Da nun der Kontrakt mit meinen Trägern und Trägerinnen abgelaufen war, entließ ich noch am Vormittage die ganze Gesellschaft, nachdem sie außer ihrem Lohne noch den üblichen kleinen „Dash“ erhalten hatten. Herr Dr. Gruner sorgte gütigst sofort wieder für neues Trägerpersonal, das er, da ich nun nur eine kleine Rundreise im Agome-Gebirge unternehmen wollte und daher nur zehn Träger benötigte, aus Agome-Tongbe beorderte. Herr Thienemann, welcher begierig war, zu sehen, ob auf der Agu-Plantage alles beim Rechten sei, brach am Nachmittag dorthin auf, nachdem wir vorher verabredet hatten, daß er bis zum Abend des nächsten Tages wieder nach Misahöhe kommen würde, sofern er sich kräftig genug dazu fühlte, denn sein Gesundheitszustand erschien nicht sehr gut. Ich verblieb auf der Station, wo ich den Rest des Tages in Dr. Gruners und Herrn Frankes angenehmer Gesellschaft verbrachte.

Am Sonntag, den 25. März, ritt ich bald nach Frühstück nach Palime, wo ich hoffte, noch meine Lebensmittel durch Ankauf etwa dort vorhandener etwas ergänzen zu können. Fast in Palime angelangt, traf ich auch die Herren Meyer und v. Bruch, welche eben nach Misahöhe hinüberreiten wollten, um Herrn Dr. Gruner einen Besuch abzustatten. Als ich ihnen meine Absichten mitteilte, kehrten sie auch wieder nach Palime zurück, wo wir nun zusammensuchten, was an Eßwaren abzugeben war, um dann gemeinsam nach Misahöhe zu reiten, wo wir gegen Mittag eintrafen. Ich ließ am Nachmittag noch die verschiedenen Lasten zusammenpacken und bereit legen, welche ich auf der Rundreise im Agome-Gebirge zu benötigen glaubte. Den Abend verbrachten wir in sehr interessanter Unterhaltung mit Dr. Gruner und Herrn Martin von der Baseler Mission, der auch auf der Durchreise war und die Gelegenheit benutzte, mit Dr. Gruner über verschiedene Fragen eingehende Rücksprache zu nehmen. Es war äußerst interessant zu sehen, wie genau Dr. Gruner in jedem Winkelchen seines Distriktes Bescheid wußte, und wie er gewissermaßen die Seele des Distriktes war, ein jeder, groß und klein, kam, um sich bei ihm Rat zu holen, und überall wußte er zu helfen. Noch spät an jenem Abend kam ein Eilbote von Herrn Thienemann, welcher einen Brief desselben für mich brachte mit der Nachricht, daß er erst am nächsten Morgen eintreffen werde.

