Achtes Kapitel.
Der französisch-englisch-holländische Krieg von 1688–1697.
Die politischen Verhältnisse, die den Krieg herbeiführten. Der jetzt zu besprechende Seekrieg ist der Anteil, den die Kriegführung zur See an dem großen europäischen Kriege 1688–1697 — dem Pfälzischen Erbschaftskriege, auch la guerre de la Ligue d'Augsbourg oder der Orleanssche Krieg genannt — genommen hat. Die Kriegführung zur See in diesem spielt scheinbar eine untergeordnete Rolle. Wenig große Seeschlachten werden geschlagen, nur bei den Versuchen Ludwigs XIV., in England die Stuarts wieder einzusetzen. Der Einfluß der Kriegführung zur See war aber tatsächlich für den Verlauf des ganzen Krieges doch so bedeutend, daß wir ihn wohl zu den großen Seekriegen rechnen können; die eben hochgekommene französische Marine verschwindet in Folge dieses Krieges wieder auf ein halbes Jahrhundert fast ganz von dem Meere.
Mit dem Frieden von Nymwegen (1678) stand Ludwig XIV. auf der Höhe seiner Macht und nutzte sie aus. Durch die berüchtigten Reunionskammern — 1678 und 1679 von ihm in Metz, Breisach, Besançon und Tournay eingesetzt — ließ er sich alle Gebiete zusprechen, die vormals irgendwann und irgendwo mit den durch den Westfälischen oder Nymweger Frieden von Frankreich neuerworbenen Ländern zusammengehangen hatten (deshalb eben: „Wiedervereinigungs“-Kammern). Auf Grund dieser Ansprüche nahm er dann an 600 Herrschaften, Städte und Orte in Deutschland und in den spanischen Niederlanden (hier auch Luxemburg) in Besitz. Das Deutsche Reich konnte nur Einspruch dagegen erheben; hierauf antwortete Ludwig gar mit der Besetzung Straßburgs am 30. September 1681. Österreich war seit 1678 durch Empörungen in Ungarn bedrängt. Hier hatte man die Türken zu Hilfe gerufen, die bis Wien kamen (entsetzt durch Sobieski 1683); auch der Große Kurfürst ließ den Kaiser im Stich, aus Verdruß über das ihm widerfahrene Unrecht. So sah sich der Kaiser, und mit ihm Spanien und Holland, sogar gezwungen, 1684 mit Frankreich einen Waffenstillstand (Regensburg) abzuschließen, in dem die Ansprüche auf die Reunionen anerkannt wurden. Ludwig behielt auch Straßburg, Luxemburg und das 1681 vom Herzog von Mantua gekaufte Casala: drei wichtige strategische Punkte für Unternehmungen nach Norden, Osten und Süden; von seiner gewalttätigen Züchtigung der kaiserlich und spanisch gesinnten Stadt Genua (1684) haben wir gehört.
Ludwig hatte sich aber durch sein Vorgehen neue Feinde geschaffen und alte Freunde entfremdet; alles sah sich geschädigt — selbst der König von Schweden im Herzogtum Zweibrücken und der Papst durch die Gründung der selbständigen französischen Kirche — oder doch bedroht. Auch seine innere Politik sollte dazu beitragen, die Machtstellung Frankreichs zu gefährden; auf diesen Punkt wird später näher eingegangen werden. Trotzdem trat er mit einer neuen Forderung hervor. Als 1685 der Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz starb, beanspruchte Ludwig die Allodialgüter der ausgestorbenen Linie; er erhob diesen Anspruch, bald auf die ganze Pfalz ausgedehnt, im Namen seiner Schwägerin Elisabeth Charlotte (Schwester des verstorbenen Kurfürsten und Gemahlin des Herzogs von Orleans).
Wenn nun aber auch die Erbitterung in allen Staaten Europas tief und allgemein war, so fehlte ihr zur Betätigung doch noch die Organisation und Leitung; auch durfte Ludwig immerhin mit einem Rückhalt an den Stuarts in England rechnen. Die Veränderung der Verhältnisse hier — die Revolution, die Wilhelm von Oraniens Thronbesteigung zur Folge hatte — sollte das Vorgehen Gesamteuropas gegen Frankreich nun beschleunigen.
Karl II. hatte immer noch genügend monarchische Gewalt gehabt, die politische und religiöse Feindschaft des englischen Volkes gegen Frankreich einzudämmen. Er starb 1685. Sein Nachfolger Jakob II. schloß sich nun noch enger an Ludwig an und ließ sich durch seinen katholischen Glaubenseifer zu Handlungen hinreißen, die das Volk dahin brachten, des Königs protestantische Tochter Maria (Gemahlin Wilhelms von Oranien; dieser selbst Enkel Karls I. von mütterlicher Seite) für den Thron ins Auge zu fassen.
Wilhelm von Oranien war von seinem ersten Auftreten an vor die Aufgabe gestellt, den Eroberungsplänen Ludwigs entgegenzutreten; er blieb ihr bis zu seinem Tode treu. Von einer Besteigung des englischen Thrones erhoffte er nicht nur eine Erhöhung seiner Stellung, sondern auch die Erfüllung seines glühendsten politischen Wunsches, die Macht des französischen Königs zu brechen. Er wurde die Seele der gärenden Bewegung in Europa. Zunächst versöhnte er Brandenburg mit dem Kaiser und mit Schweden, Holland mit Spanien und brachte ein Bündnis dieser Staaten zustande, dem die meisten deutschen Fürsten beitraten (den Augsburger Bund, Juli 1686).
Während dieser diplomatischen Schachzüge fand von seiten Hollands und Frankreichs eine Flottendemonstration statt. Ludwig versuchte Dänemark an sich zu ziehen, den einzigen Staat, der von ihm nicht geschädigt war. Dadurch entstand (1683) eine Spannung zwischen Dänemark und Schweden; jenes rüstete zu Lande und zu Wasser mit französischer Unterstützung und näherte sich Brandenburg, das noch nicht mit dem Kaiser versöhnt war. Nun beschloß Holland die Sendung einer Flotte von 24 Linienschiffen nach der Ostsee zum Schutze seines Handels, aber auch gegebenen[412] Falles zur Unterstützung Schwedens, oder gar um Truppen nach Deutschland zu führen. Frankreich kam ihm zuvor, Juni 1683 traf ein Geschwader von 13 Linienschiffen zum Schutze Dänemarks in Kopenhagen ein. Die holländische Flotte ging im August in See, kreuzte in der Nordsee und erreichte erst Ende Oktober Gothenburg; die öffentliche Meinung in Holland billigte aus Furcht vor Frankreich den Schritt nicht. Da sich die Verhältnisse zwischen Dänemark und Schweden friedlicher gestaltet hatten, ging das französische Geschwader schon im September in die Heimat zurück; auf die Kunde hiervon kehrten auch die Holländer heim.