Die Expedition in Kadyebi.
Schon vor 4 Uhr war ich am nächsten Morgen wieder auf, um noch vor unserm Aufbruche einige schriftliche Arbeiten erledigen zu können. Um 5 Uhr gab ich dann das Signal zum Sammeln, so daß wir mit Tagesanbruch auf dem Wege waren. Ich ritt heute voran. Am Kunya-Gebirge entlang führte unser Weg, zunächst durch Kunya-Klaba und weiter durch ein mit Elefantengras und Imperata bestandenes Savannengebiet. Wie mir der Häuptling von N’tschumuru versprochen, waren bereits eine größere Anzahl von Leuten dabei, den stark mit Imperatagräsern bewachsenen Weg zu reinigen und an feuchten Stellen zu drainieren. Von allen Seiten kamen immer neue Leute hinzu, um bei dieser Arbeit zu helfen. Noch vor 6 Uhr erreichten wir das Dorf Dafo, in dem eben ein kleiner Markt begonnen hatte. Um meinen Leuten Gelegenheit zu geben, hier billig Nahrungsmittel zu kaufen, ließ ich eine halbstündige Rast machen und zahlte ihnen bereits hier die Subsistenzgelder aus. Als wir dann wieder Dafo hinter uns hatten, traten wir in Savannen von ziemlicher Ausdehnung ein, die auch nicht unfruchtbar schienen. Auch hier war das Land etwas hügelig, was ich der Nähe des Volta-Flusses zuschrieb. Da ich auf meinem Pferde vorausgeritten war, traf ich in dem Orte Agbonohoe schon vor der Karawane ein. Ohne Rast machen zu lassen, ging es dann nach Fesi weiter, wieder durch fruchtbare Elefantengras- und Imparatasavannen mit zerstreuten Bäumen und Sträuchern. Da der letzte Teil des Weges ziemlich von Unkraut überwuchert war, ließ ich den Häuptling von Fesi kommen und forderte ihn auf, den Weg reinigen zu lassen, was er sofort zu thun versprach, sobald seine Leute, die zu Arbeiten nach Kpandu gerufen waren, zurückkehren würden. Nachdem meine Karawane, welche unterdessen eingetroffen war, eine kurze Rast gemacht hatte und sich an Kokosnußmilch gestärkt hatte, ließ ich wieder aufbrechen, um durch Abehung und Alöe nach Kpandu zu gelangen. Die Vegetation und die Bodenverhältnisse blieben dieselben bis kurz vor Kpandu. Erst als wir in die Ebene, in der Kpandu liegt, hinabstiegen, wurde der Boden steiniger und offenbar unfruchtbarer. Von der Missionsstation aus konnten wir das Dorf und, auf einem hohen Felsen oberhalb gelegen, die Regierungsstation Kpandu bewundern. Ohne durch das Dorf hindurchzuziehen, ließ ich zur Station hinausmarschieren, wo wir kurz nach 9 Uhr anlangten. Da die Station nicht von Europäern bewohnt war und der farbige Assistent, dem die Verwaltung derselben übertragen war, in den dahinterliegenden Arbeiter- und Soldatenhäusern seine Wohnung hatte, nahm ich mit Herrn Thienemann von den beiden für Europäer bestimmten Räumen in dem Stationsgebäude Besitz. Unsere Lasten ließ ich ebendaselbst unterbringen. Die Träger und Trägerinnen wurden in verschiedene leerstehende Häuser des Stationshofes einquartiert. Bald sah es nun sehr lebendig auf der Station aus. Herr Thienemann und ich stärkten uns nach längerer Zeit einmal wieder an einem guten Glase Bier, das wir hier in Kpandu bekommen hatten. Ich ließ sofort das Essen fertigmachen, da ich die Absicht hatte, zur Volta hinüberzureiten, um auch das Thal des Flusses kennen gelernt zu haben. Gegen 11 Uhr ritt ich, gefolgt von einem Soldaten, der mir als Führer dienen sollte, zur Station hinaus. Unser Weg führte zunächst über den