Meiner Ansicht nach kann nur da ein Abschälen der Rinde zum Zwecke der Kautschukbereitung in Betracht kommen, wo infolge zu hohen Alters oder übermäßiger Anzapfung- durch Anschneiden der Bäume gar kein und nicht genügend Kautschuk gewonnen werden kann.
Von den Pflanzen, welche im Rufe stehen, den Wurzelkautschuk von Angola und vom Congo zu liefern, hatte ich nur Gelegenheit, Carpodinus lanceolatus K. Sch. kennen zu lernen. Diese Pflanze wächst in sandigen, kurzgrasigen Savannen, in denen sie während des ganzen Tages den vollen Sonnenstrahlen ausgesetzt ist. Für eine Kolonie wie Kamerun kann sie also als anbaufähig gar nicht in Betracht kommen. Der Kautschuk, welcher von ihr gewonnen wird, ist keineswegs von so guter Qualität wie häufig geschildert wird. Überhaupt sind in neuerer Zeit die Angaben über die Güte dieses sowohl wie auch ähnlicher Produkte recht häufig übertrieben worden. Die Art der Gewinnung des Kautschuks von Carpodinus lanceolatus ist außerdem eine solche, die viele Arbeitskräfte erfordert, und daher schon wäre der Verdienst für den Europäer zu gering, wenn er nicht die fertige Ware von dem Eingeborenen kaufen kann, der die zur Herstellung derselben nötige Zeit und Arbeit beim Verkaufe nicht rechnet. Was die Pflanze aber besonders für Kulturen ungeeignet erscheinen läßt, ist ihre auffallende Empfindlichkeit gegen jede Wachstumsstörung. Selbst Wurzelstöcke von bedeutender Länge sterben bei leichter Verletzung bald ab, vielleicht an Verblutung durch Austreten des Milchsaftes. Während meines Aufenthaltes in Dolo-Ebenen am Stanley-Pool habe ich diesbezüglich die verschiedensten Versuche gemacht. Selbst Pflanzen mit über fußlangen Wurzelstöcken starben trotz reichlicher Bewässerung in wenigen Tagen ab. Keinen besseren Erfolg hatte ich beim Ausstechen von Rasenstücken mit Carpodinus, die etwa einen Fuß im Durchmesser hatten. Die darin enthaltenen Pflanzen siechten auch allmählich dahin. Auch einige nach Kamerun geschickte Rasen und Wurzelstöcke starben trotz guter Pflege in Victoria wie in Buea langsam ab. Entgegen verschiedenen Behauptungen enthält der oberirdische Teil von Carpodinus lanceolatus keine Milch, die zur Bereitung eines guten Kautschuks verwendet werden kann. Ich habe denselben mit den verschiedensten Koagulationsmitteln behandelt und konnte doch nie ein besseres Produkt herstellen als von den als nicht kautschukgebend bekannten anderen Apocynaceen. Ich also kann diese Pflanze für Kulturen irgend welcher Art nicht empfehlen. Das aus den Wurzelstöcken gewonnene Quantum Kautschuks ist außerdem ein geringes und entspricht in keiner Weise der Mühe und Arbeit, welche zu seiner Herstellung erforderlich sind.
Nach den Angaben von verschiedenen Reisenden sollen im Kwango-Gebiete und Angola Wurzelkautschuk-Arten vorkommen, die ein wirklich gutes Produkt liefern, doch bin ich davon überzeugt, daß es sich dann um andere Pflanzen handeln muß als um Carpodinus lanceolatus. Einige getrocknete Wurzelstöcke des Carpodinus lanceolatus, welche ich im Berliner botanischen Museum untersuchte, zeigten auch nur geringe Spuren ihres Kautschukgehaltes.
Von den übrigen windenden Carpodinusarten, deren im Stromgebiete des Congo eine größere Anzahl vorkommt, ist mir keine begegnet, welche brauchbaren Kautschuk liefert. Die Milchsäfte sämtlicher Apocynaceen und Asclepiadaceen enthalten eine gewisse Quantität Kautschuk, doch ist bei fast allen eine so große Menge von Harzen vorhanden, daß die wirkliche Kautschuknatur der koagulierten Milch durch die zähen, klebrigen Harze vollständig verdrängt wird.
