Von dieser Exkursion zurückgekehrt, trafen wir am Nachmittage noch einige Vorbereitungen für unseren am nächsten Morgen bevorstehenden Aufbruch. Die meisten Lasten waren schon vorher fertig gepackt worden, so daß auch das bald erledigt war, zumal sowohl meine Leute als auch diejenigen, welche Herr Thienemann mitgenommen, erprobte und alte Europäer-Begleiter waren, denen wir viele Sachen zur Besorgung anvertrauen konnten. Den Abend verlebten wir noch in Dr. Gruners angenehmer Gesellschaft.

Am Morgen des 13. März war alles zum Aufbruch fertig. Herr Franke, der Stationsassistent des Herrn Dr. Gruner, hatte die Liebenswürdigkeit, mir viele kleine mit dem Aufbruche solcher Expeditionen zusammenhängende Arbeiten abzunehmen, so daß wir schon früh die Träger, deren wir 25 hatten, unter Begleitung eines von Herrn Thienemann mitgenommenen zuverlässigen Aufsehers, vorausschicken konnten. Mit unseren Jungen und den Soldaten, welche von einem äußerst intelligenten Togo-Mann, dem Stations-Hülfsassistenten Amusso Bruce, geführt wurden, folgten wir der Träger-Karawane etwa eine Stunde später nach. Auf dem François-Passe ging es über das Agome-Gebirge hinunter nach dem kleinen Dörfchen Agome-Tongbe, dicht vor dem wir auf einer breiten Holzbrücke den Tii-Bach überschritten. Ohne uns in Tongbe aufzuhalten, setzten wir den Marsch fort. Zunächst gelangten wir in ein mehr oder minder kultiviertes Gebiet, in dem Maniok, Baumwolle und Cajanus indicus gepflanzt waren. Allmählich wurde jedoch das Terrain bergiger und der Weg schmaler, wir stiegen in die Kame-Schlucht hinab. Vorher hatten wir noch Gelegenheit zu sehen, daß auch hier in Togo die Heuschreckenplage nicht unbedeutende Dimensionen anzunehmen vermag; gegenüber dem Dorfe Agome-Tongbe hatten wir einen riesigen Heuschreckenschwarm zu durchziehen, der die Felder des Dorfes arg bedrängte. Durch Rauch und Lärm suchten die Eingeborenen die Tiere zu verscheuchen. In der romantischen Kame-Schlucht durchzogen wir noch einmal den Bach und stiegen dann wieder empor, dem Dorfe Kame zu. In den dichten Wäldern, welche das Thal bedeckten, war Kickxia africana in Unmengen vorhanden, von der Kautschuk liefernden Kickxia elastica aber auch hier nichts zu sehen. Auch in Kame wurde nicht erst angehalten, war doch das nun gar nicht mehr weite Dörfchen Liati die Heimat meiner Träger und Trägerinnen, wo dieselben doch sicher noch einmal von ihren Verwandten und Bekannten Abschied nehmen wollten. Hinter Kame hörte der Wald wieder auf. Das hügelige Terrain war mit Gras und Sträuchern bewachsen, und an geeigneten Stellen waren größere Flächen von den Eingeborenen urbar gemacht und mit Baumwolle, Maniok und Cajanus bepflanzt. Bohnen und Bataten sah man nur sehr selten. In Liati ließ ich die Leute zusammentreten und sonderte die schwächsten derselben aus, denn es waren mehr Träger erschienen, als wir nötig hatten. Dann bezahlte ich den Leuten ihre tägliche Subsistenz von 25 Pf., damit sie sich noch möglichst viele Lebensmittel mitnehmen könnten, und machte die Gesellschaft darauf aufmerksam, daß sie sämmtlich sich an unserem Lagerplatze einzufinden hätten, sobald meine Signalpfeife dreimal langgezogen ertöne. (Ich hatte für den Koch und den Leibjungen ähnliche, aber kurze Signale.) Wir verblieben hier in Liati ungefähr eine Stunde. Schon vorher hatten die meisten der Trägerinnen sich eingefunden, als das Signal aber ertönte, wurde es merkwürdig lebendig in dem Dorfe. Von allen Seiten strömten Träger und Trägerinnen herbei, begleitet von ihren Angehörigen, die ihnen noch allerlei Lebensmittel heranschleppten. Es war äußerst interessant, diese einfachen, zufriedenen Leutchen in ihrer familiären Harmlosigkeit zu beobachten. Da zwei der Leute fehlten, mußte ich den Häuptling auffordern, sofort zwei andere zu stellen. Als auch das erledigt war, setzte sich unser Zug in Bewegung. Auf der ganzen Reise behielt ich nun dieselbe Marschordnung bei. Erst hatten die Träger und Trägerinnen vor uns zu marschieren, nicht selten geführt von Herrn Thienemann, dahinter kam ich selbst mit ein oder zwei Jungen, welche etwaige notwendige Gegenstände zu tragen hatten. Amusso Bruce marschierte gewöhnlich neben meinem Pferde her, denn ich unterhielt mich gern mit ihm, da er mir viel von den Expeditionen Kundt und Tappenbeck, bei welchem Ersteren er Diener gewesen war, zu erzählen wußte, auch selbst vorzüglich die verschiedensten Verhältnisse Togos kannte und ein recht gesundes Urteil über dieselben zu fällen wußte. Er sprach deutsch vollständig fließend. Hinter meinem Pferde kam die Hängematte Amussos und hinter dieser die zwölf Soldaten, geführt von ihrem Unteroffizier. Dicht hintereinander hatten wir die Dörfer Sagba, Pekehi und Dafong zu passieren. Dieselben bestanden zumeist aus wenigen Hütten und lagen inmitten der Buschsteppe. Hinter Dafong wurde das Land stellenweise offener, doch im ganzen begleitete uns der Busch bis nach Fodome, wo ich Nachtquartier zu machen beschlossen hatte. Unter der Hitze hatten wir alle an jenem Nachmittage furchtbar zu leiden. Ein typischer Harmattan hatte sich über die Steppe ausgebreitet und infolgedessen eine Hitze hervorgerufen, die fast unerträglich wurde. Mit Freuden begrüßte die Karawane daher gegen 4 Uhr unser Eintreffen in Fodome. Unter einem schattigen Ficusbaum ließ ich sofort hier mein Zelt aufstellen und erlaubte den Leuten, sich Nachtquartiere zu suchen. Da das Zelt zu klein war, hatten wir beide Europäer es so arrangiert, daß ich nach dem Abendessen, das vor meinem Zelte eingenommen wurde, in demselben zur Ruhe ging, während Herr Thienemann eines der Häuser im Dorfe für die Nacht mietete.

Auf dem Marsche von Dafong nach Fodome hatte ich am Nachmittage eine überschenkeldicke Kautschuk liefernde Liane gesehen, von der Amusso mir erzählte, daß von ihr der sogenannte Kpando-Silkrubber gewonnen werde. Ich werde später noch Gelegenheit haben, auf diese Pflanzen zurückzukommen, und erwähne daher ihr Vorkommen hier nur des Standortes wegen, weil dieser der südwestlichste mir bekannt gewordene ist.

Wir waren kaum in Fodome eingezogen, als auch schon verschiedene Leute kamen, um mich zu bitten, für sie Palaver zu schlichten. Da das nicht meine Sache war und ich mich nicht in Angelegenheiten hineinmischen wollte, welche mich nichts angingen, so ließ ich den Leuten sagen, daß sie damit warten müßten, bis Dr. Gruner käme, oder sie müßten sich nach Misahöhe begeben, wo der „Doktor“ ihnen Recht sprechen würde. Tief betrübt zog die Gesellschaft von dannen. Ein Weib, das durchaus von ihrem Mann getrennt werden wollte, machte noch einen verzweifelten Versuch, bei Herrn Thienemann Recht zu bekommen, doch wies auch dieser sie natürlich ab. Gegen Abend wurde hier ein Verstorbener beerdigt. Mit ihren langen Steinschloßgewehren versehen, zog die Schar der trauernden Männer und klagenden Weiber mit dem Leichnam in den Busch, wo er beigesetzt werden sollte. Unter unaufhörlichem Abknallen ihrer Gewehre und dem grauenhaften Klagen der Weiber wurde die Leiche beerdigt. Während die trauernde Schar nun sich ruhig in ihre Häuser verfügte, zog die Witwe des Verstorbenen unter ekelhaftem Gewimmer von Haus zu Haus, um sich eine Beileidsgabe zu erbetteln. Alles, was sie erhielt, wanderte in einen Sack hinein, den sie bei sich trug.

Gegen 5½ Uhr gab ich am Morgen des 15. März das Signal zum Sammeln. Schon nach einer weiteren Viertelstunde verließen wir Fodome, nachdem ich noch von dem Häuptling ein kleines Geschenk von Hühnern und Yams erhalten, wofür ich natürlich das übliche Gegengeschenk zu machen hatte. Von Fodome nach Fodome-Oue gebrauchten wir kaum eine Viertelstunde. Von Fodome-Oue aus zogen wir teils durch ausgedehnte, spärlich mit Bäumen bedeckte Grassteppen, teils durch Buschwälder, die sich durch Reichtum an Kickxia africana auszeichneten, nach dem kleinen Dörfchen Atabu. Nach wenigen Minuten Rast ging es dann weiter durch Steppengebiet, das außer einigen an einem Wasserloche wachsenden, offenbar wirklich wilden Bambussen, nur für den Botaniker in Form einiger seltener und unbekannter Pflanzen Interessantes darbot. Diese im mittleren Togo offenbar ziemlich verbreitete Bambusart scheint sich nicht besonders verwenden zu lassen, da das Rohr zu brüchig ist. Selbst dünne Stöckchen, welche ich mir häufig als Reitgerte schneiden ließ, brachen bei der geringsten Gelegenheit. Von Atabu nach Djakke und dann nach Akokhoë führte der breite Weg auch durch Steppen, die aber nur selten Bäume aufwiesen, sondern hauptsächlich etwa mannshohe Sträucher. Da es hier auch gut geregnet hatte, zeigten sich viele Blumen im Grase, doch fing infolge der letzten sehr heißen Tage und des Harmattans, der bereits seit einigen Tagen regelmäßig am Nachmittag erschien, die Vegetation bereits in bedenklicher Weise an, noch vollständig unentwickelt dahinzuwelken.

