Zusammen mit Herrn Thienemann unternahm ich kurz nach meiner Ankunft in Kadyebi eine Exkursion, um mir das von Herrn Bergassessor Hupfeld für Herrn Sholto Douglas angekaufte Terrain anzusehen, besonders auf Anbaufähigkeit für Kickxia elastica und andere Kautschukpflanzen. Wir hatten auf einem nicht schlechten Pfade etwa ¾ Stunde zu marschieren. Längs des Weges vorgehend, untersuchte ich zunächst die Vegetation und fand dieselben Verhältnisse, wie im Yoruba-Lande, nur mit dem Unterschiede, daß die falsche Kickxia reichlich vertreten war. Auch Sanseviera war vorhanden, an einer Stelle sogar in großen Mengen. Von dem Wege in das Dickicht eindringend, sahen wir, daß die Vegetationsverhältnisse dieselben blieben. An einer Stelle, wo schwerlich sich äußerliche Einflüsse hätten geltend machen können, entnahmen wir darauf noch eine Bodenprobe, welche übrigens auf nicht schlechten Boden schließen ließ, in dem Kickxia elastica gut gedeihen würde. Für Tabak dürfte sich dieser Boden des Boëm-Waldgebietes wohl kaum bewähren, wenn er nicht alljährlich künstlich gedüngt würde, wohl aber für Baumwolle, an welche jedoch, solange die Transportkosten zur Küste dieselben bleiben werden, wohl nicht gedacht werden kann. Etwas anderes wäre es auch mit Kola, doch kennen wir das Wachstum dieser wichtigen Pflanze bis jetzt noch viel zu wenig, um schon Schlüsse auf ihre Ertragsfähigkeit zu ziehen. Nach den Exemplaren zu urteilen, welche ich in Misahöhe gesehen, scheint diese Kultur nicht sehr aussichtsvoll für Plantagen, die in nicht zu langer Zeit doch mit einer gewissen Einnahme herauskommen sollen, wohl aber als Nebenkultur möglicherweise vorteilhaft zu sein.
Am Nachmittage kehrten wir nach Kadyebi zurück, wo ich für meine Leute einen Festschmaus gab, bei dem die Schafe von Borada und das vom Häuptling von Kyasekang erhaltene ihr Leben lassen mußten.
In schnellem Marschtempo verließen wir am Morgen des 19. März Kadyebi wieder, um auf demselben Wege, auf dem wir gekommen waren, nach Kyasekang zurückzukehren. In Monda und Guamang ließ ich je eine Viertelstunde Rast machen, und dennoch trafen wir schon vor 10 Uhr in Kyasekang ein.
Ein alter Haussa-Malam, der hier ansässig war und mir schon bei meinem ersten Durchzuge durch das Dorf einige Yams und ein Huhn als Geschenk gebracht hatte, ließ es sich nicht nehmen, hier wieder mit einem Geschenke zu kommen. Er warf sich dabei immer in ehrfurchtsvoller Weise auf die Kniee und berührte mit seiner Stirn den Boden, dabei murmelte er alle möglichen Segenswünsche vor sich hin. Es ist merkwürdig, daß die Haussa, die sich doch sonst hier für höhergestellt halten als die Neger, einem Europäer gegenüber so unterwürfig sind, wie man es nie bei den anderen Eingeborenen sehen wird. Auch unter den Leuten, die mit Kautschuk aus dem Innern kommen, sind viele Haussa, welche dem Europäer sich entweder stets zu Füßen werfen, oder aber stolz, kaum ein „Salaam“ wünschend, vorüberziehen.
Gegen 1 Uhr ließ ich wieder aufbrechen. Unser Weg führte nun bedeutend mehr nach Westen. Auf einem vorzüglichen Wege, der auch wieder gut drainiert war, ging es zunächst durch eine Niederung und dann über hügelige Baumsteppen, allmählich emporsteigend nach Kyasekang-Akora, einem Schwesterdorfe des von uns eben verlassenen Kyasekang, das etwa 1½ Stunden entfernt lag. Auf einem großen Marktplatze ließ ich unter einem wundervollen Feigenbaum das Zelt aufschlagen, da wir erst am nächsten Morgen nach Quamikrum weitermarschieren wollten. Akora ist ein kleineres Dorf, welches etwa 200 Hütten besitzen dürfte. Die Eingeborenen machten einen weniger günstigen Eindruck als die des von uns am Nachmittage verlassenen Kyasekang. Bis in die Nacht hinein saß ich mit Herrn Thienemann zusammen bei Mondschein vor dem Zelte, über die verschiedensten Fragen unsere Ansichten und Gedanken austauschend, bis uns doch die späte Stunde zur Ruhe mahnte, zumal da wir wußten, daß wir am nächsten Tage bis Quamikrum einen langen Marsch zu machen haben würden.
