Das Dorf Beika ist vollständig auf Felsen erbaut. Unter einem großen Feigenbaume ließ ich zwar zuerst die Leute lagern, sah aber bald ein, daß es unmöglich war, das Zelt irgendwo aufzustellen, und ließ daher für mich ein reinliches Haus suchen, in dem dann die Lasten untergebracht wurden. Da infolge der Hitze, die in den Häusern noch herrschte, keiner von uns Europäern Lust hatte, länger als dringend notwendig in denselben sich aufzuhalten, ließ ich Tische und Stühle unter dem Feigenbaum aufstellen, wo wir auch beschlossen, zu Abend zu essen. Der Häuptling mit einem großen Trosse kam bald, um mir die obligaten Geschenke, bestehend aus Yams, Bergreis und Hühnern, zu überbringen, von denen wie gewöhnlich der Yams unter meine Leute verteilt wurde, der Bergreis ein gut verwendbares Futter für mein Pferdchen bildete, die Hühner aber in unsere Küche wanderten. Kurze Zeit darauf erschien der Häuptling wieder und beklagte sich darüber, daß meine Leute durchaus zum Wasser gehen wollten, obgleich er ihnen verboten hatte, es zu thun. Mir lag der Grund zu diesem Verbot allerdings klar vor den Augen, denn zu dieser Zeit badeten sich ja gewöhnlich die Holden des Dorfes. Meine Leute konnten schließlich auch nicht ohne Wasser bleiben, deshalb befahl ich dem Häuptling, für mein sämmtliches Personal Wasser heranschaffen zu lassen, und verbot meinen Leuten dann, selbst zum Wasser herunterzugehen. Damit waren beide Parteien schließlich befriedigt. Aus Dankbarkeit schickte mir der Häuptling sogar noch eine ganze Anzahl Yamsknollen, welche ich nun wieder verteilte. Einige der Träger mußte ich hier übrigens bestrafen, da dieselben so unverschämt waren, einigen Trägerweibern die leichteren Lasten abzunehmen und ihnen statt dessen schwere aufzupacken. Diese Übelthäter hatten mehrere Tage hindurch die schwersten Lasten zu tragen. Noch vor Eintritt der Dunkelheit kam Amusso mit den Soldaten in Beika an.
Da wir am 16. März wieder einen Berg zu erklimmen haben sollten, ließ ich schon um 5 Uhr antreten. Es war interessant, des Morgens diese Scene zu beobachten. Gewöhnlich ließ ich mir gegen 4 Uhr morgens durch den Koch schon den Kaffee bringen und setzte mich dann noch bis 5 Uhr zu schriftlichen Arbeiten oder einer Zigarre nieder. Nachdem mein Junge unterdessen meine Sachen etwas zusammengeräumt hatte, ließ ich in dem noch vollständig stillen Dorfe die Signalpfeife ertönen. Sofort entwickelte sich nun ein reges Leben. Von allen Seiten strömten die Leute herbei, um ihre Lasten fertig zu packen, oder die Einwohner des Dorfes in großer Anzahl, um beim Aufbruche zuzugaffen. Sah ich, daß alles fertig war, wobei der Headman zur nötigen Eile anzutreiben hatte, dann ertönte das zweite Signal, und in der bereits oben beschriebenen Ordnung setzte sich der Zug in Bewegung. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich fast allmorgentlich.
Von Beika stiegen wir nun auf einem für die beladenen Träger nicht gerade gefahrlosen Wege wieder in ein tiefes Thal hinab. Der Grund des Thales schien aus sehr fruchtbarem Boden zu bestehen, der übrigens mit Elefantengras reich bedeckt war. Allmählich stiegen wir von dieser Ebene auf einem immer steiler ansteigenden Pfade zum Dorfe Tetemang empor, das ähnlich wie Beika auf einer dicht bewaldeten Bergkuppe lag, aber nicht so auf Felsen stand wie die letztere Ortschaft. Hühner und Eier konnten wir für unsere Küche auch reichlich einkaufen. Unser Koch Quodjo, welcher früher einmal der Junge des in Kamerun ermordeten Oberleutnants Dr. Plehn gewesen war, war in solchen Sachen äußerst geschickt und erfahren, so daß wir ihm diese Einkäufe vollständig allein überlassen konnten. Dieser Mensch war überhaupt trotz seines Hanges zum Leichtsinn, wenn er unter strenger Zucht war, vorzüglich zu gebrauchen und als Dolmetscher für uns hier sehr wertvoll. Lügen konnte er übrigens in staunenerregender Weise, doch das war nicht unsere Sache, solange er uns nicht belog, und davor hütete er sich.
