Am nächsten Tage fuhren wir nun wieder in einem Boote nach Groß-Batanga zurück. Da wir eine günstige Brise bekamen, welche uns gestattete, die Segel aufzuspannen, hatten wir eine bedeutend günstigere Fahrt und erreichten Batanga schon am Abend desselben Tages.
Da ich auf keine andere Gelegenheit hoffen konnte, schnell nach Kamerun zurückzukehren, hatte ich beschlossen, am 27. Februar per Boot dorthin abzufahren. Den einen Ruhetag, welchen ich somit hatte, benutzte ich dazu, die Manihotstämme noch einmal anzuzapfen und Samen derselben zu sammeln, deren ich einige tausend erhielt. Als ich am frühen Morgen des 27. Februar die Bootsleute zur Abfahrt zu rufen auf die Veranda trat, sah ich zu meiner Freude, daß ein englischer Dampfer, der nach Kamerun gehen sollte, dicht bei uns vor Anker lag. Natürlich ließ ich sofort mein ganzes Gepäck an Bord bringen, um diese Gelegenheit nicht zu versäumen. Gegen 9 Uhr verließ ich dann auf der „Boma“ diesen Ort, in dessen Umgegend ich mich gern noch länger aufgehalten hätte. Die Fahrt lief sehr glücklich ab, denn bereits um 5 Uhr warf die „Boma“ vor Kamerun Anker, so daß ich noch an demselben Abend wieder zur Faktorei der Firma Jantzen & Thormählen übersiedeln konnte.
Bis zum 2. März verblieb ich noch in Kamerun, um dann zusammen mit Herrn Geheimrat Wohltmann, welcher von Edea dort eingetroffen war, auf der „Nachtigal“ nach Victoria zu fahren, wo wir der Sitzung des „Vereins Kameruner Pflanzer“ beiwohnen wollten. In einem kurzen Vortrage legte ich daselbst den Herren, welche sehr vollzählig erschienen waren, meine Erfahrungen und Ansichten noch einmal vor, und versuchte noch einmal, zu einer möglichst energischen Inangriffnahme der Kautschukkultur anzuregen, worin mich Herr Geheimrat Wohltmann, dessen letzte Bedenken nun, da es mir gelungen war, die Kickxia auch auf Basaltboden nachzuweisen, geschwunden waren, sehr energisch unterstützte.
Am 4. März nachmittags erschien der deutsche Postdampfer „Helene Woermann“, um die wenigen in Victoria wartenden Passagiere noch abzuholen. Mit diesem fuhr ich dann nach Togo ab. Nur ungern nahm ich Abschied von Kamerun, unserer schönsten Kolonie in Afrika, der bei der immensen Fruchtbarkeit, welche fast allenthalben im Gebiete herrscht, sicher eine glänzende Zukunft bevorsteht, wenn mit demselben Interesse und derselben Energie wie in den letzten Jahren an ihrer Entwickelung weiter gearbeitet wird.
V. Kapitel.
Togo-Reise und Heimreise.
Während unserer Fahrt von Kamerun nach Togo hatten wir trotz des vorzüglichen Wetters gleich am Tage nach unserer Abreise von Victoria leider den Tod eines unserer Mitpassagiere zu beklagen, der bereits in sehr bedenklichem Zustande Kamerun verlassen hatte. In Lagos trafen wir am Morgen des 6. März ein und verblieben daselbst bis zum späten Nachmittag. Als ich am folgenden Tage an Deck erschien, waren wir bereits vor Klein-Popo. Herr Wöckel, welcher Herrn Geheimrat Wohltmann auf seiner Rückreise nach Europa noch Lebewohl sagen wollte, kam hier zu uns an Bord. Von ihm erfuhr ich interessante Thatsachen über die Manihot Glaziovii-Anpflanzungen, welche er als Leiter der Plantage Kpemme hatte anlegen lassen. Nach kurzem Aufenthalte in Klein-Popo dampften wir nach Lome weiter. Von Herrn Geheimrat Wohltmann nahm ich dort Abschied und begab mich mit meinem gesamten Gepäck an Land, wo ich in der Bremer Faktorei, den vorherigen Abmachungen gemäß, bereits eine vollzählige Trägerkolonne zu meiner Verfügung zu finden hoffte. Herr Luther, der Agent der Firma, nahm mich sehr liebenswürdig auf und erklärte mir nun, daß er, soweit es möglich war, alles vorbereitet habe, auch Träger seien da, welche bis Misahöhe mitgehen sollten. Ich ließ daraufhin sofort die Leute zusammenrufen und antreten. Mir schien die ganze Geschichte von Anfang an nicht sicher genug. Nach einigem Palaver einigten wir uns schließlich, doch kam es mir so vor, als ob einige der Leute unwillig seien, mit einem ihnen unbekannten Europäer zu gehen. Der Sicherheit halber sagte ich den Leuten, daß sie am Abend noch einmal antreten sollten.
