Von der oranischen Partei wurde der schlechte Zustand der Landesverteidigung, wohl mit Recht, der Hinneigung der Gegenpartei zu Frankreich zugeschrieben, der Fall der Festungen sogar dem Verrat. Der Haupthaß fiel auf de Witt, schon am 22. Juni erfolgte ein Attentat auf diesen, die Partei gewann immer mehr an Macht, und nun sollte gerade von Amsterdam — dem Hauptsitz der Gegenpartei bisher — der Anstoß zu einer Verteidigung des Vaterlandes auf Leben und Tod ausgehen: Muyden am Zuidersee — der Schlüssel zum Hafen der Stadt und wichtig für die Beherrschung der Hauptdeiche — war durch ein feindliches Streifkorps genommen, der Magistrat war geneigt, zu kapitulieren, da zwang man ihn zu energischen Verteidigungsmaßregeln und stellte 60 Bürgerkompagnien auf; Muyden wurde wiedergenommen, die Deiche wurden durchstochen. Diesem Beispiele folgten sämtliche Städte Hollands, und Wilhelm von Oranien besetzte die schmalen Wege, die aus Geldern und Utrecht zwischen den Gewässern nach Holland hineinführten, mit hinreichender Mannschaft.
Es war der Wendepunkt des Landkrieges, der Invasion war eine Schranke gesetzt. Was wäre aber die Folge gewesen, wenn in diesem Monat der Not und Uneinigkeit die verbündete Flotte einen Angriff auf die Küsten gemacht hätte? Hiervon blieb man durch die Schlacht bei Solebay bewahrt.
Sonst aber hatte die holländische Marine im Jahre 1672 keine Gelegenheit mehr, sich auf ihrem eigentlichen Felde hervorzutun, wenn auch nochmals eine Landung drohte. Das Zurückgehen der Flotte nach der Schlacht von Solebay wurde von den Gegnern der Gebrüder de Witt wieder als eine Art von Verrat ausgelegt: man habe die Franzosen schonen wollen. Gewiß wäre es richtig gewesen, dem Feinde zur See weiter Abbruch zu tun, aber es war unmöglich; die Flotte bedurfte dringend der Ausbesserung und Neuausrüstung. Nach dem Einlaufen wurde sofort hiermit begonnen, jedoch die Ereignisse am Lande griffen hindernd ein. Man brauchte in den Festungen die vorhandene Munition und auch Mannschaften; auch hoffte man auf Frieden mit England, und die Franzosen allein fürchtete man zur See nicht. So wurde am 24. Juni beschlossen, die Flotte auf 48 Schlachtschiffe und 18 Fregatten herabzusetzen und die Besatzungen der in Dienst bleibenden Schiffe zu vermindern. Die so frei gewordenen Mannschaften stießen in besonderen Verbänden unter ihren bisherigen Führern — See- und Seesoldaten-Offizieren — zur Armee oder bildeten die Besatzungen kleinerer Fahrzeuge auf den Flüssen und Binnengewässern. Schon bei Ausbruch des Krieges hatte man diese Schiffe zur Unterstützung des Heeres in Dienst gestellt (auf Maas, Rhein und Yssel); jetzt wurde die Zahl vermehrt, namentlich auf dem Zuidersee (auch im Dollart), weil der Feind dessen östlichen Strand im Besitz hatte. Zu Lande und auf den Flottillen haben die Marinemannschaften während des weiteren Krieges wesentliche Dienste geleistet.
Ruyters Flotte — 47 Schlachtschiffe, 12 Fregatten, 20 Brander, schwach an Munition und Besatzung — konnte nicht daran denken, sich weit von den Küsten zu entfernen. Der Admiral, dem von dem Prinzen völlig freie Hand gelassen wurde, hielt sich zwischen den Sänden vor der Maasmündung (auf der Goede-Rhede oder der Schooneveld-Rhede), die Seegatten bei Texel und Vlieland wurden durch Fregatten und leichte Fahrzeuge gedeckt; was man an Truppen erübrigen konnte, es war wenig, hatte man nach Texel und Hellevoetsluis geworfen. Die verbündete Flotte erschien Anfang Juli, 90 Schlachtschiffe und Fregatten stark und mit einer großen Zahl Landungstruppen an Bord, versuchte zunächst, Ruyter herauszulocken und zeigte sich dann vor Texel. Am 13. und vom 18–20. Juli erschienen kleinere Fahrzeuge, das Fahrwasser untersuchend. Die Holländer mußten hier, wo sie so schwach waren, eine Landung erwarten; Ruyter hatte Anweisung, seine Flotte erst einzusetzen, wenn der Feind wirklich lande. Weshalb dieser zwischen dem 13. und 20. nicht ernstlich vorging, läßt sich nicht erkennen. Vielleicht waren die Windverhältnisse ungünstig, es wehten scheinbar meist frische ablandige Winde; wahrscheinlicher ist es, daß man die segelfertige Flotte Ruyters in der Flanke fürchtete und hoffte, sie durch Scheinbewegungen zunächst herauslocken und dann schlagen zu können. Die Überlieferung schreibt die Abwendung der Gefahr der Vorsehung zu: Als die Verbündeten an dem zur Landung bestimmten Tage auf die Flut warteten, habe die Ebbe 12 Stunden gelaufen. Neuere Quellen verweisen diese Erzählung in den Bereich der Sage. Tatsächlich trat die Vorsehung später für Holland ein. Am 21. Juli begann ein schwerer Südweststurm, der drei Tage mit äußerster Kraft wehte und dann noch fast drei Wochen mit nur kurzen Unterbrechungen anhielt. Die feindliche Flotte wurde durch diesen Sturm nach Norden vertrieben und so zugerichtet, daß sie „wie nach einem scharfen Gefecht“ in englische Häfen zurückkehren mußte.
