Nun wurde in Holland eine Vermehrung der Flotte auf 48 Schiffe zu 60–80 Kanonen, 24 kleinere, 24 Fregatten und 24 Brander beschlossen; diese Stärke ist auch nach und nach erreicht worden. Eine im April auf de Witts und Ruyters Antrag beschlossene weitere Verstärkung um 18 Schlachtschiffe konnte nicht mehr durchgeführt werden; der Verlauf des Landkrieges zwang später, noch im Jahre 1672, sogar zu einer wesentlichen Verminderung der Flotte. Gleichzeitig ward die Schiffahrt teilweise — nach Ostsee, Norwegen, England, Frankreich und durch den Kanal —, sowie die Ausfuhr von Kriegsmaterial und das Dienen der Untertanen in fremden Ländern verboten. Als bald darauf die Kriegserklärungen erfolgten (7. April), die Gegner zu Lande ihre Truppen an den Grenzen zusammenzogen und die Ausrüstung ihrer Flotten betrieben, ergriff man weitere Maßnahmen: die großen Kompagnien wurden ermächtigt, im Auslande die Schiffe und Besitzungen der Feinde anzugreifen; die Kaperei in europäischen Gewässern, besonders von den Seeländern gern betrieben, wurde jedoch untersagt und mit Gewalt unterdrückt (bis Ende 1672), um der Flotte Leute und Kriegsmaterial zu erhalten. Baken und Tonnen wurden eingezogen, für Bewachung der Einfahrten und der Küstenplätze mit Magazinen durch Fregatten, durch zahlreich aufgebotene kleinere Fahrzeuge sowie durch Sperren gesorgt. Durch Agenten und kleinere Schiffe ließ man den Fortschritt der feindlichen Rüstungen und die Schiffsbewegungen beobachten. Vor allem aber drängte de Witt auf Fertigstellung der Flotte. Bei der Schwäche der Republik zu Lande war es durchaus nötig, die Seeseite vor einer Landung zu schützen, und äußerst erwünscht, wenigstens zur See gleich einen großen Erfolg zu erringen. Nach de Witts Plan sollte die holländische Flotte den Gegnern zuvorkommen, womöglich nach dem Vorbilde des Jahres 1667 in die Themse und andere englische Häfen eindringen und die Schiffe dort vernichten oder der englischen Flotte, falls diese schon ausgelaufen wäre, folgen und sie schlagen, ehe eine Vereinigung mit den Franzosen stattgefunden habe; er scheint auch unter Umständen, z. B. bei hierfür günstigeren Windverhältnissen, einen ähnlichen Schlag gegen Frankreich (Brest) ins Auge gefaßt zu haben. Wenn nun auch der Rückstand in den Rüstungen die Durchführung dieses strategisch so wichtigen Planes vereitelte, so sollte doch Ruyter die Aufgabe, eine Landung zu hindern, glänzend lösen. Er leistete damit bei dem Verlaufe des Landkrieges seinem Vaterlande einen großen Dienst.
Die Bewegungen der Flotten begannen früher als der Einbruch der Feinde vom Lande her, wenden wir uns deshalb zunächst jenen zu.
Die Schlacht bei Solebay, 7. Juni 1672. Der Plan de Witts hatte verlangt, daß die holländische Flotte früher bereit war als die feindlichen. Wir sahen aber, daß überhaupt schon spät der Beschluß gefaßt war, eine große Flotte in Dienst zu stellen; nun traten noch Verzögerungen beim Ausrüsten und Auslaufen ein. Nur die Schiffe der Provinzen Hollands waren Ende April seeklar; in Friesland und Seeland fehlte Geld und es mangelte an Leuten; es stellten sich nicht genügend Matrosen, und die Soldaten waren zur Landverteidigung nötig — in Seeland soll die seemännische Bevölkerung über das Verbot der Freibeuterei erbittert gewesen sein. Die Regierung von Seeland machte auch Schwierigkeiten beim Auslaufen der fertigen Schiffe: Man wolle die eigenen Küsten nicht entblößen und die Schiffe nicht der Übermacht des Feindes aussetzen. Endlich erschwerten ungünstige Wasserverhältnisse das Auslaufen der in dem Vlie versammelten Schiffe Amsterdams und der schon am 3. Mai in Texel eingetroffenen Fahrzeuge der Maas. So kam es, daß Ruyter, trotz eifriger Unterstützung seitens de Witts und der Deputierten auf der Flotte, erst am 10. Mai imstande war, den allgemeinen Sammelplatz Texel mit 35 Schlachtschiffen (nur 1 von Friesland) zu verlassen; zwei Tage mußte er dann vor Seeland auf das Kontingent von dort, vorläufig nur 6 Schiffe, warten und wurde endlich weitere zwei Tage durch Nebel und Stille an der Küste festgehalten. Da inzwischen Aufklärungsfahrzeuge gemeldet hatten, daß die in der Themse ausgerüsteten Engländer den Fluß bereits am 12. verlassen hätten, ging Ruyter am 15. Mai nach den Downs hinüber. Er fand hier keine Feinde, erfuhr dagegen, daß bereits am 14. die Vereinigung der englischen und französischen Flotte bei Wight stattgefunden habe. Ruyters Order enthielt die Ausführung der erwähnten Absichten de Witts für die Verwendung der Flotte zu einem Schlage gegen England oder seine Streitkräfte vor einer Vereinigung der Gegner. Sollte diese aber schon stattgefunden haben, so sei eine Schlacht zu vermeiden, falls nicht die Umstände einen günstigen Ausgang sicher voraussehen ließen.
Der Admiral war am 15. vor Dover zu Anker gegangen, stürmisches Wetter hinderte bis zum 17. den Zusammentritt des Kriegsrates. In diesem wurde dann der Order entsprechend beschlossen, die Flotte zwischen den Wielingen und der Maasmündung, 5–6 sm von Land, zu halten und von dort je nach den Umständen zu operieren, bei der Übermacht des Feindes möglichst nur an der eigenen Küste zu fechten, um in den Gefechten beschädigte Schiffe leichter bergen zu können. Es beginnt damit die strategische und taktische Führung des Krieges holländischerseits, wie sie für den dritten Krieg kennzeichnend ist: Die flacheren Wassertiefen und die Sände der eigenen Küste als Ausgangspunkt einer Defensive mit kräftigen Offensivstößen zu machen. Gleichzeitig war es so leichter möglich, die noch in der Ausrüstung befindlichen Schiffe heranzuziehen; es sei vorausgeschickt, daß während der Bewegungen der Flotte vom 17. Mai bis 5. Juni der Bestand nach und nach auf die bei Solebay vorhandene Stärke gebracht wurde. Der größere Teil der neu hinzutretenden Schlachtschiffe wurde wieder von den Admiralitäten Amsterdams und der Maas gestellt. Obgleich nun Cornelis de Witt, der wieder einer der Deputierten war, seinem Bruder gemeldet hatte, daß die englische Flotte die Themse bis auf wenige Schiffe verlassen hätte und diese sich bei einem Angriff hinter die seit 1667 wesentlich verstärkte Stellung von Gravesend zurückziehen würden, kam der Ratspensionär doch immer wieder auf einen Vorstoß in die Themse zurück; er rechnete mit der moralischen Einwirkung auf die Bevölkerung Londons, wie sie das Vorgehen gegen die Schiffe und Arsenale im Medway 1667 hervorgerufen hatte. Um diesem Wunsche Rechnung zu tragen, beschloß der Kriegsrat am 20. Mai, wenigstens ein kleines Geschwader in die Themse zu senden. Ruyter ging zur englischen Küste hinüber, ankerte am 23. vor der Themsemündung beim Königstief und sandte am 24. van Ghent mit 15 leichteren Kriegsschiffen und Fregatten, 8 Brandern und 16 Avisojachten das Revier hinauf, während er das Gros bereit hielt, den feindlichen Flotten entgegenzutreten. Wie in der Flotte vorausgesehen, blieb das Unternehmen gänzlich ohne Erfolg; van Ghent sah sich noch an demselben Tage genötigt, es aufzugeben, auch stieß er infolge ungünstiger Umstände erst am 26. wieder zum Gros.
Die englischen Fahrzeuge, 6 kleinere Kriegsschiffe und 5 Brander, hatten sich hinter Sheerness zurückgezogen, und die Befestigungen erwiesen sich derartig verstärkt, daß nichts zu machen war. Der Rückzug wurde durch Gegenwind sehr erschwert, zumal da die Schwierigkeit des Fahrwassers infolge Verlegung der Seezeichen noch gewachsen war. — Die Expedition scheint wirklich nur, um dem Wunsche de Witts nachzukommen, unternommen zu sein, ohne große Hoffnung auf einen Erfolg zu setzen. Noch am 19. Mai hatte C. de Witt seinem Bruder geschrieben: „Wenn wir unbestrittene Herren der See wären, würde ich den Plan gutheißen, aber den Fluß hinaufzugehen mit einem so mächtigen Feinde im Rücken, halte ich für sehr gefährlich.“ Die ganze Flotte setzte man zwar nicht ein, aber leicht konnte van Ghents Geschwader als Opfer fallen.
Am 27. meldete eine Fregatte, sie habe tags zuvor die feindliche Flotte südlich von Godwinsand gesichtet. Da Ruyter plangemäß nur unter günstigen Umständen von der eigenen Küste aus fechten wollte, keineswegs aber auf Legerwall[182] der feindlichen, so führte er seine Flotte östlich bis zum Galloper und dann südlich zur holländischen Küste hinüber; hier hielt er sich, bei westlichem Winde an- und abstehend, zwischen Ostende und Walcheren. Schon am 29. kam die feindliche Flotte zu Luward in Sicht und blieb es fast ständig bis zum 31. Sie benützte aber die günstige Stellung nicht, folgte auf Parallelkursen außer Schußweite den Bewegungen Ruyters und kam am 31. aus Sicht.
Es ist aus den Quellen nirgend zu ersehen, weshalb der Herzog von York — Oberbefehlshaber der seit dem 14. Mai vereinigten Flotten — nicht angegriffen hat. Man muß annehmen, daß er während der Bewegungen der Holländer gegen die englische Küste durch die damals herrschenden östlichen Winde bei Wight festgehalten ist und daß er später durch seine Manöver den Gegner von der holländischen Küste hat abziehen wollen; auch soll er die Hoffnung gehabt haben, einen durch die Nordsee zurückerwarteten Convoi Ostindienfahrer abzufangen. Am 31. ging er in die Nordsee (bis zur Doggerbank?) und dann nach der Solebay (3. Juni), um Wasser und Proviant aufzufüllen. Ruyter hatte Gruppen von Fregatten zum Suchen des Feindes entsandt, war selbst mit der Flotte am 2./3. Juni bis Northforeland gesegelt und erhielt hier am 6. früh die Meldung, daß York in schlechter Ordnung und ungünstig auf Legerwall in Solebay läge. Sofort sah der Kriegsrat hierin eine der in der Order ausdrücklich erlaubten günstigen Gelegenheiten, den Feind anzugreifen — selbst an seiner Küste —, die eigene Flotte war ja wesentlich stärker geworden. Gleich nach diesem Beschluß brach Ruyter auf; östlicher Wind begünstigte die Fahrt und ließ erwarten, daß man den Feind auf Legerwall überraschen würde.
Die Zusammensetzung der Flotten ist bereits genauer gegeben (Seite [313], [318]); danach bestand:
| Über 40 K. | über 20 K. | kleinere u. Transporter | Brander | = | Kanonen | Besatzung | |
| Die englische: | 45 | 12 | 30 | 16 | = | 3376 | 22442 |
| Die französische: | 26 | 4 | 5 | 8 | = | 1724 | 10744 |
| Verbündeten = | 71 | 16 | 35 | 24 | = | 5100 | 33186 |
| Die holländische = | 61 | 14 | 22 | 36(44?) | = | 4484 | 20738 |