Als Herr Thienemann gegen 7 Uhr am Morgen des 26. März erschien, war auch ich bereits fertig zum Aufbruch. Die Träger, unter denen wieder sieben Trägerinnen waren, waren der Aufforderung gemäß schon am Abend erschienen, und so stand unserem Aufbruche nichts mehr im Wege. Doch bald stellte sich heraus, daß Herr Thienemann, der heftig fieberte, nicht im stande sein würde, die beschwerliche Reise, bei der wir fast kaum Pferd oder Hängematte benutzen konnten, da die Wege über steile und felsige Bergrücken gingen, mitzumachen. Schwer folgte er Dr. Gruners und meinem Rate, zurückzubleiben und sich tüchtig zu erholen. Ich hatte die Träger unter Leitung des Agu-Headmans bereits nach Tongbe vorausgeschickt und den Leuten einschärfen lassen, daß sie sich wieder sammeln müßten, sobald meine Signalpfeife in Tongbe erschallen würde. Begleitet von dem Koch Quodjo und meinem Jungen Afue, verließ ich die Station erst um 10 Uhr. Auf dem schon zweimal zurückgelegten Wege ritt ich nun über den François-Paß nach Tongbe hinüber, wo ich die Trägertruppe zusammenrief, um ihnen die Subsistenzgelder zu geben, damit sie sich in ihrem Heimatsdorfe mit Eßvorräten versehen könnten. Da wir von Tongbe über schlechte Wege nach Ashanti-Kpoeta zu marschieren beabsichtigten, so schickte ich meinen Jungen Afue mit dem Pferde nach Leglebi-Abesia, wo ich ihm befahl, spätestens am nächsten Morgen einzutreffen, da ich glaubte, in der Zeit über das Gebirge dorthin zu kommen. Um 11 Uhr brach ich dann mit meiner Karawane selbst auf. Dicht hinter Tongbe stieg der Weg ziemlich steil an über einen grasigen Rücken. Einige ebenere Teile dieses Gebietes und besonders einige der feuchteren Thäler dürften sich für Baumwoll- und Tabakkultur eignen, während die bewaldeten Rücken mir für Kickxiakultur wie geschaffen erschienen. Es war eine grausame Tour über diese Berge und Thäler für die Leute mit ihren Lasten; steile Berge und tiefe Thäler wechselten beständig. Nur selten konnten wir über ebeneres Terrain marschieren. In den Wäldern waren falsche Kickxien und Landolphien, die guten Kautschuk gaben, häufig anzutreffen. Bei etwaigen Kulturanlagen hier in dem Gebiete, das zum größten Teile Besitz des Herrn Sholto Douglas ist, wäre es wohl wünschenswert, daß man diese Lianen möglichst schonte, denn wenn einmal vorhanden, bedürfen sie gar keiner Pflege mehr und dürften bei vorsichtigem Anzapfen doch immerhin eine gute Nebeneinnahmequelle der Plantage bilden. Nach Überschreiten verschiedener Bäche, unter denen der Avhliva-Bach der bedeutendste war, gelangten wir an den Rand eines großen Thalkessels, in dem die Kpoeta-Dörfer zu sehen waren. Der Abstieg in diesen Kessel war recht beschwerlich und konnte nur langsam vor sich gehen. Unten angekommen, erreichten wir bald das Dorf Akhim-Kpoeta, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, und nach weiterem kurzen Marsche das heutige Endziel unserer Reise, Ashanti-Kpoeta. Es war auffallend, daß sich bei unserem Einzuge daselbst keine Menschenseele sehen ließ. Ich ließ ruhig unter einem großen Lecaniodiscus-Baume einen Platz reinigen und forderte dann die Träger auf, sich mit den Kpoeta-Leuten anzufreunden und sich ein Nachtlager in den Hütten zu suchen. Da meine Träger aus der näheren Umgebung stammten und auch Bekannte unter den Kpoeta-Leuten hatten, war auch dieses bald gethan, doch immerhin blieb es merkwürdig, daß die sämtlichen Leute in ihren Häusern verblieben. Ich schrieb dieses Verhalten nicht dem bösen Willen zu, sondern der Furcht vor den Weißen, und wunderte mich daher auch nicht, als mein Koch und der Headman kamen, um mir mitzuteilen, daß die Leute mir weder Eier noch Hühner verkaufen wollten. Es ist unter den Negern Afrikas eine allgemein verbreitete Ansicht, daß ein böser Zauberer im stande ist, jemandem Böses anzuthun, sobald er in Besitz eines Gegenstandes kommt, welcher dem Betreffenden gehört. So erklärte ich mir häufig auf meinen Reisen die Abneigung der Eingeborenen, dem Europäer irgend welche Artikel zu verkaufen, obgleich er doch häufig eine für seine Verhältnisse sehr hohe Bezahlung dafür bekommen würde. Hier in Kpoeta vermutete ich ähnliches. Wie ich erwartet hatte, hieß es, niemand sei da. Den Nachmittag benutzte ich dazu, um das Terrain, auf dem die Kpoeta-Dörfer erbaut sind, näher in Augenschein zu nehmen. Der größere Teil der Fläche bei Ashanti-Kpoeta besteht aus sehr fruchtbarem Boden, der für ausgedehnte Kulturen wohl geeignet wäre. Die sämtlichen Wälder des Agome-Gebietes sind für Kickxia-Anpflanzungen wohl ohne Zweifel sehr gut geeignet und infolge der einfachen Transportverhältnisse zur Küste besonders für ein derartiges Unternehmen zu empfehlen. Gerade die doch nicht unbedeutenden Transportunkosten sind es, welche bei irgend welchen kolonialwirtschaftlichen Unternehmungen fast alle Distrikte im Innern mit Ausnahme des Misahöhe-Distriktes ausschließen. Was würde es nützen, wenn wir wissen würden, daß irgend welche landwirtschaftlichen Produkte im Innern reichlich vorhanden sind oder angezogen werden könnten, wenn sich die Transportunkosten höher stellen, als das betreffende Produkt wert ist. Mit Kautschuk und Kola wäre es nun allerdings etwas anders, da ersteres seines Wertes wegen einen Transport aus dem Innern wohl verlohnt, für Kolanüsse aber gute Absatzgebiete im Lande selbst vorhanden wären.

