Für diese Auffassung dürfte sprechen, daß Ruyter vor der Aktion kaum genau wissen konnte, welches Geschwader den Franzosen gegenüberstehen würde. Ursprünglich waren die Geschwader gleich stark, Ruyter hätte die Änderung also erst am Morgen vornehmen müssen, und es ist auffallend, daß die sonst gerade in solchen Angelegenheiten so genaue alte Quelle („Leben Ruyters“) nichts davon erwähnt. Gegen diese Auffassung spricht, daß die englischen und französischen Quellen ausdrücklich so erzählen, wie vorstehend geschildert, auch die alten, z. B. ein Bericht Colberts an seinen König. In einem Bericht des Intendanten von Brest — beauftragt mit Untersuchung eines Streites zwischen d'Estrées und Martel, von dem später noch die Rede sein wird — heißt es sogar:[347] „Man konnte glauben, daß sich in allen diesen Schlachten Ruyter niemals die Mühe gab das französische Geschwader anzugreifen, so hatte er in der letzten Schlacht (also hier) nur 10 Schiffe des seeländischen Geschwaders geschickt, um d'Estrées zu beschäftigen.“ In diesem Falle fiele also das Verdienst der so erfolgreichen taktischen Maßregel Ruyter zu; Bankers zeigte dann im Gefecht durch sein Verfahren große Umsicht. Nach der holländischen Erzählung stände Bankers in erster Linie das Verdienst zu. Aber sein Verhalten ist auch dann eine Frucht der Erziehung Ruyters; hatte doch dieser dazu das Beispiel am 7. Juni gegeben und immer wieder, so noch einige Tage vor der letzten Schlacht, darauf hingewiesen, den Zusammenhang der ganzen Flotte zu wahren und darauf zu achten, wo gegenseitige Unterstützung nötig sei.

Der Kampf der Nachhuten wurde während dieser Zeit auf nächste Entfernungen mit größter Hartnäckigkeit von beiden Seiten durchgefochten, auch Tromp hatte beigedreht. Die beiden Geschwaderchefs waren ähnliche Charaktere, wie denn Spragges fehlerhaftes Vorgehen hier ganz dem Tromps bei früheren Gelegenheiten gleicht. Sie lagen 3½ Stunden mit ihren Flaggschiffen backgebraßt nebeneinander. Hierbei soll Tromp während der ersten drei Stunden gar keine Verluste gehabt haben — auch der Verlust einiger anderer Schiffe, z. B. Ruyters, in dieser Schlacht war gering —, was nicht für die bisher so berühmte englische Artillerie spricht; es war wohl eine Folge des erwähnten schlechten Ersatzes. Die beiden Geschwader kämpften in voller Melee; beide Chefs mußten ihre Flaggschiffe wechseln und stürzten dann wieder aufeinander ein; bei einem abermaligen Verlassen seines Schiffes ertrank Spragge, aber auch auf holländischer Seite fiel Vizeadmiral Sweers. Die Engländer hatten im allgemeinen die größeren Verluste und Beschädigungen.

Im Gefecht der Mitten scheinen die Aussichten zuerst gleichgestanden zu haben, infolge des beständigen Ausweichens Ruperts kam es nicht zu so nahem Kampfe wie bei der Nachhut; doch wird die gute Ordnung in Ruyters Geschwader hervorgehoben, nur einige Schiffe der Division van Nes waren lau. Als aber Bankers herankam, änderte sich die Lage, nun standen 42 Holländer gegen 30 Engländer. Dabei behielt Ruyter seine Kräfte in der Hand, schnitt durch Abzweigung von 8 Schiffen die Division Chicheley ab und dublierte so die beiden anderen des Feindes. Es spricht für die Engländer, daß diese Divisionen nicht vernichtet wurden, sondern sich sogar nach und nach, allerdings unter schweren Verlusten, der Lage wieder entzogen (Lage 3).

Beide Flottenchefs waren in Unsicherheit und in Besorgnis über das Schicksal ihrer Nachhut, und so steuerten beide nach dem Gefechtsfelde dieser hin; auf Parallelkursen in Schußweite aber wie in stillschweigender Übereinkunft ohne zu feuern. Beide sparten wohl Munition; die Schlacht hatte um 8 Uhr morgens begonnen und die Wiedervereinigung der Mitten mit den Nachhuten fand etwa um 4 Uhr nachm. statt. Wahrscheinlich war es die höchste Zeit für das blaue Geschwader, daß Rupert eintraf. Tromp löste seine Melee, beide Flotten ordneten sich und um 5 Uhr begann ein neues Gefecht, von dem die Quellen nur melden, daß es bis 7 Uhr sehr blutig gewesen sei.