Mit Ausnahme der Ficus Vogelii sind bis jetzt aus Afrika noch keine Feigenbäume bekannt geworden, deren Milchsaft sich zur Kautschukfabrikation eignet. Bei allen diesen ist die Latex sehr stark mit Harzen vermischt, welche das durch die Koagulation gewonnene Produkt zu einem zähen Leim verwandeln, welcher sogar in einigen Gegenden Afrikas als Vogelleim verwendet wird. Hin und wieder werden von einigen Firmen der Westküste einige Tonnen dieses Stoffes nach Europa geschickt und finden dort, da sie ja selten kommen, in einigen Kautschukfabriken Absatz. Allerdings zu einem geringen Preise, da sie nur für wenige Artikel zu verwenden sind. So zum Beispiel, um Wasserdichtigkeit von Stoffen etc. zu erzeugen. Von einer unserer ersten Autoritäten in der Kautschukfabrikation erfuhr ich diesbezüglich, daß es billiger sei, durch Hinzufügung von Harzen, wie z. B. Kolophonium zu gutem Kautschuk, diese vogelleimähnliche Masse in Europa herzustellen, als sie von Afrika zu importieren, wo dann noch die Frachtspesen etc. bezahlt werden müssen. Es scheint also, als ob für das Produkt jener Ficusarten kein großer Absatz zu erwarten ist. Anders würde es allerdings sein, wenn nicht mehr genügend guter Kautschuk auf den Markt gebracht werden würde, dann müßte man natürlich auch diesen mit Harzen vermischten Kautschuk verwenden, um den besseren Kautschuk für besondere Artikel verarbeiten zu können. In einer Kautschukfabrik sah ich einst ganze Fässer dieses klebrigen Produktes der Ficusarten, und hörte damals, daß dasselbe für die Herstellung verschiedener Artikel zu verwenden sei. Man hatte 1,50 Mark für das Kilo dieses Kautschuks bezahlt und teilte mir mit, daß sich bei diesem Preise eine Einfuhr nach Europa wohl bezahlt machen könnte. Wo also genügend solcher Ficusarten vorhanden sind, so daß von den in Afrika ansässigen Firmen diese Ware zum Preise von 75 Pfennigen pro Pfund auf den europäischen Markt gebracht werden kann, wäre es daher vielleicht empfehlenswert, dem Abbau der Ficuswaldungen (wie z. B. im Hinterlande von Inhambane) einiges Interesse entgegenzubringen, doch vorher ist es erwünscht, festzustellen, wie viel dieser Ware absetzbar sein würde.
Bei Ficus Vogelii liegen die Verhältnisse etwas günstiger. Diese Art liefert einen Kautschuk, der zwar nicht harzfrei ist, aber doch nicht klebt. Infolge seines doch noch bedeutenden Harzgehaltes hat dieser Kautschuk weniger Elastizität als der der Landolphien und Kickxia und kann nicht in derselben Weise verwendet werden. Er ist aber bedeutend besser als der anderer afrikanischer Ficusarten. Nach den Angaben verschiedener Reisenden wird aus der Ficus Vogelii in den Gebieten südlich des Niger viel Kautschuk bereitet. Ich habe selbst nie während meiner Reisen gesehen, daß Eingeborene aus dem reinen Milchsafte dieses Baumes Kautschuk anfertigten, noch habe ich von den Kaufleuten gehört, daß dieser minderwertige Kautschuk auch nur die geringste Rolle im Handel spielte. Daß häufig die Milch mit der der Kickxia elastica vermischt koaguliert wird und als reiner „Silk-Rubber“ in den Handel kommt, haben mir die Eingeborenen, welche doch derartige Fälschungen selbst vornehmen, wiederholt eingestanden. Ob der „Silk-Rubber“ durch diese Beimischung des Milchsaftes der Ficus Vogelii sehr leidet, habe ich nicht feststellen können, da ich keine Proben einer solchen Kautschukart gesehen. Die Kaufleute versicherten mir, daß sie mit Ausnahme grober Fälschungen an dem „Silk-Rubber“ nie Spuren gesehen haben, welche als derartige Milchsaftmischungen gedeutet werden könnten. Im Yoruba-Lande sowohl wie in unserer Kolonie Togo ist diese Ficusart sehr verbreitet, und daher wären leicht größere Quantitäten Milch zu erhalten. Es wäre daher wünschenswert, daß von seiten dort lebender Interessenten Versuche dieser Art unternommen werden würden. Ich konnte dieselben nicht ausführen, da mir im Yoruba-Lande wie in Togo keine Kickxiamilch, wenigstens nicht in der nötigen Quantität, zur Verfügung stand.
