Die einzigen Versuche, festzustellen, wie viel Milchsaft eine Kickxia im Jahre geben kann, dürften wohl diejenigen sein, welche ich am Ngoko unternahm, als es mir gelungen, daselbst ganze Bestände dieses wichtigen Baumes aufzufinden. Ich ließ damals einen etwa siebenjährigen Stamm von einem Fanti anzapfen, welcher ein sehr geschickter Kautschuksammler war und schon von seiner Heimat her die Kickxia sehr wohl kannte. Die Anzapfung geschah in der rohesten Art, doch so, daß die Cambiumschichten unter der Rinde des Stammes nicht beschädigt wurden. Der Ertrag war ein solcher, daß ich damals meine kühnsten Hoffnungen übertroffen sah. Es gelang, nicht weniger als gegen 3400 ccm Milchsaft von dem einen Baume zu gewinnen, aus denen sich gegen 2000 g Kautschuk herstellen ließen. Auf 150 ccm Milchsaft erhielt ich im Ngoko-Gebiete stets etwa 90 g frischen Kautschuks. Durch gutes Austrocknen dieses Produktes würden etwa noch 20% Wasser entfernt werden, so daß man aus 150 ccm Milchsaft 70 g guten Kautschuks erhalten würde. Auf der Reise nach Europa geht durch Oxydation und sonstige Schäden davon natürlich noch einiges verloren, doch wäre dennoch der Gewinn als ein recht vorteilhafter zu bezeichnen. Durch vorsichtigeres, wiederholtes Anzapfen wäre es nicht unmöglich, jährlich eine ebenso große Menge Milchsaft zu gewinnen, ohne dem Baume dadurch besonderen Schaden zuzufügen. Der von dem Fanti damals angezapfte Stamm, der allerdings vorher noch vollständig unversehrt war, hatte, als ich die Ngoko-Station etwa 1½ Monate später verließ, noch dasselbe gesunde Aussehen wie vorher. Ich muß allerdings hier hinzufügen, daß die Zeit infolge häufiger Regen für das fernere Gedeihen des Baumes günstig gewesen war. Um zu sehen, wie viel Latex die Leute täglich einzusammeln im stande sein würden, schickte ich zwei Leute aus. Dieselben brachten nach etwa neunstündiger Abwesenheit so viel Milchsaft ein, daß ich aus ihm etwa 2500 g Kautschuk anfertigen konnte.
Kickxia africana Bth.
A Blühender Zweig, B Kelchblatt von innen, C Längsschnitt durch die Blüte, D Antheren, E Fruchtknoten mit Griffel, F Frucht, G dieselbe im Querschnitt, H dieselbe aufgesprungen, J Samen, K Samenquerschnitt.
Über die Schnelligkeit des Dickenwachstums der Kickxia liegen bestimmte Angaben bis jetzt nicht vor. Ich habe versucht, einiges darüber festzustellen, konnte natürlich aber nur zu mehr oder minder vagen Vermutungen kommen. Unter den Leuten des Herrn Oberleutnant Dr. Plehn war es auch nur jener Fanti, welcher sich schon vorher in seiner Heimat mit Einsammeln von Kickxia-Kautschuk abgegeben hatte. Von diesem hörte ich, daß etwa sechsjährige Stämme anzapfbar seien und etwa zehnjährige beim ersten Anzapfen den reichsten Ertrag lieferten. Das Alter der Anzapfungsfähigkeit stimmte mit meinen Vermutungen überein; erstaunt war ich dagegen über die Mitteilung, daß ältere Bäume allmählich ganz aufhören sollten, Kautschuk zu liefern. Sowohl den Angaben, welche ich im Yoruba-Lande gesammelt, wie meinen eigenen Beobachtungen in der Ngoko-Region widersprach dieses entschieden. Die vier- bis fünfjährigen Stämme von Kickxia africana, welche ich auf der Küderlingschen Plantage bei Campo gesehen habe, die aber wohl infolge zu starker Sonne sich mehr buschartig entwickelt hatten, hatten trotzdem Hauptstämme von einem halben Fuß Durchmesser. Wenn man nun bedenkt, daß durch die unzähligen Seitenstämme und Zweige ein großer Teil der Wachstumskraft vom Hauptstamme abgelenkt wird, so ist wohl anzunehmen, daß bei regulärer Entwickelung die Stämme in diesem Zeitraum bedeutend dicker sein dürften. Hevea brasiliensis, eine Pflanze, welche auch anfangs mehr Längen- als Dickenwachstum aufweist, hat, nach den Exemplaren im botanischen Garten zu Victoria zu urteilen, auch nach fünfjährigem Wachstum schon recht ansehnliche Stämme gebildet. Ein solches Wachstum, wie ich es auf der Campo-Plantage bei den drei bereits früher erwähnten [elf Monate alten Bäumchen] von Kickxia elastica gesehen und hier abgebildet habe, dürfte allerdings nicht normal sein, doch beweist es, welche Wachstumskraft in der Pflanze steckt, sobald sie unter günstigen Verhältnissen aufwachsen kann.
