Der Krieg in den Kolonien (Ruyter vor Martinique 1674; Kampf um Guayana, Tabago und Westafrika 1676 und 77). Ruyter[204] war von Torbay gleich nach der Teilung der Flotte am 8. Juni 1674 in See gegangen, um keine Zeit zu verlieren. Im Frieden von Westminster hatte Holland Neu-Niederland (New York) an England abtreten müssen. Man betrachtete dies mit Recht als einen großen Verlust für die Ausbreitung des Handels und wünschte, durch Erweiterung der Kolonien in Westindien diesen Schaden wieder wett zu machen. Die Eroberung französischer Besitzungen dort, insbesondere Martiniques, schien dazu sehr geeignet; Ruyter selbst soll gerade auf diese Insel hingewiesen haben.
Das für Westindien bestimmte Geschwader bestand aus 18 Linienschiffen und Fregatten, 6 kleineren Segeln, 6 Brandern und 24 Transportern mit zusammen 1100 Kanonen, 4000 Matrosen, 3380 See- und Landsoldaten. Der Admiral beschleunigte seine Reise in jeder Beziehung; so sandte er einige der schnellsten Schiffe nach Teneriffa voraus, um dort alles zu schneller Proviant- und Wasserergänzung vorzubereiten, auch ließ er durch vier andere gute Segler langsame Fahrzeuge in Schlepp nehmen. In Teneriffa verweilte er nur einen Tag (25. Juni) und traf am 19. Juli vor Martinique ein. Es war einem vorausgesandten Schiffe gelungen, einige Einwohner beim Fischen abzufangen; von ihnen erfuhr man, daß seit etwa vier Wochen auf allen französischen Inseln Ankunft, Stärke und Absicht der Holländer bekannt sei; die Besatzungen seien überall verstärkt, die Schiffe (Kriegs- und Handelsfahrzeuge) unter den Schutz der Batterien gebracht. Man beschloß im Kriegsrat, Fort de France als den wichtigsten der drei Häfen der Insel anzugreifen. Sein Besitz war nötig, wenn man die Insel dauernd halten wollte, seine Eroberung vom Lande her, falls man zuerst einen andern Platz genommen, schwierig; hier lagen ferner die wertvolleren Schiffe und hier waren am leichtesten Wasser und Brennholz für die Flotte zu erhalten, endlich wußte man, daß die Befestigungen dieses Punktes noch nicht ganz fertig waren. Am 20. schritt man zur Landung und hatte anfangs Erfolg.
Ruyter hatte geplant, in den Hafen einzulaufen, doch zeigte sich die Einfahrt für schwere Schiffe zu seicht, durch zwei versenkte Fahrzeuge teilweise gesperrt und durch das Fort (20 Kanonen) sowie durch ein Kriegs- und ein armiertes Kauffahrteischiff zu gut geschützt. Man mußte deshalb in einer benachbarten Bucht, die aber auch durch das Fort und die genannten Schiffe bestrichen werden konnte, landen und das Fort vom Lande her angreifen. Nach einem schon auf der Reise ausgearbeiteten Plane wurde unter dem deckenden Feuer der Schiffe mit allen Booten in breiter Formation eine Brigade von 1000 Soldaten an Land geworfen; es kostete schwere Verluste — der Feind war 5 Kompagnien stark, der Strand war steil, schlüpfrig und schmal — aber es gelang, den Feind in den Busch zu treiben, festen Fuß zu fassen und das Landen zweier gleichstarker Abteilungen zu decken. Verstärkungen von Matrosen wurden sofort nachgesandt und der Feind auch aus dem mit Verhauen gesperrten Busch vertrieben. Die Stellung des Gegners beim Fort war jedoch stark, begünstigt durch eine mit Infanterie besetzte Anhöhe; mehrere Stürme wurden abgeschlagen, eine Umgehung, um das Fort in der Kehle anzugreifen, wurde durch das Feuer der feindlichen Schiffe vereitelt. In den Kämpfen fielen der Chef des Landungskorps, zwei Brigadeführer und mehrere andere höhere Offiziere oder wurden verwundet: ein Teil der Truppen ging fluchtartig nach den Booten zurück. Französische Berichte sagen, viele Holländer hätten sich in Wein- und Branntweinmagazinen am Strande betrunken.
Infolge großer Verluste aber, besonders an höheren Dienstgraden der Soldaten, hielt Ruyter am Abend die Eroberung des Forts für unmöglich, ja sogar das Landungskorps für gefährdet; er befahl deshalb die Wiedereinschiffung, die dann während der Nacht in voller Ordnung vor sich ging.
Nach diesem mißlungenen Versuch segelte der Admiral nach Domingo, um Wasser aufzufüllen. Die Überzeugung, daß auch die andern Inseln zu gut vorbereitet wären, das Vorhandensein der vielen Verwundeten an Bord, der Mangel an Führern für das Landungskorps und endlich das Herannahen der Orkanzeit bestimmten ihn, nach Holland zurückzukehren; er ließ 5 Schiffe in den westindischen Gewässern. Seine Reise nach Holland (Ankunft 30. September) wurde durch Stillen und Stürme verzögert; die Rationen mußten herabgesetzt werden und die Flotte litt sehr unter Ruhr und Skorbut.
