In der Schilderung tritt nun eine Pause ein. [Um 3 Uhr nachmittags dichter Nebel und wieder still; allgemeine Unordnung, nur durch Zufall treffen sich die durcheinander treibenden Schiffe; um 5 Uhr nachmittags wird es klarer und etwas Wind aus Ost; man sieht die Franzosen westlich steuern, teilweise durch Boote geschleppt. Russell gibt Signal zum Folgen, kurze Zeit neuer Kampf.] Auch die Zeitangaben schwanken; Delarbre fährt erst mit 7 Uhr nachmittags fort. Um diese Zeit erscheinen einige der englischen Schiffe, die Pannetier gefolgt waren, zu Luward der Franzosen und ankern hier. Tourville in großer Bedrängnis wird wieder von Coëtlogon unterstützt, auch Gabaret kommt heran; also völlige Melee der Mitten und der Nachhuten. Jetzt etwa setzte die Flut ein; Tourville ließ ankern, wie es die zu Luward angekommenen Engländer getan hatten. Auch die französische Vorhut ankerte; sie hatte bis dahin ihre Stellung gegen die Holländer gehalten und hielt sie so weiter, jedoch jetzt ohne Kampf. Die englischen Schiffe in Lee der Franzosen (Russell usw.) ankerten zu spät, so daß sie außer Schußweite trieben. Dennoch kam Tourville nochmals in arge Bedrängnis, als es um 8.30 Uhr abends wieder aufklärte und der Kampf — zu Anker und durcheinander treibend — nochmals bei Mondschein entbrannte. Auch Shovel war es geglückt, mit einigen seiner Schiffe zu Luward zu kommen. Er schickte fünf Brander gegen Tourville, die nur mit Mühe abgeschlagen wurden (zwei durch Boote; einmal kappte Tourville). Sonst aber waren die zu Luward stehenden Engländer jetzt im Nachteil, da der Feind in Lee nicht mehr bedrängt wurde; aus Furcht, bei aufkommendem Winde gefährdet zu sein, kappten sie und ließen sich durch die Feinde zur eigenen Flotte treiben, wobei sie enfilierend arg beschossen wurden. Zwischen 9 und 10 Uhr abends wurde es wieder ganz dick und die Schacht war beendet. [Englische und holländische Quellen erwähnen ein Ankern während des Kampfes nicht; sie sagen, beide Flotten ankerten bei dem letzten Nebel und die Schiffe zu Luward ließen sich dann durchtreiben; doch heben alle französischen Berichte, die unmittelbar nach der Schlacht aufgesetzt sind, gerade das Ankern hervor.]

In dem zehnstündigen Kampfe gegen die ungeheure Übermacht verloren die Franzosen kein Schiff, keines war völlig außer Gefecht gesetzt; die Verbündeten sollen, nach Aussage französischer Offiziere, zwei Schiffe verloren haben, jedenfalls verbrauchten sie mehrere Brander ohne Erfolg. Keiner der französischen Führer hat einen wesentlichen Fehler gemacht, tüchtig haben sie sich gegenseitig unterstützt; die richtige Verwendung der Vorhut hinderte ein Dublieren von vorn; auf seiten der Verbündeten muß man doch wohl das Verfolgen Pannetiers als Fehler bezeichnen.

Clowes, also ein englisches Urteil, sagt: „Russell verdient Anerkennung für das rechtzeitige Zusammenziehen der Flotte; in der Schlacht und in der Verfolgung konnte er kaum weniger leisten. Er gewann einen wichtigen aber keinen glorreichen Sieg. Tourville verlor nur wenig von seinem Ruf; Russell gewann nicht mehr.“

Auch Ludwig erkannte Tourvilles Verdienst an, indem er sagte: „Ein Glück, daß Tourville gerettet ist; Schiffe lassen sich wieder bauen.“ Er ernannte ihn zehn Monate nach der Schlacht zum Marschall; wohl ein Beweis, daß der Admiral nach seinem Sinne gehandelt hatte.

Die Schlacht bleibt eine glorreiche Tat für Tourville und die französische Marine, wenn auch ihre unmittelbaren Folgen verhängnisvoll wurden.

Die Vernichtung vieler Schiffe bei La Hogue und Cherbourg. Am 30. Mai 1 Uhr vormittags kam leichter Ostnordost auf. Tourville gab Befehl zum Ankerlichten und die Schiffe sammelten sich bei dem nächsten Geschwaderchef: bei Tourville 8, bei Villette 15, bei d'Amfreville 12. Um 7 Uhr nachmittags vereinigten sich die Admirale, nun also 35 Linienschiffe stark; von den fehlenden 9 waren 6 unter Nesmond nach La Hogue und 3 unter Gabaret nach der Küste Englands gegangen; diese drei erreichten wohlbehalten Brest.

