Die Hauptflotte der Verbündeten unter Russell (Holländer unter Almonde) begann sich im April zu sammeln. Im Mai wurde der Versuch gemacht, die von Brest nach Toulon bestimmten Schiffe festzuhalten; man kam zu spät, vernichtete aber einen feindlichen Convoi. Im Juni waren gegen 80 Linienschiffe bei St Helens vereinigt; es wurden jetzt (15. Juni) zwei Flotten formiert. Russell selbst ging mit 44 Linienschiffen zum Mittelmeer, vereinigte sich am 11. Juli mit dem dort befindlichen Geschwader und war jetzt, da auch 10 Spanier hinzustießen, 75 Linienschiffe und 15 Brander stark. Er ging nach Barcelona, traf hier am 8. August ein und hob die Belagerung auf; Tourville hatte sich schon bei seiner Annäherung auf Toulon zurückgezogen. Die Flotte blieb dann bis Mitte Oktober an der Ostküste Spaniens und zeigte sich auch an der französischen. Zwar wurde nichts gegen die Küstenstädte Kataloniens, die in französischen Händen waren, unternommen, weil sich die spanische Landmacht unzureichend erwies, aber man hielt doch Tourville in Toulon fest, hinderte das Zurückgehen der Brest-Schiffe für den Winter und sicherte den Handel im Mittelmeer. Die Flotte überwinterte in Cadiz, um im nächsten Jahre früh bereit zu sein.
Dies ist bemerkenswert. Es geschah zum ersten Male; man kann von hier an die dauernde Stationierung einer englischen Flotte im Mittelmeer rechnen. Es war so neu, daß es anfänglich den Widerpruch Russells (und auch wohl anderer Offiziere) hervorrief; anderseits sah England den Fehler ein, den es mit der Aufgabe von Tanger gemacht hatte, und sorgte nun bald für Gewinnung eines Stützpunktes im Mittelmeer (zunächst Port Mahon).
Der zweite Teil der Hauptflotte — 36 Linienschiffe (16 Holländer) mit Fregatten, Brandern und einer größeren Zahl von Mörserbooten — wurde unter Admiral Lord Berkeley of Stratton zu Unternehmungen gegen die französische Küste[247] bestimmt. Insbesondere beabsichtigte man Brest anzugreifen, zu welchem Zweck 6000–7000 Mann unter General Talmash eingeschifft wurden. Diese sollten die Forts nehmen, die die Einfahrt verteidigten, damit die Schiffe auf die Binnenrhede einlaufen könnten. Aber die Franzosen waren vorbereitet; die Unternehmung war durch hochgestellte Personen in England, die sich für alle Fälle bei Jakob gut stellen wollten, verraten. Vauban selbst hatte die Verstärkung der Befestigungen geleitet; insbesondere waren am Strande der Außenrheden (Bucht von Camaret und von Bertheaume) zahlreiche neue Batterien aufgeworfen, von denen die Verbündeten nichts wußten, und Truppen in Verschanzungen aufgestellt worden. Am 17. Juni ankerte Berkeley in der Camaret-Bucht — südlich vom Goulet de Brest, der Einfahrt zur Binnenrhede — außerhalb Schußweite und nach einer Erkundung wurde auf Talmash' Drängen die Landung in dieser Bucht beschlossen. Am 18. wurde sie, gedeckt durch das Feuer von 3 Linienschiffen und 6 Fregatten, mit Bravour ausgeführt, aber zurückgeschlagen. Von den Gelandeten (1200? 600? Mann) kamen nur wenige (100?) zurück, weil die Boote trocken gefallen[248] waren, Talmash selbst wurde schwer verwundet. Auch die deckenden Schiffe litten, ein Holländer geriet auf Strand und ging verloren. Da die Mörserboote wegen der Außenforts nicht nahe genug herangehen konnten, um die Stadt oder die Binnenrhede mit Erfolg zu beschießen, segelte die Flotte nach St. Helens zurück (25. Juni dort).
Es kam jetzt der Befehl, andere Städte zu bombardieren oder mit Infernals anzugreifen. (Es sei erwähnt, daß in den Jahren 1694/95 gegen 30 solcher Fahrzeuge erbaut wurden, aber schon 1695 gab man diese Waffe wieder auf.) Die Truppen wurden ausgeschifft, von Landungen also abgesehen. Am 18. Juli erschien Berkeley vor Dieppe, warf am 23. aus den Mörserbooten gegen 1100 Bomben und Brandgeschosse in die Stadt, wodurch diese auf lange Jahre hinaus fast ganz zerstört wurde; der Angriff mit einem Infernal mißlang, weil dieser wegen einer Sperre zu weit abblieb. Am 26. wurde Havre bombardiert. Der Erfolg war hier aber unbedeutend, da Seegang ein gutes Zielen unmöglich machte; dagegen flog ein Mörserboot im feindlichen Feuer auf. Die Flotte ging dann nach England zurück und die großen Schiffe wurden aufgelegt.
