Die Dunkelheit trennte die Gegner; wie gewöhnlich behaupten beide, der Feind habe abgebrochen. Die spanischen Galeren schleppten während des Gefechts beschädigte Schiffe der Vorhut mit Mut und Tapferkeit aus dem Feuer; von den Hochseeschiffen der Mitte haben sich einige flämisch-spanische bei dem Kampfe Ruyters mit der feindlichen Mitte wacker beteiligt, nachdem Callenburgh den spanischen Admiral dringend um Herankommen ersucht hatte. Das laue Verhalten der Spanier im allgemeinen wurde von den Holländern hart verurteilt, jedoch später etwas mit der Schwäche und dem schlechten Zustande ihrer Schiffe entschuldigt; aber selbst der Vizekönig berichtete dem Könige, daß seine Flotte nicht ihre Schuldigkeit getan habe — im damaligen Spanien eine seltene und gewagte Aufrichtigkeit.

Die Schlacht muß man als „unentschieden“ bezeichnen; beide Gegner wollen das Schlachtfeld behauptet haben, was zutrifft. Die verbündete Flotte blieb die Nacht in der Nähe, beigedreht und ausbessernd, und ging am andern Morgen nach Syrakus, teilweise im Schlepp der Galeren. Die Franzosen sah man von den Toppen aus unter kleinen Segeln ebenfalls ausbessernd; beide Parteien waren eben nicht imstande, etwas zu unternehmen. Du Quesne zeigte sich zwar einige Tage später vor Syrakus, ging dann aber nach Messina (Ankunft 1. Mai).

Man muß wohl fragen, was Ruyter bewogen hat, bei der eigenen Schwäche und der Stärke des Gegners diese Operation gegen Messina zu unternehmen. Hoffte er auf einen erfolgreichen Landangriff, wollte er dabei die französische Flotte nur beschäftigen und rechnete er hierbei dann wieder auf einen großen Nutzen der Galeren? Vertraute er später bei einem Kampfe in offener See auf seine und der Seinigen größere Seemannschaft; dieses vielleicht gerade nach den Erfahrungen bei Stromboli? Man sagt, er habe gewünscht, bei einer Seeschlacht die spanischen Schiffe zwischen die holländischen zu verteilen; jedenfalls befahl er später noch, die holländischen Geschwader nie wieder zu trennen.

Ruyters Tod. Die Verwundung gab anfangs noch Hoffnung auf Heilung. Bald aber verschlimmerte sich der Zustand, er konnte den Bericht über die Schlacht nicht mehr unterschreiben und starb am 29. April abends. Er war 69 Jahre alt, hatte 58 Jahre zur See gedient, über 40 Gefechte mitgemacht — darunter 15 große — und in 7 Schlachten kommandiert. Zunächst in Syrakus begraben, wurde die Leiche Ende 1676 von der heimkehrenden Flotte nach der Heimat übergeführt und am 16. März 1677 in Amsterdam mit großer Feierlichkeit beigesetzt (Denkmal in der „Neuen Kirche“). Auch außerhalb Hollands wurden Ruyters Verdienste anerkannt; alle Verbündeten sandten Beileidschreiben an die Regierung und an die Witwe.[215] Der König von Spanien hatte ihn nach der Schlacht von Stromboli zum Herzog ernannt und ihm eine jährliche Pension ausgesetzt; beides ging auf den Sohn über, der Titel wurde auf dessen Wunsch in Baron[384] geändert. Selbst Ludwig XIV. gab den Befestigungen Befehl, das Schiff mit der Leiche zu salutieren, falls es nahe genug passiere und angekündigt sei.

Das Interesse, das wohl jeder Leser für den großen und sympathischen Seehelden gewonnen hat, läßt es angebracht erscheinen, hier am Schluß seiner Laufbahn noch einige Urteile über ihn hinzuzufügen. (Personalien vgl. Seite [205].) Mahan sagt (Seemacht, Teil I, Seite 142): „In der Schlacht bei Solebay bewies Ruyter einen Grad der Geschicklichkeit und Tatkraft, wie man sie nach ihm bis zu den Zeiten Nelsons und Suffrens zur See nicht wieder zu sehen bekam. Seine Schlachten 1672–1674 waren keine „behutsame Unternehmungen“, wenn sie auch behutsam ins Werk gesetzt wurden; sein Ziel war stets die vollste Niederwerfung des Feindes, indem er taktische Geschicklichkeit mit ungestümem Draufgehn vereinigte. Bei Solebay war er etwas schwächer als sein Feind, später war er es immer in viel höherem Grade.“ Derselbe Verfasser nach der Schlacht bei Texel (Seite [152] abgekürzt): „Texel schließt die lange Reihe der Kriege ab, in denen England und Holland um die Seeherrschaft kämpften; die holländische Marine stand auf ihrem höchsten Punkt und ihre größte Zierde, Ruyter, auf dem Gipfel seines Ruhmes, das Alter von 66 Jahren hatte ihm nichts von seinem kriegerischen Feuer geraubt; sein Angriff war noch ebenso ungestüm wie vor acht Jahren, aber Erfahrung hatte sein Urteil gereift, wie die größere Klarheit seiner Pläne und sein scharfer militärischer Blick erkennen lassen. Er unternahm, um das Vaterland zu retten, den Kampf gegen einen überlegenen Gegner mit einer Marine, die ihm ihre Tüchtigkeit verdankte; er vollbrachte die Aufgabe nicht durch Mut allein, sondern durch Mut, Voraussicht und Geschicklichkeit. Der Angriff bei Texel war in den allgemeinen Zügen derselbe wie bei Trafalgar: Vernachlässigung der Vorhut des Feindes, Angriff mit ganzer Macht auf Mitte und Nachhut; sein Erfolg war geringer als der Nelsons, da sein Gegner ihm in größerem Maße überlegen war als diesem.“ Ebendort: „Noch einmal wird uns dieser einfache und heldenhafte Mann begegnen und, wenn auch unter traurig veränderten Verhältnissen (Mittelmeer 1676), in seinem Wesen immer derselbe.“ — Dieser hohen Anerkennung seiner Fähigkeiten aus maßgebender Feder mögen einige Angaben folgen, die Ruyters Charakter kennzeichnen. Der schon früher angezogene Graf von Guiche, Kriegsfreiwilliger im zweiten Kriege, schreibt nach der Viertageschlacht: „Ich sah ihn niemals anders als ruhig und gleichmäßig; wenn der Sieg gesichert war, so sagte er stets, der liebe Gott hätte ihn uns geschenkt. Als die Flotte in Unordnung war und beim Anblick der Verluste schien ihn nur der Gedanke an das Unglück seines Landes zu bewegen; aber stets unterwarf er sich dem Willen Gottes. Es möge noch erwähnt sein, daß er etwas von der Einfachheit unserer Patriarchen hatte. Einen Tag nach dem Siege traf ich ihn, wie er sein Zimmer ausfegte und seine Küken fütterte.“

