Einem zweiten Teile der französischen Flotte (wohl dem 18-Schiffe-Geschwader) gelang es während der Nacht die unter Land segelnden Fahrzeuge des Convois zu umzingeln und am nächsten Tage zu nehmen oder zu zerstören; viele wurden durch die eigene Besatzung auf Strand gesetzt und versenkt oder verbrannt. An dieser Vernichtung beteiligten sich wahrscheinlich auch Schiffe des erst später herangekommenen Gros. So gingen gegen 70 (90?) englisch-holländische Kauffahrer — mit einem Werte von einer Million Lstrl. — verloren; einige wenige erreichten spanische Häfen. Der Verlust würde voraussichtlich noch weit bedeutender gewesen sein, wenn Tourville nicht — allerdings[459] seiner Instruktion entsprechend — das Gros seiner Flotte anfangs so vorsichtig zurückgehalten hätte.
Die Hauptflotte der Verbündeten war nach der Trennung von dem Convoi einige Tage vor dem Kanal geblieben, um Tourville in Brest zu beobachten, bis man über England von dessen Auslaufen Nachricht erhielt; nun ging sie nach Torbay zurück (2. Juli dort), um „Vorräte zu ergänzen“ und „Befehle einzuholen“ — bezeichnend für die Art der Ausrüstung der (englischen) Schiffe und für die Leitung. Der hier zusammentretende Kriegsrat sah wohl ein, daß sofortiges Abgehen nach der spanischen Küste das richtigste sei, um Tourville vor oder nach seinem Anschlage gegenüberzutreten, aber erst am 21. Juli war man seeklar und konnte wegen Gegenwindes gar erst am 27. endgültig unter Segel gehen, nachdem nunmehr auch die Sprengung des Convois bekannt geworden war. Die Flotte kreuzte wiederum vor Brest, „die Rückkehr Tourvilles erwartend,“ dann mußte auch die Absicht aufgegeben werden, weil die dorthin bestellten englischen Proviantschiffe ausblieben. Die Flotte kehrte am 26. August nach Torbay, am 8. September nach St. Helens zurück und wurde bald bis auf das Wintergeschwader — in diesem Jahre ziemlich stark, z. B. 18 holländische Linienschiffe, aber wie üblich keine schweren — aufgelegt.
Die Untätigkeit der Flotte, insbesondere das Schicksal des Convois, legte die englische Nation (Haus der Gemeinen) den drei Oberbefehlshabern zur Last; in einer Untersuchung wurden sie aber freigesprochen, die Hauptschuld traf auch wohl die Leitung von London und die Verwaltung. Jointadmirale ernannte man aber nicht wieder, oder doch nur einmal unter ganz anderen Umständen (einen Oberbefehlshaber für die See- und einen für die Landoperationen einer Expedition).
Tourville war nach der Vernichtung des Convois ins Mittelmeer eingelaufen und hatte sich am 18. Juli vor Malaga mit dem Toulon-Geschwader vereinigt. Er mußte annehmen, im Atlantik jetzt der weit stärkeren Hauptflotte des Feindes zu begegnen; er bedurfte der Ausrüstung, da er ja Brest sehr eilig verlassen hatte, auch war so die französische Seeherrschaft im Mittelmeer unbedingt gesichert. Die spanische Küste entlang laufend, gelang es ihm noch, in Gibraltar (durch Brander) und in Malaga (durch armierte Boote) einige englische und holländische Schiffe zu zerstören. Dann aber blieb die ganze, jetzt 94 Linienschiffe (190 Segel) starke Flotte untätig in Toulon liegen; Mitte September kehrte der Admiral mit den Atlantik-Schiffen ungehindert nach Brest zurück.
Von dem Jahre 1693 ist nur noch das Bombardement von St. Malo zu erwähnen. Von dieser Stadt aus wurde die Freibeuterei jetzt ebenso erfolgreich betrieben wie von Dünkirchen. Ende November erschien hier ein englisches Geschwader von Linienschiffen IV. Klasse, kleineren Fahrzeugen, Brandern und Mörserbooten; ein besonders konstruierter Brander war beigegeben.