Hügelrücken, auf dem die Station gelegen ist. Von der Kante dieses Rückens, der plötzlich steil abfällt, hatten wir einen wundervollen Blick über das Thal der Volta, die sich in einiger Entfernung wie ein Silberfaden dahinschlängelte. Mit dem Pferde war der Abstieg in die Ebenen, welche sich unter uns hinstreckten, nicht leicht, besonders da der Weg an einigen Stellen mit Gerölle bedeckt war, auf dem das Tier keinen festen Halt hatte. Ich mußte daher während des ganzen Abstieges das Tier sehr vorsichtig führen. Als wir in der Ebene angelangt waren, machte sich bald eine Hitze bemerkbar, wie ich sie vorher erlebt zu haben mich nicht erinnern konnte; es war gerade, als ob wir vor einem Backofen standen. Die ganze Ebene trug den Charakter einer typischen Togo-Baumsteppe; das Gras war niedrig, kaum über 1½ Fuß hoch, von einigen Kräutern und Halbsträuchern wie Vernonia, Acalypha, Sopubia, Cycnium, Striga, Eriosemma, Cryptolepis nigritana etc., durchsetzt und war von zerstreut stehenden Bäumen überdeckt. Ganz besonders fiel mir hier der Reichtum an Butterbäumen auf, von denen häufig behauptet worden ist, daß sie ein brauchbares Guttapercha liefern, das aber, so viel ich erfahren, von sehr minderwertiger Qualität ist und einen so geringen Preis bringt, daß es sich kaum verlohnen würde, dasselbe einzusammeln. Da die Bäume außerdem nur einen kleinen Ertrag geben, so würde die Arbeit, welche mit dem Einsammeln dieses guttaähnlichen Produktes verbunden ist, sich wohl schlecht lohnen, denn, wie ich hörte, werden am Niger, wo man das Gutta auf Veranlassung der Niger-Compagnie einsammelte, die Bäume erst gefällt. In einem Lande wie Togo, wo nur wenig Wälder vorhanden sind und der Baumwuchs in den Steppen auch ein äußerst spärlicher ist, kann uns gar nichts daran liegen, die wenigen Bäume umzuschlagen, um dadurch eine Einnahme zu erzielen, die zu dem Schaden, der durch ein solches Vorgehen herbeigeführt wird, in keinem Verhältnisse steht. Als wir uns nach etwa 1½ Stunden der Volta näherten, hatten wir einige zur Zeit ausgetrocknete Bachbetten zu durchqueren, deren Ufer mit dichtem Gebüsch bedeckt waren. Die Vegetation einiger Sümpfe, die in der Nähe des Flusses lagen, ließ mich vermuten, daß der Boden salzhaltig sein müsse, denn mit wenigen Ausnahmen traten dort nur ausgeprägte halophile Typen auf. Gegen 1 Uhr erreichten wir endlich die Volta selbst bei dem kleinen Flecken Dogbadja. Nach meiner Schätzung war der Fluß etwa 300 m breit. Inmitten desselben lag eine Sandbank, auf der sich vorübergehend Fischer angesiedelt hatten. Ich war erstaunt, den riesigen Verkehr hier zu sehen. Allenthalben sah man kleinere und größere Canoes daherschießen, die ersteren durch Ruder, die letzteren durch große Segel fortgetrieben.
Nach kurzer Umschau an der Volta ließ ich mein Pferd wieder satteln und ritt dann zur Station Kpandu zurück. Da ich mein Pferd gehörig zur Eile angetrieben, um endlich die heiße Steppe hinter mir zu haben, langte ich schon früh am Nachmittage daselbst wieder an. Da ich in dem Dorfe Kpandu noch verschiedene Einkäufe machen zu können hoffte, benutzte ich die noch übrige Tageszeit zu einem Ritte dorthin. Viel war hier allerdings nicht einzukaufen, doch wurden wir durch einige Dinge, wie Zucker, Bier und andere Kleinigkeiten, wieder aus momentaner Verlegenheit befreit.
