Auf holländischer Seite scheint aber der Führer der Nachhut auch an der Trennung schuld gewesen zu sein. Anstatt auf seine Mitte aufgeschlossen zu bleiben und das Manöver des Abhaltens dann mitzumachen, scheint er seinen Gegner erwartet zu haben; ein Fehler, dem wir schon öfters als Grund der Trennung eines Geschwaders von der Flotte begegnet sind. Er hätte dadurch in eine gefährliche Lage kommen können, denn du Quesne sandte gegen Ende des Kampfes den Kapitän Tourville (Kommandant von Nr. 5 der Mitte) mit 3 oder 4 Schiffen ab, um ihn von Lee aus anzugreifen und ganz von seiner Flotte zu trennen. Zu den Haens Glück gelangte infolge abflauenden Windes nur ein französisches Schiff (Nr. 7 der Mitte) zum Angriff; dieses kam nun selbst in schwierige Lage, entzog sich ihr jedoch durch geschickte Manöver und vereinigte sich mit der Nachhut (Lage 2). Hier brach das Gefecht mit Eintritt der Dunkelheit ab; beide Nachhuten stießen wieder zu ihren Flotten.

Die Verluste sind nicht ganz sicher bekannt. Die geringsten Angaben sprechen von 400 Toten und Verwundeten bei den Franzosen und von 250 bei den Holländern;[380] hier fiel Verschoor, dort waren du Quesne verwundet und zwei Kommandanten getötet. Ein holländisches Linienschiff sank, während es schwer beschädigt nach Palermo geschleppt wurde; die Franzosen behaupten, nur ihre drei Brander eingebüßt zu haben. Gerüchte von einem größeren Verluste sollen durch den vorhin erwähnten Zusammenstoß auf der Weiterreise entstanden sein. Beide Parteien rühmen den Mut und die Geschicklichkeit des Gegners in der Schlacht; auf französischer Seite zeichnete sich besonders Tourville aus, und du Quesne schlug ihn zur baldigen Beförderung (Chef d'Escadre) vor; wie wir sehen werden, lohnte Tourville seinem Chef diese Anerkennung später schlecht.

Für die Geschichte der Seetaktik ist die Schlacht bemerkenswert. Sie zeigt die Vorteile der Leestellung bei einem Angriff, wie die Franzosen ihn ansetzten, mit ihren Folgen für den Angreifer: Unordnung in der Linie; die Vorhut zuerst der ganzen Heftigkeit des feindlichen Feuers ausgesetzt, die Schiffe nacheinander ins Gefecht eintretend; lahmgeschossene Schiffe vorn, die die folgenden in Verwirrung bringen. Hier fielen sofort zwei französische Schiffe aus, zwei wurden schwer beschädigt, wodurch die Überlegenheit der Zahl nahezu aufgehoben war.

Ruyter hatte durch die Schlacht den Feind wohl aufgehalten, die Fortsetzung seiner Reise konnte er jedoch nicht hindern. Am 9. besserten beide Flotten aus, vormittags noch in Sicht voneinander. Gegen Abend stießen 9 Spanier zu den Holländern, allerdings fast nur Fregatten; man beschloß, dem Feinde weiter den Weg zu verlegen. Schon am Abend des 10. sichtete man die Lichter der Franzosen, aber am anderen Morgen sah man, daß auch diese Verstärkung erhalten hatten; es war der in Messina bei du Quesne's Abgang im September zurückgebliebene Teil der Flotte: 10 Linienschiffe, 1 Fregatte, 3 Brander unter Generalleutnant d'Alméras, die am 10. abends herangekommen waren. Ruyter fühlte sich nun nicht stark genug, anzugreifen; er ging nach Melazzo zurück, um weitere Spanier heranzuziehen. Du Quesne erreichte wohlbehalten Messina aber erst am 22. Januar. Er hatte es doch vorgezogen, den Weg westlich um Sicilien zu nehmen: „günstigerer Windverhältnisse wegen“? Es ist dies ebenso auffallend, wie, daß er „nach dem Siege am 8.“ trotz der erhaltenen Verstärkung den Feind nicht aufsuchte. Er hat den weiteren Weg doch wohl gewählt, weil er nicht wagte, mit dem Feinde in der Flanke durch die Straße zu gehen. Nun ließen ihn allerdings „günstige Windverhältnisse“ in verhältnismäßig kurzer Zeit die wieder in großer Bedrängnis befindliche Stadt erreichen; andernfalls wäre vielleicht Messina gefallen. Es war also ein Zufall, daß die Schlacht nicht ein strategischer Erfolg Ruyters wurde.