Am Nachmittage machte ich Besuch bei dem stellvertretenden Gouverneur, Herrn Assessor Heim. Man bezweifelte damals sehr stark an der Küste, ob es mir gelingen würde, in der kurzen Zeit, welche mir zur Verfügung stand, bis nach Boëm hineinzukommen, wo ich das von Herrn Assessor Hupfeld für Herrn Sholto Douglas angekaufte Terrain besichtigen wollte. Da ich selbst mir wohl bewußt war, daß ich keine Zeit zu verlieren habe, wäre mir eine Verzögerung meiner Abreise von Lome äußerst unangenehm gewesen, daher geriet ich in nicht gerade die beste Stimmung als bereits am Abend von den Trägern verschiedene fehlten; sie seien bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, hieß es. Da wir diese entlaufenen Leute schwerlich würden ersetzen können, erwartete ich schon mit Schrecken die Dinge, welche ich am nächsten Tage würde auszufechten haben, da ich doch durchaus aufbrechen mußte.
Wie ich es nicht anders erwartet hatte, erschienen am nächsten Morgen 8 Leute statt der 15, welche eigentlich zur Stelle sein sollten. Ich ließ nun nach allen Seiten in der Stadt herum nach Trägern suchen, denn so viel sagte ich mir, daß der ganze Tag verloren sein würde, wenn ich nicht bis Mittag unterwegs sein könnte. Nach verschiedenen Stunden Wartens hatte ich denn glücklich 12 Träger beisammen, außer meinem Jungen, Afue, und einem „Headman“, den ich mir unter den Trägern ausgesucht hatte. Um 10 Uhr endlich konnte ich aufbrechen. Noch in Lome selbst kam mir der Gouvernementsgärtner, Herr Warnecke, welcher den Versuchsgarten bei Lome leitete, entgegen und bat mich, doch in dem Garten eine kurze Zeit zu verweilen, da er eine Anzahl Wardscher Kästen mit Kautschukpflanzen nach dem Agu zu senden habe, welche er gern unter Schutz eines Europäers abschicken würde. Ich erklärte mich bereit, die Kästchen nach der Douglasschen Plantage am Agu mitzunehmen, vorausgesetzt, daß er die Träger stellen könnte. Da auch diese Frage von ihm bereits erledigt war, nahm ich die vier Träger mit den Pflanzen am Versuchsgarten mit in meiner Karawane auf. Die Vegetation bei Lome macht auf jeden Nichtbotaniker anfangs einen recht dürftigen Eindruck, denn wo nicht von Menschenhand Kokospalmen gepflanzt sind, bringt der schmale Sandgürtel, welcher sich längs der Küste hinzieht, nur kleine Sträucher und dürftige Kräuter hervor, die an feuchteren Stellen mit einer kurzen, halophilen Vegetation abwechseln, wie man sie an der Meeresküste sämtlicher tropischen und subtropischen Regionen allgemein kennt. Hat man diesen sandigen Küstenstreifen durchzogen, so gelangt man zunächst in ein Terrain, das sich nur sehr langsam etwas hebt und fast ausschließlich aus einem roten, ziemlich sterilen Laterit gebildet wird. Daß sich auf diesem Boden nicht bedeutende Kulturen entwickeln werden, wie man sie im Innern häufig antrifft, liegt klar auf der Hand. Aber dessenungeachtet sollte die Regierung darauf hinarbeiten, daß auch diese ausgedehnten Teile zur Verwertung kommen. Das könnte aber nur durch Aufforstungen oder durch Anpflanzungen von nützlichen Gewächsen geschehen, welche für eine derartige Buschsteppe geeignet sind. Bei der Frage der Aufforstung kämen hauptsächlich australische Acacia- und Eucalyptus-Arten in Betracht, deren Holz sich dann auch noch gut verwerten ließe, was für Lome, das jetzt schon mit Holz sehr schlecht bestellt ist, von großem Nutzen sein würde. Von anderen nützlichen Pflanzen, welche sich außerdem hier in den Steppen hinter Lome als auch besonders im Innern gut bewähren dürften, möchte ich auch noch Acacia Verek erwähnen, die durch Lieferung eines guten