Dieser Brander — Machine oder Infernal genannt; in England durch einen holländischen Ingenieur Meesters konstruiert — war ein altes Hafenfahrzeug von 350 tons mit ausgemauertem Boden, gefüllt mit losem Pulver und solchem in Fässern,[460] darüber eine dicke Schicht von Pech, Harz, Werg und dgl. Alles war so gestaut, daß eine Entzündung schnell um sich greifen mußte; auf der deckenden Schicht lagen Brandgeschosse, Kugeln und Ketten.
Stadt und Hafen von St. Malo waren gedeckt durch einige Forts auf kleinen Inseln. Das Geschwader ankerte am 26. November bei Cap Fréhel, sandte schon nachmittags einige Mörserboote gegen das äußerste Fort, vertrieb die Franzosen hier und errichtete eine Batterie. Am 27. wurden dann die übrigen Befestigungen von hier aus und durch die Mörserboote beschossen; der Erfolg war jedoch gering infolge schlechter Munition (vgl. Seite [174]), das Feuer wurde kräftig erwidert, die Mörserboote und die sie deckenden Schiffe mußten zurückgehen. In der Nacht vom 30. November bis 1. Dezember wurde der Infernal losgelassen. Bei glatter See und auflandigem Winde kam er bis auf 50 Schritt an die Stadtmauer heran, wurde nun aber durch eine Windveränderung auf einen Felsen geworfen und leck gestoßen; entzündet, zerstörte er dennoch gegen 300 Häuser.
Es ist dies der erste Fall der Unternehmungen gegen französische Städte. Da sie keinen Einfluß auf den Krieg hatten und nur die friedlichen Einwohner schädigten, werden sie — auch von englischen Autoren — als nutzlos und barbarisch bezeichnet. Man muß doch aber wohl die von den englischen Quellen angeführte Entschuldigung gelten lassen, daß Ludwig XIV. durch das Bombardement von Genua 1684 das Beispiel zu solchen Unternehmungen gegeben habe, auch daran denken, daß man in ihnen ein wirksames Mittel gegen die sonst nicht niederzuhaltende Freibeuterei zu finden hoffte.
Wenn wir im Jahre 1693 noch einmal eine große französische Flotte sehen und infolgedessen auch ein Zusammenhalten der Streitkräfte Englands und Hollands, so treten jetzt von 1694 an die Verhältnisse in der Kriegführung, wie sie vorhin angedeutet sind, völlig ein. Die Franzosen stellten im Atlantik etwa 50 Linienschiffe in Dienst, von denen einige ins Mittelmeer gesandt, die anderen in kleinen Divisionen auf die Häfen am Kanal und Atlantik verteilt wurden. Im Mittelmeer verfügte Tourville so über eine Flotte von etwa 20 Linienschiffen und die Galeren; er griff von Anfang Mai an in den spanischen Landkrieg ein — Eroberung von Palamos; Belagerung von Barcelona —, in dem bekanntlich Ludwig in diesem Jahre wieder kräftig und, eben durch Unterstützung der Flotte, anfangs auch erfolgreich vorging. Die Divisionen in den nördlichen Gewässern sollten nur zum Schutz der Küste und zum Kreuzerkriege dienen; jetzt begann Frankreich, den feindlichen Handel ganz besonders heftig mit kleinen Divisionen von Kriegsschiffen oder von Freibeutern anzugreifen. Die Verbündeten hatten auch für dieses Jahr stark gerüstet und waren jetzt in der Lage, ihre Streitkräfte für die verschiedenen Aufgaben zu teilen und den Spaniern die vertragsmäßige Hilfe zu bringen. Kurz seien die Operationen des Jahres 1694[246] aufgeführt.
Am 6. Januar ging ein gemeinsames Geschwader von 25 Linienschiffen unter Vizeadmiral Wheeler (die Holländer unter Callenburgh) mit einem Convoi nach dem Mittelmeer. Es hatte den Befehl, die Levantefahrer des Convois bis Malta zu führen, dann von Cadiz aus die Silberflotten zu sichern und später zurückkehrende[461] Levantefahrer heimzugeleiten. Am 28. Februar verlor dieses Geschwader in einem schweren Sturm nahe bei Gibraltar 4 Linienschiffe, darunter das Flaggschiff mit dem Admiral; unter Callenburgh kehrte es nach Cadiz zurück, weil es ein Zusammentreffen mit der Toulonflotte fürchtete, und war nicht einmal imstande, die von Brest abgegangenen französischen Schiffe (am 14. Mai bei Gibraltar) an ihrer Vereinigung mit Tourville zu hindern.