Tourville lief am 25. Juni von Brest aus und kreuzte etwa 20–40 Seemeilen westlich vor der Mitte der Linie Scillys-Ouessant; er richtete einen vorzüglichen Aufklärungsdienst[443] nach allen Seiten ein, um sowohl nach dem erwarteten Convoi wie nach der feindlichen Flotte zu spähen. Russell erfuhr dies Anfang Juli in Torbay und beeilte sich auch, nach dem Eingang des Kanals zu kommen, um den Convoi aufzunehmen; er kreuzte auf der genannten Linie, ohne vom Feinde Kundschaft zu erhalten.
Tourville bekam am 16. Juli (oder kurz vorher) Meldung, daß der Convoi am 8. südlich von der französischen Flotte gestanden habe. Da aber seit dem Tage südwestliche Winde mit unsichtigem Wetter geweht hatten und er auch von der Anwesenheit Russells rechtzeitig unterrichtet war, nahm er an, daß der Convoi bereits Irland erreicht habe und unter dem Schutz der feindlichen Flotte stehe; er sah deshalb von einer ernstlichen Verfolgung ab, zumal da er auch durch Stillen und Nebel behindert war. Seine Annahme war richtig; der Convoi war am 16. in Kingsale eingetroffen; Russell, der um diese Zeit gerade sein erfolgloses Suchen eingestellt hatte und unter die irische Küste gegangen war, traf auf ihn und führte ihn zunächst etwas den Kanal hinauf.
Dagegen erfuhr Tourville von einem aufgegriffenen Kauffahrer, daß ein englischer Transport von zwölf Schiffen nahe, mit Munition und andern Bedarfsartikeln für Westindien, nur gedeckt durch zwei Kriegsschiffe; oder es war ein etwa gleichstarker Convoi von Jamaica; die Quellen weichen ab, doch ist dies wohl ohne Belang. Es gelang ihm während Russells Abwesenheit, die zwei Kriegsschiffe und einige der Transporter zu fangen; dann hielt er sich südlicher, zu Luward von Brest, etwa auf dem 48. Breitengrade. Auch Russell kehrte auf seine alte Beobachtungslinie zurück und suchte den Feind. Es begann nun ein Spiel, das von dem französischen Admiral vorzüglich durchgeführt wurde. Die Kreuzer Russells scheinen stets durch geschickte Manöver getäuscht zu sein; nie wußte man genau, wo Tourville stand. Dieser jedoch war stets unterrichtet, und so gelang es ihm, den Feind die ganze zweite Hälfte des Juli und die erste Hälfte des August hinter sich herzuziehen — auf einem Seeraum vom 49. Breitengrade bis zu dem von Lorient und nach Westen bis auf 120 sm. von Ouessant —, sich dabei stets die Luvstellung und eine Entfernung von 15–30 sm. zwischen den beiden Flotten wahrend. Am 14. August lief Tourville wieder in Brest ein, um neu auszurüsten, und auch Russell ging auf die Kunde hiervon zu gleichem Zweck nach Torbay.
Es war also Tourville nicht gelungen, den reichen Smyrnaconvoi wegzunehmen; nur ein Teil des englischen Transports nach Westindien und einige wenige andere Kauffahrer fielen ihm in die Hände. Er hat aber erreicht, daß die Verbündeten den ganzen Sommer über von ihrer Übermacht keinen Gebrauch machen konnten. Auch zwang er sie, ihre Streitkräfte zusammenzuhalten, und die französischen Freibeuter fanden so die See frei. Wie stets zeichnete sich Dünkirchen im kleinen Kriege aus; das gegen diesen Hafen aufgestellte Geschwader der Verbündeten war nicht imstande, ein Auslaufen völlig zu hindern. Allerdings war der Verlust des englischen Handels nicht so bedeutend, wie er in den nächsten Jahren werden sollte, aber der holländische Nordseehandel litt schwer (auf den kleinen Krieg und besonders auch diesen Umstand kommen wir noch zurück). Endlich war der Verkehr zwischen Frankreich und Irland frei; verschiedene Transporte gingen hinüber.
Ludwig XIV. war von seinem in der ersten Verstimmung über Jakobs Ungeschicklichkeit gefaßtem Beschlusse zurückgekommen und sandte 1691 doch wieder Unterstützung nach Irland. Die vermehrten Anforderungen des Festlandskrieges gestatteten ihm jedoch nicht, dies in ausreichendem Maße zu tun. Im Laufe des Jahres unterwarf Wilhelm III. die ganze Insel und im Anfang Oktober ergab sich der Rest der irisch-französischen Truppen bei Limerik unter der Bedingung freien Abzuges nach Frankreich.
Die englisch-holländische Flotte ging am 7. September nochmals nach dem Eingange des Kanals. Am 9. aber setzte ein schwerer Sturm ein und versprengte sie völlig; 3 englische Linienschiffe gingen verloren, die Mehrzahl der Schiffe erlitt schwere Beschädigungen und erst nach und nach sammelte man sich wieder in Spithead. Bald darauf wurde mit der Abrüstung begonnen, zunächst durch Außerdienststellung der schweren Schiffe. Ein Geschwader von 24 Linienschiffen wurde für das Mittelmeer bestimmt, jedoch vor Abgang festgehalten; ein anderes gleich starkes blieb bis Ende November an der irischen Küste, ein Teil davon brachte dann einen Convoi nach Gibraltar und führte Ostindienfahrer zurück. Im Dezember wurde sonst bis auf ein kleines gemischtes Wintergeschwader allgemein aufgelegt.
Weshalb Tourville nicht wieder in See ging, ist aus den Quellen nicht recht zu ersehen. Allerdings war nach Auffüllung der Vorräte und nach Ausführung der nötigen Ausbesserungen wohl fast der 1. September herangekommen, der in seiner ersten Order als Schluß der Operationen vorläufig angesetzt war; er erhielt jedoch keine neuen Befehle. Wir wissen, daß 1691 auch der Landkrieg im allgemeinen lauer geführt wurde, und französischerseits scheinen die Sommerfeldzüge zur See stets noch kürzer, als so schon üblich, bemessen zu sein. Wiederum mußte er sich darüber verantworten, daß er nicht genug getan habe, und er hatte doch seinem Befehle entsprochen; freilich war ihm der Smyrnaconvoi entgangen — aber doch hauptsächlich, weil dieser vom Wetter begünstigt — und an leitender Stelle hatte man gerade gehofft, hierdurch dem Gegner einen schweren Schlag zu versetzen und die eigenen Kassen zu füllen. Sein Einlaufen in Brest vor dem erlaubten Zeitpunkt begründete Tourville damit, daß er dort die Flotte hätte schneller und sicherer wieder schlagfertig machen können als auf Rhede.
Von der französischen Atlantikflotte ging 1691 nur noch ein Geschwader im November nach Irland, um die Trümmer der Armee, gemäß den Kapitulationsbedingungen, und einige Tausend auswandernder Irländer nach Frankreich zu holen.
Im Mittelmeer[239] beteiligte sich während des Sommers 1691 ein Geschwader von 12 Linienschiffen, einigen Fregatten und Mörserbooten sowie 26 Galeren unter d'Estrées an Catinats Belagerung von Villafranca und bombardierte Oneglia; dann unternahm man Demonstrationen mit Beschießungen gegen einige andere spanische Küstenstädte (Alicante und Barcelona). Bei der letzteren Gelegenheit wurden die französischen Seestreitkräfte durch ein überlegenes spanisches Geschwader — 17 Linienschiffe — vertrieben, als Barcelona fast zur Zahlung einer bedeutenden Kontribution gezwungen war; zum Zusammenstoß auf See kam es jedoch hierbei nicht.