Der kleine Krieg führte zu ungezählten Gefechten zwischen einzelnen Schiffen und zwischen kleinen Divisionen, zu Angriffen und Verteidigungen von Convois in allen Meeren, besonders von der Küste Spaniens bis in die Nordsee. Die Geschichten der Marinen[251] erzählen manche davon; mit besonderer Liebe, da sich gerade in ihnen seemännisches Geschick und Mut zeigen; die französischen Freibeuter, vor allen Jean Bart, manövrierten meist auf sofortiges Entern.
Als Beispiel sollen hier nur die Haupttaten Jean Barts, des berühmtesten Freibeuters dieses Krieges, gegeben werden: Als Sohn eines Fischers 1650 in Dünkirchen geboren und selbst Fischer, diente Jean Bart während des zweiten Krieges mit Auszeichnung in der holländischen Marine, ging aber bei Ausbruch des dritten Krieges nach Frankreich, obgleich ihm in Holland ein Schiff angeboten war. Er zog bald als Freibeuter die Aufmerksamkeit Colberts auf sich, erhielt 1679 ein Leutnantspatent in der königlichen Marine und wurde 1689 Kapitän. Als solcher führte er ein Schiff bei Beachyhead; meist jedoch fuhr er auch während dieser Jahre als Freibeuter, er wurde dabei 1689 nebst Trouin von den Engländern gefangen, entfloh aber bald mit diesem.
Jean Bart
Von 1692 an jedoch kommandierte er eine Division für den Kreuzerkrieg, die „Escadre du Nord“ oder „de Dunkerque“ genannt. Bei seinem ersten Auftreten in dieser Stellung gelang es ihm trotz des englisch-holländischen Blockadegeschwaders auszulaufen, 3 feindliche Kriegsschiffe und etwa 20 Kauffahrer zu nehmen, 80 Fischerfahrzeuge zu vernichten und den Hafen wohlbehalten wieder zu erreichen. 1693 führte er in dem Gefecht bei Lagos (Vernichtung des Smyrnaconvois) ein Schiff mit Auszeichnung. Er übernahm dann wieder seine Division und leistete 1694 seinem Lande einen großen Dienst. Wegen Mißernten war Frankreich in diesem Jahre auf Kornzufuhren aus der Ostsee angewiesen, 120 Fahrzeuge mit Getreide wurden von dort erwartet. Schon im Februar lief Jean Bart aus und brachte einige 20 Segel glücklich ein, obgleich englische und holländische Geschwader in der Nordsee waren. Im Juni ging er mit 5 Schiffen (40–52 Kanonen) dem Rest entgegen, der durch Eisverhältnisse aufgehalten war; er traf ihn in der Nordsee schon von 8 holländischen Kriegsschiffen (38–58 Kanonen) umringt, befreite ihn nach heftigem Kampfe (280 gegen 390 Kanonen), in dem 3 Holländer genommen wurden; darunter das Flaggschiff, nach de Jonge das erste holländische, das in Feindeshand blieb (früher genommene sind stets gesunken). Für diese Tat wurde er geadelt. 1695 zeichnete er sich bei der Verteidigung seiner Vaterstadt als Kommandant des Westmolenforts aus. 1696 bricht er wieder die Blockade mit 7 Segeln (300 Kanonen), um einen Convoi rückkehrender holländischer Ostseefahrer abzufangen. Er trifft ihn nördlich von Texel, nimmt sämtliche begleitende Kriegsschiffe (5 mit 200 Kanonen) und etwa 30 Kauffahrer. Er verbrennt diese, weil das holländische Dünkirchengeschwader (14 Segel) erscheint, das gerade einen ausgehenden Convoi Ostseefahrer geleitet, entzieht sich aber selbst dem Angriff.
Im Jahre 1697 führte Jean Bart trotz feindlicher Geschwader den Prinzen von Conti, Prätendenten für die Krone Polens, nach Danzig. Dies war seine letzte Tat. Er starb, 52 Jahre alt, im April 1702, als der Ausbruch des Spanischen[471] Erbfolgekrieges ihm neue Lorbeeren in Aussicht stellte, aber er hinterließ tüchtige Schüler.
Seine Tätigkeit von Dünkirchen aus soll die üblichen drei bis vier englisch-holländischen Convois im Jahre nach der Ostsee oft auf einen beschränkt haben; kein Wunder, daß die Gegner ihr Geschwader vor dieser Stadt immer mehr verstärkten und verschiedene Versuche machten, sie zu zerstören.
Die ungeheueren Verluste, die die Verbündeten erlitten, beweisen, daß ihre Marinen die Aufgabe, den Seehandel zu schützen, nicht gelöst haben. Es führt uns dieser Umstand zu einer theoretischen Betrachtung über das Wesen des Kreuzerkrieges.[252]
Es gilt jetzt wohl allgemein als Grundsatz, daß der Kreuzerkrieg nur von großem Einfluß sein kann, wenn er sich auf eine starke Flotte stützt. Mahan sagt hierzu: „Um wirksam zu sein, muß der Kreuzerkrieg durch eine Geschwaderkriegführung oder durch Abteilungen von Linienschiffen unterstützt werden. Indem diese den Feind zwingen, seine Streitkräfte zusammenzuhalten, geben sie den Kreuzern die Möglichkeit der erfolgreichen Zerstörung des feindlichen Handels; ohne eine solche Rückendeckung wird das Ergebnis die Wegnahme der Kreuzer sein.“ Unser Krieg scheint nun dagegen zu sprechen; der Handel der Verbündeten litt nämlich am meisten, als nach La Hogue 1692 die französische Flotte vom Meere verschwunden war — wie man gemeiniglich sagt.