Das Mißlingen dieser Expedition wird wiederum der zu späten Seebereitschaft der Schiffe und dem Umstande zugeschrieben, daß der Feind rechtzeitig Kenntnis erhielt. Dies braucht nicht allein eine Folge von Verrat gewesen zu sein, die Ausrüstung der Flotte konnte kein Geheimnis bleiben. Daß sich die Franzosen nicht nur auf einen Vorstoß gegen ihre Küsten, sondern auch gegen ihre auswärtigen Besitzungen gefaßt machten, ist nicht wunderbar, hatte doch gerade Ruyter im Jahre 1664 einen ähnlichen Zug erfolgreich gegen englische Kolonien unternommen und die alten Expeditionen der Engländer sowie eigene der Art gegen Spanien und Portugal, seitdem die Kolonien eine Rolle spielten, waren wohl unvergessen. Wäre es aber für Holland nicht richtiger gewesen, seine Kräfte 1674 nicht zu zersplittern, die Expedition Ruyters stärker zu machen oder die ganze Flotte gegen die französische Küste oder noch besser gegen die feindlichen Seestreitkräfte im Mittelmeer zu verwenden? Wir kommen darauf zurück.
Das Mißlingen der Unternehmung gegen Martinique im besonderen wird dem Mangel an Kenntnis der Örtlichkeit zugeschrieben. Ein französischer Edelmann, der auf der Insel gewohnt hatte, soll den Zug begleitet haben, um Rat zu geben. Dieser äußerte sich später, man habe nicht auf ihn gehört und einen sehr ungünstigen Landungsplatz gewählt.
Die Pläne, Frankreich in Westindien zu schädigen[205] und die eigene Macht dort zu erweitern, wurden keineswegs aufgegeben; die Provinzen von Holland, besonders Amsterdam, legten großen Wert darauf. 1676 gründete eine von Amsterdam ausgerüstete Expedition in Guyana am Cyapoco eine Niederlassung (Oranje), doch wurde diese bereits nach 9 Monaten eine Beute der Franzosen in Cayenne. In demselben Jahre wurde aber noch ein zweites Unternehmen gegen französische Besitzungen ins Werk gesetzt. Unter Jacob Binckes eroberte ein Geschwader von 3 Linienschiffen, 3 Fregatten und 3 Jachten — ausgerüstet unter dem Vorwande, den Handel im Mittelmeer zu schützen — nebst einem Transporter mit 700 Soldaten das Fort Cayenne (Mai 1676); diese Kolonie wurde mit 200 Soldaten besetzt. Auch die Insel Marie Galante wurde genommen, man brandschatzte sie aber nur und führte alle brauchbaren Sachen, sogar die Sklaven hinweg, um sie zur Besiedlung von Tabago zu verwenden. Ein Anschlag auf Guadeloupe mißlang infolge Herankommens einiger starker Linienschiffe von Martinique — 1675 war ein kleines Geschwader unter de Grancey von La Rochelle nach den Antillen gesandt —, mit denen man ein scharfes Gefecht zu bestehen hatte. Endlich brandschatzte Binckes noch St. Martin und nahm einige bewaffnete Kauffahrer an der Nordküste von Domingo. Dann führte er seine Hauptaufgabe aus, die Inbesitznahme Tabagos. Hier hatte schon 1655 eine aufblühende holländische Kolonie bestanden, sie war aber, im vorletzten Kriege verschiedentlich den Herrn wechselnd, verwüstet und fast ganz wieder verlassen. Binckes brachte nun holländische Pflanzer anderer Inseln dorthin, landete seine Truppen und setzte die alten Befestigungen wieder instand; es sollte auch sofort der Kampf um die Insel beginnen.
Ludwig XIV. sandte schon im Oktober 1676 ein Geschwader aus, um Cayenne zurückzuerobern, Tabago zu nehmen und auch sonst Beute zu machen. Admiral d'Estrées, eifersüchtig auf die von du Quesne im Mittelmeer errungenen Lorbeeren, hatte den Anstoß dazu gegeben und selbst einen Teil der Kosten beigetragen; er führte den Oberbefehl. Ende Dezember nahm er leicht Cayenne und Oranje, er erschien dann am 20. Februar 1677 vor Tabago. Binckes hatte seine Ankunft in Westindien erfahren, war aber zu schwach, ihm auf See entgegenzutreten. D'Estrées' Geschwader bestand aus 7 Linienschiffen, 3 Fregatten, 3 Jachten und 1 Brander, auch waren die französischen Linienschiffe weit mächtiger, alle Schiffe weit stärker bemannt und auf ihnen 450 Soldaten sowie 400 Freiwillige von den französischen Inseln eingeschifft. Als eins der ersten Beispiele derartiger Kämpfe um Kolonien, von dem genauere Angaben vorliegen, sei etwas näher auf diese Aktion eingegangen; sie wird außerdem in der Geschichte der holländischen Marine mit Recht als eine hervorragende Waffentat angesehen.
Binckes hatte wegen Mangels an Material und wegen der vorhergegangenen Regenzeit das Fort noch nicht völlig herstellen können. Die Lage war aber günstig, an Busch und Morast gelehnt; zur Bestreichung der Bucht war noch eine behelfsmäßige Batterie vor dem Fort gebaut. Da die Besatzung ungenügend erschien — die Zahl der Soldaten war durch Abgabe der Cayenne-Garnison sowie durch Verluste und Kranke sehr vermindert —, verstärkte der Admiral sie von den Schiffen. Er hielt die Stellung am Lande für die wichtigere; die Schiffe konnten die Insel nicht halten und waren mit dem Verlust der Befestigungen selbst verloren. Dementsprechend erwartete er auch den Hauptangriff am Lande, um so mehr da für einen Angriff das Segeln auf die Rhede zwar leicht, das Wiederabsegeln aber sehr schwer, oft nur vermittels Warpen[206] möglich war. Binckes übernahm selbst auch das Kommando am Lande. Die Schiffe waren im Grunde der Bucht in Linie verankert: eng geschlossen, mit den Breitseiten nach See zu vermoort, die Flügel der Linie an den Strand und an eine Bank mit Klippen gelehnt.