Nach den Erfahrungen, welche uns jetzt betreffs Anlagen von Kickxia-Plantagen zu Gebote stehen, und das sind allerdings nur sehr geringe, scheint es, als ob die Pflanze durch Auspflanzen aus den Samenbeeten bedeutend leidet, und daher wäre es sehr wünschenswert, daß, sobald genügend Samen zu beschaffen sind, auch Versuche gemacht werden sollten, die Pflanze sogleich an Ort und Stelle auszusäen, ähnlich wie es jetzt auf vielen Kakaoplantagen mit der Kakaosaat gemacht wird. Die Pflanzen würden so nicht durch Verpflanzen in ihrem Wachstum gestört werden und schon früher genügend festen Fuß fassen, um besser äußeren Einflüssen Widerstand leisten zu können.
Was die Anzapfungsmethoden für Kickxia anbetrifft, so sind in den Ländern, wo dieser Baum ausgebeutet wird, bis jetzt nur zwei Arten der Gewinnung des Milchsaftes bekannt. Die eine derselben, das Umschlagen der Bäume, ist natürlich von vornherein verwerflich. In den Ländern, wo dieses geschieht, also hauptsächlich bei den Völkern im Osten und Nordosten des Kamerun-Gebirges um den Barombi-See herum, werden die Stämme umgeschlagen und mehr oder minder ihrer Kronen beraubt. Durch untergeschobene Steine oder Holzblöcke wird dann der gefällte Stamm ein wenig über den Boden gehalten und in mehr oder minder großen Abständen (gewöhnlich von etwa einem Fuße) werden quer um den Stamm herum Ringe ausgeschnitten. Der infolge dieser Verwundungen austretende Milchsaft wird in den unter den Ringen aufgestellten Gefäßen aufgefangen. Natürlich bleibt bei dieser Methode eine große Menge von Milchsaft in der dem Stamm noch anhaftenden Rinde zurück, und selbst durch nochmaliges Anzapfen der unversehrten Teile kann nur ein geringer Teil desselben herausgezogen werden. Natürlich ist diese Art von Raubbau, bei welcher auf Kosten einer unzureichenden einmaligen Anzapfung ein ganzer Stamm getötet wird, die verwerflichste Art der Kautschukgewinnung, welche bekannt ist, und daher wäre es sehr wünschenswert, wenn von seiten der Regierung Schritte gegen ein derartiges unverantwortliches Vorgehen seitens der Kautschuksammler gethan und eventuell durch strenge Strafen die an den Tag kommenden Fälle dieser Art von Ausbeutung der in unseren Kolonien vorhandenen Schätze gerügt würden. Schon Dr. Preuß hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht, daß der Kautschukbaum in der Nähe der Barombi-Station infolge dieser rohen Art der Gewinnung des Produktes fast gänzlich verschwunden sei. Ich weiß sehr gut, daß mir auf meinen Vorschlag geantwortet werden könnte, daß ein solches Vorgehen seitens der Regierung noch nicht möglich wäre, weil nicht genügend Europäer im Lande seien, um die Aufsicht über die Eingeborenen zu führen. Das ist aber kein Grund, das Verbot des Abschlagens der Kickxiastämme nicht zu erlassen, denn wenn ein solches nicht existiert, ist ein jeder Neger berechtigt, öffentlich in frevelhafter Weise die Bäume zu töten, während im anderen Falle bei den eventuell zu Tage kommenden Fällen durch die Bestrafung der Übelthäter ein Exempel statuiert werden würde, das auf die Negerbevölkerung jener Gebiete nicht ohne Eindruck bleiben würde.
Die andere, jetzt schon weit verbreitete Anzapfungsmethode bei den Kickxien ist die aus Amerika stammende Methode des Grätenschnittes. Um die schlanken Stämme der Kickxia ersteigen zu können, bedienen sich die Fantis eines ebenso praktischen wie vorzüglichen Kletterapparates. Derselbe besteht aus zwei Ringen, von denen der eine den Oberkörper des Hinaufkletternden und den Baumstamm zugleich umspannt, der andere aber nur um den Stamm geschlungen wird. Von beiden hängen in ungleicher Höhe gewissermaßen Steigbügel herab, welche zur Sicherheit als Ruhepunkt für die Füße dienen. Durch abwechselndes Emporschieben dieser beiden Ringe und der daran befindlichen Steigbügel erklettert der Fanti mit bedeutender Geschwindigkeit selbst hohe Baumstämme, sofern er im stande ist, mit seinen Ringen dieselben zu umspannen. Oben beginnend, wird zum Zwecke des Grätenschnittes zunächst eine Längsrinne aus der Rinde ausgeschnitten, in welche dann die verschiedenen zu beiden Seiten der Längsrinne aufsteigenden, den Stamm von jeder Seite halb umspannenden Querrinnen einmünden. Wenn man sich diese Rinnen plastisch dargestellt denken würde, so erhielte man also etwa das Bild eines Rückgrates mit den Rippen. In einem dicht oberhalb des Grundes des Baumstammes angebrachten Gefäße wird dann die Milch aufgefangen. Da die Eingeborenen beim Einschneiden der Rinnen in die Rinde meist nicht vorsichtig genug zu Werke gehen und daher die unter der Rinde liegenden Cambiumschichten versehren, gehen viele Exemplare der Kickxia schon nach einmaligem Anzapfen zu Grunde. Die Instrumente, welche ich mitgenommen hatte, d. h. die Messer und Äxte, auf welche ich die Blechhülsen aufsetzen konnte, um ein zu tiefes Eindringen der Schneide in die Rinde zu verhüten, bewährten sich daher sehr gut. Es ist allerdings bei Stämmen verschiedenen Alters nötig, diese Schneiden zu ändern, da die jüngeren Bäume eine dünnere Rinde haben als die älteren.
Eine dritte Methode, welche allerdings bis jetzt meines Wissens nicht versucht worden ist, aber empfehlenswert erscheint, ist die Pickiermethode. Ich konnte persönlich in dieser Hinsicht nur schwache Versuche machen, da sich der Pickierapparat, welchen ich mitgenommen, an der zähen Kickxiarinde als zu schwach erwies. Da schon bei Stichen von geringer Tiefe der Saft reichlich fließt, könnte man durch wiederholtes Pickieren jährlich eine nicht unbedeutende Menge Kautschuk gewinnen, ohne den Baum ernstlich zu verletzen. Der am Stamme herunterlaufende Milchsaft könnte, wie es beim Gewinnen des Para-Milchsaftes häufig gehandhabt wird, unten am Stamm durch eine Lehmrinne aufgefangen und in ein Gefäß hineingeleitet werden. Das am Stamm koagulierte Produkt müßte dann natürlich extra abgewickelt werden. Geschieht diese Art der Ausbeutung jährlich verschiedene Male, so dürfte sich wohl eine gute Ernte erwarten lassen, ohne daß der Baum in seinem Wachstum empfindlich gestört werden würde. Das Anzapfen der horizontal abstehenden Äste dürfte mit größeren Schwierigkeiten verknüpft sein, als das der senkrechten Stämme, und es werden sich in diesem Falle wohl keine anderen Methoden ausfindig machen lassen, als das Auffangen des Milchsaftes in darunter aufgehängte Gefäße. Zu diesem Zwecke würde es am vorteilhaftesten sein, in gewissen Abständen die Äste zu verwunden und unter jeder dieser Anzapfungsstellen ein Gefäß zum Auffangen des Milchsaftes anzubringen. Wie ich schon weiter oben angab, enthalten die noch nicht verholzten Teile der Kickxia elastica keinen Milchsaft, aus dem sich brauchbarer Kautschuk bereiten läßt. Es kommen beim Anzapfen der Äste und Zweige daher also nur die älteren in Betracht. An etwa senkrecht stehenden Ästen ließen sich natürlich auch die an den Stämmen praktizierten Anzapfungsmethoden zur Anwendung bringen.
