Sehr bedeutend ist die Zahl der Brander gewachsen. Es werden größere Angriffe mit dieser Waffe geplant (Solebay; erste Schlacht bei Schooneveld), deren Erfolge allerdings durch die Umstände vereitelt werden. Es ist überhaupt bemerkenswert, daß ihre Leistungen gegen den zweiten Krieg zurücktreten; es ist den Schlachtschiffen leichter geworden, ihnen auszuweichen und sie abzuschlagen (Seite [188]).
Über die Bewertung des Personals zur Zeit dieses Krieges ist bereits bei Betrachtung der Streitmittel (Seite [313] u. [317]) gesprochen; das Wichtigste wird in nachstehendem nochmals mit hervorgehoben werden.
Was nach dem zweiten Kriege über den Fortschritt in der Taktik gesagt ist, trifft in erhöhtem Maße für den dritten zu: das Bestreben, die Kiellinie beim Winde aus Einzelschiffen zu bilden, diese Linie gut geordnet und eng aufgeschlossen zu erhalten, die Geschwader zusammen zu behalten und die ganze Flotte einheitlich zu leiten; die Melee wird vermieden oder doch, wenn schon eingetreten, wieder entwirrt und die Ordnung hergestellt, um dann zu neuem Kampfe überzugehen. Die Holländer sind jetzt in der Durchführung dieser Grundsätze, in der Gefechtsdisziplin überhaupt, den Engländern gleichwertig, ja überlegen; wenn in den Schlachten getrennte Geschwaderkämpfe eintreten, so ist es bis auf einen Fall (Tromp, 7. Juni 1673) die Schuld der Geschwaderchefs der Verbündeten (Solebay, Texel). Dieser Fortschritt auf seiten der Holländer ist unbedingt das Verdienst Ruyters; er gebot ja auch von allen Führern dieser Zeit über die größte Erfahrung. Von Jugend auf als Seemann erzogen und durch alle Dienstgrade gelaufen, war er stets im Kriegsdienste tätig gewesen und hatte die ganze Entwicklung der bis jetzt geschaffenen Taktik in den letzten Kriegen als Divisions-, Geschwader- und Flottenchef durchgemacht. So ist denn Ruyters Taktik als der höchste Stand der Taktik jener Zeit anzusehen, und es ist wohl wert, ihre Hauptgrundsätze nochmals hervorzuheben. Ruyter bringt seine Flotte nicht mehr ungestüm nur zum Schlagen an den Feind; er bereitet seine Schlachten bedächtig vor und führt sie dann planmäßig und doch energisch durch; der Überfall bei Solebay und die drei rangierten Schlachten des Jahres 1673 liefern gleichmäßig die Beweise hiervon.
Der Überfall bei Solebay glückte infolge guter Beobachtung des Feindes und vorzüglicher taktischer Navigierung, er würde unter günstigeren Windverhältnissen noch weit verhängnisvoller für den Feind geworden sein; dadurch, daß Ruyter die Franzosen nur beschäftigte, war er imstande, dem gefährlicheren Gegner kräftig entgegenzutreten.
In der ersten Schlacht bei Schooneveld wartet Ruyter kampfbereit den Angriff ab und benutzt dann einen günstigen Augenblick zum energischsten Gegenstoß auf den weit überlegenen Feind. Mit seinem eigenen Geschwader den Franzosen gegenüber erfolgreich, nützt er dies nicht aus, sondern entsetzt nacheinander seine beiden weniger glücklichen Geschwader, ordnet die Flotte wieder, bricht ab, als er seinen Zweck erreicht hat und — seinem strategischen Plane entsprechend — nichts mehr aufs Spiel setzen will. In der zweiten Schlacht bei Schooneveld greift er unter den günstigeren Verhältnissen und überraschend an. Die Art, wie der Feind den Angriff aufnimmt — unter beständigem Ausweichen — würde in früheren Zeiten sicher zu einer Lockerung der holländischen Ordnung geführt haben. Ruyter aber hält jetzt die Flotte zusammen, bricht wieder ab, als es ihm passend erscheint, bleibt aber völlig kampfbereit. Möglich sogar, daß er überhaupt nicht entscheidend kämpfen wollte, um seine Flotte unversehrt zu erhalten; er erreichte dennoch seinen strategischen Zweck.
Die Schlacht bei Texel ist sein Meisterstück zu nennen. Hier benützt er seine Stellung unter der eigenen Küste nicht nur, wie vor dem Eintreten in die vorhergegangenen Schlachten, zum Schutz, sondern auch dazu, den Feind auszumanövrieren und dann aus günstiger Windstellung anzugreifen. Wieder beschäftigt er nur durch Bankers die Franzosen, erringt selbst durch Abschneiden eines feindlichen Teiles großen Erfolg und bricht endlich wiederum in vollster Ordnung ab, als er seinen Zweck erreicht hat.
Gleich hier sei hingewiesen auf Ruyters letztes Auftreten im Mittelmeer. Dort liefert er uns noch ein für die Geschichte der Seetaktik höchst bemerkenswertes Beispiel (vgl. Seite [378/79]).
Unterstützt wurde Ruyter bei der Durchführung seiner Taktik dadurch, daß die Unterführer und Kommandanten in diesem Kriege seinen Befehlen und Absichten folgten. Aber auch dies ist ein Verdienst seiner Erziehung und seines Vorbildes; er hatte für Stärkung der Disziplin und Einbürgerung eines gesunden militärischen Geistes in der holländischen Marine gesorgt. Sein vorgeschrittener militärischer Standpunkt ist schließlich noch daraus zu erkennen, daß er bei der Indienststellung 1673 „lieber weniger, aber gute Schiffe“ haben wollte.
Begünstigt wurden seine Erfolge allerdings durch die Fehler der feindlichen Führer und durch den schlechteren Zustand der verbündeten Flotten in mancher Hinsicht; diese Fehler und Mängel, sowie ihre wahrscheinlichen Ursachen haben wir bei den Schilderungen bereits genügend hervorgehoben. Gefochten haben die Engländer mit ihrer alten Bravour, wie die Holländer es früher getan, als sie im inneren Wert und in der Taktik unterlegen waren. Die Gegner hatten eben die Rollen gewechselt; York und Rupert, sonst schneidige Männer und tüchtige Seeleute, waren keine Blakes, Moncks und Ruyters, der innere Wert der englischen Marine war gesunken, der der holländischen gestiegen — diese stand 1673 auf ihrem Höhepunkt.