Schon früh am Morgen des 9. März ließ ich wieder aufbrechen. Etwa nach einer halben Stunde Marsch, teils durch Gebüsch, teils durch Steppengebiet, gelangten wir nach Noeppe. Die Steppen sind von hier ab mehr oder minder dicht mit Bäumen bewachsen und erhielten dadurch einen Anblick, welcher mich sehr an ähnliche Baumsteppen in Transvaal und besonders Mozambique erinnerte, ein Eindruck, der noch dadurch erhöht wurde, daß die Vegetation sich zum großen Teile aus verwandten Pflanzen zusammensetzte. In Noeppe ließ ich eine kurze Rast machen, um zu versuchen, einen andern Träger zu erwerben als Ersatz für einen Mann, welcher mir in der Nacht entflohen war. Leider sah ich aber bald ein, daß ich in diesem Dorfe nicht die geringste Aussicht auf Erfolg haben würde, und zog daher bald wieder ab. Von Noeppe an hatten wir eine riesige Baumsteppe vor uns, welche nur an den jetzt noch trockenen, in der Regenzeit aber ziemliche Dimensionen annehmenden Wasserläufen von dichten Gebüschen oder schmalen Waldstreifen durchzogen war. Da viele der Kräuter und Bäume zur Zeit in Blüte standen, war mir diese Steppe sehr interessant. Die großen weißen Blüten eines Cycnium waren sehr häufig zu sehen. Hier und da erhob sich einer jener wunderschönen Stengel der Eulophia cristata aus dem Grase, nicht selten in Gemeinschaft mit den grüngelben tütenförmigen Inflorescenzen einer Amorphophallusart. Unter den Bäumen traten besonders Terminalia-Arten und eine Bignoniacee mit zierlichen Trauben rosenroter Blüten hervor. Weiterhin gesellte sich zu diesen noch der Butterbaum, der schließlich immer häufiger werden sollte, je mehr wir in das Land hineinkamen. Inmitten dieser Steppen traf ich ganz unerwartet mit einer größeren Trägerkolonne zusammen, an deren Lasten ich sofort erkennen konnte, daß ein Europäer in der Nähe sein müsse, und richtig, bald darauf traf ich mit dem Regierungsarzt Herrn Dr. Wendland zusammen. Von ihm konnte ich einige Erkundigungen über den Zustand der Wege und die augenblicklichen Zustände am Agu- und Agome-Gebirge einziehen, von denen er eben zurückkehrte. Zu meiner Freude hörte ich auch, daß die Wege immer besser werden sollten, je weiter man sich von Lome entferne. Gegen 11 Uhr erreichten wir Badja, ein Dorf von ziemlicher Ausdehnung, wo ich meinen Leuten Zeit zum Mittagessen geben wollte. Unter schönen Ficusbäumen lagerten wir uns. Auch hier in Badja hatte ich keinen Erfolg im Anwerben von Trägern. Hätte ich allerdings damals die Zustände in Togo so gekannt wie später, als ich wieder durch Badja zog, dann wäre ich wohl sicher in meinen Bemühungen erfolgreicher gewesen. Hier gab es auch etwas Guinea-Korn als Futter für mein Pferd zu kaufen, das sich schneller daran zu gewöhnen schien, als an den Mais. Nach etwa dreistündiger Rast brachen wir wieder auf. Die mächtige Baumsteppe setzte sich hinter Badja weiter fort, die Vegetation blieb dieselbe wie zuvor, hier und dort gesellten sich zur Eulophia cristata noch andere auffallende Orchidaceen derselben Gattung, wie z. B. die wundervolle Eulophia dilecta und die kleine Eulophia flava. Die Gräser bestanden meist aus niedrigen Arten, die fast alle ein gutes Viehfutter abgeben würden. Es stimmte mich oft traurig, wenn ich sah, daß in diesen Gegenden kein Großvieh gehalten werden kann, da die Tsetsefliege die Bestände in kurzer Zeit vernichten würde. Es kam mir damals unwillkürlich