Das schwache Spanien kam zunächst seiner Pflicht nach, die Verbündeten nicht. Zwar wurden schon im März Schiffe zu diesem Zwecke bestimmt — 4 Holländer, 11 Engländer —, aber sie kamen nicht fort. Befehle wechselten mit Gegenbefehlen. Erst sollte das Geschwader auf Kauffahrer warten, dann hielt man es für nicht stark genug den Franzosen in Toulon gegenüber und endlich wollten die Rhedereien ihm ihre Schiffe nicht anvertrauen.

Außer diesem Mittelmeergeschwader war die Indienststellung einer ebenso großen Hauptflotte wie im Jahre 1692 beschlossen, weil man wußte, daß auch die Franzosen stark rüsteten. Von Mitte April an sammelte sich diese Flotte bei Wight und bestand bald aus 76 Linienschiffen (46 Engländer, 30 Holländer). Russell war seines Postens enthoben worden (Differenzen wegen La Hogue), das Kommando führten 3 Jointadmirals — Killigrew, Shovel, Delaval — auf einem Flaggschiff, das holländische Kontingent kommandierte Almonde; aus den angedeuteten Gründen lag die Flotte wochenlang untätig und auch wohl teilweise unfertig auf der Rhede von St. Helens.

In Frankreich hatte man tatsächlich stark gerüstet, und zwar dem neuen Plane gemäß, den Kampf nur gegen den Handel zu führen, zu einem besonderen Zwecke: dem Abfangen des jährlichen großen englisch-holländischen Levanteconvois bei seiner Ausreise, der ja auch 1691 auf seiner Heimreise Tourville als Hauptangriffsobjekt bezeichnet war. Wieder unter Tourville waren in Brest 71 Linienschiffe zusammengezogen; in Toulon wurden etwa 20 Linienschiffe unter d'Estrées gegen Spanien in Dienst gestellt.

Wie stets bisher, war man in Frankreich durch Spione und Parteigänger Jakobs über alle Vorgänge in England gut unterrichtet. So erhielt man auch jetzt rechtzeitig Nachricht, als die Abfahrt des Convois bevorstand, und Tourville wurde sofort in See gesandt, obgleich die Flotte noch unvollkommen ausgerüstet war, um ihn in der Straße von Gibraltar zu erwarten. In England hatte man sich endlich entschlossen, den Convoi mit dem für das Mittelmeer bestimmten Geschwader segeln zu lassen, da man aber die Stärke der Franzosen in Brest kannte, wurde bestimmt, daß die Hauptflotte bis in den Atlantik mitgehen solle; zu einem rechtzeitigen Festhalten Tourvilles in Brest war sie nicht fertig geworden.

Am 9. Juni verließ alles Wight; der Convoi war an 400 Segel stark. Am 14. Juni, etwa 36 Seemeilen südwestlich von Ouessant, wurden die für Westindien und andere transatlantische Gewässer bestimmten Schiffe mit den üblichen kleinen Bedeckungen entlassen, die Hauptflotte kehrte in den Kanal zurück; das Mittelmeergeschwader unter Admiral Rooke (Holländer unter van der Goes) setzte mit den Kauffahrern für Portugal, Spanien und Mittelmeer die Reise fort.

Auf der Hauptflotte wußte man nichts von dem vierzehn Tage vorher erfolgten Auslaufen Tourvilles. Dieser kaum zu verstehende Fehler wird mit einer Nachlässigkeit im englischen Ministerium erklärt: „Nottingham hatte vor Abgang der Flotte einen Brief erhalten, der Tourvilles Auslaufen meldete; er sandte die der Nachricht angeschlossene Liste der französischen Schiffe an die drei Admirale, der Brief selbst aber wurde vergessen beizulegen.“ Der Führung der Flotte ist aber doch wohl vorzuwerfen, daß sie nicht erkunden ließ, ob Tourville noch in Brest sei. Hätte man gewußt, daß die Franzosen in See waren, so würde doch die Hauptflotte bis zum Mittelmeer mitgegangen sein; so wurde der Angriff Tourvilles auf den Smyrnaconvoi vor Lagos am 27. Juni 1693 ein großer Erfolg.