Ruyter scheint um diese Zeit den Rückzug eingeleitet zu haben, wahrscheinlich weil nun endlich die Franzosen herankamen und weil es dunkel wurde, aber auch die Engländer brachen ab. Die holländische Flotte kreuzte am 22. August vor Texel und ankerte am 23. in See zwischen Texel und Vlieland, um von hier aus die Einfahrten für den erwarteten Convoi zu decken. Ein sofort eingerichteter und ununterbrochen durchgeführter Aufklärungsdienst ergab während der nächsten Tage, daß vom Feinde in gefahrdrohender Nähe nichts zu sehen sei. Die Verbündeten hatten gleich nach der Schlacht zur englischen Küste hinübergehalten, um ihre schwerbeschädigten Schiffe in Sicherheit zu bringen. In dieser Schlacht verlor keine Partei Schiffe, außer verbrauchten Brandern; die Beschädigungen scheinen auf englischer Seite größer gewesen zu sein — nach holländischen Angaben waren hier 12 Schiffe entmastet, während nur 2 holländische gezwungen waren, einzulaufen. Die Holländer verloren die Admirale Liefde und Sweers sowie 6 Kommandanten, die Engländer den Admiral Spragge und 7 Kommandanten; der Offizier- und Mannschaftsverlust war sonst auf englischer Seite wieder weit stärker (nach holländischen Angaben etwa 2000 Tote und Verwundete); wiederum sprach wohl die Überfüllung der Schiffe mit Landsoldaten hierbei mit.

Der Sieg der Holländer, so glaube ich das Ergebnis dieser Schlacht bezeichnen zu können, ist in erster Linie der Umsicht Ruyters und Bankers einerseits, der schlechten Führung auf seiten der Gegner anderseits zuzuschreiben. Wie allgemein üblich, hatte Ruyter den Angriff so angesetzt, daß Geschwader auf Geschwader stieß; wenn nun Bankers und Tromp zunächst von ihrer Mitte abkamen, so war das dieses Mal natürlich, es war hervorgerufen durch die Manöver ihrer Gegner. Bankers erfüllte damit auch zugleich seinen Zweck, die Franzosen zu beschäftigen; mit Umsicht und zum allgemeinen Besten wußte er aber abzubrechen und zur Mitte zurückzukehren, als seine Lage gefährlich wurde. Ruyter verstand es dann, die erlangte Übermacht auszunutzen. Auch Tromp ist dieses Mal wohl zu entschuldigen, wenn er den angebotenen Nahkampf annahm; als er dies tat, konnte er wohl kaum übersehen, daß er sich dadurch dauernd von Ruyter trennen würde, später war er zu heiß engagiert, um abzubrechen.

Auf seiten der Verbündeten liegt die Sache ganz anders. Spragge ließ seinen Flottenchef weiter segeln, um, wie bereits gesagt, persönlichen Haß oder Ehrgeiz zu befriedigen. Rupert beschwerte sich bitter über ihn und ebenso über die Handlungsweise d'Estrées'. Dieser warf dagegen Rupert vor, durch sein Abhalten die Trennung herbeigeführt zu haben. Es ist ja auch richtig: Beabsichtigte der Flottenführer, durch solche Manöver den Feind von der Küste abzuziehen, so hätte er es vorher den Geschwaderchefs bekannt geben müssen.

D'Estrées' Verhalten gab Anlaß zu vielen Berichten, Verhandlungen und Untersuchungen,[200] deren Ergebnis ungefähr folgendes ist: Warum trennte sich d'Estrées? Er habe Anweisung gehabt, die Luvstellung zu gewinnen; dies habe er mit seiner Spitzendivision erreicht. Der Führer dieser aber, Martel, habe zu spät gewendet, zu spät von Luward angegriffen und dadurch Bankers Durchbruch möglich gemacht. Hiergegen wendet sich Martel schroff, da er seine Aufgabe ausgeführt und den Gegner zu dem verzweifelten Manöver gezwungen habe, d'Estrées' Aufgabe wäre nun gewesen, jenen dabei zu vernichten; ja, d'Estrées habe von Anfang an die Schwäche des Feindes übersehen müssen, ihn (Martel) allein demselben gegenüberstellen und sich zu Rupert begeben können — dies ein Vorwurf, den auch Prinz Rupert erhob. Warum kam d'Estrées später nicht heran? Er habe geglaubt, gut zu tun, wenn er sich die Luvstellung für einen späteren Kampf (am nächsten Tage?) möglichst sichere; das Signal Ruperts, das ihn heranrief, habe er nicht verstanden. Er sagt, es sei signalisiert: „venir mouiller (ankern) dans les eaux de l'amiral“; Rupert sagt, das Signal habe bedeutet »venir dans les eaux de l'amiral. Möglich, daß das Signal das erste bedeutete, daß bei der Unvollkommenheit des Signalsystems Rupert es zum Heranruf benutzte, und er hat wohl recht mit der Behauptung, es wäre nicht mißzuverstehen gewesen; d'Estrées kam ja aber auch nicht zum „Ankern“ heran! Im übrigen behauptet dieser, er habe nur etwa eine Stunde ausgebessert, dann aber Rupert erst am Abend erreichen können, da dieser immer abgehalten habe; Bankers hat doch aber die Mitten bald erreicht, und außerdem sagen die meisten Quellen (auch französische), das französische Geschwader habe mehrere Stunden rangiert. Es liegen doch wohl grobe Fehler d'Estrées' vor; Martels Ausfälle gegen ihn waren derart, daß dieser wegen derselben in die Bastille kam.

Wiederum ging das Gerücht, der französische Chef habe geheimen Befehl gehabt, seine Flotte zu schonen, worauf wir später zurückkommen werden; anderseits geben Personalnotizen über d'Estrées vielleicht auch einige Aufklärung: