Man liest wohl, daß die holländische Marine[228] von Wilhelm von Oranien vernachlässigt sei, namentlich nachdem dieser den englischen Thron bestiegen habe; es wird sogar angedeutet, daß dies nicht nur geschehen, weil er mehr Interesse für den Landkrieg und somit für das Heer gehabt habe, sondern auch — eben später als König von England — um diesen Nebenbuhler der englischen Marine zu schwächen; man kann aber diese Behauptung nicht anerkennen. In Holland wurden während des jetzt zu besprechenden Krieges recht bedeutende Anstrengungen gemacht, die Seestreitkräfte mächtig zu erhalten, und diese sind sämtlich der Anregung und Einwirkung Oraniens zuzuschreiben. In den ersten Jahren nach dem Frieden von Nymwegen wurde allerdings wenig getan, die Schiffe, namentlich die schweren, in gutem Zustande zu erhalten oder für Ersatz zu sorgen; doch haben wir stets gesehen, daß man in dieser Hinsicht nicht sehr vorsorglich war, wenn die Gefahr vorüber; bei der Erschöpfung des Landes und den Schulden der Admiralitäten nach dem letzten Kriege kann es besonders dieses Mal nicht wundernehmen. Aber schon von 1680 an setzte Oranien seinen Einfluß ein, um die Flotte wieder herzustellen; vielleicht bewogen ihn gerade seine Pläne auf England hierzu.
1682 brachte er den Beschluß durch, 36 Linienschiffe in zwei Raten zu bauen, von denen auch sofort die erste Hälfte auf Stapel gelegt wurde (die zweite Rate folgte erst 1688), und 1685 brachte auf sein Drängen eine Kommission von Abgeordneten der Generalstaaten und der Admiralitäten den Antrag ein, den Gesamtbestand auf 96 Linienschiffe — 20 I. Klasse (80–96 Kanonen), 28 II. Klasse (70–74 Kanonen), 24 III. Klasse (60–68 Kanonen), 24 IV. Klasse (50–54 Kanonen) — und 90 Fregatten usw. (14 bis 44 Kanonen) zu bringen und zu erhalten; hiervon waren zur Zeit nur 50 und 32 vorhanden. Wenn dieser Antrag auch nicht durchging, so wurden doch bis 1692 41 Linienschiffe (über 50 Kanonen), darunter besonders zunächst viele der schwereren, und 31 Fregatten usw. gebaut, so daß in diesem Jahre die geplante Stärke fast erreicht war, obgleich inzwischen schon Verluste eingetreten waren; während der weiteren Kriegsjahre kamen noch gegen 20 Linienschiffe zum Bau.[229]
Im ganzen sind unter Oranien von 1683–1701 93 Linienschiffe (I. Klasse = 15 zu 90–96 Kanonen; 2 zu 80–86 Kanonen; 21 II. Klasse; 29 III. Klasse; 26 IV. Klasse und hiervon 40 allein in Amsterdam, in Friesland nur 4, in den 3 anderen Admiralitäten je 14–18) und 65 leichtere Schiffe (meist zu 30–46 Kanonen) fertiggestellt — diese mit den gewöhnlichen Mitteln der Admiralitäten, für die Linienschiffe hatte Oranien außergewöhnliche Gelder beschafft — und zwar besonders seit 1688, also während des langdauernden kostspieligen Krieges.
Es ist anzumerken: Der holländische Schiffbau, der in früheren Zeiten als Muster für die übrigen Nationen dastand, hatte sich nur wenig weiter entwickelt. In England und namentlich in Frankreich wurde dieser mehr und mehr als Kunst, auf Erfahrung und Theorie gestützt, betrieben, in Holland baute man handwerksmäßig nach altem Brauche weiter; die Schiffe besaßen infolgedessen weniger gute See- und Segeleigenschaften, was sich z. B. besonders den Dünkirchenern gegenüber zeigte. Beweise hierfür findet man: in den Berichten der Admirale; in dem Umstande, daß erwogen wurde, aus England einen Chef des Schiffbauwesens kommen zu lassen (der Vorschlag scheiterte am holländischen Nationalstolz); in dem späteren Ausspruch Peters des Großen, daß er Holland verlassen habe, da hier der Schiffbau nicht auf der Höhe stehe. Im übrigen wurden unter Oranien sonst Hafen- und Werftanlagen erweitert und verbessert.
In betreff der Armierung der Schiffe ist schon öfters erwähnt, daß sie in den Kalibern hinter England und auch Frankreich zurückstand; für die Zeit von 1690–1697 liegen Angaben vor, die dies im Vergleich mit genannten Marinen (Tabelle Seite [170]) auffallend zeigen.
De Jonge, Teil III, Beilage X (dort genauer): Es führten
| Ein Seeländer 94 K.-Schiff = 28:24-Pfdr.; 30:18-Pfdr.; 6:12-Pfdr.; 22:8-Pfdr.; 8:6-Pfdr. |
| Ein Maas 90 K.-Schiff = 12:36-Pfdr.; 18:24-Pfdr.; 30:18-Pfdr.; 24:6-Pfdr.; 4:4-Pfdr. |
| Ein Maas 84 K.-Schiff = 28:24-Pfdr.; 28:18-Pfdr.; 22:6-Pfdr.; 6:4-Pfdr. |
| Ein — 74 K.-Schiff = 14:24-Pfdr.; 12:18-Pfdr.; 26:12-Pfdr.; 10:6-Pfdr.; 10:4-Pfdr. |
36-Pfdr. scheinen nur die Schiffe der Maas gehabt zu haben, bei Amsterdam wahrscheinlich nicht, bei den anderen Admiralitäten sicher nicht; bei letzteren führten die 80 Kanonen-Schiffe an Stelle der 24-Pfdr. nur 18-Pfdr.
Im Jahre 1695 wurden auch in Holland die neuaufgekommenen seefähigen Mörserboote gebaut (10 oder 12).
Holland hat in diesem Kriege auch noch stets zu der englisch-holländischen Hauptflotte sein vertragsmäßiges Kontingent gestellt (etwa 30 Linienschiffe = 3/8:5/8) und dazu traten stets ein Geschwader vor Dünkirchen, Kreuzer im Kanal und Nordsee (alles Linienschiffe von 40–50 Kanonen, einige von 50–60 Kanonen) sowie 30–35 Convoi-Begleitschiffe (20–50 Kanonen, meist 30–40 Kanonen).