Hütten der Waldland-Völker haben. Sollten diese Bakossi etwa erst in späterer Zeit hierher gewandert sein und diese Form der Hütten dann noch aus ihrer früheren Heimat herstammen?
Als wir das Dorf Mafura verließen, folgte uns ein ganzer Schwarm von Leuten nach, die sich offenbar lebhaft über den neuen Weißen wunderten, welcher nun wieder von einer nie geahnten Richtung in ihr Land gekommen war, denn Conrau, welcher auch in Mafura gewesen ist, kam von der entgegengesetzten Seite. Bis Eko-Keyoke hatten sich von den vielen Leuten, welche auf den Feldern arbeiteten, soweit sie, wie z. B. die meisten Weiber, nicht sofort davongelaufen waren, noch viele Bakossi uns angeschlossen, so daß der ganze Zug sich nun bedeutend verlängerte, und mein „Headman“ gehörig aufpassen mußte, daß die Träger, wie es immer mein Wunsch war, möglichst geschlossen marschierten. Die Felder, welche man hier sah, zeugten von der riesigen Fruchtbarkeit des Bodens. Außer Bananen, Manihot und Xanthosoma wurde hier eine Bohne (eine Vigna-Art) mit großen violetten Blüten in riesigen Quantitäten gezogen. Wie ich mich später überzeugen konnte, hatte diese Bohne einen vorzüglichen Geschmack und dürfte sich auch, da sie reichlich Früchte trägt, zur Kultur in anderen Distrikten Kameruns sehr empfehlen. Die Bakundu-Leute aßen dieselben mit einer wahren Leidenschaft und kauften sich häufig selbst für den sonst so hochgeschätzten Tabak davon. Auch in Eko-Keyoke fand ich durchaus freundliche Aufnahme. Die Leute räumten sofort ein Haus für mich, damit ich nicht draußen sitzen brauchte, wo man von den vielen Elefantenfliegen, welche gierig an jeder nackten Körperstelle den Schweiß aufsaugten, sehr stark belästigt wurde. Für einige Blätter Tabak brachten mir die Leute einige riesige Plantenbüschel, an welchen sich meine Leute wieder ergötzen konnten. Sowie sie sich den Magen denn auch wieder gefüllt, waren alle Strapazen des langen Vormittagsmarsches vergessen, so daß ich beschloß, noch am Nachmittage bis nach Nyassosso oder wenigstens bis unter den Kupee-Berg zu marschieren.
Das ganze Gebiet um Mafura und Eko-Keyoke herum gehört zu den prächtigsten Geländen, welche ich in Kamerun gesehen. Der Regenfall ist allerdings nicht so reichlich wie zwischen Victoria und Bibundi, doch ist das Land sonst so vorzüglich bewässert und auch die Luftfeuchtigkeit eine derartige, daß meiner Ansicht nach die sämtlichen Kulturen, welche sich bisher unten in den Küstengebieten bewährt haben, auch hier zu guten Resultaten führen werden. Dazu kommt noch, daß das ganze Land äußerst fruchtbar ist und große Ebenen aufweist, welche viel leichter unter Kultur gesetzt werden könnten als die hügeligen Plantagengebiete am Fuße des Kamerun-Gebirges. Diesen günstigen Umständen muß man nun allerdings auch wieder die Transportschwierigkeiten entgegenhalten, welche zuerst vorhanden sein werden; doch auch diese würden sich leicht beseitigen lassen, denn wenn erst einigermaßen gute und direkte Wege von diesen Gebieten nach Mundame angelegt sein werden, so würde sich der Weg bis Mundame doch bequem in 1½ Tagen zurücklegen lassen, die Unkosten also nicht sehr bedeutend sein.