der Gedanke, daß es doch von riesigem Nutzen für die Kolonie sein müßte, wenn ein tüchtiger und erfahrener Tierarzt zum Zwecke des Studiums der durch die Tsetse hervorgerufenen Krankheit und der Verbreitung dieses Übels nach Togo entsendet werden würde, damit uns nun endlich einmal Näheres über diese für die fernere Entwickelung des Landes äußerst wichtigen Punkte bekannt würde. Welch ein kolossaler Vorteil läge zum Beispiel schon allein darin, wenn wir einmal im stande wären, von Lome bis zum Agu- und Agome-Gebirge statt durch teure und unzuverlässige Träger die Lasten in Ochsenwagen oder Maultierwagen zu befördern. Das Land ist mit Ausnahme einiger Wellungen vollständig eben und würde sich zur Anlage einer Fahrstraße vorzüglich eignen, zudem wäre Futter für die Zugtiere in reichem Maße in den Steppen vorhanden. Wenn wir dereinst die genaue Verbreitung der Tsetsefliege von Togo kennen werden, die sicher in vielen Gegenden des Schutzgebietes eine äußerst lokale ist, dann werden wir wahrscheinlich Zugtiere, wie Ochsen, Pferde und Maultiere, in Togo mit großem Erfolge verwenden können und vielleicht auch einmal so weit kommen, daß das Land den ganzen Bedarf selbst decken kann. Während meiner Reise nach dem Agu-Gebirge, von Lome aus, habe ich gerade mit großem Interesse die Möglichkeit der Anlage einer Fahrstraße verfolgt und habe an keiner Stelle bedeutende Schwierigkeiten gefunden. Es werden einige Wasserläufe zu überbrücken sein und einige Sümpfe trocken gelegt oder umgangen werden müssen, doch das wären nur sehr geringe Arbeiten im Verhältnis zu dem Nutzen, den eine solche Straße für den Handel der Kolonie bringen würde. Im Bezirke Misahöhe sind jetzt schon mit Ausnahme kleiner Strecken die Wege südlich des Agome-Gebirges in so vorzüglichem Zustande, daß man sie auf weite Strecken mit Wagen befahren könnte. An einigen wenigen Stellen befanden sich wieder kleine Wäldchen in den Steppen hinter Badja, in denen dann größere Bäume auftraten, während sonst außer den Affenbrotbäumen, die in Togo nicht weit ins Innere vordringen, die Steppenbäume selten über 10 m hoch waren. Für das Nachtquartier hatte ich den Ort Kewe ausersehen, bei dem auch wieder ein Logierhaus für Europäer vorhanden sein sollte. Als wir uns gegen 5 Uhr am Nachmittage Kewe näherten, wich die Steppe allmählich einer dichteren Buschvegetation, deren Vorhandensein wahrscheinlich auf ehemalige Kultivierung des Geländes zurückzuführen ist. Die Eingeborenen waren zur Zeit gerade damit beschäftigt, neue Farmen für die kommende Regenperiode anzulegen und die vorhandenen Ölpalmenanpflanzungen zu säubern. Kewe selbst ist nur ein kleineres Dorf, das auch wohl von geringerer Bedeutung ist als das in der Nähe liegende Assaun, in dem sich besonders die Schmiede und Töpfer niedergelassen haben. Wir hatten kaum unsere Lasten in dem geräumigen Rasthause untergebracht, als ein starker Gewitterregen losbrach, der für den Rest des Abends sich ohne Unterbrechung fortsetzte und in einen allgemeinen Landregen auszuarten schien. Als der Regen dann gegen Mitternacht aufhörte, war bald der feuchte Boden um das Haus herum von Hunderten von Ameisen bedeckt, so daß ich schließlich gezwungen war, mein Pferd, welches an einem der nahestehenden Bäume angebunden war, in einem in der Nähe aufgebauten Stalle unterzubringen, in dem es wenigstens von dieser Plage befreit war.