Nach der Schlacht von Stromboli trat im Seekrieg eine längere Pause ein. Wie schon erwähnt, wurde der Landkrieg lau geführt. Die Franzosen hatten nur in Messina und in Agosta festen Fuß gefaßt; Messina wurde weiter belagert und bedurfte stets der Zufuhren, die die französische Flotte ermöglichen mußte. Sonst aber unternahm diese nichts von Bedeutung, und auch Ruyter war längere Zeit untätig an der italienischen Küste.

Da die vertragsmäßige Zeit für die Gestellung der holländischen Flotte abgelaufen war, rüstete Ruyter zur Rückreise, um nicht wie Tromp 1674 die Frist der Indiensthaltung zu überschreiten. Aus verschiedenen Gründen — behufs besserer Ausrüstung; um gegebenenfalls einen Convoi mit Schiffen zu verstärken, den sein Sohn in Livorno[381] sammelte; um schneller Nachrichten aus Holland zu erhalten — ging er zur italienischen Küste; hier erhielt er Befehl, noch länger bei den Spaniern zu bleiben. Aufs neue hatte er sich bitter über diese beklagt: Über ihre schwache Beteiligung und darüber, daß sie weder für die Ausrüstung der eigenen Schiffe, noch für die der holländischen genügend sorgten.

Holland drängte Spanien, mehr zu tun; es erbot sich auch, neue Schiffe gegen Erstattung eines Teiles der Kosten hinaus zu senden, stieß aber auf passiven Widerstand.

Am 23. Februar 1676 kehrte Ruyter nach Palermo zurück und trieb zu neuen Operationen an. Man wußte einerseits, daß Frankreich den Abgang großer, für Messina sehr notwendiger Unterstützungen in Toulon vorbereite, anderseits, daß jetzt viele Einwohner Messinas mit der Herrschaft Frankreichs unzufrieden waren. Der Zeitpunkt erschien günstig, einen kräftigen Angriff zu Lande und zu Wasser gegen die Stadt zu unternehmen. In Melazzo, wo sich der spanische Vizekönig mit dem Hauptquartier der Landarmee befand, wurde am 24. März der Entschluß hierzu gefaßt. Die Flotte der Verbündeten ging am nächsten Tage in See, passierte am 26. ungehindert die Straße und legte sich der Stadt gegenüber an die Küste Kalabriens, aus seemännischen Gründen einige Tage später an die Siciliens südlich von Messina, um den Landangriff abzuwarten. Die Operationen zu Lande hatten jedoch keinen Erfolg, und Ruyter sah ein, daß von See her überhaupt nichts zu machen sei, weil die starke feindliche Flotte in und vor dem Hafen lag; er ging deshalb in See, um die von Süden her erwarteten Convois abzufangen.

Es ist nicht zu ersehen, warum die französische Flotte untätig blieb; französische Quellen sagen, sie sei durch Windverhältnisse bis zum 29. festgehalten. An diesem Tage ging Vivonne an Bord, um selbst den Feind aufzusuchen; er ließ sich aber — scheinbar sehr gern — durch die Vertreter der französischen Partei in der Stadt zurückhalten und übergab wiederum das Kommando der Flotte an du Quesne. Dann herrschte längere Zeit sehr stürmisches Wetter, das auch für Ruyter sehr beschwerlich war und ihn hinderte, einen inzwischen ins Auge gefaßten Angriff auf Agosta auszuführen. Als er endlich am 20. April vor dieser Stadt erschien, erfuhr er, daß sie jetzt zu gut vorbereitet sei, daß die spanischen Landtruppen auch hier zu schwach zur Unterstützung seien und daß die französische Flotte herankomme. Diese war am 19. und 20. endlich ausgelaufen; Ruyter ging ihr am 21. abends entgegen, obgleich sie ihm wesentlich überlegen war.

Zusammensetzung der Flotten[212] in der Schlacht von Agosta[213] 22. April 1676: