Im Oktober legte man, wie üblich, mit Ausnahme der Wintergeschwader auf, einige englische Schiffe blieben ferner in den irischen Gewässern.

Das Jahr 1691. Tourvilles Hochsee-Kreuztour. Für das Jahr 1691 rüsteten beide Gegner mit Macht. Die Franzosen zogen wieder fast alle Streitkräfte in Brest zusammen. Hier lag unter Tourville im Juni eine Flotte von 120 Segeln, darunter wie im Vorjahre 70 Linienschiffe; im Mittelmeer fanden nur etwa 12 Linienschiffe zur Unterstützung des Krieges gegen Spanien Verwendung. Die Verbündeten entwickelten jetzt trotz oder gerade infolge der Niederlage und der Verluste bei Beachy Head eine weit bedeutendere Kraft als im Vorjahre; es kennzeichnet dies wohl im Gegensatz zu Frankreich später den Unterschied zweier Marinen, von denen die eine eine rein militärische Einrichtung ist, während die andere ihre Grundlage in dem Charakter und der Beschäftigung des Volkes hat. Die Flotte der Verbündeten bestand aus etwa 100 Linienschiffen mit Zubehör, darunter 39 Holländer; daneben waren ein gemeinsames Geschwader von 11 Linienschiffen nebst reichlich Fregatten gegen die Freibeuter Dünkirchens sowie zahlreiche Convoischiffe (Holländer 20 zu 20–50 Kanonen) in Dienst gestellt. Aber obgleich die Rüstungen frühzeitig beschlossen und eifrig betrieben wurden, um den Franzosen zuvorzukommen, war die Flotte doch erst wieder Anfang Juni in den Downs seeklar.

In den Niederlanden war der Anstoß zu starker Rüstung wie stets von der Provinz Holland ausgegangen. Die Gründe der Verzögerung waren die alten: Geldmangel infolge des daniederliegenden Handels und Lässigkeit der Landprovinzen; Personalmangel infolge der eigenen Freibeuterei, besonders in Seeland. In England war immer noch der mangelhafte Zustand der Verwaltung ein Hemmnis.

So ist es in den Quellen zu lesen! Wenn man aber immer wieder bei neueren Schriftstellern aller Völker die Klage über „verspätete“ Operationsbereitschaft liest, so drängt[442] sich doch die Frage auf, ob wirklich immer unbeabsichtigte „Verzögerungen“ die Schuld trugen. Auch in den Landkriegen begannen in jenen Zeiten die Operationen häufig erst im späten Frühjahr, selbst noch im Siebenjährigen Kriege.

Die Flotte stand unter dem Befehl des Admiral of the Fleet Russell, das holländische Kontingent unter de Almonde; Tromp war zum Chef bestimmt, starb aber am 29. Mai. Gegenwinde und „andere Umstände“ — wohl hauptsächlich diese, d. h. Nichtbereitschaft — hinderten das Auslaufen bis zum 20. Juni, auch dann brauchte man zehn Tage, um bis Torbay zukommen.

So waren die Franzosen zuerst in See, aber mit ganz anderen Orders als im Vorjahre. Der feurige und ehrgeizige Marineminister Seignelay, der stets die schärfste Offensive gegen die feindlichen Seestreitkräfte im Auge gehabt hatte, war gestorben; sein Nachfolger Pontchartrin war anderer Ansicht. Er bestimmte die Flotte für den Schutz der eigenen Küsten und für die Vernichtung des feindlichen Handels; demgemäß war der Befehl, daß hauptsächlich ein im Juni im Kanal erwarteter großer Convoi englischer und holländischer Levantefahrer abgefangen werden sollte.

Der Befehl[238] lautete (gekürzt): Der englisch-holländische Smyrnaconvoi, auf 30 Millionen Lire Wert geschätzt, am 7. Mai bei Alicante gemeldet und Anfang Juni im Eingange des Kanals erwartet, ist erstes Angriffsobjekt. „Der Fang dieses reichen Convois ist für den König nützlicher als ein zweiter großer Seesieg. Auch andere Convois können der Flotte in die Hände fallen, ohne etwas aufs Spiel zu setzen.“

Die feindliche Kriegsflotte wird an Zahl stärker sein, aber der König hält die seinige in jeder Hinsicht für besser. Dennoch ist der Feind nicht zu suchen, sondern zu vermeiden. Zu schlagen ist nur, wenn man auf wesentlich schwächere Kräfte trifft oder wenn der Feind gegen die französischen Küsten operiert. Dieses letzte aber auch nur, wenn westlich von La Hogue; wenn der Feind östlich im Kanal operiert, sind erst Befehle einzuholen (vielleicht, weil dort keine Zufluchtshäfen waren?).

Wenn bis August nichts vorgefallen ist, wird der Feind viele Kranke haben, dann soll offensiv vorgegangen werden; deshalb größte Sorgfalt für Erhaltung eines guten Gesundheitszustandes auf der eigenen Flotte. Jedenfalls soll die Flotte bis zum 1. September in See bleiben und darf bis dahin nur einige (angeführte) „Rheden“ anlaufen, keinenfalls den Hafen von Brest, falls nicht die Folgen einer Schlacht dies verlangen. (Ist der letzte Teil des Befehls nicht ein Mißtrauensvotum für Tourville?)

Tourville wandte verschiedenes gegen den Befehl ein, so vor allem, daß das Abfangen des Smyrnaconvois ein Kreuzen bei den Scillys verlange, die Aufgabe, die Küsten unter allen Umständen zu sichern, aber ein Verlassen der Küsten nicht erlaube. Er erhielt nur ausweichende Antworten und scheint dann stets die zweite Aufgabe als die wichtigere angesehen zu haben. Dementsprechend operierte er auf seiner sogenannten „Hochseekreuztour“, durch die er den Feind fünfzig Tage lang beschäftigte; diese „Campagne du large“ lebt noch heute als eine der glänzendsten strategischen und taktischen Leistungen in der französischen Marine.