Gummi arabicum in Senegambien zu den hauptsächlichsten Nutzpflanzen zählt. Ein anderer Weg, die Steppen Togos nutzbar zu machen, würde durch Anpflanzungen von Manihot Glaziovii angebahnt werden. Die Samen derselben wären leicht aus nächster Nähe zu beschaffen und könnten in den Steppen, besonders da, wo diese durch vorgelagerte Waldungen oder Hügelketten vor zu starken Winden geschützt sind, von Eingeborenen ausgestreut oder eventuell in gewissen Abständen in den Boden gesteckt und sich dann völlig selbst überlassen werden. So würde man mit geringen Kosten allmählich eine gewisse Aufforstung der Gebiete erzielen, aus denen dann nicht unerhebliche Quantitäten Kautschuk gewonnen werden könnten. Wie mir Herr Wöckel versicherte, wächst Manihot bei Kpeme derartig schnell und verbreitet sich dort in solchem Maße, selbst ohne Pflege, daß man sich dort längst daran gewöhnt habe, es als Unkraut zu betrachten. Ich weiß, daß mir hierauf geantwortet werden könnte, daß die Pflanze nur wenig Kautschuk gebe und außerdem bei Stürmen sehr leicht umgebrochen werde. Darauf möchte ich erwidern, daß derartige Pflanzungen, so dicht gewisse Strecken bedeckend, dem Winde wohl genügend Widerstand entgegensetzen würden, daß außerdem aber die zur Aufforstung der Steppen nötigen Kapitalien so gering sein würden, wenn dieses mit Manihot geschieht, daß selbst ein sehr geringer Ertrag der Stämme gewinnbringend sein müßte; zum Überflusse aber ist nicht zu vergessen, daß eine Aufforstung dieser Steppengegenden auf die klimatischen Verhältnisse des Landes auch einen nicht unbedeutenden Einfluß ausüben würde, wenn sie in größerem Maße betrieben würde. Ganz besonders geeignet für derartige Anpflanzungen halte ich die Steppen zwischen Assaun und dem Agome-Gebirge, sowie die der Landschaft Agotime, soweit sie nicht an zu großer Bodenfeuchtigkeit leiden. Sind einmal größere Gebiete in dieser Weise bepflanzt, so könnten dieselben leicht in Parzellen gestellt werden, welche dann an einzelne Negerfamilien von der Regierung verpachtet werden müßten. Diese Leute würden dann schon selbst dafür sorgen, daß sie nicht von unberufener Hand geschädigt werden. Um aber ein zu rabiates Anzapfen seitens der Pächter zu verhüten, könnte man Inspektoren in diesen Distrikten herumschicken, welche alljährlich einige Male den Zustand der Pflanzungen in Augenschein nehmen und, wo es nötig ist, in irgend einer Weise gegen Beschädigung der Bestände einschreiten müßten. In dieser Weise betrieben, dürfte sich eine Plantage von Manihot Glaziovii sehr wohl bewähren, und so allein scheint mir ein derartiges Unternehmen rentabel zu sein. Bei den durchaus nicht ungünstigen Arbeiterverhältnissen in Togo, mit Ausnahme der Küstenbezirke, dürfte es der Regierung ein Leichtes sein, die verschiedenen Stationsleiter zur Anlage solcher Manihotpflanzungen zu bewegen. Die dem Lande auch sonst viel Unheil bringenden Grasbrände müßten in der Nähe dieser Bestände natürlich strengstens verboten werden. Für die Kolonie wären derartige Bestände von immensem Vorteil, und deshalb sollten von der Regierung oder von einem gemeinnützigen Komitee Schritte gethan werden, eine derartige Aufforstung der Steppengebiete anzubahnen. Da wir glücklicherweise in Togo derartig zu den Eingeborenen stehen, daß in den meisten Distrikten eine Aufforderung seitens der Stationsleiter genügt, um die Dörfer zur Stellung von Arbeitern zu veranlassen, so dürften die Kosten einer solchen Anpflanzung sich als sehr geringe Summen erweisen, wenn man bedenkt, welchen Nutzen die Kolonie in späteren Jahren daraus ziehen könnte.
Herr Warnecke begleitete mich noch eine kurze Strecke durch die Buschsteppe, um mir daselbst einige ihm interessant erscheinende Pflanzen zu zeigen, dann sprengte ich auf meinem netten Pferdchen, welches früher Herrn Mischlich aus Kete-Kratschi gehört hatte und den Ruf großer Zähigkeit und Ausdauer genoss, meinen Leuten nach, welche nun bereits eine gute Strecke vorausmarschiert waren. Als wir uns weiter von der Küste entfernten, nahm die Buschsteppe allmählich einen etwas anderen Charakter an. Die höher aufschießenden Sträucher bewiesen, daß der Boden etwas fruchtbarer wurde, auch einjährige Kräuter zeigten sich häufiger, und hier und dort sah man auch schon etwas Gras. Gegen 2 Uhr ließ ich eine kurze Rast machen, als wir bei einigen Markthütten vorbeikamen, um den Leuten Zeit zu geben, sich einige Nahrungsmittel zu kaufen. Bevor wir nach Akeppe kamen, hatte die Buschsteppe sich allmählich vollständig verändert, Gräser traten in großen Mengen auf, der bedeutend fruchtbarere Boden trug viele Ölpalmen, von denen übrigens ein nicht geringer Teil von den Eingeborenen gepflanzt wurde. Zu beiden Seiten des Weges lagen viele Farmdörfer. Es war hier interessant zu sehen, welche plötzliche Umwandlung der Vegetation in diesen Steppen ein Regen zur Folge hat. Etwa eine Woche vor meiner Ankunft in Togo war nämlich in dem Misahöhe-Distrikte und einem Teile des Lome-Bezirks ein Gewitterregen gefallen, welcher sich aber nicht südlicher als etwa eine Stunde vor Akeppe hinzog. Während das ganze Gebiet südlich dieser Küstenzone vollständig dürr aussah, war in dem gesamten Gebiete nördlich davon der prächtigste Graswuchs zu finden, aus dem sich häufig die bis 5 Fuß hohen Stengel der Eulophia (Lissochilus) cristata mit ihren prächtigen Blüten hervorhoben. Die Sträucher und Bäume waren zum großen Teile in Blütenflor, die ganze Landschaft bot einen überaus frischen und für das Auge eines Botanikers äußerst fesselnden Anblick dar. Dieses Gebiet vor Akeppe wird von den Einwohnern dieser Gegenden recht eifrig bearbeitet. Es ist sehr interessant zu sehen, mit welchem Eifer die Leute daselbst ihre Palmenplantagen anlegen und ihre Maniokfelder bestellen. Ich will übrigens hier gleich erwähnen, daß ich nur äußerst selten in Westafrika Ölpalmenplantagen gesehen habe, bei weitem der größte Teil des in den Handel kommenden Palmenöles und der Palmenkerne wird, entgegen einer offenbar verbreiteten Ansicht, daß die Ölpalme nur noch kultiviert oder verwildert in Afrika vorkomme, von vollständig wilden Exemplaren gewonnen. An einigen wenigen Stellen vor Akeppe sah ich schon Baumwolle angebaut, aber noch recht spärlich und ohne viel Verständnis angepflanzt. In Akeppe zogen wir gegen 4 Uhr nachmittags ein.
In der Nacht wurde ich durch einen großen Lärm aufgeweckt, welchen meine Leute machten. Als ich mich nach der Ursache desselben erkundigte, hörte ich, daß sie von Ameisen überfallen seien; nun gewahrte ich auch zu meinem Schrecken, daß auch in meinem Hause auf dem Boden Ameisen in großer Zahl umherliefen; daß die Tiere mich noch nicht angegriffen hatten, war dem etwa 1½ Fuß über dem Erdboden erhabenen Feldbett zu verdanken. Um sie zu verscheuchen, ließ ich nun, nachdem ich das ganze Haus tüchtig hatte auskehren lassen, zwei große Feuer anmachen, die dann auch den gewünschten Erfolg brachten.