Wenn nun von Seiten der Verbündeten die Rüstungen nicht bis zum höchsten Maße betrieben wurden, so läßt dies darauf schließen, daß man den Feind oder die Schwierigkeit der Aufgabe unterschätzte. Mit einer gemeinsamen Flotte noch einmal so stark als die holländische hätte man versuchen können, den Feind festzuhalten und dennoch gleichzeitig die Truppen unter genügender Bedeckung hinüberzuführen und zu landen; nach der notgedrungenen Herabsetzung der holländischen Flotte im Juli 1672 wären die Verbündeten aber imstande gewesen, mit einer noch weit bedeutenderen Übermacht aufzutreten. Infolge der ungenügenden Rüstungen aber war es notwendig, als ein Ablocken von der Küste nicht gelang, sogar das Blockieren der feindlichen Flotte aufzugeben, um sie durch Demonstrationen an anderen Orten wenigstens zum Verlassen ihrer sicheren Stellung und zum Folgen längs der Küste zu zwingen (1673).
Eine Unterschätzung der Schwierigkeit der Aufgabe ist auch darin zu erkennen, daß man Juni 1673 und, trotz übler Erfahrung, auch im Juli die Flotte selbst mit[359] Anbordnahme von Landungstruppen belästigte. Es erinnert dies an die alte Kriegführung — handstreichartige Einfälle in Feindesland ohne höheren Zweck als Brandschatzung —, während Holland schon bei seinem Zuge 1667 gegen Themse und Medway die zur Landung bestimmten Truppen nur auf besonderen Fahrzeugen einschiffte.
Tatkraft vermißt man aber auch bei der Kriegführung selbst. In beiden Jahren zeigt sich, daß man mit Recht eine Landung für untunlich hielt, solange die feindliche Flotte unversehrt an der Küste stand. Dachte man nun ernstlich an eine Landung, so mußte auch schärfer vorgegangen werden, sobald sich gezeigt hatte, daß sich der Feind nicht zum Schlagen von der Küste abziehen ließ. Aber nur einmal (Schooneveld, 7. Juni 1673) ist der Versuch gemacht, diesen in seiner geschützten Stellung anzugreifen; nach dem Fehlschlagen wird der Versuch nicht etwa gleich wiederholt, man läßt sich sogar selbst überraschen (Schooneveld, 14. Juni). Mangel an Energie zeigt sich endlich darin, daß die verbündeten Flotten in beiden Jahren erst spät auftraten und nach Mißerfolgen stets längere Zeit, endlich sogar ganz, von der See verschwanden; die wahrscheinlichen Gründe hierfür sind im Laufe der Schilderung des Krieges angeführt.
Die Kriegführung der Holländer zeigt sich in einem ganz anderen Lichte; sie ist weit tatkräftiger und dabei planmäßig während des ganzen Krieges. Durch alle Verhältnisse zur Defensive gezwungen, verlieren doch die Leiter — de Witt und Ruyter; Oranien und Ruyter — nicht aus dem Auge, welche Vorteile zuvorkommende Offensivstöße haben können.
Im Jahre 1672 wird versucht, die Ausrüstung der Engländer in ihren Häfen zu stören oder sie wenigstens vor ihrer Vereinigung mit den Franzosen zu schlagen, später beabsichtigt man, ähnlich wie im letzten Kriege gegen die Themse vorzugehen; 1673 will man die Themse durch versenkte Schiffe sperren. Alle diese, strategisch so richtigen Pläne konnten leider nicht durchgeführt werden, da die Flotte nicht rechtzeitig fertig wurde; auch den größten Bemühungen der leitenden Personen war es nicht gelungen, die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich infolge des Mangels an Zentralisation in der Marineverwaltung und des Streites der Parteien im Lande einer schnelleren Ausrüstung entgegenstellten.
Ein glücklicher Schlag 1672 gegen die englische Flotte in ihren Gewässern vor Ankunft der Franzosen würde wahrscheinlich den Verlauf des ganzen Krieges wesentlich beeinflußt haben, wenn man nach seiner späteren Geschichte urteilen darf: England wäre wohl frühzeitig zum Frieden geneigt gewesen; Frankreich hätte dann allein zur See kaum etwas unternommen, wie wir es nach 1674 sehen werden; Holland hätte alle Mittel für den Landkrieg frei, die Küsten und damit seine Lebenskraftquelle offen gehabt.
Aber der Wachsamkeit, der Umsicht und der Tatkraft Ruyters gelingt es doch, im Jahre 1672 den Feind bei Solebay zu überraschen und dadurch Holland zur Zeit der höchsten Not von der Gefahr einer Landung zu befreien.
Nach den Offensivstößen führt dann in beiden Jahren Ruyter meisterhaft eine offensive Küstenverteidigung durch. Den Feind scharf beobachtend, liegt er an seiner Küste auf Wassertiefen, in denen dieser ihn nicht anzugreifen wagt; er läßt sich nicht herauslocken, bricht aber hervor, sobald die Umstände günstig sind. Im Jahre 1672 genügt seine Anwesenheit, den Feind von ernsten Unternehmungen gegen die Küste abzuhalten, obgleich Holland genötigt war, seine Flotte zu vermindern, um Mannschaften und Kriegsmaterial für den Landkrieg freizumachen. Frühzeitig gehen die Verbündeten in englische Häfen zurück und Ruyter gelingt es, einen Convoi Ostindienfahrer aus der Nordsee heimzuholen. Im Jahre 1673 vertreibt er, rechtzeitig von seinem Stützpunkte aus vorbrechend, durch die Schlachten bei Schooneveld den Feind von den Küsten; er folgt aber nie weiter, als sein Plan, die flacheren Gewässer taktisch und strategisch auszunutzen, erlaubt.
Daß er diesen Plan für den einzig richtigen hielt, zeigt sich auch sonst bei verschiedenen Gelegenheiten: Nur auf Drängen de Witts unternimmt er 1672 noch nach der Vereinigung der feindlichen Flotten den Vorstoß in die Themse; er setzt dabei aber nicht die ganze Flotte, sondern nur ein kleines Geschwader unter Ghent ein. Ebenso fanden auch die Vorschläge — November 1672 und Ende Juni 1673; wahrscheinlich von Befehlshabern der Armee ausgegangen —, gegen einen französischen Hafen zu operieren, nicht seine Zustimmung.
Stets geht Ruyters Bestreben dahin, die Flotte zum unmittelbaren Schutz der Küste unversehrt zu halten. Selbst als im Juli 1673 die Gefahr einer Landung sehr ernst wird — eine „Armee“ steht in England bereit — will er nur schlagen, wenn diese wirklich ausgeführt werden sollte; sein schlagfertiges Bereitliegen läßt Zeit gewinnen, die Küsten in Verteidigungszustand zu setzen. Erst als es sich gleichzeitig darum handelt, die Küste für das Einlaufen des großen Convois — wichtig für die Weiterführung des Krieges — freizumachen, ist er bereit, die Flotte einzusetzen. Er führt diese nun mit größter Vorsicht heran, benutzt meisterhaft die taktischen Vorteile, die ihm seine Stellung unter der Küste bietet, und vertreibt durch die Schlacht bei Texel den Feind endgültig von der See.