In den Faktoreien, die übrigens sämtlich unter Leitung von Farbigen standen, sah ich hier die auch als Silkrubber gehenden Kautschukkuchen, die nicht, wie ich schon oben erwähnt, von einer Kickxia gewonnen werden, sondern von der dickstämmigen Landolphiaart, welche ich bereits beim Liati gesehen hatte. Auch an den Bergabhängen hinter Kpandu hatte ich die Pflanze gefunden, aber auch hier ohne Blüten und Früchte, so daß ich nicht die Art feststellen konnte. Auf dem Kunya-Gebirge ist nach Angaben der Kautschuksammler diese Liane noch häufig, wird aber auch dort jetzt in einer Weise ausgebeutet, daß zu befürchten ist, daß sie nur noch kurze Zeit daselbst vorhanden sein wird.
Gegen 6 Uhr verließen wir am Morgen des 23. März die Station Kpandu, um im Dorfe die von mir am Tage vorher gekauften Sachen aufzunehmen; dann ging es unserem nächsten Ziele Misahöhe entgegen. Gleich hinter Kpandu betraten wir wieder eine trockene Baumsteppe, welche auffallend eben sich weithin auszustrecken schien. Offenbar war der Boden hier weniger fruchtbar als zwischen Wuropong und Kpandu, auch sah man von Eingeborenenkulturen recht wenig. In der sonnigen Steppe, wo das Laub der Schattenbäume fast gar keinen Schatten abgab, machte sich die Hitze des Tages bald unangenehm bemerkbar, so daß wir froh waren, als wir das Dorf Sobuesante erreichten, in dem wir eine kurze Rast machen konnten. Der Häuptling erschien auch sofort mit einem Huhn und einigen Kalebassen Palmenwein, welcher uns nach dem Marsche durch die trockene, heiße Steppe ganz besonders gut mundete. Nach kurzem Aufenthalt in diesem kleinen Dorfe setzten wir mit frischen Kräften unsern Marsch durch die Steppe fort, die denselben Charakter beibehielt wie vor Sobuesante. Es war ein heißer Tag, vielleicht einer der heißesten, welche ich auf der Togo-Reise zu durchleben hatte. Die Träger und Trägerinnen mit ihren schweren Lasten kamen nur langsam vorwärts. Kurz vor Mittag erreichten wir den Ort Bevi, an dem der Daï-Fluß dicht vorbeifließt. Auch hier kam der Häuptling mit einem kleinen Geschenke, um uns zu empfangen. Da die Hitze des Tages eine zu drückende war und ich befürchtete, daß von meinen Trägern einige übermüdet werden könnten, ließ ich in Bevi eine zweistündige Rast machen, so daß die Leute genügend Zeit hatten, ihre erhitzten Körper im Flusse gehörig abzukühlen. Der alte Häuptling schien ein sehr bescheidener Mensch zu sein und nicht viel Achtung zu genießen. Sobald er Geschenke mit mir gewechselt, setzte er sich in der Nähe unter einen Ficusbaum und betrachtete das Leben und Treiben aus der Entfernung. Zu allerdings unverschämten Preisen wurden hier meinen Leuten getrocknete und gedörrte Fische zum Kauf angeboten. Die Eingeborenen fangen dieselben im Daï-Flusse und benutzen sie im Tausche mit den durchziehenden Karawanen. Da ich aber hörte, daß sie unseretwegen die Preise hochgeschlagen hatten, befahl ich meinen Leuten, zu dem geforderten Preise keine Fische zu kaufen. Das half insofern, als nun die Leute von Bevi auch von ihren unverschämten Preisen Abstand nahmen und normale Preise forderten, zu welchen meine Leute verschiedenes erstehen konnten.
Während des Marsches von Bevi nach Vime wurde die Hitze in der ausgedörrten Steppe fast unerträglich. Erst als wir uns Vime gegen 4 Uhr näherten, gewann die Gegend an Interesse. Der Boden wurde wieder fruchtbarer, hier und dort hatten die Eingeborenen Farmen angelegt, auf denen wir wiederholt größere Komplexe mit Baumwolle bepflanzt sahen. Im Dorfe Vime, wo ich eine Rast von etwa einer Viertelstunde machen ließ, sahen wir wieder verschiedene Prachtexemplare von Ficus Vogelii. In der Nähe unseres Lagerplatzes standen einige Kokospalmen und einige Stauden Zuckerrohr, welche sehr üppig aussahen. Nach weiteren 20 Minuten Marsch durch fruchtbares, ebenes Terrain gelangten wir nach We-Demme, wo ich mein Nachtquartier aufzuschlagen beschlossen hatte. Nach der Begrüßung des Häuptlings, der mit seinem ganzen Gefolge vor meinem Zelte erschien, um seine Geschenke zu bringen, machte ich einen Rundgang durch das Dorf, wobei ich Gelegenheit hatte, einige Webereien in Augenschein zu nehmen. Die Leute können mit ihren Webstühlen nur schmale Streifen Zeug weben, die dann zu breiten, äußerst haltbaren Tüchern zusammengenäht werden. Das Drehen der Fäden, das ich besonders in Boëm schon zu beobachten Gelegenheit hatte, bringen die Leute an einer Handspindel mit großem Geschicke zu stande. Ist ein solcher Faden von der gewünschten Länge fertiggestellt, so wird er erst etwas angefeuchtet und dann gespannt, was entweder durch Umspannen zwischen zwei oder mehreren Bäumen geschieht oder dadurch, daß an den zusammengelegten Fäden ein größeres Gewicht aus Steinen angehängt und dadurch die nötige Spannung erzielt wird. Die Weber arbeiteten hier sowohl wie in den benachbarten Häusern zumeist in Gesellschaft, in offenen Schuppen, die gewöhnlich zwei Webstühle umschlossen. Von den Eingeborenen werden diese festen, im Lande selbst gewebten, allerdings auch bedeutend teureren Stoffe den in Europa verfertigten meist minderwertigen Artikeln bedeutend vorgezogen. In der Nähe des Dorfes sah ich auch hier in dem Busche wieder einige Exemplare der dickstämmigen Liane, welche den Kpandu-Silkrubber liefert. Am Abend veranstaltete der Häuptling von We-Demme vor meinem Zelte uns zu Ehren einen Tanz der jungen Männer und Weiber, dem ich mit Herrn Thienemann beiwohnte.
Fetischhäuschen im Dorfe Bevi.
Gegen 6 Uhr früh am 24. März waren wir wieder auf dem Wege über hügeliges Terrain, das sich wegen seiner Fruchtbarkeit bei Anlage von Baumwollplantagen auch empfehlen dürfte, und ganz besonders, da hier schon jetzt das Centrum der Baumwollkulturen für die Agome-Region liegt. Wir marschierten durch die nahe bei einander gelegenen Dörfer Leglebi-Fiapi und Leglebi-Duga und darauf, in bergigere, bewaldete Regionen eintretend, nach Kame, das uns ja schon von der Reise landeinwärts her bekannt war. Unsere Träger und Trägerinnen, welche hier in Kame viele Freunde und Verwandte hatten, gerieten außer sich vor Freude, als sie wieder in die ihnen wohlbekannte Gegend eintraten. Gern hätte ich mit angehört, was sie den Kame-Leuten erzählten, denn diese rissen nicht selten vor Erstaunen die Augen weit auf. Ganz besonders aber schien es unser Koch Quodjo zu verstehen, seine Erlebnisse auszuschmücken, denn um ihn sammelte sich bald ein großer Zuhörerkreis, in dessen Mitte er sich wie ein junger Gott bewundern ließ, nicht achtend auf das Kichern der Reisegenossen, die sich über die Erfindungsgabe des Burschen nicht genug amüsieren konnten. Nach kurzem Aufenthalte in Kame ließ ich bis Agome-Tongbe weitermarschieren, wo ich eine Frühstücksrast machen ließ. Auf dem bereits beschriebenen Wege über den François-Paß gelangten wir dann alle frisch und munter gegen 11 Uhr wieder in Misahöhe an, wo mich Dr. Gruner aufs freundlichste aufnahm.