Der Angriff war im allgemeinen, wie üblich, Geschwader auf Geschwader angesetzt, wurde aber nicht genau so durchgeführt. Tourville steuerte direkt auf Russell zu und somit Mitte auf Mitte beider Gefechtslinien. Die erste Division der Vorhut (Nesmond) aber segelte auf die vordersten Schiffe der feindlichen Vorhut (Callenburgh) zu, um zu verhindern, daß diese bei der bedeutend längeren Linie der Verbündeten ohne Gegner blieben und imstande wären, die französische Spitze zu dublieren. [In der Tat hatten die Holländer den Befehl, dieses sofort anzustreben.] Dadurch entstand eine Lücke zwischen der I. Division (Nesmond) und der II. (d'Amfreville), namentlich aber auch eine solche zwischen der III. der Vorhut (Relingue) und der I. der Mitte (de Villette), und es war die Gefahr vorhanden, daß die III. Division der Holländer (v. d. Putte) bei näherem Herangehen ohne Gegner bleiben, durch diese Lücke durchbrechen und die französische Vorhut von achtern oder die französische Mitte von vorn dublieren würde; standen in den Gesamtvorhuten doch nur 15 (14?) Schiffe der Franzosen, 26 der Holländer gegenüber. D'Amfreville hielt sich deshalb sehr richtig mit seiner II. und III. Division weiter ab, um einem solchen Manöver stets von Luward her entgegentreten zu können. [Er erweiterte auch die Abstände zwischen den einzelnen Schiffen, um seine Linie zu verlängern.] Von der französischen Nachhut war die III. Division (Pannetier) — wie so oft bei dieser Art Angriff, der ja stets etwas schräg angesetzt werden muß — zurückgeblieben und konnte dies trotz Segelpressen nicht mehr ausgleichen. Die I. (Coëtlogon) und II. (Gabaret) ihrer Divisionen hielten sich aber aufgeschlossen hinter der III. Division der Mitte; so kam es, daß der größere Teil der englisch-holländischen Nachhut keine Gegner erhielt — standen doch auch in den Mitten nur 16 Franzosen 30 Engländern gegenüber.

Schlacht bei Kap Barfleur, 29. Mai 1692.

Ungefähr um 1030 Uhr vormittags gingen die I. Division der Vorhut, die Mitte und die I. und II. der Nachhut quer ab vom Feinde an den Wind; kein Schuß war bisher gefallen, jetzt schoß ein Holländer, und sofort entbrannte der allgemeine Kampf.

Die französische Vorhut löste ihre Aufgabe vollkommen, allerdings auch durch die Windverhältnisse begünstigt. Sie hinderte sowohl das Dublieren von vorn wie das Durchbrechen vor der Mitte. Ihre I. Division hielt die feindliche Spitze im Schach; die übrigen Holländer versuchten zwar näher an ihre sich hoch am Winde haltenden Gegner heranzukommen, wurden aber durch die Flaute daran gehindert. [So kam nur ihre I. Division in heftiges Feuer, die II. (Almonde) nur auf weitere Entfernung, die III. (v. d. Putte) soll keinen Schuß abgegeben oder erhalten haben.]

Tourville war mit seinen drei Divisionen der Mitte auf ¾ Musketenschußweite (Pistolenschuß) herangegangen. [Die beiden ersten Divisionen der Nachhut scheinen sich auch ähnlich wie d'Amfreville richtigerweise etwas weiter abgehalten zu haben, um ein Dubliertwerden von achtern zu erschweren.] Der Kampf der Mitten war der heftigste, standen doch fast jedem Franzosen zwei Gegner gegenüber; Tourville („Soleil Royal“ 104) focht mit Russell („Britannia“ 100) und dessen Vorder- und Hintermann (je 100). Es scheint hier jetzt schon die Melee teilweise eingetreten zu sein, da es ganz still wurde und die Gegner durcheinander trieben. [Nach etwa zwei Stunden versucht „Soleil Royal“ sich durch Boote nach Westen abschleppen zu lassen, Russell folgt; „Soleil Royal“ findet Unterstützung durch Schiffe Coëtlogons.]

Um 2 Uhr nachmittags kam etwas Nordwestwind auf. Diesen benutzten die nicht angegriffenen Schiffe der englischen Nachhut — etwa 25 —, die bisher infolge der Stille auch ihrerseits nicht imstande gewesen waren, einzugreifen, um hinter der II. Division der französischen Nachhut vorzubrechen. Sie gingen aber nicht zu Luward der kämpfenden Linie, um die Franzosen von achtern zu dublieren, was ihnen möglich gewesen wäre, sondern sie versuchten, an die noch immer zurückstehende Division Pannetier heranzukommen. Es gelang nicht, da Pannetier geschickt steuerte; er zog sie absichtlich hinter sich her, so daß diese 25 Schiffe bis 7 Uhr nachmittags weiter nutzlos blieben.