Allgemeiner Verlauf des Pfälzischen Erbschaftskrieges und Kennzeichnung der Kriegführung zur See in diesem. Wenn der Kampf zur See scheinbar nur eine untergeordnete Rolle spielt und ihm deshalb auch in den meisten Geschichtswerken (selbst seekriegsgeschichtlichen) nur eine dementsprechende Beachtung geschenkt wird, so hat dies seinen Grund darin, weil nur wenige große Seeschlachten auf einem Nebenkriegsschauplatze geschlagen werden. Der Landkrieg und der Seekrieg stehen nur wenig im Zusammenhange, besonders nicht in den Jahren, in denen der Landkrieg am erbittertsten geführt wurde; nur im Kampfe um Irland und gegen Ende um Katalonien greifen sie ineinander ein. So genügt es denn, von dem Verlaufe des großen europäischen Landkrieges hier nachstehende kurze Zusammenfassung zu geben und auch später nur andeutend auf ihn zurückzukommen.

Die Schauplätze des Landkrieges waren die spanischen Niederlande, der Unterrhein, die Pfalz, Savoyen (Piemont) und Spanien (bes. Katalonien); Irland trat durch den Einfall Jakobs II. dort hinzu. Wie im vorigen Kriege waren die Waffen Frankreichs im allgemeinen glücklich: Ludwig gebot über tüchtige, von Condé und Turenne erzogene Generale, über eine gute und einheitliche Armee von 150000 Mann; Vauban hatte Frankreich — in dessen Besitz überall wichtige Stützpunkte und Waffenplätze übergegangen waren — zu einem verschanzten Lager gemacht.

Am Oberrhein erfolgte die furchtbare Verwüstung der Pfalz im Herbst 1688 und Frühjahr 1689 unter Melac, wobei Speier, Worms, Heidelberg, Mannheim und Hunderte von kleinen Orten verbrannt wurden. Ein ernster Widerstand war nicht möglich: Bayern zeigte sich lässig; der größere Teil der österreichischen Macht war noch in Ungarn beschäftigt; den Verbündeten mangelte das Zusammenwirken, da der österreichische Führer (Caprara) mit dem brandenburgischen (Schöning) stets im Streite lag und der holländische (Waldeck) sich unfähig erwies. 1689 gelang es nur, Mainz wieder zu erobern (Sachsen und Bayern) und die Franzosen mit dem von ihnen eingesetzten Kurfürsten aus dem Kölnischen zu vertreiben. Sonst drangen die Franzosen weiter vor bis Frankfurt, Rothenburg, Göppingen und Ulm, welche Plätze sich hielten; selbst von Bamberg, Nürnberg und Würzburg wurde mit Erfolg Kontribution gefordert, und in Stuttgart ließ die Regierung den Feind hinein; Melac wollte auch diese Stadt verbrennen, wurde aber durch Karl von Baden mit schwäbischen Kreistruppen und aufgestandenen Bauern aus Schwaben vertrieben. 1690 wurde auch Waldeck (Holländer, Spanier, Reichstruppen) bei Fleurus vom Marschall Luxembourg geschlagen und die Franzosen errangen Erfolge in Piemont und an der spanischen Grenze.

Die Seele des Bundes, Oranien, war bisher noch in England unabkömmlich gewesen. Jakob II. war im März 1689 in Irland gelandet, von Frankreich unterstützt und gedeckt durch eine französische Flotte (Seegefecht vor Bantrybay). Mit Ausnahme des vorwiegend protestantischen Ulster fiel ihm ganz Irland zu. Oranien aber gelang es, trotz der französischen Flotte Truppen hinüberzuschaffen und im Juni 1690 selbst hinüberzugehen, Jakob schließlich in der Schlacht am Boyne (11. Juli 1690) völlig zu schlagen und aufs neue zur Flucht nach Frankreich zu zwingen; Oraniens Herrschaft war von diesem Zeitpunkt an als gesichert anzusehen. Selbst der Seesieg der Franzosen bei Beachyhead (10. Juli 1690), in dem die vereinigte englisch-holländische Flotte für dieses Jahr vollständig außer Gefecht gesetzt wurde, konnte Jakobs Sache nicht mehr retten; schwache Versuche der französischen Flotte, nach ihrem Siege an der englischen Küste aufzutreten, blieben erfolglos.

Das Jahr 1691 brachte auf dem Festland einen Stillstand der französischen Erfolge, auch ein Zurückgehen der Franzosen am Oberrhein. Oranien erschien eben nun mit einem Hilfskorps in Holland und, was vielleicht noch mehr Einfluß hatte, Louvois starb. Dieser Stillstand war aber nur von kurzer Dauer; Oranien mußte bald nach England zurück und sofort errang Luxembourg Vorteile über Waldeck (z. B. Sieg bei Leuze im Hennegau, September 1691) und im Jahre 1692 eröffnete Ludwig den Feldzug wieder mit äußerster Energie.