Rast der Expedition unter einem Ficus-Vogelii-Kautschukbaum im Dorfe Lolobi.

In Akokhoë angekommen, ließ ich eine Rast von zwei Stunden machen. Nachdem die Träger ihre Subsistenzgelder erhalten hatten, zerstreuten sie sich im Dorfe, um einen Platz zu suchen, wo sie ihre Nahrungsmittel kochen könnten. Der Häuptling des Dorfes erschien nun mit seinen Geschenken, welche auch wieder aus Yam und Hühnern bestanden. Als Gegengeschenk schien diesen Leuten Tabak große Freude zu bereiten. Amusso, der mit diesem Häuptling noch verschiedene Streitfragen und sonstige Geschäfte in Dr. Gruners Auftrage zu erledigen hatte, ließ ich hier mit neun Soldaten zurück, als wir gegen 11 Uhr wieder abzogen, bis er seine Sachen erledigt habe. Durch ein heißes Buschsteppen-Gebiet zogen wir in der Mittagshitze weiter. Meinen Trägern lief der Schweiß vom Körper derartig herunter, wie ich es sonst selten gesehen. Doch was half das alles, ich hatte mir vorgenommen, die Nacht auf dem Beika-Berge zuzubringen, und so mußten wir noch einen langen Marsch am Nachmittag machen. Gegen 1 Uhr trafen wir im Dorfe Lolobi ein, das dicht am Dai-Flusse gelegen ist. Hier sah ich zum ersten Male die in Boëm verbreiteten Häuser mit vollständig flachem Dache. Diese Häuser sind am Tage furchtbar heiß, und fast ist es unmöglich für einen Europäer, sich in denselben aufzuhalten, doch sind sie äußerst reinlich gehalten. Der Fußboden ist gewöhnlich mit Lehm glatt ausgeschmiert und nicht selten wie die Wände weiß getüncht. Fast ein jedes Haus hat seinen eigenen Feuerplatz, der durch drei kleine konische Säulchen erkenntlich ist, welche dazu dienen, die Töpfe oder sonstige zum Kochen verwendeten Gefäße oberhalb des Feuers zu halten; ebenso besitzt jedes Haus seine kleinen aus Lehm hergestellten Hausgötzen, wie man sie auch sonst noch in größeren Darstellungen in Togo in den verschiedensten Dörfern finden kann. Der Fetischglaube spielt auch hier eine große Rolle. Außer den größeren Götzenhütten, unter denen nicht selten drei bis fünf aus Lehm hergestellte plumpe Nachahmungen des menschlichen Körpers in einer Reihe sitzend dargestellt sind, habe ich recht häufig auf Feldern oder an Wegen Miniatur-Nachahmungen dieser Götzen gesehen, die wohl die betreffenden Lokalitäten beschirmen sollen. Es wäre sehr wünschenswert, daß man noch möglichst viel Erkundigungen über die Einzelheiten dieser Fetisch- und Götzen-Religion einsammele, ehe gerade die interessantesten und eigenartigsten Gebräuche vor der vorschreitenden Kultur verschwinden, und gerade hier in Togo, wo wir es mit einer viel intelligenteren Bevölkerung zu thun haben als in Kamerun, werden diese Eigenarten schneller aufgegeben werden als in den meisten anderen Ländern.

In Lolobi machte ich unter verschiedenen wundervollen Exemplaren des Ficus Vogelii Halt und erlaubte meinen Leuten, sich eine Zeit lang auszuruhen, da wir den hohen Beika-Berg zu ersteigen hatten, der nun dicht vor uns sich erhob. Auch hier bekam ich wieder von dem Häuptling Geschenke an Yams.

Gegen 2 Uhr nahmen wir wieder unsern Marsch auf. Der Beika-Berg, welcher sich vor uns erhob, war dicht bewaldet; anfangs, d. h. soweit der Weg von den Einwohnern von Lolobi zu besorgen war, war er in ziemlich schlechtem Zustande, er wurde aber zusehends besser, als wir in das Gebiet von Beika eintraten. Landolphien gab es in diesen Wäldern zerstreut, Kickxia africana war in Mengen vorhanden und bildete einen nicht unerheblichen Prozentsatz der Urwaldbäume. Nach fast dreistündigem, für die Träger sehr ermüdendem Klettern langten wir gegen 5 Uhr auf der Spitze des Berges in dem Dorfe Beika an. Ich hatte auch den größten Teil des Marsches zu Fuß zurücklegen müssen, da der Weg zum Reiten zu steil war.