Die Flaggoffiziere:

VerbündeteI. DivisionII. DivisionIII. Division
Vorhut:V.-Adm. CallenburghLt.-Adm. v. AlmondeV.-Adm. v. d. Putte
(1. Kontreadm.)(1. Kontreadm.)(1. Kontreadm.)
Mitte:V.-Adm. Sir R. DelavalAdm. RussellK.-Adm. Sir C. Shovel
Nachhut:V.-Adm. RookeAdm. Sir J. AshbyK.-Adm. Carteret
Franzosen
Vorhut:Chef d'Esc. de NesmondLt.-Gen. d'AmfrevilleChef d'Esc.de Relingue
Mitte:Lt.-Gen. de VilletteV.-Adm. Tourvillede Langeron
Nachhut:Chef d'Esc. de CoëtlogonLt.-Gen. de GabaretPannetier

Die Verbündeten waren also mindestens doppelt so stark als die Franzosen. Sie waren erstaunt über den Angriff; viele Offiziere, namentlich holländische, sollen in dem Augenblick der Ansicht gewesen sein, Tourville müsse begründete Überzeugung haben, daß ein Teil der englischen Schiffe zu ihm übergehen würde. Nach Bonfils fragte Almonde bei Delaval an, ob er sich auf die Engländer verlassen könne; dieser antwortete: „Ich weiß nicht, worauf sich der Verdacht gründet, kann aber für mich einstehen.“

Es ist von älteren und neueren Autoren viel darüber geschrieben weshalb Tourville unter solchen Umständen den Kampf suchte, den er doch bei seiner Luvstellung vermeiden konnte. Alle Auslassungen hierüber abwägend, muß ich mich der Ansicht anschließen, die immer die meistverbreitete gewesen ist: Tourville hat blindlings nach der ersten, der einzigen ihm zugegangenen, Instruktion gehandelt, und zwar nach folgendem Satze in dieser[242]: „En cas qu'il (der Admiral) les (die Feinde) rencontre à la Hogue (auf dem Wege, den Transport abzuholen), Sa Majesté veut, qu'il les combatte en quelque nombre qu'ils soient, qu'il les poursuive jusque dans leurs ports usw.“

Er wurde darin bestärkt dadurch, daß er die Zahl der Feinde unterschätzte, daß er glaubte, nur auf die englische oder nur auf die holländische Flotte gestoßen zu sein — er konnte die Stärke bis dicht vor dem Zusammenstoß nicht feststellen, da es neblig war — und daß er mit der Unzuverlässigkeit eines Teils der Engländer rechnete. Von allen Veränderungen in der Lage der Dinge hatte er ja keine Nachricht; dagegen zog er aber auch nicht in Erwägung, daß der ihm gegebene Befehl mit 70, ja selbst ohne das Mittelmeergeschwader doch mit nahe an 60 französischen Linienschiffen gerechnet hatte. Er fürchtete vielleicht auch, daß ein Ausweichen niederdrückend für den Geist auf der eigenen, aufmunternd für den auf der anderen Seite sein würde. Als sicher aber kann man annehmen, daß seine eigene Gemütsverfassung eine große Rolle bei dem Entschlusse gespielt hat: Sein vorsichtiges Verhalten 1690 und 1691 war von leitender Stelle herb beurteilt. Als er in diesem Jahre Bedenken in Hinsicht auf seine Instruktion geäußert hatte, da die Zeit unbenutzt verfloß und seine Flotte so schwach blieb, ergingen ähnliche kränkende Antworten; so schrieb Pontchartrin[243] z. B.: „Es ist Ihre Pflicht zu gehorchen, nicht die Befehle zu diskutieren, sonst wird man einen gehorsameren und „weniger behutsamen(!)“ Mann finden.“ Er wußte, daß man dem König nahe gelegt hatte, ihm (Tourville) fehle der Mut — man denke an den eigenhändigen Zusatz des Königs unter der Instruktion —; so glaubte er, es seiner Ehre schuldig zu sein, dem Befehle dem Wortlaute gemäß und ohne weitere Überlegung nachzukommen. Persönlich mutig war er, doch hatte ja schon Seignelay von ihm gesagt, er wage nicht, große Verantwortung zu übernehmen (Poltron de tête); eine solche Verantwortung war hier, von dem Buchstaben des Befehls abzuweichen.

Im Mahan, Teil I, Seite 184 steht — allerdings nur in einer Anmerkung —, daß nach einem neueren französischen Schriftsteller de Crisenoy die Instruktion, wenn auch für gewisse Verhältnisse bindend, Tourville doch nicht gezwungen hätte, unter solchen Umständen wie am 29. Mai zu fechten (Clowes deutet Ähnliches an). Meines Wissens ist die Schrift Crisenoys nicht neuer als die Biographie Tourvilles von Delarbre, und dieser gibt nur die früher im Auszuge gebrachte Instruktion, nach der ein Ausweichen allein „unter bestimmten Umständen nach erfolgreicher Landung“ erlaubt war.

In Betreff eines anderen Punktes scheint Crisenoy recht zu haben. Die meisten bisherigen Schilderungen sagen nämlich, vor der Schlacht habe Tourville seine Admirale zusammengerufen und gefragt, ob man fechten dürfe. Als alle dieses verneinten, habe er die Order des Königs gezeigt und nun hätten alle mit „Vive le roi“ (die Szene wird sehr dramatisch geschildert) dem Entschlusse Tourvilles zugestimmt. Crisenoy verweist diesen ganzen Kriegsrat in das Gebiet der Fabel und auch Delarbre sagt nach den Memoiren Bonrepaus': Tourville griff an wie ein Rasender, „ohne einen Kriegsrat zu versammeln, wie es doch bei solchen Gelegenheiten der Brauch ist.“

In der Schilderung der Schlacht bei Kap Barfleur, 29. Mai 1692, weichen die Quellen sehr voneinander ab. Englische geben meist nur den Anfang, später einige Momente; sie sagen, ein Festlegen des Verlaufes sonst sei schon zu jenen Zeiten des diesigen Wetters, zuweilen völligen Nebels wegen nicht möglich gewesen; es wird dies seine Richtigkeit haben. Die genaueste Schilderung fand ich im Delarbre (nach „Sue“); ich gebe diese,[244] da sich die Angaben der anderen im allgemeinen damit wohl in Übereinstimmung bringen lassen. Sues Schilderung mag gefärbt sein, aber auch aus den übrigen ist zu ersehen, daß sich die Franzosen ausgezeichnet geschlagen haben und von allen ihren Führern gut geleitet sind; sie hätten sich sonst auch nicht so aus ihrer verzweifelten Lage ziehen können, wie sie es taten.

[Russell lag die Nacht vom 28. auf 29. Mai über Backbord-Bug, Kurs Südsüdost, nach der französischen Küste zu; Wind Südwest, nebelig. Um 3 Uhr früh hörte man Schüsse der Vorposten im Westen, bald meldeten zwei das Nahen des Feindes.] Mit Sonnenaufgang sichteten sich die Gegner auf etwa 21 Seemeilen. Tourville konnte die Zahl der Feinde nicht genau feststellen, setzte seinen Kurs mit raumen Winde fort und entschloß sich, auch als er den Feind zählen konnte, doch zum Angriff. Russell erwartete ihn beigedreht. Da es flau war, ging die Annäherung nur langsam vor sich; beide Gegner benutzten die Zeit zum Ausrichten, so daß vor dem Zusammenstoß die Gefechtslinien recht gut formiert waren, soweit es auf französischer Seite der Angriff und auf englisch-holländischer Seite der flaue Wind gestatteten.