Dieses Verfahren entsprach wahrscheinlich einer Anordnung Ruyters, denn Bankers und seine Seeländer waren kampflustige Männer. Ruyter achtete wohl die Franzosen gering oder rechnete mit der erwähnten geheimen Instruktion. In Holland selbst wurde auch gesagt, Ruyter habe Anweisung gehabt, die Franzosen zu schonen, um Ludwig XIV. nicht zu erbittern und dadurch Verhandlungen zu erschweren. In diesem Falle war es aber nicht richtig, den Franzosen die Seeländer gegenüber zu stellen, weil diese vorwiegend oranisch und somit antifranzösisch gesinnt waren.

Diese Absicht gelang. D'Estrées war nicht imstande, ein Nahgefecht herbeizuführen oder gar die Luvstellung zu gewinnen. In seinem Bericht machte er du Quesne — seinem tüchtigsten Flaggoffizier, der die Spitze führte — den Vorwurf, ihn in seinen Absichten nicht unterstützt, nicht hoch genug gesteuert zu haben; du Quesne wurde auch im nächsten Jahre nicht verwendet, blieb aber in Colberts Gunst. Der französische Admiral mag ein entscheidenderes Gefecht gesucht haben, denn auch er war ein tapferer Mann, aber ihm und seiner Flotte fehlte die nötige Schulung; ein Versuch des Durchbruchs würde den kriegstüchtigen Holländern gegenüber auch wohl sehr ungünstig ausgefallen sein.[185] Gegen Abend brach Bankers das Gefecht ab, steuerte seiner Flotte zu und vereinigte sich bald mit dieser.

Die Nacht trennte auch die Hauptgegner in der Schlacht zwischen 8 und 9 Uhr abends; beide Teile behaupten, der andere habe abgebrochen. Bei den beiderseitigen Verlusten, Beschädigungen, der Erschöpfung, dem Munitionsmangel und der Dunkelheit war dazu Grund vorhanden. Außerdem war besonders Ruyters Flaggschiff stark beschädigt und anderseits scheint d'Estrées nicht so früh zur verbündeten Flotte gestoßen zu sein als Bankers zur holländischen.

Ruyter setzte beim Angriff seinen Kurs auf York mit den Worten: „Steuermann, das ist unser Mann“; dieser antwortete: „Mein Herr, Ihr sollt ihn haben.“ Die „7 Provinzen“ wurden auf Pistolenschußweite an den „Royal Prince“ herangeführt und beide Schiffe begrüßten sich mit einer Breitseite. Zwei Stunden wurden weitere Breitseiten gewechselt — Ruyters Schiff soll an dem Tage 3500 Kugeln verschossen haben —, dann mußte Yorks Schiff schwer beschädigt weichen und er seine Flagge auf „St. Michael“ setzen; abends war er genötigt, auf „London“ überzugehen. — Van Nes, Vizeadmiral der[329] Mitte, nahm das Schiff des Vizeadmirals der feindlichen Mitte („Royal Catherine“ 80), doch wurde es bald zurückerobert. Van Brackel, uns schon vom Medway her rühmlichst bekannt, griff mit der „Hollandia“ (60 Kanonen), einem der Schiffe der Branderlinie, und ihrem Brander den weit stärkeren und höheren „Royal James“ (100 Kanonen, Flaggschiff Montagus) an. Lange währte der ungleiche Kampf, bis van Ghent und 2 Brander der „Hollandia“ zu Hilfe kamen. Auch jetzt noch wehrte sich Montagu tapfer, schoß 2 Brander in den Grund und löste die Enterhaken der „Hollandia“; van Ghent fiel. Der dritte Brander aber setzte den „Royal James“ in Flammen, und Montagu ertrank, wie bereits erwähnt, beim Verlassen des Schiffes. Der gerettete Kommandant klagte später, der Vizeadmiral der Nachhut habe seinen Chef in der höchsten Not zu Luward mit einigen Schiffen passiert, ohne Hilfe zu bringen; der Angeklagte ist einigermaßen zu entschuldigen, er war es, der einen Teil der Nachhut mit richtigem Blick zur Verstärkung Yorks heranführte.[186]

Am 8. Juni manövrierten die Flotten in Sicht voneinander, beide wollen vergeblich die Erneuerung des Kampfes gesucht haben; am 9. ging Ruyter zur holländischen Küste zurück, ohne daß die Feinde ihm folgten.

Der Verlust der Engländer betrug 4 Schiffe und etwa 2500 Mann an Toten und Verwundeten, der der Holländer 2 Schiffe und weniger Leute; der Verlust der Franzosen war unwesentlich. Auf beiden Seiten waren viele Schiffe schwer beschädigt, daß aber nach einem so heftigen Kampfe der Verlust an Schiffen so viel geringer ist, als in den beiden ersten Kriegen, kann doch wohl als ein Beweis des Fortschrittes im Schiffbau gegen den der Artillerie angesehen werden.