Wie es häufig nach derartigen Gewitterregen der Fall zu sein pflegt, hatten wir am nächsten Tage einen wundervoll kühlen und hellen Morgen, den ich dadurch auszunutzen versuchte, daß ich bereits um 5 Uhr das Signal zum Einpacken ertönen ließ. Da wir das Zelt nicht einzupacken hatten, erfolgte schon kurze Zeit nach diesem Signal gewöhnlich das zweite, welches für die Leute das Zeichen zum Aufbruch war. Sobald wir uns etwas von Kewe entfernt hatten, traten wir wieder in die uns nun so wohl bekannte Baumsteppenformation ein. Infolge des Regens vom vorherigen Abend waren die Wege stark aufgeweicht und, da sie über lehmiges Terrain führten, nicht selten so schlüpfrig, daß die Leute mit ihren Lasten nur langsam vorwärts kommen konnten und ich auf dem Pferde auch gehörig aufpassen mußte, damit das Tier nicht ausglitt. Etwa eine Stunde nach unserem Abmarsch aus Kewe passierten wir das Dorf Assaun, dessen Umgebung auch wieder mit dichtem Gebüsch bedeckt war, in dem ich übrigens wiederholt Strophanthus beobachtete. Schier endlos setzte sich hinter Assaun nun die Baumsteppe fort. Dieselbe bot, da sie sich immer noch aus denselben Gewächsen zusammensetzte, wenig Interessantes für mich dar. Der Butterbaum war hier schon bedeutend häufiger geworden und trat an einigen Stellen bereits charakterbildend auf. In einem schmalen Waldgürtel, welcher sich am Rande einer Kette von Wasserlöchern gebildet hatte, sah ich die ersten Exemplare einer Kautschuk liefernden Liane. Die wenigen Exemplare waren leider nicht in Blüte, so daß ich nicht feststellen konnte, welche Art ich vor mir hatte. Auch Bossassanga-Pflanzen (Costus) gab es an solchen Lokalitäten in Fülle. Um 11 Uhr kamen wir in dem Dorfe Tove an. Da mir daran lag, noch am Abend bis Gbin zu kommen, gab ich den Trägern nur eine Stunde Zeit zum Kochen ihrer Mahlzeiten. Als ich dann aber die Signalpfeife zum Einpacken ertönen ließ, weigerten sich die Leute, offenbar von den Einwohnern des Dorfes dazu aufgestachelt, weiter zu marschieren, da der Weg bis Gbin zu weit sei; einige erschienen sogar nicht einmal. Da ich schon früher auf meinen Reisen erfahren hatte, daß ein Nachgeben hier nur Bummelei bei den Leuten zur Folge haben würde, mußte ich hier ein Exempel statuieren. Ich gab den Leuten daher tüchtig meine Meinung zu hören, worauf sie sofort ihre Lasten ergriffen und abmarschierten. Als diejenigen, welche nicht erschienen waren, von ihren Verstecken aus sahen, daß sie mit mir sich derartige Späße nicht erlauben dürften, kamen auch sie sofort herbeigelaufen und nahmen ihre Lasten auf, um auch damit aufzubrechen. Sobald ich darauf zu Pferde die Karawane wieder eingeholt hatte, ließ ich in der Steppe die Leute anhalten und befahl denjenigen, welche auf mein Signal nicht erschienen waren, vorzutreten. Nachdem ich deren Namen aufgeschrieben hatte, kündigte ich ihnen an, daß ich diese Unverschämtheit durch Abzug eines Tagelohnes von dem Trägerlohne eines jeden bestrafen werde. Diese Maßregel wirkte besser als ich selbst gehofft hatte, denn während des uns nun bevorstehenden Marsches zeigten die Leute mehr Eifer denn je zuvor. Bis gegen Abend hatten wir wieder durch Baumsteppen zu ziehen, die nichts Neues darboten. Vor uns sahen wir bereits deutlich das Agu-Gebirge liegen, als wir gegen 6 Uhr in Gbin einmarschierten. Zu meiner Freude fand ich hier ein sehr reinlich gehaltenes Rasthaus aufgebaut. Die Nacht, welche diesem Tage folgte, war herrlich. Der Mond stand in seiner ganzen Pracht am Firmamente und ergoß sein wundervolles Licht über das stille Dorf. Lange noch blieb ich vor dem Rasthause sitzen, nachdem ich meine laufenden Arbeiten, wie Tagebuch schreiben und Pflanzen einlegen, erledigt hatte, um nach dem sehr heißen Tage in der Steppe diese prachtvolle kühle Nacht zu genießen.
Der kurze Marsch, den wir am nächsten Tage noch bis zur Sholto Douglasschen Plantage am Agu-Gebirge zurückzulegen hatten, führte uns erst auch durch ebenes Steppengebiet, das aber bald einem dichten Waldstreifen weichen mußte. Die nun häufigen Hügel waren zum Teile sehr felsig, so daß ich wiederholt das Pferd führen lassen mußte. Da, wo die Flora wieder ihren Steppencharakter annahm, zeigten sich nicht selten Pflanzenformen, welche ich vorher auf der Reise noch nicht beobachtet hatte. Nachdem wir über verschiedene Hügelrücken gestiegen waren, stiegen wir in die Ebene direkt am Fuße des Gebirges hinab, in der wir bald das Dorf Atigbe erreichten. Hier ließ ich mir einen Führer vom Häuptling des Dorfes geben, der mich nach der Douglasschen Plantage bringen sollte. In Atigbe sah ich die ersten Exemplare vom Ficus Vogelii in Togo. Anzapfungen, welche ich an Ort und Stelle vornahm, zeigten, daß dieser Baum auch hier dieselbe nicht unbrauchbare Masse gab wie im Yoruba-Lande. Von Atigbe weiter marschierend, kamen wir bald zu dem Dorfe Tafie, in dem ich auch wieder eine Anzahl von Exemplaren des Ficus Vogelii fand. Wie im Yoruba-Lande, werden diese Bäume hier in Togo von den Eingeborenen allenthalben auf den freien Plätzen der Dörfer angepflanzt, und unter ihnen versammeln sich auch hier bei Beratungen und sonstigen Gelegenheiten die Männer der Dörfer. Nur eine kleine Strecke hatten wir noch hinter Tafie durch ein an Ölpalmen reiches Gebiet zu marschieren, bis wir die Häuser der Douglasschen Pflanzung dicht vor uns sahen. Die beiden Herren, welche damals auf der Plantage angestellt waren, Herr Thienemann, der Leiter, und Herr Rohmer waren über mein Eintreffen gewissermaßen erstaunt, da sie sich ausgerechnet hatten, daß ich unter günstigen Umständen erst am 12. März bei ihnen eintreffen könnte. Da ich eigentlich meine Träger nur bis zur Tafie-Plantage engagiert hatte, forderte ich dieselben auf, mich noch bis Misahöhe zu begleiten, da hier schwer neue Träger zu bekommen waren. Mit Ausnahme von dreien, welche ich als Fußkranke nicht gebrauchen konnte, waren alle bereit dazu. Ich ließ nun den Häuptling von Tafie rufen und forderte ihn auf, mir für die drei zurückbleibenden Leute am nächsten Tage drei neue Träger bis Misahöhe zu stellen. Gegen ein kleines Geschenk war der Mann bereit, dieses zu thun, und somit war die Trägerfrage fürs Erste erledigt.
Auf der Besitzung des Herrn Douglas, deren Bearbeitung erst seit kurzem in Angriff genommen war, hatte man bisher nur einige Saatbeete angelegt, in denen die von Kamerun bezogene Kakaosaat eben aufzugehen begann, und ein größeres Stück Landes, welches für Baumwoll- und Tabakkultur in Aussicht genommen war, urbar gemacht. Es war also sonst wenig für mich zu sehen. Die Kautschukpflanzen und Bambusasämlinge, welche ich vom Versuchsgarten bei Lome mitgebracht hatte, waren in vorzüglichem Zustande angekommen. Herr Thienemann, welcher mich von hier an auf meiner Reise nach Boëm begleiten sollte, traf nun mit mir die Vorbereitungen zur Abreise, die ich am nächsten Tage vornehmen wollte. Herr Rohmer sollte während der Zeit unserer Abwesenheit allein auf der Plantage verbleiben.
Trotz meiner wiederholten Betonung dem Häuptling von Tafie gegenüber kamen die versprochenen Leute natürlich nicht um 6 Uhr, sondern erschienen erst nach 8 Uhr am nächsten Tage, so daß sich unsere Abreise etwas verzögerte. Zurückgehend über Tafie, marschierten wir nun durch Abegame nach Abesia durch ein Gebiet, das an Ölpalmen sehr reich war. Die Steppenvegetation war hier wohl infolge ehemaliger und noch vorhandener Kulturen für größere Strecken verschwunden, um einer dichten Buschvegetation Platz zu machen. Von Abesia gelangten wir zunächst nach Tove, wo wir wieder in die Steppe eintraten. Nach kurzem Aufenthalt in Tove ging es nach Agome-Palime, dem Haupthandelscentrum für die Agome-Region, einem Dorfe von ziemlicher Ausdehnung. Bei den hier anwesenden Vertretern deutscher Kaufmannshäuser, den Herren v. Bruch und Meyer, machten wir nun eine längere Ruhepause, während der unsere Leute sich mit Proviant versehen sollten, den sie hier, da gerade Markt abgehalten wurde, reichlich kaufen konnten. Es ist hier in Togo wie auch in den benachbarten Ländern allgemein Sitte, daß die Träger der Europäer sich selbst zu beköstigen haben. Die Leute bekommen zu diesem Zwecke täglich 25 Pfennige (oder 3 d) als Subsistenzgelder. Ganz besonders dem reisenden Europäer wird dadurch die z. B. in Kamerun oft recht lästige Verpflegungsfrage der Leute bedeutend erleichtert und ihm viel Ärger erspart. Hier in Togo ist eine derartige Regelung der Verpflegungsfrage schon dadurch vereinfacht, daß das ganze Land ziemlich dicht bevölkert ist, was in Kamerun durchaus nicht der Fall ist, wo außerdem noch infolge der dichten Urwälder die verschiedenen Völkerstämme unter sich sehr wenig miteinander verkehren, sondern sich sogar recht häufig feindlich gegenüber stehen. Am Nachmittage brachen wir wieder von Palime auf. Da meine Leute eine gute halbe Stunde vor uns abmarschiert waren, ritt ich im Galopp hinterher, ohne sie noch vor der Station Misahöhe erreichen zu können. Der Weg von Palime nach dem Agome-Gebirge, auf dessen halber Höhe die Station liegt, war in wundervollem Zustande. Schon von weitem konnte man die Station mit ihren aus Steinen erbauten massiven Gebäuden erkennen, alles zeugte hier von großer Ordnung. Als ich zur Station einritt, kam mir Herr Dr. Gruner, der bereits von meiner Ankunft durch die vorhermarschierten Träger unterrichtet war, entgegen und empfing mich in der ihm eigenen liebenswürdigsten Weise. Herr Thienemann erschien auch kurz darauf in seiner Hängematte.
Da ich mich nun hier in Misahöhe mit neuen Trägern zu versehen hatte, machte ich von der gütigen Einladung des Herrn Dr. Gruner, einige Tage bei ihm zu verweilen, sehr gern Gebrauch, wußte ich doch auch, daß ich von ihm, dem besten Kenner unseres Schutzgebietes Togo, sehr viele interessante Aufklärungen erhalten würde, die für die Reise nach Boëm für mich von großem Werte sein mußten.