Brand („Leben Ruyters“, Teil II, Seite 165) führt — als er davon gesprochen, daß sonst unverzagte Kriegsleute sich auch einmal weniger tapfer zeigen könnten — eine Erzählung Ruyters an, die er „aus des Admirals eigenem Munde“ habe. Kurz gefaßt ist sie folgende: Vor einem größeren Treffen fühlte sich Ruyter gegen alle Gewohnheit kleinmütig und zögerte, die letzten Befehle zu geben. Er begab sich deshalb allein in seine Kajüte, fiel auf die Knie und bat Gott in kurzem, aber andächtigem Gebet, ihn in dieser Stunde nicht zu verlassen, sondern ihm zum Besten seines Vaterlandes beizustehen. Nach diesem Gebet verließ ihn „alle Bangigkeit, und die gewöhnliche Ruhe und Freudigkeit seines Geistes bekam wieder die Oberhand“. Er gab seine Befehle mit standhaftem Mut und führte die Aktion glücklich durch, den Erfolg nachher Gottes Beistand zuschreibend.

Ergreifend ist endlich die Schilderung seiner letzten Tage: wie er noch während der Schlacht für seine Flotte betet, später die Schmerzen mit Geduld erträgt und mit Ergebung dem Tode entgegensieht.

Die verbündete Flotte ging am 6. Mai südlich um Sicilien nach Palermo; es spricht nicht für die französische Leitung, daß dies nicht verhindert wurde, obgleich am 21. April sogar noch 25 Galeren in Messina eingetroffen waren. Erst Ende Mai beschloß Vivonne in Person, den Feind in Palermo anzugreifen — nach französischen Quellen endlich angetrieben durch Eifersucht auf du Quesnes Erfolge und auf die Nachricht, daß man in Paris damit umginge, ihn durch einen schneidigeren Mann ablösen zu lassen; er schiffte sich auf dem Flaggschiffe Tourvilles ein, um dessen Rat zur Hand zu haben. Die ganze Flotte der Hochseeschiffe — 29 Kriegsschiffe, 9 Brander — sowie 25 Galeren liefen am 28. Mai aus; die Nachricht hiervon traf am 30. in Palermo ein. Auf Antreiben den Haens, auf den der Befehl über die Holländer übergegangen war, nahmen die Verbündeten eine Verteidigungsstellung ein, die Holländer sofort, die Spanier nach und nach bis zum 1. Juni: Die Schiffe — 27 aller Größen — wurden in der Bucht im Halbmond verankert, durch Warpanker mit den Breitseiten nach See zu gehalten; den rechten Flügel bildeten nur spanische Schiffe, die Mitte und den linken Flügel hauptsächlich holländische, aber einige Spanier darunter; die Flügel lehnten sich an Batterien auf der Mole und an kleinere Befestigungen, die Mitte wurde durch das Hauptfort des Hafens verstärkt; die Galeren waren auf die Flügel und zwischen den Schiffen verteilt, um Brander abzuwehren.

Die Schlacht vor Palermo[216] am 2. Juni 1676 sollte eine der größten Erfolge dieser Waffe werden, die allerdings unter sehr günstigen Umständen verwendet wurde.

Die Verbündeten hatten beschlossen, vor Anker zu fechten, weil verschiedene Schiffe infolge von Mangel an Material noch nicht wieder seeklar waren; das holländische und das spanische Flaggschiff (jetzt Admiral d'Ybarra) wechselten Masten. Ruyter würde wahrscheinlich mit den segelfertigen Schiffen in See gegangen sein; noch vor Agosta hatte er erklärt, unter keinen Umständen ein Gefecht vor Anker zu liefern, selbst nicht den Feind in einer Bucht zu erwarten; die Folgen bestätigten die Richtigkeit seiner Ansicht. Die Holländer hatten aber wohl zu wenig Vertrauen auf die Spanier, waren selbst niedergedrückt durch Ruyters Tod und rechneten mit einem kräftigen Rückhalt an den Befestigungen.