Am Morgen des 20. März waren wir schon zeitig wieder auf dem Wege. Herr Thienemann und die Träger marschierten weit voraus, da ich mit Amusso und den Soldaten zurückgeblieben war, um den Häuptling von Akora zu sprechen. Durch einen ziemlich dichten Wald marschierend, in dem die falsche Kickxia und Landolphien viel vorhanden waren, gelangten wir nach etwa einer Stunde zu dem Dörfchen Tomegbe, das nur aus wenigen Hütten bestand und nach Angabe der Eingeborenen erst seit kurzer Zeit erbaut sein soll. Hier wartete Herr Thienemann mit den Trägern auf mein Eintreffen. Nach kurzer Rast ging es weiter durch dichten Wald, der nur hin und wieder von kleinen Savannen unterbrochen war. Die Wege waren schmal und nicht selten durch gefallene Baumstämme versperrt oder von hohen Wurzeln überlaufen, so daß ich auf dem Pferde tüchtig aufzupassen hatte, damit das Tier nicht zu Falle komme. An den Lianen und dünnen Baumzweigen hing hier in dem Walde nicht selten eine epiphytische Orchidacee, die gerade einen reichen Flor grünlicher Blüten darbot. Sonst war bei der Art unseres Zuges durch diesen botanisch sicher hochinteressanten Wald recht wenig zu sehen, da wir unsere ganze Aufmerksamkeit dem Wege zuzuwenden hatten. Hin und wieder blieb ich etwas zurück, um an den Kickxien Anzapfungsversuche zu machen, hatte aber keinen Erfolg mit denselben; immer wieder ergaben die Untersuchungen jene klebrige, wertlose Masse, welche auch bei vielen Ficusarten zu finden ist. Einige Landolphien lieferten guten Kautschuk, doch da Blüten und Früchte nicht zu finden waren, ließ sich leider die Art nicht feststellen, außerdem sah ich mit wenigen Ausnahmen nur dünne Stämme derselben; die dickeren schienen alle bereits von den Eingeborenen ausgeschlagen worden zu sein.
Gegen 9 Uhr erreichten wir ein kleines Farmdörfchen, welches uns die daselbst wohnenden Eingeborenen als „Indzimaqua“ bezeichneten. Auch dieses war erst seit kurzer Zeit erbaut worden. Unsern etwa 1½ Stunden währenden Aufenthalt daselbst benutzte ich dazu, um mir die Farmen der Leute anzusehen. Es wurden Manihot utilissima, Baumwolle, etwas Mais, Cajanus indicus und Yams gebaut. Für die Yamsknollen erbauen die Leute aus dünnen Stangen luftige Häuschen, in denen die Knollen, welche äußerst leicht faulen und daher sehr vorsichtig behandelt werden müssen, teils an den Wänden einzeln aufgehängt, teils auf einem ebenfalls aus Stangen hergestellten Tische liegend, aufbewahrt wurden. Auf diese Weise trocknen dieselben nach Regen sofort durch den Wind oder sonstigen Luftzug wieder ab und sind daher besser vor Fäulnis geschützt. Dieselbe Art von Yamsspeichern sah ich auch zwischen Liati und Fodome, hatte damals aber keine Gelegenheit, sie näher zu besichtigen. Auf unserm Weitermarsche zogen wir über größere Savannen, welche teils ziemlich regelmäßig mit zerstreuten Bäumen besetzt, teils von kleinen Busch- und Baumgruppen unterbrochen waren. Die Flora auf diesen Savannen war schon interessanter, da nach einigen Grasbränden verschiedene Kräuter erschienen waren. Außer der über das ganze südliche und mittlere Togo weit verbreiteten Eulophia cristata waren Vernonien, eine Helichrysumart, Cycnium, Striga, Oldenlandia, Acalypha und der prachtvolle Haemanthus Kalbreyeri sehr verbreitet. Besonders der letztere war ein wundervoller Schmuck der saftig-grünen Steppen. Auf den Bäumen, unter denen besonders Terminalen, Combretumarten und Butterbäume häufig waren, wuchsen nicht selten Loranthus- oder Viccumarten und eine epiphytische Orchidacee, welche zwar nicht in Blüte war, aber wohl sicher zu Polystachia golungensis gehört, die in Afrika eine merkwürdig weite Verbreitung zu haben scheint. Nach einem Marsche von etwa zwei Stunden erreichten wir den Mkunsu-Fluß, welcher sich hier ein sehr tiefes Bett gegraben hat; derselbe führte zur Zeit nicht viel Wasser, soll aber zur Regenzeit nicht unbedeutende Dimensionen annehmen. Nachdem wir den Mkunsu überschritten hatten, sahen wir bald darauf das Dorf Quamikrum vor uns liegen, wo ich Amusso mit den Soldaten zurücklassen sollte.