Die Umwandlung des gewonnenen Milchsaftes in Kautschuk kann in verschiedener Weise betrieben werden. Nach den von mir selbst im Sanga-Ngoko-Gebiete erprobten Methoden dürfte sich das Kochen der Milch am besten empfehlen lassen. Zu diesem Zwecke müßte man sich irdene Gefäße anschaffen, da an den Metalltöpfen die sehr bald anhaftende Milch leicht anbrennt und dann eine schnelle Oxydation des Kautschuks zur Folge haben würde. Nachdem die zu koagulierende Milch, um ein zu schnelles Kochen und Anbrennen zu verhüten, mit der drei- bis sechsfachen Menge Wasser vermischt worden ist, muß sie in den irdenen Töpfen unter einem nicht zu scharfen Feuer langsam zum Kochen gebracht werden. Sobald sich dann ein zartes Häutchen auf der Oberfläche der kochenden Flüssigkeit bildet, muß sie stets durch Rühren in Bewegung gehalten werden, damit sich keine koagulierenden Teile an dem heißen Topf ansetzen können und daselbst anbrennen. Bald wird sich die Flüssigkeit in ein helles, milchiges Wasser und eine schneeweiße, flockige Masse gesondert haben, welche man nun behufs Abkühlung in ein Bassin mit kaltem Wasser wirft. Durch weiteres Kochen des Rückstandes wird sich derselbe infolge weiterer Koagulation allmählich klären und noch weitere Partikel der flockigen Masse absondern, die dann der bereits entfernten hinzugefügt oder für sich gehalten werden können, da sie gewöhnlich ein offenbar weniger gutes, wenn auch noch vorzüglich verwendbares Produkt darstellen. Sind die flockigen Massen genügend durchgekühlt, so werden sie am besten möglichst stark zusammengepreßt und in wurstähnliche Formen ausgezogen, wodurch die größte Menge des noch eingeschlossenen Wassers ausgepreßt und somit ein gleichmäßiges Material erzeugt wird. Nachdem so aus dem Kautschuk das Wasser soweit als möglich entfernt ist, werden jene wurstähnlichen Stücke zerschnitten und sollten dann eine geraume Zeit ausgetrocknet werden, ehe sie nach Europa verschifft, werden. Wenn es sich um Ausbeutung von Plantagen handelt, wo man dann größere Quantitäten Kautschuks zur Zeit anfertigt, wäre es vielleicht sehr praktisch, nachdem die erkaltete Masse in Kuchenform gepreßt ist, dieselbe behufs besserer Entwässerung durch eine Walze gehen zu lassen und dann die dadurch entstehenden Kautschukfelle hängend zu trocknen. Je dünner dann diese Felle hergestellt würden, desto schneller und besser würden sie natürlich durchtrocknen und dadurch die Güte des Kautschuks bedeutend erhöht werden, und desto besser würde sich der Kautschuk bei seiner Verschiffung nach Europa halten.