Es führt uns dies nochmals auf das Verhalten der Franzosen, auf den allgemein verbreiteten Verdacht, daß d'Estrées seine Flotte auf Befehl geschont habe. Beweise dafür sind nicht vorhanden. Etwaige Befehle müßten streng geheim gewesen und vernichtet sein; die vorhandenen weisen im Gegenteil alle auf tapferes Fechten hin.
Es ist ja möglich, daß Ludwig XIV. im Jahre 1673 dem Bündnis mit England nicht mehr recht traute; von verschiedenen Seiten ging ihm die Warnung zu, daß in England nur noch der König und sein Hof daran hingen. Aber immer bleibt es schwer, anzunehmen, daß ein Kriegsherr seinem Admiral und seiner Flotte zumuten könnte, eine solche Rolle zu spielen. Jedoch sagt selbst ein französischer Autor (Troude), in der Untersuchung des Streites d'Estrées' gegen Martel habe jener zu verstehen gegeben, daß der König gewünscht habe, „seine Flotte erhalten zu sehen und den Engländern nicht zu sehr zu trauen.“ Wie volkstümlich diese Ansicht war, zeigt ein Gespräch holländischer Matrosen. Als einige dieser bei Texel ihre Verwunderung aussprachen, daß die Franzosen den Engländern nicht zu Hilfe kamen, sagt ein anderer: „Ihr Narren! Sie haben die Engländer geheuert, für sie zu fechten; ihr ganzes Geschäft hier ist, zu sehen, daß sie auf ihre Kosten kommen.“
Die französischen Schriftsteller, die die Ausgabe solcher Geheimbefehle bestreiten, schieben das eigentümliche Verhalten ihrer Flotte in beiden Jahren auf die mangelnde Erfahrung ihrer Offiziere im Flotten- und Geschwaderkampf, insbesondere auf die Unfähigkeit d'Estrées' in dieser Hinsicht und auf seine Unzugänglichkeit für Ratschläge erfahrenerer Untergebener. Dem sei nun wie ihm wolle, immerhin werden wir auf zwei wichtige Punkte hingewiesen; zunächst auf ein neues Verdienst Ruyters. Im Bericht über die mehrfach erwähnte Untersuchung gegen Martel sagt der Intendant von Brest: „Man konnte glauben, daß Ruyter sich in allen diesen Schlachten nie die Mühe gab, das französische Geschwader anzugreifen, und daß er bei Texel 10 Schiffe lediglich zu dessen Beschäftigung abgeschickt habe.“ Ruyter hat dann also diesen Gegner richtig eingeschätzt, dessen Untüchtigkeit oder Unzuverlässigkeit erkannt und seinen Nutzen daraus gezogen; eine wichtige Eigenschaft für einen höheren Führer.
Das Benehmen der Franzosen deckt ferner eine Schwäche der Bündnisse auf. Augenblickliche politische Interessen können zwei Staaten zu Verbündeten in einem Kriege machen. Dabei kann aber bei ihnen eine für die Waffenbrüderschaft gefährliche Abneigung gegeneinander bestehen, und es kann politische Eifersucht dahin führen, daß einer von ihnen die völlige Niederwerfung des gemeinschaftlichen Gegners sowie zu große Erfolge seines Verbündeten gar nicht wünscht. Man ist also nicht sicher, ob und wie weit der Bundesgenosse dasselbe Ziel — in der Schlacht wie im Kriege überhaupt — verfolgt, ob er bereit ist, das Gleiche einzusetzen. Es ist dieses in erster Linie ein Punkt politischer, also gewissermaßen strategischer Natur und den Bündnissen für Land- wie für Seekriege in gleicher Weise eigentümlich.
Den Bündnissen zur See haftet aber noch eine andere Schwäche in taktischer Beziehung an. Wenn in einer Landschlacht verbündete Streitkräfte auftreten, so spielen die Verschiedenheit und ein ungleicher Grad der Ausbildung, die Schwierigkeit gegenseitiger Verständigung keine so große Rolle wie zur See; den verschiedenen Truppenkörpern können verschiedene Aufgaben, wenn auch unter gemeinschaftlichem Oberbefehl und aneinander anlehnend, gestellt werden; sie schlagen dann bis zu einem gewissen Grade getrennte Schlachten. Anders zur See; strategisch können natürlich verbündete Flotten auch hier miteinander arbeiten, taktisch kaum. Hier ist, bei der Schlacht im offenen Meere wenigstens, nur ein Schlachtfeld; die ganze Streitmacht muß in einer Hand bleiben, kann taktisch nur gemeinsam verwendet werden. Da werden sich Verschiedenheit in Art und Stand der Ausbildung und in formaler Taktik, die Schwierigkeit der Befehlsübermittlung durch ein bisher nicht gemeinschaftliches Signalsystem, der Mangel am gemeinsamen Üben taktischer Bewegungen sehr fühlbar machen; die vorhin angeführten gefährlichen Einflüsse moralischer oder politischer Natur werden gleichfalls schwerer wiegend einwirken. — Der zweite und der dritte englisch-holländische Krieg lassen die Schwäche von Bündnissen zur See in allen diesen Hinsichten klar erkennen.