Beide Teile schrieben sich den Sieg zu! Die Verbündeten behaupteten gewissermaßen das Feld; Ruyter ging zurück, da er durchaus ausbessern und ausrüsten mußte. Er hat aber seine strategische Aufgabe gelöst, denn auch der Feind war für längere Zeit außerstandgesetzt, sein Hauptziel, die Unterstützung des Landkrieges durch eine Landung, zu verfolgen; dies war gerade zu dieser Zeit eine Lebensfrage für Holland.

Die weiteren Ereignisse des Jahres 1672. Der Landkrieg hatte sofort beim Beginn einen Verlauf genommen, der verhängnisvoll für die Niederlande zu werden drohte. Ende Mai und Anfang Juni eröffneten die feindlichen Armeen — 120000 Franzosen, 30000 Mann von Münster und Köln — den Feldzug. Die Hauptmacht der Franzosen unter Turenne und Condé erschien vom Kurfürstentum Köln aus vor den Festungen der Südostgrenze, z. B. Wesel; die spanischen Niederlande wurden vermieden und nur ein Beobachtungskorps gegen sie aufgestellt. Die bischöflichen Truppen griffen die Provinz Gröningen an; ein französisches Korps unter dem Marschall von Luxembourg operierte zwischen beiden. In den Niederlanden war während der 21 jährigen statthalterlosen Zeit die Armee arg zurückgegangen: die Offizierstellen waren nach Gunst aus den regierenden Familien besetzt, die Soldaten meist Fremde, sonst minderwertiges und nicht geachtetes Material; die Festungen und ihre Armierung waren vernachlässigt. Der neuernannte Generalkapitän, Wilhelm von Oranien, zählte erst 21 Jahre, seine Befugnisse waren beschränkt; er fand nur ein Heer von etwa 70000 Mann vor, von dem die Hälfte auf die vielen Festungen verteilt war, ohne aber diesen damit eine genügende Besatzung zu geben. So fielen denn auch in wenigen Tagen den Franzosen fast alle Grenzfestungen in die Hände und die Bischöflichen bemächtigten sich verschiedener Grenzstädte Gröningens. Die feindlichen Armeen drangen dann in die Landprovinzen ein. Im Laufe des Juni besetzten die Franzosen ganz Geldern und Utrecht, ließen vor einigen sich haltenden Festungen Beobachtungskorps zurück und standen somit an der Grenze der Provinz Holland. Die Bischöflichen, denen sich die Provinz Oberyssel ergeben hatte, belagerten Gröningen, die einzige Festung der Provinz gleichen Namens und Frieslands. Prinz Wilhelm hatte sich mit nur etwa 9000 Mann nach Holland zurückziehen müssen, nachdem die Besatzung der sich haltenden Städte verstärkt worden war.

Infolge dieser schweren Schläge verbreiteten sich in den 14 Tagen nach der Schlacht bei Solebay Schrecken und Verwirrung in den Niederlanden, und der innere Hader wuchs. Die Partei der Regierung, namentlich in Holland mächtig, war für schleunigen Friedensschluß und knüpfte schon Mitte Juni Verhandlungen mit England und Frankreich an; ihre Anhänger waren zu den größten Demütigungen bereit, um sich vor den unmittelbaren Folgen einer Invasion und dem Emporkommen der Gegenpartei auf ihre Kosten zu bewahren. Die oranische Partei aber wollte sich den schroffen Forderungen der Feinde nicht unterwerfen.

De Witts Partei war zu folgenden Friedensbedingungen bereit: Abtretung aller Landstriche außerhalb der 7 Provinzen in Deutschland, Flandern, Brabant, und Limburg; dies anzunehmen soll Turenne Ludwig XIV. geraten haben. Ludwig XIV. verlangte aber auf Louvois' Antrieb noch: Abtretung eines Teiles von Geldern mit wichtigen Festungen, Zollfreiheit für französische Waren, große Vorteile für die Katholiken in den Niederlanden, 16 Millionen Gulden Kriegskosten, eine jährliche Deputation demütigender Art und endlich die Erfüllung der Forderungen Englands. Diese nun bestanden in: 1 Million Lstrl. Kriegskosten, jährlich 10000 Lstrl. für die Heringsfischerei, die Erhebung Oraniens zum Souverän und als Pfand für die Erfüllung dieser Bedingungen die Abtretung dreier großer Inseln an der Maas- und Scheldemündung. Trotz der ihm zugedachten Erhebung zum Souverän war es gerade Wilhelm von Oranien, der zur Ablehnung der Vorschläge und zum äußersten Widerstande ermahnte.