Die Holländer stellten als Dünkirchen-Geschwader:
| 1690 | = | 2 | kleine | Linienschiffe | (50 Kanonen), | 6 | Fregatten. |
| 1691–1693 | = | 5 | „ | „ | (50 Kanonen), | 11 | „ |
| 1694–1696 | = | 9–11 Linienschiffe (bis zu 60 und 70 Kanonen) und gegen 12 Fregatten.Von England trat seit 1691 stets etwa die gleiche Zahl, besonders an Linienschiffen, hinzu. | |||||
Dieses Geschwader war nur dazu bestimmt, den Hafen zu blockieren und den östlichen Eingang in den Kanal reinzuhalten, Abgang und Ankunft größerer Convois im Osten zu decken, wie wir es von Geschwadern der Hauptflotte oder von dieser selbst im Westen für Convois von und nach dem Atlantik sowie Mittelmeer gesehen haben. Auf ihren weiteren Reisen wurden die Convois in allen Meeren durch besondere Schiffe in kleinerer Zahl begleitet; Holland hatte zu diesem Zweck jährlich gegen 30–40 sogenannte Convoijers — Fahrzeuge von 16–50 Kanonen; meist 24–40 — im Dienst.
Wir wissen schon, daß in diesem Kriege der Handel nicht nur durch Freibeuter, oder auch Kriegsschiffe, und durch vereinzelte Operationen der Hauptstreitkräfte (Geschwader; selbst Flotten) gegen größere Convois bei günstiger Gelegenheit neben anderen Aufgaben angegriffen wurde, sondern daß Frankreich bald fast seine ganze Kriegführung zur See darauf richtete. So wurde denn auch der eigentliche Kreuzerkrieg von ihm zu Ende dieses Zeitabschnittes (auch im nächsten und letzten Kriege — dem Spanischen Erbfolgekriege — bleiben die Franzosen dabei) in einem Grade geführt, der weder vorher noch nachher erreicht ist; er ist deshalb wohl geeignet zur Beurteilung des Wesens und des Wertes eines solchen Krieges.
Was führte nun Frankreich auf diesen Weg? Es ist schon darauf hingewiesen (Seite 4[424]), daß der Marineminister Pontchartrin nicht viel von einer Marine hielt, und es ist mehrfach angedeutet, daß Ludwig selbst die Wichtigkeit der Erringung der Seeherrschaft nicht genügend erkannte. So kam es, daß nach der Niederlage von La Hogue die Ansicht des Ministers, den Krieg nur gegen den Handel der Verbündeten zu führen, bei der entscheidenden Stelle immer mehr Anklang fand. (Im conseil d'Etat — die Vertrauensmänner des Königs —, der über alle wichtigen Sachen entschied.)
Schon der Zug Tourvilles, die campagne au large, 1691 sollte in der Hauptsache diesem Zweck dienen (der Versuch, den Smyrnaconvoi abzufangen); 1692 nach La Hogue wurden die gesammelten Transporter zur Freibeuterei benutzt, mit großem Erfolge, da die Verbündeten ihre Flotte fälschlich zusammenhielten; die letzte große Flotte, die Frankreich 1693 aufstellte, war nur für einen Schlag gegen den feindlichen Handel bestimmt (Tourvilles Vernichtung des Smyrnaconvois). Von Ende 1693 an verschwinden die großen Flotten; es war dies allerdings nicht nur eine Folge der neuen Ansicht über die geeignetste Art der Kriegführung, sondern auch des Verfalls der Marine, hervorgerufen durch ihre mangelnde Pflege sowie durch die Erschöpfung des Landes. Nun wurde der Krieg gegen den Handel zum reinen Kreuzerkriege und erhielt einen eigentümlichen Charakter, ähnlich dem englischen zur Zeit der Königin Elisabeth gegen Spanien: er wurde teils von der Regierung, teils von Privaten, Hand in Hand, geführt.
Wir wissen, daß die Franzosen von 1694 an in den Häfen des Kanals und des Atlantik nur kleine Divisionen für den Küstenschutz aufstellten; diese nahmen auch an dem Kreuzerkriege teil. Vor allem aber erreichte die Freibeuterei einen großen Umfang. Die französische Schiffahrt hatte nach und nach fast ganz aufgehört, weil das Land vom Meere fast völlig abgeschnitten war und auch im Innern Handel und Wandel stockten. Die Freibeuterei wurde so immer mehr die einzige Möglichkeit, Schiffe und Seeleute zu verwerten. Jetzt traten noch die auf der Flotte entbehrlichen Mannschaften hinzu, und die Regierung begünstigte den Kreuzerkrieg in jeder Weise. Schiffe und Offiziere der Marine wurden Firmen und Gesellschaften, die Freibeuterei betreiben wollten, zur Verfügung gestellt, als Gegenleistung erhielt der König einen Anteil vom Gewinn; Minister und andere hochgestellte Personen nahmen Anteilscheine von solchen Unternehmungen, ja mußten es tun, um dem Könige zu gefallen.
Meist kreuzten die Freibeuterkapitäne mit ihren Schiffen allein, da Männer dieses Gewerbes ungern abhängig waren. Auf den Schiffen folgte man einer eigentümlichen Sitte: Vor dem Auslaufen wurde über den Operationsplan vom Kapitän, den Offizieren und den Mannschaften in freimütiger Besprechung der Beschluß gefaßt; einmal unterwegs herrschte strengste Disziplin. Häufig aber auch operierten diese Fahrzeuge in kleinen Divisionen von 3–6 Schiffen unter besonders tüchtigen Männern, wie Jean Bart, Forbin, Duguay-Trouin u. a., die in der Freibeuterei groß geworden waren, später einen Rang in der königlichen Marine erhalten hatten und auch zeitweise in dieser beschäftigt wurden; von den eigentlichen Seeoffizieren, die königliche oder Freibeuter-Divisionen führten, haben sich Coëtlogon, de Nesmond, Renau (der Erfinder der Mörserboote), du Casse u. a. ausgezeichnet.
Diese Verwendung der königlichen Offiziere und Schiffe hatte zwar sehr verderbliche Folgen für die Marine, wie schon erwähnt — Rückgang der Güte des Offizierkorps; Verlust vieler guter Schiffe —, verlieh aber dem Freibeutertum einen Geist und eine Tatkraft, die ihm sonst kaum innewohnen; man muß auch zugestehen, daß die Besatzungen unter den erwähnten hervorragenden Führern wohl lieber fochten als plünderten.
Der Handel der Engländer und Holländer litt außerordentlichen Schaden. Verschiedene Autoren geben die Zahl der 1691–1697 von den Franzosen genommenen Kauffahrer auf mehr als 4000 an; die Unternehmer gewannen Reichtümer und auch in die erschöpfte französische Staatskasse flossen bedeutende Summen. Zwar wollen auch die Gegner viele Schiffe aufgebracht haben — englische Quellen sprechen von über 2000 —, doch war der eigene Verlust der größere und trug schließlich viel mit zum Friedensschluß bei.