Es entspann sich nun ein laufendes Gefecht über Backbord-Bug, das jedoch nur auf mittlere Entfernungen geführt wurde, so daß die wirksame Verwendung der Brander ausgeschlossen war; auch der schon begonnene Nahkampf der Vorhuten wurde infolge schwerer Beschädigungen der Takelage auf Tromps Flaggschiff wieder getrennt. Schon der englischen Küste nahe, wendete Ruyter nach sechsstündigem Feuergefecht bei Eintritt der Dunkelheit (10 Uhr) mit seiner ganzen Flotte und ging unter kleinen Segeln auf seinen Ankerplatz zurück, den er am nächsten Nachmittage unbelästigt erreichte.
Auch diese Schlacht galt als unentschieden. Auf keiner Seite war ein Schiff verloren. Der Mannschaftsverlust war nicht so schwer als in der ersten und scheint bei den Gegnern etwa gleich gewesen zu sein; bei den Holländern betrug er nur 216 Tote und 285 Verwundete.[196] Zum Nahgefecht war es im allgemeinen nicht gekommen. Die Holländer wollen stets den Nahkampf erstrebt und insbesondere soll Ruyter versucht haben, in das rote Geschwader einzubrechen. Die Gegner jedoch sollen jeden Versuch durch Abhalten vereitelt haben; als die Gelegenheit sich endlich bot, wäre es zu dunkel gewesen. Nach französischen Angaben habe Ruyter überhaupt nur die Absicht gehabt, den Feind für längere Zeit aus dem Felde zu schlagen und ihn zu nötigen, infolge Munitionsverbrauchs und Beschädigungen seiner Schiffe die eigenen Häfen aufzusuchen, ohne dabei im Gefecht die holländische Flotte großen Verlusten auszusetzen. Allerdings scheint Rupert dem Nahkampf ausgewichen zu sein, obgleich er den Vorteil hatte, daß die Holländer vielfach ihre untersten Batterien nicht gebrauchen konnten. Der schlechte Zustand seiner Schiffe, die vielen Verwundeten von der ersten Schlacht an Bord und das Bestreben, den Feind von der Küste abzuziehen, erklären dies wohl. Es wird aber auch auf den Geist in seiner Flotte geschoben, nämlich: Mißstimmung zwischen Engländern und Franzosen — vom Lobe der Franzosen englischerseits hört man dieses Mal nichts; d'Estrées klagt über Mangel an Unterstützung und mißbilligt in der Folge verschiedene Maßnahmen Ruperts — sowie Opposition mancher englischen Offiziere, die der katholischen Hofpartei angehörten, gegen Rupert; schon vor dieser zweiten Schlacht waren Stimmen laut geworden, zur Ausbesserung und Ausrüstung nach England zu gehen; am 15., als der Prinz nochmals fechten wollte, drang diese Ansicht im Kriegsrate durch.
Ruyter brach das Gefecht ab und ging auf den alten Ankerplatz, die Verbündeten liefen in die Themse ein. Wiederum behaupten diese, den Gegner zum Rückzug gezwungen zu haben, aber der Erfolg spricht dieses Mal doch noch mehr für Ruyter. Von einem gezwungenen Rückzuge kann nicht die Rede sein. Er brach ab, weil es Nacht wurde und sich der Kampf zu weit von seinem Stützpunkte entfernt hatte. Er ging mit „kleinen Segeln“ zurück, zur Fortsetzung des Kampfes am nächsten Tage bereit, und ist nicht verfolgt worden. Zwar scheinen die Verbündeten „nach einigen Stunden“ auch gewendet zu haben, sie gingen aber am nächsten Tage nach England, ohne etwas zu unternehmen; am 15. sind sie von den Holländern nicht mehr gesichtet worden. Seinen strategischen Zweck hatte Ruyter in noch höherem Maße als in der ersten Schlacht erreicht; wir werden gleich sehen, daß die Verbündeten für sechs Wochen die See ganz frei gaben, während die Holländer bald wieder weitere Unternehmungen ins Auge fassen konnten.
De Jonge führt an, nach Privatbriefen (z. B. Tromps) sei die holländische Flotte nach der Schlacht wegen Mangels an Munition auch nicht schlagfertig gewesen. Dieser Zustand sei aber von den Behörden geheim gehalten worden; ihm wurde auch nach Möglichkeit schnell abgeholfen.
Die Schlacht bei Texel. 21. August 1673. (In Holland auch Schlacht bei Kijkduin genannt.) Während Ruyter bei Schooneveld ausbesserte, ergänzte und nach und nach nicht unwesentlich durch neue Schiffe verstärkt wurde, hielt er beständig leichte Schiffe an der englischen Küste; am 19. Juni sandte er sogar ein Geschwader von 12 Kriegsschiffen und Fregatten, 2 Brandern und 4 Jachten unter Kontreadmiral den Haen zu einer, wenn nötig gewaltsamen, Erkundung ab. Den Haen trieb feindliche Vorposten in die Themse zurück und meldete am 25., daß die verbündeten Flotten eifrig ausrüstend zwischen Queensborough und Gravesend lägen, und daß große Truppenkörper zur Einschiffung zusammengezogen würden.
Clowes sagt, die Franzosen seien im Juni nach Brest gegangen und hätten sich erst Mitte Juli wieder mit den Engländern vereinigt. Alle anderen Quellen erwähnen dies nicht, so auch nicht die sonst so genauen alten Holländer, die stets nur von „den königlichen Flotten“ in der Themse sprechen. Ein Gegenbeweis dürfte auch zu finden sein in Jal: „du Quesne“, wo vermerkt ist, daß Generalleutnant Martel — vom Mittelmeer gekommen — am 18. Juni Brest verläßt, um mit einigen Schiffen zu d'Estrées zu stoßen, am 25. an die englische Küste kommt, Dover anläuft und endlich bei beständigem Gegenwinde die „vereinigte“ Flotte in der Themse trifft. Auch die Operationen der holländischen Flotte lassen vermuten, daß die Franzosen in England geblieben sind.
Ruyter glaubte nicht, daß der Feind schon bald wieder bereit würde, die Zukunft sollte ihm recht geben. Seine Flotte war Ende Juni seeklar, und Kriegsrat wie Deputierte beschlossen, an die englische Küste zu gehen, um dort möglichst viel Schaden anzurichten, vor allem aber um dem Feinde und ganz Europa zu zeigen, daß man nicht in die Häfen oder zwischen die Sandbänke getrieben sei — wie die Verbündeten ausgesprengt hatten —, sondern die See beherrsche. Es wurde sogar in Erwägung gezogen, sich eines französischen Hafens zu bemächtigen, um die Franzosen vom Landkriege abzuziehen, besonders von der Belagerung Maastrichts, doch kam die Sache vorläufig nicht zum Beschluß und auch nicht wieder zur Sprache; Maastricht fiel am 10. Juli. Am 3. Juli ging Ruyter in See, kreuzte etwa 10 Tage vor der Themse, trieb feindliche Vorposten den Fluß hinauf, kehrte aber dann nach der eigenen Küste zurück, weil sich eine ansteckende Krankheit schnell auf seinen Schiffen verbreitete; sie war zuerst unter den Leuten ausgebrochen, die im vorhergegangenen Winter zum Dienst am Lande und auf den Binnengewässern herangezogen und schweren Strapazen ausgesetzt gewesen waren. Er schiffte die Kranken aus, ersetzte sie nach Möglichkeit und hielt sich wieder in der Nähe Walcherens, um leichte Verbindung mit dem Lande zu haben und um bei den vorherrschend westlichen Winden zu Luward der ganzen holländischen Küste und der Themsemündung zu stehen, weil er die Nachricht erhalten hatte, die Verbündeten würden etwa am 24. Juli seeklar sein; am 28. meldeten dann auch Aufklärer, daß sie am Tage zuvor das Auslaufen beobachtet und bis zum Abend etwa 130 Segel gezählt hätten.
So lange hatte man gebraucht, die englische Flotte schlagfertig zu machen. Wiederum soll der Grund in dem mangelhaften Arbeiten der Verwaltung gelegen haben; es machte aber auch besondere Schwierigkeit, Mannschaften zu erlangen, die Volksstimmung wurde mehr und mehr einem Kriege gegen Holland und dem Bündnisse mit Frankreich abgeneigt; das Pressen brachte minderwertiges Personal, nur wenige gute und kriegserfahrene Seeleute.
Die Flotten der Gegner waren stärker als bei den vorhergegangenen Schlachten des Jahres 1673, sie bestanden aus:[197]