Kurz bevor wir Eko-Keyoke erreichten, hatten wir einen der romantischsten Plätze passiert, welchen ich seit langer Zeit gesehen. Der Ngire-Bach wälzte sich unter furchtbarem Getöse in einer tiefen Felsschlucht mit vollständig steilen Wänden unter uns hin; über die Schlucht hatten die Eingeborenen eine sehr bequeme, feste Brücke mit hohen Geländern gebaut, von welcher aus man in Ruhe dieses imposante Bild betrachten konnte.
Nachdem wir unser Mittagessen beendet hatten, zogen wir weiter des Weges, unserem Ziele, dem Kupee-Berge, entgegen. Meine Leute hatten sich mit den Bakossi merkwürdig rasch befreundet, und zwei hatten sogar Ersatz zum Tragen ihrer Lasten gefunden. Da ich sah, daß sie dennoch in Sicht ihrer Lasten verblieben und es den Bakossi Freude zu machen schien, an dem Zuge teilzunehmen, ließ ich das ruhig hingehen. Der Zug, welcher nun in rascher Reihenfolge durch verschiedene Dörfer ging, vermehrte sich immer mehr. Mir wurde mit jedem Augenblicke unverständlicher, wie diese lebenslustigen Bakossi an der Küste einen so schlechten Ruf erhalten haben konnten. Dibandjó, das nächste Dorf hinter Eko-Keyoke, war viel freier gelegen als letzteres, bot aber sonst nichts Besonderes dar. Ohne Aufenthalt zogen wir im schnellen Schritt weiter. Das Beispiel, welches die beiden Bakossi aus Eko-Keyoke gegeben, wirkte sehr bald; schon als wir durch Etó kamen, sah ich den größeren Teil meiner Lasten auf den Köpfen junger Bakossi, die sich freiwillig meinen Leuten anboten. Kurz darauf sah ich den hohen Gipfel des Kupee-Berges vor uns, dessen verschleierte Spitze bis dahin von Wolken verdeckt war. In Ngusi liefen die Leute mit allen möglichen Geschenken auf uns zu. Da ich aber den Tabak in den Lasten verpackt hatte, so konnte ich das alles nicht annehmen, da ich ja das landesübliche Gegengeschenk nicht machen konnte. Meine Träger liefen nun alle frei umher, da sie schließlich alle jemanden gefunden hatten, der ihnen die Last tragen wollte. Dass die Bakossi natürlich auf ein Geschenk meinerseits rechneten, war mir vollständig klar, doch drückte ich gern heute ein Auge zu, waren doch meine Leute seit 5½ Uhr morgens auf schlechten Wegen ununterbrochen mit ihren schweren Lasten über die Felsen und gefallenen Bäume weggeklettert, bis wir schließlich bei Mafura in den guten Weg gelangten. Die Hitze war auch bedeutend gewesen, so daß den Leuten ihre Märsche noch beschwerlicher erscheinen mußten. Als wir eben durch Ngusi, ein großes, sich lang hinstreckendes Dorf, hindurchgezogen waren, kam der Häuptling mir nachgelaufen, um mich zu bitten, doch eine Zeit bei ihm zu verweilen. Ich bedauerte, daß das nicht möglich sei, da meine Leute schon vorausmarschiert seien. Er versprach mir darauf, mich in Nyassosso zu besuchen, wohin er mir auch Eier und Hühner als Geschenk senden wollte. Schon hinter Ngusi begannen sich steilere Steigungen im Wege zu zeigen, bis wir hinter dem Dorfe Endumenui plötzlich unter einem großen Hügel standen. Bis dorthin war so schnell marschiert worden, seitdem wir Eko-Keyoke verlassen hatten, daß ich damals in mein Tagebuch einschrieb: „Unser Nachmittagsmarsch von Eko-Keyoke bis hinter Endumenui artete zu einer wahren Treibjagd aus.“ Es war wirklich ein gut Stück zu stark getrieben worden, so daß ich nun den Leuten, die schon anfingen, übermütig zu werden, gebot, in dem gewöhnlichen Tempo zu marschieren.