Ähnlich wie dieser Kautschuk von Ficus Vogelii ist der von einer bei Buea wachsenden Ficusart beschaffen, von der ich leider kein Fruchtmaterial besitze. Die Art gehört offenbar auch in die Verwandtschaft des Ficus Vogelii. Auch der aus ihr gewonnene Kautschuk ist infolge seines Harzgehaltes sehr wenig elastisch und wenig klebrig und dürfte daher auch nur geringe Preise erzielen. Natürlich, zu Anlagen ausgedehnterer Art sind diese beiden Ficusarten nicht geschaffen, da das aus ihnen gewonnene Produkt in größeren Quantitäten auf dem europäischen Markte wohl schwerlich Absatz finden dürfte. Wenn eine Vermischung mit dem Milchsafte der Kickxien oder Landolphien zulässig wäre, würden die Arten allerdings an Bedeutung gewinnen, da sie große Mengen Milchsaft geben. Als Alleebaum ist die Ficus Vogelii für Plantagen schon seines dichten Schattens wegen zu empfehlen. Die Buëa-Ficusart habe ich nur epiphytisch auf Bäumen angetroffen, doch beweisen Exemplare, welche ich nach Victoria brachte, daß auch sie im reinen Boden gedeihen würde. Für Kamerun scheint sich Ficus Vogelii dagegen nicht zu eignen. Das Klima scheint ihr zu feucht zu sein. Einige Stecklinge, welche ich von Lagos nach Victoria überführte, siechten, obgleich sie anfangs ganz gut anwuchsen, allmählich dahin. Auf Ficus elastica, welche auch in Kamerun angepflanzt ist, werde ich weiter unten Gelegenheit haben, näher einzugehen.
Als zuerst der Silk-Rubber von Lagos bekannt wurde, von dem es hieß, daß er von einem Baume herrühre, gelang es nach vielen Bemühungen, als Stammpflanze dieses Produktes die Kickxia zu ermitteln. Anfangs glaubte man stets, es hier mit der Kickxia africana zu thun zu haben. Bald aber wurden Behauptungen laut, daß die als Kickxia africana von Bentham beschriebene Pflanze keinen Kautschuk gebe. Diese Behauptung wurde von Dr. Preuß sowohl wie von Monsieur Chalot, dem Direktor des botanischen Gartens zu Gabun, bestätigt. Trotzdem wurde von englischer Seite noch stets behauptet, daß die Kickxia africana im Hinterlande von Lagos sowohl wie in der Gold-Coast-Colony guten Kautschuk liefere. Als ich damals aufgefordert wurde, die Kautschuk-Expedition zu führen, sollte eine der Aufgaben der Expedition sein, diese Frage endgültig zu lösen. Da, im Januar 1899, etwa 10 Tage vor meiner Abreise von Europa, traf Dr. Preuß aus Kamerun ein mit der Nachricht, daß er die Frage bereits gelöst habe. Am Mungo in Kamerun habe er die Kautschuk liefernde Kickxia gefunden und feststellen können, daß dieselbe spezifisch von der Kickxia africana verschieden sei; die Früchte sowohl wie die Blätter seien verschieden. Nun konnte auch festgestellt werden, daß die bisherigen Abbildungen der Kickxia africana falsch seien. Man hatte gewöhnlich die Früchte der Kautschuk liefernden Art zusammen mit Zweigen und Blättern der Kickxia africana abgebildet. Dr. Preuß beschrieb dann im Juli-Hefte des Notizblattes des Königlichen Botanischen Gartens zu Berlin noch in demselben Jahre die von ihm neu entdeckte Kickxia als Kickxia elastica und gab zugleich eine gute Beschreibung der beiden anderen bekannten Arten, der Kickxia