Das Dorf Quamikrum soll früher eine nicht unbedeutende Ortschaft gewesen sein, in der sich hauptsächlich Haussa-Leute auf der Durchreise von dem Innern zur Küste längere Zeit aufzuhalten pflegten. Als wir damals dort eintrafen, fanden sich nur wenige Familien daselbst, von denen der größere Teil auch durchziehende Haussa waren. Die Hütten waren zum großen Teil stark im Verfall begriffen oder sogar schon vollständig unbewohnbar. Auf dem Marktplatze ließ ich sofort mein Zelt aufschlagen und den Platz umher etwas reinigen, da derselbe wüst mit Schmutz und Unkraut bedeckt war. Auch ließ ich sogleich einige der Wege zu beiden Seiten reinigen, da dieselben häufig nur aus einem schmalen Pfade bestanden, der zu beiden Seiten derartig mit stachligen Amarantusbüschen bedeckt war, daß man beim Betreten derselben von den Stacheln arg gepeinigt wurde. Auch Amusso ließ alsbald durch die Soldaten einen geeigneten Platz frei machen, auf welchem er die für die Station zu erbauenden Häuser aufzuführen gedachte, und konnte mir schon am Abend mitteilen, daß diese erste Arbeit vollendet sei. Zum Bau der Häuser waren Einwohner umherliegender Ortschaften beordert worden, welche am folgenden Tage eintreffen sollten. Am Nachmittage untersuchte ich die Wälder zu beiden Seiten des Mkunsu-Flusses, konnte aber außer einigen Exemplaren des Ficus Vogelii, von der übrigens im Dorfe Quamikrum selbst verschiedene größere Exemplare standen, nichts finden, das für mich von mehr als rein botanischem Interesse gewesen wäre. In letzterer Hinsicht war ich allerdings glücklicher. Eine interessante großblättrige Strychnosart, welche sich hoch in die Bäume hineinwand und in großen Guirlanden über den Mkunsu hinunterhing, war nicht selten. Auf den grasigen Hügeln bei dem Dorfe fand ich außer einigen Scrophulariaceen eine für mich besonders interessante Asclepiadacee (eine Raphionacme) und die für die Steppen so typischen aufrechten Cissusarten, die aus großen unterirdischen Knollen entspringen. Am Abend erschienen noch verschiedene Haussa-Karawanen, deren Führer behaupteten, auf dem Wege nach Lome zu sein. Einige führten Kühe bei sich, welche aus Kratschi kommen sollten und nach Amussos Ansicht sicher nach Acra, nicht nach Lome gebracht wurden.
Am nächsten Morgen ließen wir die Soldaten mit Amusso zurück und zogen nun auf der großen Straße nach Kpandu in fast südliche Richtung. Das Gelände wurde etwas hügeliger und bot einen Anblick dar, der mich lebhaft an einige Gegenden in Natal erinnerte. Zu beiden Seiten hatten wir Savannen, welche mit spärlichen Gesträuchen oder kleinen Bäumchen bedeckt waren; später, nachdem wir ein kleines Farmdörfchen Adenkutschu passiert hatten, traten wir in einen Buschwald ein, in dem sich riesige Mengen der falschen Kickxia zeigten. Auch hier machte ich wiederholt Versuche, ein brauchbares Produkt aus dem Milchsafte derselben zu gewinnen. Nach etwa dreistündigem Marsche erreichten wir das Dorf Wuropong. Dasselbe soll ungefähr 300 Hütten besitzen. Der Häuptling des Dorfes kam, uns zu begrüßen, und brachte einige Kalebassen mit Palmenwein sowie einige Eier. Den Palmenwein verteilten wir zum großen Teile unter den Leuten, während wir für uns einen kleinen Teil zurückbehielten, der, mit Cognak vermischt, uns vortrefflich schmeckte, da er erst soeben eingebracht und daher noch ganz frisch und kühl war. Bis gegen Mittag ließ ich hier in Wuropong rasten, dann setzten wir den Marsch weiter nach Süden fort. Die nun gut geschulten Träger marschierten jetzt vorzüglich, auch die Weiber blieben nicht zurück, so daß die ganze Karawane sich gut geschlossen vorwärts bewegte. Herr Thienemann mit seiner Hängematte zog gewöhnlich voraus, ich beschloß mit einem oder zwei Jungen den Zug, damit ich, ohne Störung zu verursachen, nach Belieben zu etwaigen Untersuchungen zurückbleiben könnte. Das Gebiet war anfangs hauptsächlich mit Buschwald bedeckt, wo es nicht von den Eingeborenen unter Kultur gesetzt worden war, später wurden größere Savannenkomplexe, in denen besonders eine Imperataart das vorherrschende Gras war, häufiger. Bald zogen wir durch das kleine Dorf Tapo und nach einer weiteren halben Stunde durch Antumda. Die Gebiete schienen hier fruchtbarer zu werden. Buschwald wechselte mit Elefantengras. Allenthalben waren auch von den Eingeborenen Farmen angelegt, die einen recht günstigen Eindruck machten. Außer den bereits oben erwähnten Kulturpflanzen sah ich hier auch Hibiscus esculentus angepflanzt und sogar einige Tomaten. Ich glaube, daß sich hier eine geeignete Gegend findet, die später einmal, wenn sich erst der Baumwollbau, zu dessen Hebung vom Kolonialwirtschaftlichen Komitee eine Expedition entsendet werden soll, besser entwickelt hat, bei einer größeren Anlage in Betracht gezogen werden dürfte. Das Land ist ziemlich eben und offenbar leicht zu bearbeiten. Gegen 2 Uhr nachmittags erreichten wir das kleine Dorf Kadyevi und gleich darauf N’tschumuru, wo ich beschlossen hatte, Lager für die Nacht zu machen. Auf dem wunderschönen Marktplatze, der durch ein dichtes Dach von Ficusarten beschattet wurde, ließ ich zunächst die ganze Trägerschar einen großen Raum gehörig reinigen und dann das Zelt aufstellen. Für Herrn Thienemann wurde wieder ein nahe gelegenes Haus gemietet. Nachdem ich meine laufenden Arbeiten erledigt hatte, machte ich einen Ausflug in die Umgebung, welcher aber infolge der dichten Elefantengrasdecke wenig anderes aufkommen ließ als vereinzelt stehende Bäume, unter denen besonders Wollbäume auffielen, und wenige Sträucher. In dem Dorfe selbst waren verschiedene Ficus Vogelii angepflanzt. Gegen Abend stattete mir der Häuptling des Dorfes einen Besuch ab. Als ich bei dieser Gelegenheit fragte, ob der Weg vor uns in gutem Zustande sei, sagte er, daß er denselben noch schnell zu reinigen befohlen habe, denn seine Leute seien in den letzten Wochen viel auf den Feldern beschäftigt gewesen und daher habe sich Gras im Wege eingefunden.
Daß die Umgebung hier allgemein fruchtbar sein müsse, schien schon aus den großen, dreifüßigen Kornspeichern hervorzugehen, welche wir heute in den meisten Dörfern sahen. Wir bekamen hier auch allenthalben Reis, Mais und Guinea-Hirse für mein Pferd, das sich übrigens nicht viel aus denselben zu machen schien, sondern das saftige frische Gras vorzog. Bald erschien auch der Häuptling von N’Kunya, um sich durch ein Geschenk von Yams, zwei Hühnern und einigen Kalebassen Palmenwein meine Freundschaft zu erwerben. Am Abend mußte ich unter meinen Trägern gegen einige sehr energisch auftreten, weil dieselben kamen und mich darauf aufmerksam machten, daß ihre Heimat nun nur wenige Stunden entfernt sei und daß sie am folgenden Morgen dorthin zurückkehren wollten. Ein solches Gelüste mußte ich den Leuten natürlich nehmen. Ich ließ sofort die Namen der Leute notieren und ihnen nun sagen, daß ich sie bestrafen würde.