Die Franzosen waren also an Größe der Schiffe und damit in der Armierung wesentlich überlegen; daß die französische Armierung auch in der Kaliberverwendung stärker war, ist uns bekannt. Die Besatzungsstärke — d. h. die gleicher Schiffsgrößen — war diesmal annähernd gleich. Die Flotten, in 3 Geschwader geteilt, wurden geführt auf holländischer Seite: Vorhut Verschoor; Mitte Ruyter; Nachhut den Haen; auf französischer Seite: Vorhut de Preuilly; Mitte du Quesne; Nachhut de Gabaret — d. h. so war die Rangierung in der Schlacht, da beide Flotten in „Kehrt“ standen.[209]
„Abraham du Quesne“, 1610 in Dieppe geboren, Sohn eines Seemannes, der zur See gefallen war, diente in der königlichen Marine und auch mehrere Jahre zu Kriegszeiten in der schwedischen. Nach Frankreich zurückgekehrt, zog er die Freibeuterei dem Dienst in der verfallenen Marine vor; erst unter Colbert trat er wieder ein. 1672 bis 1674 der befähigtste Admiral der Flotte im Kanal; 1674–1678 hervorragend im Mittelmeer, zeichnete sich auch später noch gegen die Barbaresken aus. Nur weil er Protestant war, wurde er nicht zum Vizeadmiral der Levante ernannt, obgleich er diesen Posten[377] ausfüllte — dieser Posten blieb so lange unbesetzt; er erhielt auch nicht den Marschallsstab trotz seiner Taten. Von Charakter fest und gerecht, war er ein vorzüglicher Vorgesetzter und Organisator der jungen Marine, aber kein bequemer Untergebener, besonders nicht den durch Hofgunst Bevorzugten gegenüber. Er starb 1688. — Daß Ruyter ihn als tüchtigen Gegner anerkannte, zeigt dessen Antwort auf die Frage eines englischen Kapitäns, was Ruyter vor Messina mache: „Ich erwarte den tapfern du Quesne.“
Trotz der Stellung in Lee und trotz der Übermacht des Feindes nahm Ruyter den Kampf zwischen den Inseln Stromboli und Panaria an. Die Schlacht bei Stromboli am 8. Januar 1676[210] ist besonders bemerkenswert wegen Ruyters Verhalten.
Abraham du Quesne.
Warum benutzte er die günstige Windstellung am 7. nicht zum Angriff? Warum nahm er am folgenden Tage den Kampf unter scheinbar ungünstigen Umständen an? Zwar haben wir ihn im letzten Kriege seine Schlachten behutsam vorbereiten aber dann doch — selbst gegen Übermacht — mit äußerster Energie, ja Tollkühnheit durchführen sehen, wenn ein Schlagen nötig war. Daß er auch hier unbedingt dem Feinde den Weg nach Messina verlegen wollte, wird durch sein Bleiben am Feind und sein Schlagen am anderen Tage bewiesen.
Die holländischen Quellen sagen nun: Am 7. habe Ruyter zunächst beidrehen müssen, um Nachzügler zu erwarten, später sei der Tag zu weit vorgeschritten gewesen; als er am 8. die Stärke des Feindes genau erkannt, sei ein Rückzug zu gefährlich gewesen. Beides erscheint nicht unbedingt zutreffend: Ruyter mußte am 7. damit rechnen, daß der Wind sich bis zum nächsten Tage zu seinen Ungunsten ändern könne; sein „gedrücktes“ Wesen läßt darauf schließen, daß er auch an diesem Tage schon die Stärke des Gegners erkannt hatte und deshalb vom Angriff absah. Ich möchte andere Beweggründe für wahrscheinlicher halten. Ruyter brauchte nicht durchaus anzugreifen, um seinen strategischen Zweck zu erreichen. Du Quesne mußte es, wenn er seine Reise fortsetzen wollte; zögerte dieser mit dem Angriff, so konnte jeden Augenblick die spanische Flotte zur Verstärkung der holländischen eintreffen. Hierin ein Grund für Ruyters Verhalten am 7. Januar.
Hierzu kommt nun, daß ein so erfahrener Seemann wie Ruyter vielleicht schon die Vorteile der Defensive — auch in der Leestellung —, die in der bisher üblichen Taktik noch nicht gewürdigt wurden, erkannt hatte; Vorteile, die besonders ins Gewicht fielen, wo es sich darum handelte, mit schwächeren Kräften einem Gegner von feurigem Mut, aber mangelnder Seemannschaft entgegenzutreten. Dies kann den Admiral des weiteren bestimmt haben, dem Feinde am 7. den Angriff zu überlassen und am 8. den Kampf in einer scheinbar ungünstigen Stellung — der Leestellung — anzunehmen.