africana Benth. und Kickxia latifolia Stapf, welch letztere besonders der Kickxia elastica nahe steht. Herr Dr. Stapf vom Kew Herbarium wies bald darauf hin, daß die afrikanischen Kickxiaarten nicht mit der von Blume aufgestellten Gattung Kickxia kongenerisch seien, wie Bentham glaubte, als er die erste afrikanische Art, Kickxia africana, beschrieb. Auf Grund einer Anzahl von ihm im Kew Bull. näher ausgeführten Merkmale trennte Dr. Stapf die afrikanischen Kickxiaarten ab und stellte die neue Gattung Funtuma auf, mit den drei Arten: F. africana, F. latifolia und F. elastica. Den Namen Funtuma leitete er von dem Namen der Fantis für die Kickxia „ofuntum“ ab. Wenngleich ich mit Herrn Dr. Stapf vollständig darin übereinstimme, daß die afrikanischen Arten von der malayischen Gattung Kickxia generisch verschieden sind, so habe ich dennoch in dieser Arbeit wie in meinen Berichten den Namen Kickxia beibehalten, da die Pflanze unter diesem Namen schon weit bekannt ist, während selbst in wissenschaftlichen Kreisen der Name Funtuma wenig Verbreitung gefunden hat.
Was nun die geographische Verbreitung der drei Kickxiaarten anbelangt, so ist Kickxia africana von Liberia an nach Osten vorgehend in den Wäldern bis Kamerun zu finden, von wo aus sie dann bis in das Gabun-Gebiet nach Süden vordringt. Kickxia latifolia ist bisher nur aus dem Stromgebiete des Mittelcongo und seiner Nebenflüsse bekannt. Die weiteste Verbreitung scheint Kickxia elastica zu haben. Ihr Verbreitungsgebiet scheint mit dem der Kickxia africana im Norden zusammenzufallen. Nach Süden aber dehnt es sich bis in die äußerste Südostecke des Kamerun-Gebietes am Sanga und Ngoko aus. Auch im Gabun-Gebiete in den Hinterländern von Corisko-Bai soll es letzthin geglückt sein, diese Art festzustellen. Im Congo-Gebiete sollen am Mungala-Flusse auch Kickxiabestände vorhanden sein, aus denen ein guter Kautschuk gewonnen wird, doch bedarf dieses Gerücht noch der Bestätigung. Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, daß es sich in dem Falle um eine andere Art handelt als um Kickxia elastica. In Ostafrika soll in letzterer Zeit auch eine Kickxia aufgefunden worden sein, doch habe ich Exemplare dieser Art noch nicht zu Gesicht bekommen.[1] Auffallend in der geographischen Verbreitung der Kickxia elastica ist der Umstand, daß es bis jetzt noch nicht gelungen ist, sie in Togo südlich von dem Kratschi-Distrikte nachzuweisen. Ob die bei Kratschi von dem Herrn Grafen Zech aufgefundene Kickxia wirklich zu Kickxia elastica zu rechnen ist, kann erst festgestellt werden, wenn Blüten vorliegen. Die an das Berliner botanische Museum gesandten Zweige, welche ich gesehen habe, enthalten weder Blüten noch Früchte.
Von den drei Kickxiaarten, welche somit bis jetzt aus Afrika bekannt geworden sind, enthält nur die Kickxia elastica einen Milchsaft, aus dem guter Kautschuk gewonnen werden kann. Das aus der koagulierten Milch der anderen beiden Arten gewonnene Produkt ist infolge seines sehr großen Harzgehaltes und seiner Klebrigkeit nur wie die Ficussäfte verwendbar, auf welche ich bereits oben aufmerksam gemacht habe.