Über Strategie.[202] Im ersten holländisch-englischen Kriege griffen die Engländer den holländischen Handel an; zunächst, indem sie den Convois auflauerten, später als der Gegner erlahmte, indem sie schon seine Küsten blockierten; die Schlachten entspannen sich um Convois oder bei den Versuchen, für diese den Weg freizumachen. Im zweiten Kriege hatten die Holländer den Handel gänzlich eingestellt, da sie die Unmöglichkeit, ihn genügend zu schützen, erkannt hatten. Das Bestreben beider Parteien ging dahin, die Seeherrschaft zu erringen; erst wenn dies gelungen — sei es durch siegreiche Schlachten, sei es durch freiwillige Aufgabe seitens des Gegners —, suchte man den Feind durch größere Angriffe auf Handel oder Küstenplätze und durch Blockaden zu schädigen. Im dritten Kriege aber beabsichtigten die Verbündeten, den Feind, der zu Lande von allen Seiten bedroht war, auch von seiner Küste her mit großer Truppenmacht anzugreifen. Die Durchführung dieser Absicht war einerseits für die Angreifer viel schwieriger, der Angegriffene anderseits sah sich in weit größerem Maße bedroht als in den früheren Kriegen; der Kampf um die Herrschaft auf den trennenden Gewässern war deshalb noch wichtiger als bisher. Die Seestreitkräfte der Verbündeten hatten den Weg über See zur sicheren Überführung und ungestörten Landung der Invasionsarmee völlig und dauernd freizumachen; die Holländer, infolge ihrer schwächeren Flotte in die Defensive gedrängt, mußten dahin streben, bei aller Energie im Kampfe um die Seeherrschaft doch ihre Seestreitkräfte möglichst unversehrt zu erhalten, um sie stets im äußersten Falle — bei der Landung — noch mit Erfolg einsetzen zu können.
Der Strategie auf beiden Seiten war also eine bedeutende Aufgabe gestellt. Diese wurde von der holländischen Marine trotz der sonstigen Schwierigkeiten, mit der sie zu kämpfen hatte, glänzend gelöst, wie denn die holländische Kriegführung überhaupt die einsichtsvollere war. Um eine größere Armee sicher an der feindlichen Küste zu landen, war es für die Angreifer nötig, die feindliche Flotte unschädlich zu machen; es war dies möglich: durch Abziehen derselben von der Küste; durch Festhalten an einem Punkte; durch Vernichtung. Es ist nichts davon gelungen. Der Feind ließ sich nicht weglocken, obgleich der Versuch dazu in beiden Kriegsjahren gemacht wurde; er ließ sich auch nicht verleiten, unter ungünstigen Umständen zu fechten; ihn trotzdem zu vernichten, war die Kriegführung der Angreifer nicht energisch genug, und, ihn an einem Orte dauernd festzuhalten, waren sie nicht stark genug. Diese beiden letzten Punkte sind die wichtigen bei Beurteilung der Kriegführung seitens der Verbündeten, denn sie lagen in ihrer Hand; sie hängen außerdem eng miteinander zusammen.
Von den vereinigten Mächten muß man annehmen, daß sie imstande gewesen, bedeutend stärkere Seestreitkräfte aufzustellen. Die englische Flotte allein hätte der Hollands überlegen sein können; aber sie war vernachlässigt, und man benutzte hier die Bundesgenossenschaft Frankreichs nicht zur Erlangung einer wuchtigen Übermacht, sondern zum Sparen an Rüstungen. Auch Frankreich besaß schon im Material eine gleich starke Marine, aber sie war entweder noch nicht schlagfertig, oder man hatte „andere Gründe“, ihre Kraft nicht voll zu entfalten; vielleicht sprach beides zusammen.
Ich verweise hierbei auf das, was Seite [356] über die Schwäche von Bündnissen gesagt ist. Ein Beweis, daß England (der König) die Bundesgenossenschaft Frankreichs zum Sparen an den eigenen Rüstungen benutzte, dürfte darin zu finden sein, daß Holland mit diesem Umstande rechnete: Es faßte den Beschluß zu größeren Rüstungen 1673 „geheim“, um England zu verleiten, auch weniger zu rüsten. England überschätzte dann den Wert des Bündnisses, anstatt sich auf eigene Kraft zu verlassen.
Die „anderen Gründe“, weshalb Frankreich nicht stärker zur See auftrat, sind dagegen Beispiele zu der Behauptung von der Schwäche der Bündnisse in politischer und strategischer Hinsicht; man wollte die eigene Flotte schonen, die beiden Nebenbuhler um die Seeherrschaft im großen Sinne sich gegenseitig schwächen lassen.