Später erschienen Kpoetaleute um mir Geschenke zu bringen, doch war ich erstaunt, daß sich der Häuptling nicht sehen ließ. Als ich mich am Abend bereits schlafen gelegt hatte, kam endlich ein alter Neger mit einer ganzen Schar von Leuten, um mir Geschenke zu bringen. Da ich nicht die Absicht hatte, mich nochmals anzukleiden, ließ ich ihm sagen, er solle nur am nächsten Morgen zeitig wiederkommen, jetzt sei es schon zu spät.

Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne aufgegangen, kam die ganze Gesellschaft wieder mit ihren Geschenken. Der alte Mann bat nun um Entschuldigung, daß man mir kein Huhn geschickt habe, doch es gäbe in letzter Zeit keinen richtigen Häuptling mehr bei ihnen, und daher habe niemand gewußt, wer die Sache übernehmen solle, nun seien sie gekommen, alles wieder gut zu machen. Ich bekam dann vier Hühner und eine Anzahl Yamsknollen sowie Reis als Geschenk, das ich durch ein Geschenk von Tabak zur großen Freude der Leute erwiderte.

Feigenbäume im Dorfe Bevi.

Von Ashanti-Kpoeta um 6 Uhr aufbrechend, stiegen wir wieder langsam auf die Berge und gelangten dann in ein ziemlich zerrissenes, dicht bewaldetes Terrain, auf dem die falsche Kickxia wieder einer der hauptsächlichsten Urwaldbäume zu sein schien. Auch Landolphien und Strophanthus, besonders die erstere häufig, waren anzutreffen. Nachdem wir verschiedene Thäler überschritten hatten, gelangten wir auf ein ziemlich großes, dicht bewaldetes Plateau, von dessen Rande aus wir eine wundervolle Aussicht über die Leglebi-Ebene bis hinter Kpandu und zum Kunya-Gebirge hatten. Ich ließ hier eine kurze Rast machen, um dann den sehr schwierigen steilen Abstieg zu beginnen, der für die Leute mit ihren Lasten nicht ohne Gefahr war. Der ganze steile Bergabhang war mit dichtem Buschwald bedeckt, der so niedrig war, daß die Lasten der Leute nicht selten zwischen den Zweigen festsaßen, so daß schon deshalb ein vorsichtiger Abstieg geboten war. An vielen Stellen war der Pfad so steil, daß ich mich wundern mußte, daß alle Leute, ohne Schaden erlitten zu haben, schließlich unten in der Ebene anlangten. Die Ebene, welche wir nun zu durchziehen hatten, bevor wir Leglebi-Abesia erreichten, war offenbar sehr fruchtbar, besonders in der Nähe des Gebirges. Da, wo nicht Wald das Terrain bedeckte, war es dicht mit den riesigen Halmen des Elefantengrases bewachsen. Überall zeigte sich eine wunderbare Üppigkeit. Kurz nachdem wir das ehemalige nun abgebrannte Dorf passiert hatten, zogen wir in dem neuen Leglebi-Abesia ein. Afue mit dem Pferde war bereits am frühen Morgen eingetroffen und hatte schon für ein schattiges Haus für mich gesorgt, da das erst in jüngerer Zeit wieder aufgebaute Dorf noch gar keine Schattenbäume besaß, unter denen man einigermaßen vor den Strahlen der Sonne geschützt gewesen wäre. Ich hatte mit Herrn Thienemann verabredet, daß er, falls eine Besserung in seinem Gesundheitszustande eintreten sollte, mir nach Leglebi-Abesia nachkommen solle, doch war von ihm hier nichts zu sehen noch sonst eine Nachricht für mich eingelaufen. Ich machte hier einige kleine Ausflüge, um mich über die Kautschukverhältnisse der Wälder zu orientieren, fand aber die Aussagen der Eingeborenen, daß die Lianen meist schon ausgeschlagen seien, bestätigt. Am Nachmittage setzten wir auch über kulturfähiges Land unsere Reise nach Leglebi-Fiapi fort und machten dann in Leglebi-Duga Halt, um unser Nachtlager daselbst aufzuschlagen.

