Pontchartrin hatte ganz andere Ansichten über die Verwendung der Marine als seine beiden Vorgänger; zum Heben des eigenen Handels konnte er bei den herrschenden Verhältnissen nichts tun, von einer Kriegführung zur See in großem Maßstabe hielt er nichts — vielleicht unter Louvois' Einfluß stehend —; er glaubte die Marine am besten zum Angriff auf den feindlichen Handel zu verwerten und dadurch die öffentlichen und privaten Kassen zu bereichern. Anfang 1691 schlugen Louvois und Pontchartrin gar dem Könige vor: „Die Marine, die so teuer käme und doch nur die Küsten schütze, durch 25000 Mann Infanterie und 4000 Reiter zu diesem Zwecke zu ersetzen!“[231]

Die Schiffszahl wurde zwar, um Ludwigs Wünschen zu genügen, noch erhalten, auch wurden zunächst noch große Flotten in Dienst gestellt. Der Bestand wird für 1692 auf 120 Linienschiffe über 40 Kanonen angegeben. In diesem Jahre verlor Frankreich bei La Hogue 15 Linienschiffe. Oft ist gesagt, hier sei die französische Marine vernichtet! Der Verlust wäre doch wohl zu verschmerzen gewesen, auch waren andere Schiffe im Bau; schon 1693 finden wir 70 Linienschiffe im Atlantik und gegen 17 im Mittelmeer im Dienst, weitere waren noch auf den Werften und für 1696, also gegen Ende des Krieges, wird der Bestand sogar auf 135 Linienschiffe über 40 Kanonen und auf 20 Fahrzeuge von 24–36 Kanonen angegeben; es ist dies der höchste Stand, der erreicht worden ist. Von einer Vernichtung bei La Hogue kann man also nicht sprechen, aber nach dieser Schlacht brach die Ansicht Pontchartrins immer mehr durch; die große Flotte 1693 wurde nur zu einem Schlage gegen den feindlichen Handel (Angriff auf den Smyrna-Convoi) verwendet, und von da an stellte man jährlich nur noch verschiedene kleinere Divisionen auf. Die große Schiffszahl stand bald sozusagen nur noch auf dem Papier; auch wurden die Schiffe vernachlässigt, da Werften und Arsenale sich immer weniger leistungsfähig zeigten. Unter einem in den Seesachen gänzlich unerfahrenen Minister trat zu der schon unter Seignelay eingerissenen Verschwendung in der Verwaltung auch wieder Nachlässigkeit und selbst Untreue wie vor Colberts Zeiten; auch nahm der Hader zwischen den Verwaltungs- und Kommandobehörden zu. Ebenso ging das Personal nach und nach zurück. Der reine Kreuzerkrieg mit kleinen Divisionen und einzelnen Schiffen, besonders wenn er mit Königlichen Schiffen, Offizieren und Mannschaften geführt wurde, die an Private vermietet waren (vgl. später „Kreuzerkrieg“), mußte schädigend auf Disziplin und Geist einwirken; bei vielen wurde doch wohl mehr Lust nach Beute als Ehre und Vaterlandsliebe die Triebfeder. Im Offizierkorps gingen ferner Übung und Erfahrung in Exerzitien und Taktik verloren — nur eine kleine Elite bewahrte das Interesse daran und damit die Überlieferung für die späteren Zeiten Choiseuls. Zwar warf Pontchartrin als gleichzeitiger Generalkontrolleur der Finanzen noch ein großes Budget für die Marine aus, aber die schlechte Verwaltung verschlang noch mehr und die zunehmende Zerrüttung der Geldwirtschaft im Lande machte es oft unmöglich, die nötigen Mittel zu beschaffen. Da konnten denn auch unter ihm der seemännischen Bevölkerung die von Colbert eingeführten Vergünstigungen nicht zu teil werden, selbst die Löhnungszahlung wurde wieder unregelmäßig; die Folge war, daß der Dienst immer unbeliebter wurde, das Pressen immer härter durchgeführt werden mußte; die Fahnenflucht wurde eine Plage, die mit den schärfsten Mitteln nicht zu steuern war.

Der Verlauf des Seekrieges.

Wilhelm von Oraniens Übergang nach England[232] 1688. Es ist erwähnt, daß Oranien frühzeitig dafür sorgte, im gegebenen Augenblick über die erforderlichen Kräfte zur Besitzergreifung des englischen Thrones verfügen zu können. An die Generalstaaten konnte er sich nicht wenden, weil die Angelegenheit möglichst geheim gehalten werden mußte und die Nation vorläufig nicht geneigt war, sich durch Unterstützung seiner Pläne mit Frankreich zu verfeinden. Er gewann aber einflußreiche Vertraute in dem Ratspensionär von Holland, Fagel, in den drei Bürgermeistern von Amsterdam, in Mitgliedern der Admiralitäten usw. Mit ihrer Hilfe gingen schon Ende 1687 Beschlüsse durch, im nächsten Jahre eine stärkere Flotte in Dienst zu stellen als in den letzten Jahren, sowie Gelder zu bewilligen, um die Festungen in Stand zu setzen. Die stärkere Indienststellung wurde für den Handelsschutz, besonders gegen Piraten der Raubstaaten, die sich wieder bis in den Kanal zeigten, verlangt; zu diesem Zweck war ein Beschluß der Generalstaaten nicht nötig, solange es die Admiralitäten aus ihren eigenen Mitteln bestreiten konnten. Die Gelder für die Festungen verwandte Oranien zum Mieten von Truppen bei fremden Fürsten und zum Heuern von Transportern. Die Vertrauten, die Einfluß in den Admiralitäten besaßen, sorgten ferner dafür, daß auch die nicht in Dienst zu stellenden Schiffe bereit gehalten wurden und daß man im Laufe des Sommers 1688, nachdem der Prinz im Juli die Adresse aus England erhalten hatte, die bewilligte Flotte nach und nach noch weiter verstärkte.