Nach Beendigung unseres Frühstücks verließen wir mit den Geiseln das Dorf Tetemang und stiegen wieder in ein tiefes Thal hinab. Durch ziemlich dichten, an Landolphien und falschen Kickxien sehr reichen Wald führte der teilweise steile, nicht selten mit Geröll bedeckte Weg der Hauptstadt Boëms, Borada, zu, wo wir, nachdem wir noch ein kleines Hügelland durchzogen hatten, gegen Mittag eintrafen.
Die Häuser in Borada waren, wie es mit wenigen Ausnahmen in ganz Boëm der Fall ist, in derselben Weise erbaut, wie die von Lolobi, dem Dorfe am Dai-Flusse, das man eigentlich nicht mehr zu Boëm rechnet, meiner Meinung nach aber entschieden noch dazu gehört. Auch die Dörfer Beika und Tetemang bestehen aus solchen Häusern. Im allgemeinen muß man sagen, daß die Häuser hier in Boëm von den Eingeborenen sehr reinlich gehalten werden, derart sogar, daß ein Europäer eigentlich ohne Zelt umherreisen kann, da er mit einem Nachtquartier, wie es ihm die Häuser bieten, vollständig zufrieden sein kann. Nicht selten haben diese Boëm-Häuser, besonders diejenigen in Borada, eine Art Veranda an der Frontseite, welche an beiden Seiten durch die verlängerten Giebelwände und oben durch das überhängende Dach geschützt ist. Die in Boëm verbreitete Sprache ist das „Schi“, eine Sprache, welche westlich und nördlich der Landschaft eine größere Verbreitung haben soll. Einen eigentümlichen Schmuck sah ich übrigens hier in Borada und später auch in vielen anderen Ortschaften Boëms, nämlich weite Halsketten, die aus ovalen Gliedern bestanden und aus Eisen verfertigt waren. Die einzelnen Glieder waren gewöhnlich vierkantig im Durchschnitt und bis 3 mm stark. Mir wurde gesagt, daß diese Ketten von den Wora-Wora-Leuten gemacht werden, die allgemein als gute Eisenschmiede einen großen Ruf genießen.
Gegen Mittag wurden wir, als ich eben das Signal zum Packen gegeben hatte, durch einen starken Gewitterregen überrascht, der eine gute halbe Stunde andauerte und bald die Straßen des Dorfes in ein Gemisch von Bächen und Wassertümpeln verwandelte. Meine sämtlichen Lasten, welche ich schleunigst im Zelte unterbringen ließ, blieben glücklicherweise vollständig trocken. Als nach Beendigung des Regens der Aufbruch endlich erfolgen konnte, stellte sich heraus, daß Akpanje noch verschiedenes mit Amusso besprechen wollte. Da ich mich dadurch nicht aufhalten lassen wollte, ließ ich ihn mit zwei Soldaten zurück und die Karawane aufbrechen. Wir durchzogen zunächst ein hügeliges, fruchtbares Savannengebiet, in dem die Eingeborenen viele Farmen angelegt hatten. Später gelangten wir in einen dichten Buschwald, in welchem die falsche Kickxia in riesigen Mengen vorhanden war. Die Stämme derselben schienen von den Eingeborenen viel als Nutzholz verwendet zu werden; so waren die Pfosten der Häuser und Brücken, über welche der Weg führte, vorzugsweise aus diesem Holze hergestellt. Dasselbe ist wie das der Kickxia elastica ziemlich weich, und daher sind die Bäume leicht zu fällen. Nach einem Marsche von 1½ Stunden erreichten wir das Dorf Kyasekang, das für Boëm das Centrum des Ackerbaues sein soll. Der alte Häuptling schien ein recht vernünftiger Bursche zu sein und that alles für meine Leute, was in seiner Macht stand. Als Geschenk brachte er mir ein schönes Schaf und eine große Zahl Yamsknollen sowie Bergreis und Guinea-Hirse. Da das Dorf und die Bevölkerung mir sehr gut gefielen, beschloß ich, über Nacht hier zu bleiben und ließ mein Zelt wieder unter einem Ficus aufschlagen. Das Dorf Kyasekang machte in vieler Hinsicht einen bedeutend angenehmeren Eindruck als Borada. Die Straßen waren bedeutend reinlicher und die Häuser auch nicht selten weiß getüncht; dazu kam noch die Zuvorkommenheit der Bevölkerung im allgemeinen. Herr Thienemann, der schon früher einmal hier gewesen war, wurde von einem alten Weibe, das noch ein Geschenk aus Erdnüssen (Arachis) brachte, sehr freudig begrüßt. Wie er mir sagte, hatte er der Alten früher einmal einen Gefallen erweisen können, für den sie ihn aus Dankbarkeit nicht im Stiche ließ. Herr Thienemann verstand es überhaupt ausgezeichnet, die Eingeborenen an sich zu fesseln.
Schon während der letzten Tage waren wir allenthalben mit Palmenwein von den Häuptlingen, deren Gebiet wir durchzogen, versehen worden. Auch heute erhielten wir wiederum eine große Kalebasse dieses Getränkes, das, in mäßigen Quantitäten getrunken, hier in dem heißen Klima entschieden eine erfrischende Wirkung hat, wenn es nicht abgestanden ist.
Am frühen Morgen des 18. März waren wir wieder auf dem Marsche. Die Steppe, welche mit dichtem Buschwalde abwechselte, gewann bald wieder einen trockenen Anblick. Der Weg war in tadellosem Zustande. An den Seiten sah man sogar nicht selten in den tiefer gelegenen Gegenden Wassergräben gezogen, die den Weg trocken halten sollten. Zu meiner großen Freude sah ich auch in der Nähe des Dorfes Versuche der Eingeborenen, Kaffee und Kakao zu kultivieren. Die Pflanzungen waren noch zu jung, als daß man von etwaigen Erfolgen oder Mißerfolgen hier sprechen könnte. Nach einer guten Stunde Marsches erreichten wir den kleinen Ort Guamang. Hier gab es ein reges Leben. Vor zwei Tagen hatte einer der Jäger des Dorfes einen Elefanten geschossen, dessen Fleisch nun hereingebracht wurde. Natürlich hätten meine Träger daher zu gern gesehen, daß ich ihnen Zeit lassen würde, von diesem Elefantenfleische etwas zu kaufen, doch ich ließ, ohne Rast machen zu lassen, weitermarschieren, da ich wohl wußte, daß die Leute von dem erlegten Tiere nichts verkaufen würden, denn das Dorf hatte eine ziemliche Anzahl von Einwohnern, für welche ein selbst großer Elefant lange nicht genügen konnte. Nach einer weiteren Stunde Marsches durch ein Gemisch von kurzgrasigen Steppen und Buschwäldern erreichten wir das kleine Dorf Monda, wo ich eine Rast von 10 Minuten machen ließ. Dieser kleine Ort zeichnete sich durch besondere Reinlichkeit aus. Ficus Vogelii scheint auch in diesen Gebieten nicht selten zu sein, ich sah auf dem Wege von Guamang nach Monda sogar viele wilde Exemplare. Von Monda nach Kadyebi, dem in Aussicht genommenen Endziele meiner Reise, hatten wir auch wieder ein gemischtes Gebiet zu durchziehen, das kleinere Baumsteppen und Urwälder besaß. In allen diesen Wäldern ist die Kickxia africana sehr verbreitet, ja man könnte fast sagen, der häufigste Urwaldbaum; doch trotz meines sehr eifrigen Suchens habe ich von der brauchbaren Kickxia elastica keine Spur entdecken können. Ich schnitt täglich eine große Zahl von Bäumen an, um zu sehen, ob etwa an einigen Lokalitäten diese Kickxia africana doch Kautschuk geben könnte, gab diese Hoffnung aber bald auf. Die Bodenverhältnisse hier in Boëm sind ganz ähnlich denen, unter welchen im Yoruba-Lande die Kickxia elastica auftritt. Ich bin daher fest davon überzeugt, daß Anpflanzungen der letzteren sich hier vorzüglich entwickeln werden. Landolphien sind übrigens auch hier in den Wäldern vorhanden, doch stellen die Eingeborenen ihnen sehr nach, so daß dieselben schon selten geworden sind. Gegen 10 Uhr trafen wir in Kadyebi ein. Ich ließ daselbst unter einem Ficus-Baume sogleich mein Zelt aufschlagen, da ich die Absicht hatte, erst am nächsten Tage das Dorf wieder zu verlassen. Der Häuptling des Dorfes schien ein machtloser alter Herr zu sein, der sich von seinen Verwandten offenbar viel gefallen lassen mußte. Auffallend demutsvoll kam er zu mir, um mir sein Geschenk zu bringen, dabei betonend, daß er zu arm sei, um mehr als Hühner, Reis und Yams geben zu können. Die Leute hatten hier sowohl wie in den letzten von uns passierten Dörfern kleine Kornspeicher, die gewöhnlich walzenförmig und mit konischen Dächern überdeckt waren. Nur wenige Häuser hatten die für Boëm typischen flachen Dächer. Die zu beiden Seiten abfallenden Strohdächer waren entschieden vorherrschend.
R. Schlechter vor seinem Zelte in Kadyebi.