Dieser Befehl ward noch verschärft durch den handschriftlichen Zusatz des Königs: „Ich füge eigenhändig hinzu, daß dies mein strikt zu befolgender Wille ist.“

Aber auch die Verbündeten hatten stark gerüstet und waren infolge der Verzögerung auf französischer Seite noch rechtzeitig fertig geworden. Wilhelm III. war gleichfalls mit dem Gedanken einer Landung in Frankreich umgegangen, um den Feind vom Landkriege abzuziehen. Diesem Plane waren die Niederlande nicht geneigt, da sie fürchteten, daß dann englische Truppen vom Festlande zurückgezogen würden; anderseits sahen sie ein, daß eine England drohende Landung dieselbe Maßnahme nach sich ziehen müsse. Sie waren deshalb bereit, ein starkes Kontingent zur gemeinsamen Flotte zu stellen und beschlossen die frühzeitige Indienststellung von 48 Linienschiffen mit reichlichem Zubehör. Die alten Gründe verzögerten wieder die Ausrüstung; erst Anfang Mai gingen die ersten Schiffe nach dem Sammelpunkt bei Rye, nach und nach folgten weitere, doch fehlten bei Beginn der Operationen noch etwa 20 Linienschiffe, die erst nach der großen Schlacht zur Flotte stießen. In England hatte man bei Portsmouth zusammengezogen, was an Truppen aufzustellen war, und die Königin drückte persönlich auf Beschleunigung der Indienststellung einer großen Zahl von Schiffen. Auch hier hinderten die Verhältnisse wie im Vorjahre die Ausrüstung; erst am 18. Mai trafen etwa 30 Linienschiffe bei Rye ein. So kam es wohl, daß die Franzosen noch Mitte Mai immer nur mit 50–60 Schiffen der Gegner rechneten; es waren aber noch zwei englische Geschwader im Dienst und nahe bei der Hand.

Diese kreuzten schon seit April unter Delaval und Carteret im Kanal zur Beobachtung der französischen Küste bis La Hogue; eins war mit Convoi aus dem Mittelmeer zurückgekehrt, das andere eigens zu diesem Zweck aus den zuerst fertigen Schiffen zusammengestellt.

Diese vereinigten sich am 23. Mai auf der Rhede von St. Helens mit der Hauptflotte unter Russell, die dadurch 88 Linienschiffe über 50 Kanonen stark wurde. Da man Tourvilles Auslaufen erfahren hatte, wurden sofort Fregatten vorgeschickt und die Hauptflotte ging am 28. mittags zur französischen Küste hinüber. Die Holländer sagen, Russell habe hierzu erst Befehl von London einholen wollen, der holländische Chef Almonde aber im Kriegsrate auf sofortigem Segeln bestanden; wenn dies richtig, so ist es der Sache sehr dienlich gewesen.

Die Franzosen traten somit weder überlegen noch überraschend auf. Tourville war nach dem Inseegehen noch durch Westwinde unter der Küste festgehalten, dann mußte er im Eingang des Kanals gegen steifen Nordost aufkreuzen. Während dieser Zeit stießen zwar die 5 Schiffe von Rochefort zu ihm, aber weitere Verstärkungen aus Brest und vor allem die Schiffe aus Toulon kamen nicht.

Von Toulon waren Anfang Mai 13 Linienschiffe unter d'Estrées ausgelaufen. In der Straße von Gibraltar traf sie am 18. Mai ein schwerer Sturm; 2 Schiffe strandeten bei Ceuta, die übrigen wurden schwer beschädigt: erst im Juli erreichte das Geschwader Brest.

Edward Russell.

Am 27. Mai endlich wurde der Wind günstig und Tourville steuerte kanalaufwärts. Es war zu seinem Verderben; länger festgehalten, würde ihn voraussichtlich noch rechtzeitig der Befehl erreicht haben, weiter vor Brest zu kreuzen, bis d'Estrées und andere Verstärkungen eingetroffen seien. (Dasselbe wäre möglicherweise der Fall gewesen, wenn die Verbündeten gegen Almondes Rat nicht sofort gesegelt wären.) Ludwig, der bei der Belagerung von Namur anwesend war, hatte sich Anfang Mai doch überzeugt, daß alle seine Voraussetzungen für einen Erfolg in die Brüche gegangen seien. Seine Flotte hatte nicht die beabsichtigte Stärke erreicht; die Vereinigung der Gegner stand bevor; die Hoffnung auf den Abfall englischer Offiziere war erschüttert. Infolgedessen wurden bald Befehle gegeben, die den veränderten Verhältnissen Rechnung trugen (nach Delarbre datiert vom 9. und 12. Mai). Sie erreichten Tourville nicht und ebensowenig ein letzter, der ihm Kenntnis von Änderungen im Operationsplan sowie von der nun schon erfolgten Vereinigung der Gegner geben sollte und den Befehl des Zurückgehens wiederholte. Dieser letzte Befehl wurde am 27. Mai durch 10 Schnellsegler von verschiedenen Kanalhäfen aus abgesandt; die Fahrzeuge stießen, teilweise durch Nebel behindert, nicht auf die Flotte.