Im September wurde nochmals ein Geschwader unter Shovel gegen Dünkirchen gesandt. Die Seeoffiziere erachteten zwar die Jahreszeit für nicht mehr dazu geeignet, gerade gegen diese Stadt zu operieren; sie erhielten aber Befehl zum Angriff, weil von hier aus in letzter Zeit die Freibeuter bedeutende Erfolge erzielt hatten und über Dünkirchen große Kornladungen (durch Jean Bart) aus der Ostsee nach Frankreich eingeführt waren. Das Geschwader war sehr stark (18 Linienschiffe), besonders an Infernals (17) und vereinigte sich noch mit der ständig gegen Dünkirchen aufgestellten Flottille; Es wurde nichts erreicht. Die Franzosen waren wieder von dem Plane unterrichtet und hatten die in den letzten Jahren verstärkten Befestigungen gut im Stande gehalten. Mehrere Forts deckten die Stadt und 2 Forts auf den langen Molen den Hafeneingang, der außerdem gesperrt war. Zwar wurde durch Ausloten des wenig bekannten Wassers trotz heftigen Feuers (am 22. September) festgestellt, daß ein Beschießen der Stadt von der Westseite möglich sei, aber die Mörserboote waren noch nicht eingetroffen. Man schickte vorläufig 2 Infernals gegen die Molenforts; der eine wurde vom Feinde in Brand geschossen, der andere durch Boote abgeschleppt. Ehe die Mörserboote zum Geschwader stießen, wurde dieses durch ungünstiges Wetter zum Verlassen der Rhede gezwungen. Am 26. September beschoß man noch Calais, ebenfalls erfolglos, weil Wind und Seegang die Mörserboote zwang, unter Segel zu operieren. Am 29. traf das Geschwader in den Downs ein; die Unternehmungen fanden für 1694 ihr Ende.
Aus vorstehendem ist zu ersehen, wie bedeutend die Rüstungen der Verbündeten[249] für dieses Jahr gewesen waren, und daß sie als unmittelbaren Erfolg nur die Zerstörung von Dieppe, den Entsatz von Barcelona und die Sicherung ihres Handels im Mittelmeer zu verzeichnen hatten; ihre Seeherrschaft im Kanal und in der Nordsee war keineswegs eine unbestrittene gewesen, wie wir bei Betrachtung des Kreuzerkrieges sehen werden.
Die Operationen des Jahres 1695 waren derselben Art. Russell im Mittelmeer war von gleicher Stärke wie im Vorjahre, weil man die Schiffe, die zu Ausbesserungen heim mußten, sofort durch andere ersetzte. Die Flotte blieb in Cadiz, bis einige Mörserboote und 3000 Soldaten (General Stewart) eintrafen; bis dahin hielt sie nur die Straße von Gibraltar besetzt, um den Verkehr zwischen Brest und Toulon zu hindern. Am 9. Mai ging sie die spanische Küste hinauf, hielt sich einige Zeit vor Toulon und erschien dann vor Palamos; man beabsichtigte, im Verein mit spanischen Truppen diese Stadt zu nehmen. Die Soldaten und auch eine Anzahl Seeleute wurden gelandet (16. August) und die Stadt von den Mörserbooten beschossen. Es gelang, ein kleines französisches Heer, das in der Nähe stand, zu vertreiben; die Stadt würde auch gefallen sein, wenn die spanischen Truppen stärker gewesen wären und die Verbündeten ausgehalten hätten. Aber bald (27. August) ging Russell wieder nach Toulon, weil er von gefangenen französischen Fischern gehört hatte, daß die französische Flotte auslaufen wolle. Sofort kehrten die Franzosen am Lande zurück und der spanische General mußte die Belagerung aufgeben. Die Nachricht war (absichtlich) falsch gewesen, die französische Flotte war keineswegs seeklar. Bis Ende September kreuzte Russell bei Sardinien und den Balearen; das ganze Ergebnis war also wieder, daß der Handel geschützt und die Franzosen in Toulon festgehalten wurden.
Am 27. September traf die Flotte in Cadiz ein und fand von England und Holland den Befehl vor, heimzukehren. Etwa 20 Linienschiffe blieben unter Rooke, der mit einigen neuen Schiffen herausgekommen war, als Winterflotte in Cadiz.
Auch im Kanal war wiederum eine große Flotte unter Berkeley zusammengezogen worden — daneben die übliche Flottille gegen Dünkirchen und zum Schutz des Nordseehandels —, etwa ebenso stark, wie im Vorjahre bei der Trennung dort. Es ist aber bemerkenswert, daß jetzt die meisten Schiffe über 80 Kanonen fehlten, weil man erkannt hatte, daß diese bei den Unternehmungen gegen die Küste nutzlos waren; die Holländer stellten gar keine solcher schweren Schiffe in Dienst, dafür aber in diesem Jahre auch Mörserboote (6). — Wieder hatte man Angriffe auf Küstenstädte ins Auge gefaßt, aber wie am Lande und im Mittelmeer kann man auch hier sehen, daß die Kriegführung lauer wurde. Erst Ende Juni war die Flotte operationsfähig; es wurde aber nicht mehr geleistet als im Jahre 1694; die französischen Häfen waren natürlich in immer besseren Verteidigungszustand gesetzt.