Am nächsten Morgen stand die Karawane schon um 5 Uhr reisefertig da. Um 7 Uhr ließ ich noch einmal bei einem Farmdorfe eine kurze Frühstücksrast machen und ritt dann nach Lome voraus, wo ich um 10½ Uhr eintraf, während meine Karawane um 11 Uhr anlangte. Ich traf umgehend meine Vorbereitungen zur Abreise und erledigte einige mir von Dr. Gruner mitgegebene Aufträge. Den Abend verbrachte ich noch in einer gemütlichen Gesellschaft bei Herrn Dr. Wendland.
Pünktlich erschien gegen Mittag am 7. April der Dampfer „Eduard Bohlen“, der mich nach Europa bringen sollte. Gern wäre ich noch länger in Togo geblieben, wenn ich mir nicht hätte sagen müssen, daß in Europa viele Arbeiten während der Monate meiner harrten, welche ich daselbst zu verbringen gedachte. Die Fahrt durch die Brandung verlief auch glücklich, obgleich dieselbe nicht ganz gefahrlos war. Um 2 Uhr lichtete der Dampfer die Anker, und fort ging es, der Heimat zu.
In den ersten Tagen der Heimreise verlief unsere Fahrt noch einigermaßen zu unserer Zufriedenheit, doch bald verringerte sich die Geschwindigkeit immer mehr, so daß wir mit der Zeit unsere Ankunft in Europa immer weiter verschieben mußten. Die Fahrt war keineswegs eine gemütliche und zufriedenstellende, so daß alle Passagiere aufatmeten, als wir am 1. Mai mit einer fünftägigen Verspätung in die Elbe eindampften.
VI. Kapitel.
Allgemeines und Untersuchungen.
Als kurz nach der Entdeckung Amerikas nach Europa die Kunde gelangte, daß die Eingeborenen von Haïti sich bei ihren Spielen kleiner elastischer Bälle bedienten, die aus dem Safte von Bäumen hergestellt wurden, da konnte wohl niemand ahnen, welche epochemachenden Entdeckungen später noch von diesem vegetabilischen Produkte abhängen sollten und welch ein begehrter Handelsartikel dasselbe noch werden sollte. Nach dem einheimischen Namen des Produktes Caú-cho bildeten sich in Europa bald die Worte Caoutchouc oder Kautschuk aus, und unter diesem Namen wurde es zunächst in Europa als Merkwürdigkeit bekannt. Nachdem man dann seine Fähigkeit entdeckt hatte, Bleistiftstriche auf Papier auszuradieren, wurde es in England allgemein Rubber oder India-Rubber genannt. Auch um Wasserdichtigkeit bei Stoffen zu erzielen, fand der Kautschuk schon vor Ende des letzten Jahrhunderts Verwendung; doch da noch nicht seine Vulkanisationsfähigkeit entdeckt war, hatte man solche Stoffe vor Wärme und vor allen Dingen vor Sonnenstrahlen zu schützen, da dieselben infolge der eintretenden Oxydation des Kautschuks klebrig wurden.
Auch in Indien und später in Afrika gelang es schließlich, Bäume und Lianen ausfindig zu machen, aus deren Milch man Kautschuk herstellen konnte. Es würde zu weit führen, wenn ich hier näher auf die Entdeckungsgeschichte der einzelnen Pflanzen eingehen würde; sie ist schon wiederholt genauer behandelt worden.
