Nach Colberts Tode aber (1683) ging mit dem Verfall seiner anderen Schöpfungen auch die Marine bald zurück. Ludwig hatte kein Interesse für das Seewesen; er wünschte zwar eine Kriegsmarine für seine Kriege, aber er konnte oder wollte nicht einsehen, daß die Kriegsmarine wenig Zweck und keine Lebensfähigkeit habe, wenn Industrie, Handel und friedliche Schiffahrt zugrunde gingen. Es kam hinzu, daß die Nachfolger Colberts als Marineminister wie Ludwig dachten oder gar die Flotte selbst als Waffe gering achteten.
Der Marquis de Seignelay (1683–1690; Sohn Colberts und schon seit 1672 unter seinem Vater im Marineministerium tätig) strebte zwar auch noch eine Vergrößerung der Marine an, aber nicht im Interesse des Handels sondern wie Ludwig, „um mit ihr als Waffe seinen Ehrgeiz zu befriedigen“; wir sahen ihn schon vor Genua selbst an Bord auftreten. Colbert hatte versucht, der seemännischen Bevölkerung für ihren Dienst Vorteile zuzuwenden — Halbsold, Witwen- und Waisenpensionen usw. —, unter Seignelay fielen diese weg, er nutzte die Menschen nur aus.
Der Schiffsbestand war hoch; 1690 sehen wir in der Schlacht bei Beachy Head: 12 Schiffe von 80 bis über 100 Kanonen, 48 von 60–80 Kanonen und 17 von 50–60 Kanonen. Aber die Werften und Arsenale waren schon um 1688 nicht mehr voll und pünktlich leistungsfähig (Unordnung und Verschwendung riß ein), und um die Schiffe zu bemannen, mußte wieder zum Pressen gegriffen werden (vergl. Seite [182]). Dies wurde selbst in Friedenszeiten mit solcher Härte durchgeführt, daß Empörungen vorkamen; das System der Rekrutierung bestand nur noch auf dem Papier. Zur teilweisen Abhilfe des Mannschaftsmangels gründete Seignelay 80 ständige Freikompagnien von Soldaten, je 100 Mann unter Führung eines Seeoffiziers, die als Ersatz für Matrosen gute Dienste leisteten. Nur eins wird ihm nachgerühmt, „daß er durch Sammlung und Vervollständigung der Reglements seines Vaters ein Mittel hinterließ, mit dem sich viel später — unter Choiseul 1760 — die Marine aus dem von ihm durch Vergeudung des vorgefundenen Materials und Personals vorbereiteten Niedergang wieder erheben konnte.“ Er starb, erst 39 Jahre alt, am 6. September 1690.
Chabaud-Arnault sagt von Seignelay: Seignelay besaß einen festen Willen, große Intelligenz und Arbeitskraft, aber unleidlichen Stolz, Härte und Vergnügungssucht. Colbert war selten zufrieden, tadelte stets, aber strafte ungern; Seignelay tadelte beleidigend und strafte hart. Eins war gut bei ihm: er wußte die Disziplin, namentlich im höheren Offizierkorps, aufrecht zu erhalten, die einzuführen Colbert und du Quesne so viele Mühe gemacht hatte.
In den Krieg 1688 trat nach Vorstehendem die französische Marine also noch als eine mächtige ein. Sie besaß genügendes und gutes Schiffsmaterial wie Personal, insbesondere waren die Flaggoffiziere und Kommandanten in Führung der Geschwader und Schiffe auf der Höhe. Die Marine war den Feinden gewachsen, wenn nicht überlegen, aber ihr Rückgang war schon im Entstehen.
Admiral von Frankreich war dem Namen nach bis 1683 Vermandois (Sohn der Lavallière). Als dieser, 16 Jahre alt, starb, folgte der fünfjährige Comte de Toulouse (Sohn der Montespan). Dieser sprach vorläufig also auch noch nicht mit, sollte aber später ein ganz tüchtiger Seeoffizier werden.
Was Ludwig von seiner Seemacht hielt, geht daraus hervor, daß er ähnlich wie England verlangte, alle Nationen (ausschließlich England) sollten auf See die Lilienflagge salutieren; 1688 zwang Tourville, von der Barbareskenküste zurückkehrend, ein spanisches Geschwader mit Waffengewalt hierzu.
Auf Seignelay folgte Louis de Pontchartrin 1690–1699 und unter ihm schritt der Verfall der Marine fort.
Chabaud-Arnault sagt: Auf einen Minister jung, kriegerisch, ruhmsüchtig, zwar verschwenderisch aber doch wohl bekannt mit der Organisation der Verwaltung und der Flotte folgte ein älterer Mann (47 Jahre) kalt, berechnend, sparsam, friedlich gesinnt und völlig dem Kriegswesen, insbesondere dem Seewesen, fremd. Obgleich wohlwollend und gutem Rate zugänglich, wurde er durch die Umstände gezwungen, mehrfach und ungerecht gegen die tüchtigsten Führer aufzutreten und bei der Verwendung der für die Marine bestimmten Mittel teils unangebrachte Knauserei, teils zwecklose Verschwendung zu zeigen.