Mitte Oktober 1688 lag in Hellevoetsluis eine Flotte von 13 Schiffen zu 60–68 Kanonen, von 7 zu 50–56, 11 zu 40–48, 16 zu 32–36, 10 Brandern und in verschiedenen benachbarten Häfen waren gegen 340 Transporter zur Überführung der Truppen sowie 60–70 kleine Fahrzeuge für die Landung selbst bereit. Die Befehlshaber — Leutnantadmiral Cornelis Evertsen und Vizeadmiral Almonde — erfuhren erst jetzt den wahren Zweck der Flotte sowie, daß der nach Holland geflüchtete englische Admiral Herbert (später Earl of Torrington) als Leutnantadmiralgeneral mit dem Tage der Abfahrt den Oberbefehl übernehmen solle, wie es auch am 27. Oktober geschah. Die Order für die Flotte war: Die Überfahrt der Transporter und die Landung zu decken und dann Diversionen an der Westküste Englands und in Schottland zugunsten Oraniens zu machen.

Tromp war nach Ruyters Tode Leutnantgeneraladmiral geworden. Wenn ihm nicht der Oberbefehl über die immer mehr anwachsende Flotte übergeben wurde, so hatte dies gleichfalls seinen Grund darin, daß man kein Aufsehen erregen wollte; es war ja kein Krieg — auch soll er nicht mehr gut mit Oranien gestanden haben. Der englische Oberbefehlshaber war lediglich aus politischen Gründen gewählt worden; bis zum Tage der Abfahrt befehligte Herbert nur ein Geschwader.

Ende Oktober war alles bereit; die Truppen wurden eiligst und heimlich zusammengezogen und eingeschifft (11090 Mann und 4092 Pferde); Oranien ging am 27. mit Leutnantadmiral Scheppers und Marschall Schomberg auf die ganz neue Fregatte „den Briel“ (30 Kanonen). Bezeichnend für den politisch-religiös gemischten Charakter der Expedition ist, daß, wie Wilhelms Oberbefehlshaber am Lande, eben der frühere französische Marschall Schomberg, so auch ein großer Teil der Armeeoffiziere Hugenotten waren.

Erst unmittelbar vorher hatte Oranien den Generalstaaten seine Pläne eröffnet und nun auch ihre Zustimmung gefunden. Bis dahin soll diesen und auch England[427] gegenüber alles geheim gehalten sein, was jedoch kaum glaublich ist; weiß man doch, daß der französische Gesandte schon länger darüber an Ludwig berichtet hatte; der englische Gesandte soll allerdings sehr „harmlos“ gewesen sein.

Die Flotte setzte bei Südwestwind den Kurs nach Norden, weil die Ostküste Englands (Humber?) zur Landung in Aussicht genommen war, aber schon in der nächsten Nacht zersprengte sie ein schwerer Südweststurm; man mußte zum Wiedersammeln nach Hellevoetsluis zurückkehren. Große Freude war in England und Frankreich, wo übertriebene Berichte über Verluste einliefen; der französische Gesandte im Haag schrieb: „Enfin la flotte du Prince d'Orange est au diable“; diese Gerüchte wurden von holländischen Zeitungen absichtlich genährt, um die Feinde einzuschläfern. Tatsächlich hatte wohl ein schrecklicher Zustand auf den überfüllten Schiffen geherrscht, die Beschädigungen aber waren nur gering und Verluste fast gar nicht zu beklagen; 500? oder 900? Pferde sollen über Bord geworfen sein. Schnell wurde allem abgeholfen.

Am 10. und 11. November ging man wiederum in See mit demselben Ziele; wegen schweren östlichen Windes aber wurde bald beschlossen, in den Kanal zu steuern und bei Torbay und Dartmouth zu landen. Am 13. wurden die Hoofden passiert, die Nachzügler gesammelt und dann mit Trompetenschall und Geschützsalut längs der englischen Küste kanalabwärts gesteuert; voran die Transporter von 4 Fregatten gedeckt, die Flotte zum Schutz gegen die englische hinterher. „Den Briel“ führte im Großtopp eine Flagge mit der Inschrift: „Für den protestantischen Gottesdienst und Englands Freiheit“; darunter Oraniens Devise: „Je maintiendrai“. Der Prinz hatte beabsichtigt, schon am 14. November, seinem 38. Geburtstage, zu landen; die ihn begleitenden Engländer beredeten ihn zur Wahl des 15., des Jahrestages der Pulververschwörung. In der Nacht vom 14. auf 15. überlief die Flotte Dartmouth infolge Unachtsamkeit der englischen Lotsen (die Engländer sagen, Fehler der holländischen Navigateure). Dies konnte bei dem steifen Ostwinde sehr nachteilig werden, weil man fürchten mußte, an anderen Landungspunkten mehr westlich Widerstand von englischen See- und Landstreitkräften zu finden. Der Zufall kam zu Hilfe; der Wind sprang auf Süd um, man erreichte Torbay und konnte noch am 15. den größten Teil der Truppen ausschiffen; Oranien wurde am Lande mit Jubel begrüßt. Am 16. wurde der Rest gelandet, nach einem Feldgottesdienst der Marsch auf Exeter angetreten und diese Stadt noch am Abend besetzt. Gleich nach beendeter Ausschiffung der Truppen kam Sturm auf, so daß die Landung der Geschütze und des Kriegsmaterials verhindert wurde.