Nach der Entdeckung der wunderbaren Fähigkeiten des Kautschuks wuchs natürlich der Bedarf in unerwarteter Weise und mit ihm sein Wert. Infolgedessen suchten die Kautschuksammler die ihnen zugänglichen Kautschukgebiete möglichst auszubeuten, und so kam es, daß die Pflanzen in der rohesten Weise angezapft wurden, sogar derartig, daß ganze Bestände allmählich dahinstarben. Allerdings wurden bei dieser gewissenlosen Ausbeutungsmethode in den folgenden Jahren riesige Quantitäten in den Handel gebracht, doch zeigte sich sehr bald in den darauf von Jahr zu Jahr geringer werdenden Mengen das Endresultat. Mit Ausnahme des Congostaates sind in Afrika die sämtlichen Kautschuk liefernden Kolonien in ihrer Produktion zurückgegangen. Bei dem Congostaate ist das entgegengesetzte Faktum nicht etwa in einer vorsichtigeren Behandlung der Kautschukbestände zu suchen, wie man häufig versucht hat, die Sachlage darzustellen, sondern ist einzig und allein durch das Erschließen immer neuer Gebiete zu erklären. Es werden zwar von der dortigen Regierung den übrigen Handelsgesellschaften, welche Kautschuk exportieren, gewisse Verpflichtungen auferlegt, wie z. B. Anpflanzen neuer Bestände etc., doch erstens werden diese Verordnungen keineswegs sehr streng genommen, zweitens aber dürften lange nicht genügend Sämlinge beschaffbar sein, um die daselbst im Innern allgemein stattfindenden Verwüstungen wieder gut zu machen. Wenn man sieht, wie bereits seit Jahren z. B. in der Lagos-Kolonie der Engländer sowie an der Goldküste die Produktion von Kautschuk infolge des unverantwortlichen Vorgehens der Kautschuksammler zurückgegangen ist, so muß man sich wundern, daß nicht schon lange durch Anpflanzungen dieser Schaden gut zu machen versucht worden ist. Dass man bei solchen Anpflanzungen vor allen Dingen Bäume, welche Kautschuk liefern, den Lianen vorziehen sollte, ist leicht dadurch zu begründen, daß die Lianen erst nach langen Jahren anzapfbar sind und selbst dann nur geringere Quantitäten Kautschuk liefern; außerdem aber lassen sich bei ihnen nicht so leicht Vorkehrungen treffen, um schadloses Anzapfen möglich zu machen. Der Abbau solcher Bestände wird daher stets ein mehr oder minder ausgeprägter Raubbau bleiben. Ganz anders liegen die Verhältnisse bei den Bäumen. Dieselben weisen ein viel schnelleres Dickenwachstum auf und geben entschieden viel größere Quantitäten Kautschuk liefernder Milch. Es sollte aus diesem Grunde nicht allein von Seiten privater Plantagengesellschaften alles versucht werden, ausgedehnte Kautschukplantagen zu schaffen, sondern es sollten auch derartige Unternehmungen in jeder Weise von der Regierung unterstützt werden. An der Goldküste haben im letzten Jahre die Engländer begonnen, dieser Frage ein besonderes Interesse entgegenzubringen, und dort bereits ausgedehnte Kickxia-Anpflanzungen angelegt. Da nun gerade von deutscher Seite viel, man könnte sagen am meisten zur näheren Kenntnis der für derartige Anlagen eventuell brauchbaren Kautschukbäume beigetragen ist, so wäre es doch recht betrübend für unsere Nation, wenn uns auch hierin wieder die Engländer zuvorkommen würden und so gewissermaßen wieder die Früchte deutscher Arbeiten und deutscher Forschungen genießen würden.
Betrachten wir einmal die in Afrika heimischen Kautschuk liefernden Gewächse in Bezug auf ihre Anbaufähigkeiten. Bei weitem der größte Teil des afrikanischen Kautschuks wird von Landolphia-Arten gewonnen. Da die Angaben der Sammler sich häufig widersprechen, ist man in vielen Fällen noch keineswegs genau unterrichtet über die Möglichkeit, aus dem Milchsaft einiger Arten wirklich Kautschuk zu gewinnen. Ganz besonders ist dieses der Fall bei den Arten mit großen Blüten, aus der Verwandtschaft der Landolphia comorensis, und es wäre daher sehr erwünscht, wenn die in Afrika lebenden Sammler gerade dieser Frage spezielle Aufmerksamkeit schenken und von den einzelnen Arten genau feststellen würden, ob sie Kautschuk liefern oder nicht. Als sicher Kautschuk gebend sind uns bisher aus Afrika die folgenden Arten bekannt:
1. Landolphia tomentosa A. Dew. aus Senegambien, welche die größte Menge des dorther stammenden Kautschuks liefern soll.
2. Landolphia Heudelotii D. C., welche vielleicht von L. tomentosa nur als Abart verschieden ist.