Rooke entließ an der portugiesischen Küste die nach Lissabon bestimmten Kauffahrer mit einigen Kriegsschiffen, die später wieder zu ihm stoßen sollten; er war[458] so nur 15 Linienschiffe über 50 Kanonen, etwa 10 leichtere Schiffe, 4 Brander und 2 Mörserboote stark, der Convoi zählte noch 130–140 Segel. Anstatt nun gleich in Portugal Nachrichten einzuziehen, steuerte er zunächst von der Küste ab und machte erst am 26. Juni Land bei St. Vincent. (Nur ein leichtes Fahrzeug hatte er nach Lagos vorausgesandt; es kam nicht zurück, da es unter der Küste bekalmt wurde.) Jetzt meldeten seine Vorposten einige französische Schiffe im Süden — es waren die Vorposten Tourvilles —; da diese sich aber zurückzogen und der nördliche Wind günstig war, wurde die Fahrt fortgesetzt. Mit Tagesgrauen am 27. bekam man 10 Linienschiffe und einige kleinere Segel in Sicht; auf einen Angriff gingen auch diese zurück; ein kleines Fahrzeug wurde genommen und sagte aus, Tourville sei allerdings unter der spanischen Küste, aber nur mit 15 Linienschiffen, einen Transport nach Toulon geleitend. Um 10 Uhr vormittags aber sichtete man den Feind überall: voraus 18 Kriegsschiffe, zu Luward 16 (Gabaret) und weiter ab in Lee 40 (Tourville selbst), die ganze Flotte von Brest.

Tourville war am 27. Mai mit 71 Linienschiffen, 4 kleineren Fahrzeugen und 35 Brandern in See und geradeswegs nach Lagos gegangen. (Hier soll er nach Bericht des holländischen Gesandten in Lissabon unter englischen und holländischen Flaggen gelegen haben.) Von hier hatte er sofort zwei starke Geschwader der besten Segler — eben die genannten 18 und 16 Linienschiffe — zum Kreuzen bei Kap St. Vincent entsandt. Er hatte den Befehl: den Convoi abzufangen, aber ein Gefecht zu vermeiden, wenn der Feind viel stärker wäre; an der spanisch-portugiesischen Küste bis Anfang September zu bleiben, aber auch Unternehmungen gegen die französische Küste entgegenzutreten (vgl. seinen Auftrag 1691; der jetzige war wohl noch schwieriger). Als nun Rooke am 27. in Sicht kam, hielt sich Tourville zunächst zurück, um ausweichen zu können, falls es die Hauptflotte der Verbündeten wäre; sobald er aber erfahren hatte, daß es der verhältnismäßig nur schwach bedeckte Convoi war, gab er den Befehl zum Angriff, vor allem dem am günstigsten stehenden Geschwader Gabaret.

Rooke war seit dem Sichten der feindlichen Vorposten am Morgen mit dem Geschwader, in dessen Linie einige der stärksten Kauffahrer eingestellt waren, vor dem Convoi gesegelt. Als er sah, daß bei der Stärke des Feinden ein Widerstand unmöglich war, formierte er die Gefechtslinie hoch am Winde mit einem Kurse nach See zu und gab an die Schiffe des Convois den Befehl, sich auf eigene Faust namentlich unter dem Schutze der Nacht zu bergen; den Schiffen unter Land wurde geraten, spanische Häfen aufzusuchen, den weiter in See befindlichen gewährte das Geschwader vorläufig eine Deckung. Das vorderste französische Geschwader Gabaret, das aus den bestsegelnden Schiffen bestand, kam gegen Abend (6 Uhr nachmittags) an Rooke heran. Zwei holländische Schiffe opferten sich, indem sie das Gefecht aufnahmen, nach Land zu wendeten und einen Teil der Feinde auf sich zogen; sie wurden nach hartnäckigem Widerstande genommen; das übrige Geschwader entzog sich während der Nacht dem Feinde. Am andern Morgen sah Rooke nur noch wenige Gegner, die bald von der Verfolgung abstanden; er erreichte mit dem Geschwader und etwa 50 Kauffahrern wohlbehalten Madeira.

Es wird Gabaret der Vorwurf gemacht, daß er das Geschwader angegriffen und dazu sogar seine vordersten Schiffe zurückgerufen habe, um erst die Gefechtslinie zu formieren, anstatt gleich an die Verfolgung und Vernichtung der verstreuten Kauffahrer zu gehen oder wenigstens durch die vordersten Schiffe das feindliche Geschwader rechtzeitig festhalten zu lassen.