In England hatte der König Karl II. 1678 die Verwaltung der Marine in die Hand einer Kommission gelegt (an ihrer Spitze stand Prinz Rupert), deren Macht jedoch sehr durch den Einfluß des Königs eingeschränkt war; die schon erwähnten Mißstände — Lockerung der Disziplin, Verminderung und Verwahrlosung des Materials — erreichten eine solche Höhe in den nächsten 5 Jahren, daß ein englischer Autor (Campbell) sagt: „Wenn diese Zustände noch weitere 5 Jahre gedauert hätten, so würde die Marine so weit heruntergebracht sein, daß weitere Fehler in ihrer Verwaltung nicht mehr begangen werden konnten.“ Dies sah schon Karl II. 1684 und griff bessernd ein; nach seinem Tode (1685) setzte Jakob II. das Werk fort. Selbst hervorragender Seemann, war dieser sein eigener Marineminister; er erreichte, daß bei Ausbruch des Krieges 1688 wenigstens reichliches Material vorhanden war. Er sollte aber für seine Person keinen Nutzen daraus ziehen, da die Flotte ihn verließ. Mitte Dezember 1688 stand die ganze Marine Wilhelm von Oranien zur Verfügung.
Clowes sagt: „Jakob II. war gegen Ende seiner Regierung als tüchtiger Seemann wohl noch populär in der Marine, erfreute sich aber als König nur geringer Loyalität. Die Marine als Ganzes war sehr antikatholisch und nun machte der König, als Oraniens Einfall drohte, im Juni 1688 einen Katholiken — Sir Roger Strickland — zum Befehlshaber der Flotte; er sandte auch Priester an Bord, um Messe lesen zu lassen; diese entgingen nur mit knapper Not körperlichen Mißhandlungen. Es war kein Ersatz an Mannschaften zu erhalten, da niemand für die katholische Sache fechten wollte. Im September wurde ein anderer Chef ernannt — der Earl of Dartmouth; es war zu spät, das Mißtrauen war zu weit eingerissen, der Einfluß der mit der Revolution einverstandenen Offiziere war zu groß geworden: „Cabals in every fore-castle; political meetings in every cabin.“ Es ist fraglich, ob auch nur ein Drittel der Besatzungen, wenn vor die Frage gestellt, gefochten haben würde.“
Admiral Herbert (später Earl of Torrington) und Kapitän Russell (später Admiral Earl of Oxford) gehörten zu den Hauptparteigängern Oraniens; dieser war unter den Abgeordneten, die Oranien herbeiriefen, jener befehligte zu Wasser dessen Expedition.
Der Schiffsbestand[227] war (vgl. genauer Seite [177]):
| Schiffe: Klasse | I. | II. | III. | IV. | V. | VI. | Brander | Mörserboote |
| Kanonen: | 96–100 | 80–90 | 60–74 | 40–54 | 28–32 | 16–20 | ||
| Anzahl: | 9 | 11 | 39 | 40 | 2(12?) | 6 | 26 | 3 |
Es würden dies also etwa 100 Schlachtschiffe (über 40 Kanonen) sein. In den während des Krieges aufgestellten Schlachtflotten werden wir aber keine Schiffe unter 50 Kanonen finden, auch bei den Holländern nur wenige; das Linienschiff rechnet also tatsächlich von 50 Kanonen ab. Selbst die Schiffe von 50–60 Kanonen sind schwach vertreten, sie erscheinen ebenso spärlich wie im vorigen Kriege die 40–50 Kanonenschiffe. Die Hauptkraft der Flotten liegt in 70 Kanonenschiffen und auch die noch schwereren sind vermehrt. Vergleichen wir z. B. den Bestand von Solebay 1672 = 8 zu 80 Kanonen und darüber, 11 zu 60–80 Kanonen und den von Barfleur 1692 = 19 zu 80 Kanonen und darüber, 31 zu 60–80 Kanonen.
Aus der letzten Angabe sehen wir auch, daß 1692 fast alle Linienschiffe über 60 Kanonen bei der Hauptflotte waren, und so war es in den meisten Kriegsjahren der Fall. Auch von den kleineren Linienschiffen (40–60 Kanonen) und von den anderen Fahrzeugen war wohl der größte Teil im Dienst; man hatte stets kleine Geschwader in Westindien und den amerikanischen Gewässern, mit den Holländern vereint ein Geschwader vor Dünkirchen, Kreuzer im Kanal und Nordsee und endlich auch Begleitschiffe für Convois (hiervon wohl eine große Zahl, wie genauere Angaben bei den Holländern zeigen werden). Die Armierung der Schiffe ist früher (Tabelle Seite [170]) für 1677 gegeben, vielleicht ist bei der jetzt gebräuchlichsten Schiffsklasse die für 1719 mitgeteilte schon mehr entsprechend. Die Mörserboote wurden stark vermehrt, gerade in diesem Kriege spielten sie eine große Rolle.
Wilhelm III. übergab die Verwaltung und Leitung der Marine — die Geschäfte des Lordhighadmiral — wieder einer Kommission, wie es schon sehr früh 1638, dann unter der Republik und endlich, eben gesagt, unter Jakob II. geschehen war. So entstand die Admiralität mit dem „Ersten Lord“ an der Spitze (der Marineminister) und diese hat seitdem — mit kurzer Unterbrechung unter Königin Anna — fortbestanden. (Von 1696 an erscheint auch fortdauernd der Admiral of the Fleet.) Die Mißstände in der Verwaltung dauerten aber noch länger fort, gerade in diesem Kriege werden wir oft von verzögerter und mangelhafter Ausrüstung der Schiffe hören. Auch in einer anderen Hinsicht lagen die Verhältnisse ungünstig. Wohl weil die innere politische Lage im Lande noch nicht geklärt war, die neue Regierung noch keineswegs feststand, scheint vielfach Mißtrauen in Hinsicht auf Zuverlässigkeit und guten Willen mancher höheren Offiziere geherrscht zu haben. Wir werden sehen, daß Frankreich mit solcher Unzuverlässigkeit rechnete, daß von holländischer Seite die Schuld an Verzögerungen militärischer Operationen dem Einfluß englischer Führer zugeschoben wird; auffallend ist es jedenfalls, wie häufig man einen Wechsel im Oberkommando eintreten ließ — zweimal wird es sogar wieder in die Hände dreier Admirale gleichzeitig gelegt —, wie sehr der jeweilige Chef abhängig von Befehlen der Admiralität war und scheinbar nicht wagte, nach eigener Ansicht zu handeln: Mißerfolge konnten ihn verdächtig machen.
Es ist nicht zu verwundern, daß unter der Einwirkung dieser Umstände die englische Marine in diesem Kriege nicht das leistete, was man bei ihrer Stärke hätte erwarten müssen.