Zeitig am Morgen des 28. März ließ ich wieder aufbrechen. Über Kame ging es in die Kame-Schlucht hinein, wo ich mich plötzlich über Hämmern und Schlagen in der Nähe wundern mußte. Als wir uns dem Tii-Flusse näherten, sah ich dann zu meiner Überraschung, daß Dr. Gruner mit Tongbe-Leuten im Begriffe stand, eine Brücke über den zur Regenzeit nicht selten unpassierbaren Bach zu bauen. Auch er hatte mich noch nicht zurückerwartet. Ich ließ meine Leute nun hier rasten, um mit Dr. Gruner einige Zeit verweilen zu können. Herr Thienemann und Herr Franke erschienen auch bald auf der Bildfläche. Ersterer sah furchtbar angegriffen aus. Die ungewohnte lange Boëm-Reise hatte ihn offenbar mehr angegriffen, als er sich selbst eingestehen wollte. Meine Karawane schickte ich gegen Mittag nach Tongbe voraus und folgte dann selbst mit Herrn Thienemann am Nachmittage. In Agome-Tongbe trafen wir mit den Herren aus Palime zusammen, die auf der Reise nach Kpandu waren, um daselbst in den Faktoreien ihrer Firmen Inventar aufzunehmen. Um 3 Uhr ließ ich die Karawane wieder zusammentreten und nach Misahöhe aufbrechen, wo wir bald darauf eintrafen. Herr Dr. Gruner und Herr Franke erschienen kurz nach uns. Noch am Nachmittage lohnte ich meine Träger und Trägerinnen ab und schickte sie wieder nach Tongbe zurück, da Dr. Gruner für die Reise nach der Küste bereits neue Leute für mich bestellt hatte.

Bei dem rastlosen Arbeiten des Herrn Dr. Gruner war es nach seiner Krankheit durchaus notwendig, daß er sich eine kurze Erholung gönne und sei es nur für einige Tage. Ich setzte daher alle Hebel in Bewegung, um ihn zu bewegen, mich nach Amedjovhe zu begleiten, wohin er schon längst eine kleine Erholungsreise zu machen beabsichtigt hatte. Zu meiner Freude war er schließlich doch dazu bereit, falls ich bis zum 30. März auf ihn warten würde. Gern willigte ich natürlich darin ein, denn eine Reise mit ihm mußte für mich von ganz besonderem Interesse sein. Schon am Abend des 28. März kamen meine neuen Träger (fünf ausgesucht starke Männer aus Kpime) an. Am 29. März ritt ich zusammen mit Dr. Gruner zur Kame-Schlucht, wo er den Brückenbau leiten wollte. Soweit dieses in meinen Kräften stand, half ich ihm dabei. Am Nachmittage war dann die Sache so weit gediehen, daß wir die Eingeborenen allein die Arbeit fortsetzen lassen konnten.