Russell hatte mit Einsetzen der Ebbe gleichfalls Anker gelichtet und allgemeine Verfolgung befohlen. Am 30. Mai blieben sich die Flotten in Sicht — ankerten während der Flut —, kamen aber nicht auf Gefechtsdistanz, sondern blieben etwa 3 Seemeilen auseinander. Tourville bemerkte jedoch, daß die Verbündeten nach und nach aufkamen, er beschloß deshalb, von dem Rückzuge nach Brest zunächst abzusehen und die bessere Kenntnis der Strom- und Küstenverhältnisse zu benutzen, um sich dem Gegner zu entziehen. Er wollte durch den Blanchard-Kanal — zwischen dem Festlande und den Inseln d'Aurigny (Aldernay) und Jersey — unter die Küste der Normandie laufen und nahm an, daß die Verbündeten die schwierige Passage scheuen würden, der starke Strom, der in diesem Kanal läuft, würde ihm dann schnell einen großen Vorsprung gegeben haben. Aber er beging einen großen Fehler dabei. Sein Flaggschiff „Soleil Royal“, das er für seine Person verlassen hatte, und zwei andere große Schiffe waren schwer beschädigt; sie hielten die Flotte auf und der Admiral wagte nicht, die Verantwortung zu übernehmen, jene allein einen Zufluchtsort aufsuchen zu lassen. Infolge des Wartens auf sie stimmten beim Einlaufen in den Kanal (31. Mai, morgens) die Stromverhältnisse nicht mehr; zwar gelang es 12 Schiffen noch mit der Ebbe den Kanal zu passieren, aber 13 — unter ihnen der „l'Ambitieux“, auf dem sich Tourville jetzt befand — waren genötigt, beim Einsetzen der Flut im Kanal zu ankern. Die Lotsen wählten einen ungünstigen Platz; die Anker hielten nicht oder die Taue brachen; da im Gefecht verschiedentlich gekappt war, besaßen manche Schiffe nur noch ungenügendes Ankergeschirr. Der Admiral mußte mit den 13 Schiffen zurückgehen und beschloß nun, auf der Rhede von La Hogue, wo einige Batterien aufgeworfen waren, möglichst dicht unter Land Schutz zu suchen; auf dem Wege dahin schickte er jetzt die 3 beschädigten Schiffe in den Hafen von Cherbourg, den sie auch erreichten. Er ankerte am 31. abends auf der Rhede und fand hier 2 Schiffe de Nesmonds vor; die 4 anderen Schiffe dieses Admirals waren soeben kanalaufwärts gesegelt und gelangten um Schottland herum glücklich nach Brest.

Russell war tatsächlich vor dem Blanchard-Kanal geblieben. Er sandte nun Ashby mit der Nachhut und einigen Holländern westlich um die Kanalinseln herum zur Verfolgung der Schiffe, denen die Durchfahrt geglückt war, doch entkamen sie unbelästigt nach St. Malo; er selbst folgte Tourville, schickte Delaval nach Cherbourg, und es gelang, die 12 Schiffe vor La Hogue (unter den Augen Jakobs) und die 3 in Cherbourg zu vernichten.[245]

Delaval griff am 31. die 3 Schiffe vor Cherbourg, damals noch ohne Wellenbrecher und ohne Hafen, mit kleineren Linienschiffen und Brandern an, wurde aber durch heftiges Feuer abgeschlagen. Am 1. Juni gelang es, gedeckt durch Feuer der Linienschiffe mit Booten 2 Brander heranzubringen; ein dritter wurde durch das feindliche Feuer zu früh entzündet, doch steckten die begleitenden Boote auch das dritte Schiff in Brand.

Tourville war auf der Rhede von La Hogue mit Jakob und den Führern des Heeres in Verbindung getreten; man hatte beschlossen, die Kriegsschiffe auf das äußerste zu verteidigen, sowie möglichst Mannschaften, Material und Munition zu retten. Die Schiffe wurden bei Flut mit Leinen von Land in der Nähe zweier Forts möglichst hoch auf den Strand geholt und man begann mit Löschen von Material usw. Um sie gegen Brander- und Bootsangriffe besser schützen zu können, wurden alle ihre Boote sowie Fahrzeuge von Land mit Matrosen besetzt, am Lande Batterien gebaut und die Truppen zusammengezogen. Aber die Zeit war nur kurz, große Unordnung herrschte, einheitliche Leitung fehlte; nach einem hochgestellten Augenzeugen soll Tourville den Kopf verloren haben. Russell beauftragte Rooke mit dem Angriff. Am 2. Juni versuchte dieser auch hier, mit leichteren Linienschiffen Brander an eine Gruppe von 6 Schiffen heranzuführen; es mißlang, da das Wasser zu flach war; auch ein Versuch, die Brander mit Booten heranzuschleppen, blieb fruchtlos. Darauf wurden bei Eintritt der Nacht gegen 200 Boote armiert, die feindlichen Boote zurückgeschlagen, die Schiffe geentert und angezündet; in den Bootskampf auf seichtem Wasser sollen selbst französische Reiter eingegriffen haben. Am 3. vormittags wurde, wiederum mit Booten, die andere Gruppe von Schiffen unter dem zweiten Fort vernichtet, auch einige Transporter fielen zum Opfer. Noch im Jahre 1833 waren die Spanten der vernichteten Schiffe zu sehen; bei niedrigem Wasser sind damals verschiedene Überreste geborgen und ins Pariser Marinemuseum geschafft worden.