Es wurde eine große Landung in England geplant — ein letzter mächtiger Versuch im Interesse Jakobs — und zugleich auf dem Festlande überall kräftig vorgestoßen. Gegen Holland zog der König selbst, unter ihm Vauban und Luxembourg; hierher war Oranien Anfang des Jahres mit neuen Truppen zurückgekehrt, er war jedoch nicht glücklich im Felde. Namur wurde genommen (Vauban gegen Coehoorn, die beiden berühmten[415] Ingenieure), Oranien selbst mit einem 75000 Mann starken spanisch-holländisch-deutschen Heere bei Steenkirchen von Luxembourg, wenn nicht geschlagen, so doch unter starkem Verluste aufgehalten. Catinat drang siegreich in Piemont (Schlacht bei Marsaille in der Nähe Turins), Noailles in Spanien (Schlacht am Terr) vor; auf beiden Flügeln so im Vorteil, brachen die Franzosen in der Mitte wieder in Deutschland den Neckar entlang ein. Auch 1693 konnten die Franzosen noch Erfolge verzeichnen: Im Juli siegte Luxembourg nochmals bei Neerwinden über Oranien, dieser jedoch behauptete stets mit Hartnäckigkeit und Ausdauer das Feld; am Oberrhein erfolgten neue Raubzüge, ungestraft wegen Uneinigkeit der gegnerischen Führer; aber auch hier setzte Ludwig von Baden, als kaiserlicher Feldherr jetzt, in einer Verteidigungsstellung bei Heilbronn dem Vordringen eine Grenze.

Dagegen hatte der Plan einer Invasion in England mit einer völligen Niederlage der Franzosen (Seeschlacht bei Barfleur und La Hogue, 29. Mai 1692, und die nächsten Tage) geendet. Der Seekrieg hatte bis dahin mit dem Landkriege auf dem Festland in keinem Zusammenhang gestanden. Die französische Flotte war verwendet zur Unterstützung des Aufruhrs in Irland und zu Versuchen, England anzugreifen; die Seestreitkräfte der Verbündeten zur Abwehr. Jetzt verschwand die französische Flotte als solche vom Meere. Man focht auf dem Meere in erster Linie um den Handel, und die Verbündeten versuchten daneben, von See her in den Landkrieg einzugreifen: Durch Bedrohung der französischen Küsten und durch Unterstützung der Spanier in Katalonien. Das letztere setzte den Erfolgen der Franzosen ein Ziel, als Ludwig im Jahre 1694 hier noch einmal kräftig vorstieß. Der Kampf um den Seehandel war aber von noch bedeutenderem Einfluß; besonders von Frankreich mit großem Erfolge geführt, schädigte er England und Holland sehr. Von 1694 an wurde der Krieg von beiden Seiten lauer geführt, außer der Rückeroberung Namurs 1695 durch Oranien treten keine Ereignisse von Bedeutung mehr ein; auf beiden Seiten wünschte man den Frieden. Ludwig gelang es schon 1696, Savoyen durch Rückgabe seines ganzen Gebietes zu befriedigen und so den Bund zu schwächen. Spanien zeigte sich am hartnäckigsten, wurde aber dadurch zum Nachgeben gezwungen, daß Ludwig 1697 noch einmal ihm gegenüber Vorteile errang. Von den englisch-holländischen Seestreitkräften nicht mehr unterstützt, wurde es in die Enge getrieben (Barcelona fiel), gleichzeitig bedrohte ein französisches Geschwader seine westindischen Kolonien (Cartagena). Durch Schwedens Bemühungen trat im Mai 1697 ein erfolgreicher Friedenskongreß in Ryswijk zusammen.

Der Krieg endete mit dem Frieden von Ryswijk (20. September 1697, Spanien, Holland, England; 30. Oktober Kaiser und Reich), da beide Parteien erschöpft und des Kampfes müde waren.

In Deutschland war der gute Wille, sich der Franzosen zu erwehren, durch Neid unter den Fürsten und durch französische Umtriebe immer mehr erlahmt. England und Holland, die auf seiten der Verbündeten allein die Kosten getragen hatten, waren durch den Kreuzerkrieg schwer geschädigt worden. Sie waren unter diesen Umständen (in Holland brach 1695 gar ein Volksauflauf wegen der hohen Kriegssteuern aus) zum Frieden geneigt und rechneten wohl damit, besonders England, auch jetzt schon genügende Vorteile zu erringen. Frankreich war trotz des Reichtums, den das Land barg, erschöpft durch den Riesenkampf gegen ganz Europa, verbunden mit dem Rückgange der wirtschaftlichen Verhältnisse im Lande.

Diese Erschöpfung Frankreichs, unter der besonders auch seine Marine litt — der tatsächliche Verlust an Schiffen war keineswegs der Grund ihres schon während des Krieges eintretenden Verfalls; diese Materialeinbuße wäre leicht[416] zu verschmerzen gewesen —, war eine natürliche Folge der Politik Ludwigs, seiner inneren wie seiner äußeren. Selbst die ungeheuern Opfer, die der Riesenkampf forderte, hätte das an sich sehr reiche Land wohl tragen können, wenn Colberts Pläne voll verwirklicht wären und Zeit gehabt hätten, genügend zu wirken. Colberts Reformen (vgl. Seite [315] „Colberts Tätigkeit“) hatten bis zum Jahre 1672 schon großen Erfolg gehabt. Die Produktion auf landwirtschaftlichem und industriellem Gebiet hatte zugenommen, die westindischen Kolonien blühten auf, der Seehandel hatte sich verdoppelt; der allgemeine Wohlstand war gewachsen. Frankreich, das bei Ludwigs Thronbesteigung unter Schulden und Unordnung seiner Finanzen litt, erfreute sich bei Ausbruch des Krieges 1672 gerade geordneter Verhältnisse.