Das Jahr 1672 brachte weitere wichtige Ereignisse zur See nicht mehr. Ruyter blieb in seiner Defensivstellung[187] und seitens der Verbündeten war der Plan zu einer Landung, aus nicht bekannten Gründen, für dieses Jahr aufgegeben. Die Franzosen gingen am 28. September von der Themse nach Frankreich ab. Karl II. wollte sie gern in England behalten; es wurde abgelehnt, da die Ausbesserungen dort teurer als in den heimischen Häfen kommen würden.[188] Ein Teil der englischen Flotte machte noch den Versuch, den lang erwarteten Convoi Ostindienfahrer auf der Doggerbank abzufangen, man verfehlte ihn aber; Ruyter, der die Küste entlang ihm entgegengegangen war, führte die Schiffe glücklich heim. Ende September wurde in Holland der Winterdienst zur Bedeckung der Seegatten eingerichtet und die Flotte sonst aufgelegt; man gab aber jetzt die Kaperei frei. Ein geplantes Unternehmen, mit einem kleinen Geschwader französische Häfen anzugreifen, kam nicht zur Ausführung.
Wir müssen uns nun nochmals den inneren Verhältnissen Hollands und dem Landkriege zuwenden. Die schimpflichen Friedensbedingungen, die die Gegner stellten, und auch der Schaden, den die Überschwemmung hervorrief, hatten das niederländische Volk aufs höchste erbittert. Es war entschlossen, das, was der Feind und das Wasser noch vom Lande übrig gelassen, aufs äußerste zu verteidigen, ja, wenn dies nicht mehr zu halten sei, auszuwandern und in Ostindien ein neues Holland zu gründen. Die oranische Partei gewann ganz die Herrschaft; Anfang Juli wurde Wilhelm von Oranien — zuerst in Seeland, dann in Holland, schließlich von den Generalstaaten — zum Statthalter, Generalkapitän und Generaladmiral auf Lebenszeit ernannt.
Der Parteihaß führte aber zu blutigen Taten. Cornelis de Witt wurde eines Attentatsversuchs gegen den Statthalter angeklagt, gefoltert und zur Verbannung verurteilt; als sein Bruder, der Ratspensionär, ihn im Gefängnis besuchte, wurden beide (19. August) auf abscheuliche Weise ermordet. Selbst auf Ruyter fiel der Haß eines Teiles des Volkes als einen Freund der Brüder, obgleich er das volle Vertrauen des Statthalters besaß. Der Pöbel wollte im September sein Haus stürmen, nur ein in der Nähe liegendes Kriegsschiff konnte es hindern, im Oktober versuchte sogar ein Mann, ihn zu ermorden.
Die Friedensverhandlungen hatte man vorsichtigerweise noch längere Zeit fortgeführt, um die nur langsam zunehmende Überschwemmung erst wirksam werden zu lassen. Während dieser Zeit hatten sich auch sonst die Verhältnisse im Landkriege bedeutend günstiger gestellt. Der Große Kurfürst hatte schon am 6. Mai einen Vertrag mit der Republik geschlossen, wonach er sie mit 20000 Mann unterstützen wollte. Er bewog auch den Kaiser zu einem Bündnis (25. Juni) behufs Aufrechterhaltung des Besitzstandes in Europa, wie dieser im Westfälischen, Pyrenäischen und Aachener Frieden festgesetzt war. Im Juli rückten die brandenburgischen und die österreichischen Truppen heran, so daß sich Ludwig XIV. genötigt sah, den Prinzen von Condé mit 18000 Mann den Österreichern im Elsaß und Turenne mit 20000 den Brandenburgern in Westfalen entgegenzustellen. Nach dem Plane Friedrich Wilhelms sollten sich die Brandenburger und Österreicher in Hessen-Kassel vereinigen, über den Rhein gehen und so den Franzosen in den Rücken fallen. Aber durch den bestochenen Minister Lobkowitz zurückgehalten, kamen die Österreicher unter Montecuculi nur langsam heran; der Große Kurfürst allein war zu schwach; so bezog man ohne vorherige Waffentaten später überall Winterquartiere.
Immerhin waren die Niederlande entlastet. Wenn auch die übrigen Franzosen unter Luxembourg in Utrecht und Geldern zurückgeblieben waren, so kam doch ihr Vordringen zum Stehen, ja Oranien konnte sich einiger Städte wieder bemächtigen. Auch der Angriff der bischöflichen Truppen scheiterte an dem hartnäckigen Widerstande der Festung Gröningen; mit großem Verlust zogen sie nach 40tägiger Belagerung ab; die Provinzen Gröningen und Friesland waren gerettet. Im Dezember 1672 machte Oranien sogar mit 30000 Mann einen allerdings erfolglosen Vorstoß gegen die wichtige französische Festung Charleroi. Mittlerweile hatte starker Frost die Gewässer der Überschwemmungen mit Eisbrücken belegt. Luxembourg wollte diesen Umstand und die Abwesenheit Oraniens zur Eroberung Leydens und des Haags benützen, um sich so im Herzen der Provinz Holland festzusetzen. Plötzlich einsetzendes Tauwetter zwang ihn aber zu eiligem Rückzuge auf den Dämmen und nur die Feigheit eines holländischen Oberst entzog die 11000 Franzosen der völligen Vernichtung. Damit waren auch hier die Feindseligkeiten für den Winter vorbei.