Da Dr. Gruner schon längst die Absicht gehabt hatte, in Quamikrum eine Station zu bauen, hatte er bereits zu dem Zwecke eine Anzahl Soldaten ausgesucht, die mich zugleich auf der Reise nach Boëm begleiten sollten. Mit Hülfe des Herrn Dr. Gruner erhielten wir hier bald neue Träger. Die Leute, welche ich von Lome und Tafie hatte, lohnte ich nun ab und ließ sie nach ihren Dörfern zurückkehren. Herr Thienemann behielt von seinen Trägern nur sechs Leute zurück, welche er als erprobte Hängemattenträger kannte.
Trotz seiner noch nicht überwundenen Krankheit ließ es sich Dr. Gruner, der erst seit einem Tage sich wieder von einem schweren Schwarzwasserfieber einigermaßen erholt hatte, doch nicht nehmen, alle Schwierigkeiten, welche die Expedition haben könnte, zu beseitigen, so daß ich ihm wirklich nie genug Dank wissen kann für die Unterstützung, die ich bei ihm gefunden. Diese Tage, welche ich noch im Laufe der nächsten Wochen in seiner Gesellschaft zu verbringen den Vorzug hatte, werden stets zu den angenehmsten und lehrreichsten meines Lebens zählen. Ich bedauerte nur, daß Dr. Gruner infolge seiner Krankheit verhindert war, mit mir zusammen, wie er ursprünglich beabsichtigt hatte, die Reise nach Boëm zu machen.
In den Versuchsgärten, welche Dr. Gruner bei der Station hatte anlegen lassen, wurden auch einige Kautschukpflanzen gezogen. Manihot Glaziovii, Hevea brasiliensis und einige Ficusarten waren vorhanden und schienen gut zu gedeihen. Die Exemplare waren noch zu jung, um an sich experimentieren zu lassen. Unterhalb der Station am Fuße des Gebirges hatte Dr. Plehn, welcher auch früher einmal Leiter dieser Station war, eine Kola-Anpflanzung begonnen, die aber wahrscheinlich infolge der zu feuchten Bodenverhältnisse nur sehr langsam heranzuwachsen schien.
Zusammen mit Herrn Thienemann unternahm ich am Morgen des 13. März eine Besteigung des François-Passes, wo Geheimrat Wohltmann Kickxia-Exemplare gesehen zu haben glaubte. Es gelang mir nun auch thatsächlich, hier in den Bergwäldern Kickxia ausfindig zu machen, aber welche Enttäuschung — es war die falsche. Dessenungeachtet gab ich die Hoffnung damals natürlich noch nicht auf, noch erfolgreich zu sein, hatte ich doch im Bakossi-Gebiete die falsche und die echte Kickxia nebeneinander gesehen. Die auf dem Erdboden umherliegenden Fruchthülsen ließen mich keinen Augenblick mehr im Zweifel, daß wir es hier mit Kickxia africana zu thun haben. Da ich diese Früchte nie vorher gesehen und nun wirklich zu urteilen im stande war, freute ich mich, daß auch meine letzten Bedenken geschwunden waren, daß die Arten wirklich voneinander verschieden seien. Einige junge, dünne Landolphien fand ich damals auch in den Wäldern; dieselben waren aber noch zu schwach, um an ihrem Milchsafte feststellen zu können, ob sie Kautschuk liefernden Arten angehörten oder nicht. Als wir die Höhe des Passes erreicht hatten, wendeten wir uns dem Gipfel des Hausberges zu, nach welchem auch ein guter Weg hinaufgelegt ist. Oben hatte man ein Häuschen errichtet, in dem Europäer, die als Rekonvaleszenten hier hinaufkommen wollten, es sich gemütlich einrichten können. Von dieser Bergspitze aus genossen wir eine prachtvolle Aussicht über das Land südlich des Agome-Gebirges sowohl als auch über die nördlich davon gelegenen Gebiete.