Der sechs Jahre dauernde Krieg untergrub aber schon die von Colbert geschaffene Grundlage: Die ackerbauende Bevölkerung, die Industrie, Handel und Kolonien wurden durch ihn zu lange lahm gelegt; die ungeheuren Kosten erschütterten die Ordnung in den Staatsfinanzen, nur mühsam konnte Colbert diese von nun an noch aufrecht erhalten. Beim Frieden von Nymwegen wäre es wohl noch wieder gut zu machen gewesen, aber wie erwähnt, wurden nur Bedingungen durchgesetzt, die zwar vorteilhaft für Landzuwachs, aber nicht für Hebung der Produktion und des Handels waren. Nach Colberts Tode wurden seine Wege ganz verlassen und an die Stelle der produktiven Wohlfahrtspolitik trat immer mehr ein nur nach Steuerkraft ringendes Verfahren. Auch durch sein Vorgehen gegen die Hugenotten (Dragonaden 1683; Aufhebung des Edikts von Nantes 1685) hatte Ludwig die Produktionskraft des Landes geschädigt, indem er ein Element geistiger und wirtschaftlicher Kraft zerstörte.
Die Feindschaft mit ganz Europa schloß nun von 1688 an auf lange Jahre Frankreich zu Lande und zu Wasser von dem Verkehr mit allen anderen Völkern ab und kein Land kann sich auf die Dauer aus sich allein heraus gedeihlich erhalten; nicht ohne Grund hatten Richelieu und Colbert eine eigene Macht zur See und ein freundschaftliches Verhältnis mit Holland angestrebt. Ludwig verwarf dieses mächtige Hilfsmittel im stolzen Vertrauen auf seine Stärke und auf seine unumschränkte Herrschaft im Lande.
In diesem Kriege rechtfertigte Frankreich noch dieses Vertrauen durch seine, im ganzen genommen, standhafte Haltung ganz Europa gegenüber. Es machte im Felde zwar keine dauernden Fortschritte, wich aber auch nicht zurück; die Friedensbedingungen fielen aber doch schon recht nachteilig aus. Im bald folgenden nächsten Kriege aber war wohl noch dieselbe Tatkraft, jedoch nicht mehr die nötige Lebenskraft vorhanden; Frankreich wurde überall zurückgeschlagen und an den Rand des Verderbens gebracht.
Die Bedingungen des Friedens — zum ersten Male in französischer, nicht wie bisher in lateinischer Sprache abgeschlossen — waren für Ludwig XIV. ungünstig: Frankreich verlor fast alles, was es im Frieden von Nymwegen gewonnen, was es in den Friedensjahren sich angeeignet oder in den Kriegsjahren erobert hatte; nur die Reunionen im Elsaß sowie Straßburg blieben in seiner Hand. Es erkannte Oranien als König von England an und gewährte den beiden Seenationen Handelsvorteile, die dem Gedeihen der eignen Seemacht höchst nachteilig waren.
Vergegenwärtigen wir uns nun nach der kurzen Zusammenfassung des Gesamtkrieges die Beteiligung der Seestreitkräfte an ihm und damit den Einfluß der Seemacht[226], um an der Hand dieser Betrachtung später die kriegerischen Ereignisse zur See der Zeit nach zu besprechen.
Zuerst fanden die Flotten Verwendung in den Kämpfen, die die englische Revolution hervorrief: Mit Hilfe der holländischen Flotte ging Oranien nach England hinüber, unterstützt durch die französische Marine fiel Jakob in Irland ein; die Flotten beider Parteien mußten dann ihre Armeen auf dieser Insel unterstützen. 1690 versucht die französische Flotte, dem bis dahin erfolgreichen Unternehmen Jakobs in Irland durch einen mächtigen Schlag gegen die Hauptmacht der englisch-französischen Seestreitkräfte auch in England eine günstige Wendung zu geben, jedoch ohne Erfolg; der ähnliche Versuch 1692 — eine Landung in England — endet mit der Niederlage der französischen Flotte.
Nach dieser Niederlage gibt Frankreich den Seekrieg mit Flotten ganz auf und verlegt sich auf den Kreuzerkrieg in großem Maßstabe, den es schon 1691, noch auf die Flotte gestützt, begonnen hatte. Es fügt dem Handel der Gegner andauernd solchen Schaden zu, daß diese zum Frieden geneigt werden. Anderseits schließen aber auch die Verbündeten die Franzosen vom Seehandel ab und greifen mit starken Flotten in den Landkrieg ein; in Spanien mit Erfolg. Endlich gegen Ende des Krieges trägt das Auftreten französischer Seestreitkräfte gegen Spanien zur Beschleunigung des Friedensschlusses bei.
Die Kriegführung zur See zeigt sich also in diesem Kriege doch recht einflußreich, ja, sogar mitentscheidend. Die Beschreibung des Seekrieges und die sich daranschließenden Betrachtungen werden lehren, daß dieser Einfluß noch weit bedeutender hätte sein können, wenn nicht auf beiden Seiten Fehler in der Verwendung der Seestreitkräfte gemacht wären und wenn nicht diese selbst, ebenfalls auf beiden Seiten, in ihrer Leistungsfähigkeit zu wünschen übrig gelassen hätten. Ganz besonders lehrreich ist aber dieser Krieg auch durch die Folgerungen, die man aus ihm über den Kreuzerkrieg ziehen kann.
Über die Streitmittel (anschließend an Seite [312] ff.).