In den westindischen Gewässern befanden sich stets einige Kriegsschiffe beider Gegner, Kauffahrer wurden dort armiert oder Flibustier in Sold genommen. England sandte fast in jedem Jahre ein kleines Geschwader, oft mit Truppen, hinaus, Frankreich seltener. So hatten die Engländer häufiger die Seeherrschaft und traten im ganzen genommen offensiver auf; da aber die französischen Kolonien schon stärker bevölkert waren, konnten sie meist Widerstand leisten und zeitweise, wenn ihre Streitkräfte überwogen, bedrohten die Franzosen die feindlichen Niederlassungen. Die französischen Kolonien waren auch reicher, führten den Krieg gegen den Handel mit Flibustiern und hatten hierin wohl den größeren Erfolg, besonders natürlich, wenn die Engländer nicht ausgesprochen die See beherrschten.

Die Franzosen nahmen gleich zu Beginn des Krieges (1688) den Holländern St. Eustache ab, verdrängten (1689) die Engländer aus dem gemeinschaftlich besetzten St. Kitts und plünderten durch Flibustier spanische Niederlassungen. Aber schon 1690 setzten sich die Engländer wieder in den alleinigen Besitz von St. Kitts, eroberten Marie Galante, landeten auf Guadeloupe und belagerten die Garnison in Basse-Terre. Beide Inseln mußten sie 1691 wieder aufgeben, als ein größeres französisches Geschwader auf der Station erschien. 1692 kam es zu einem Gefecht auf offener See bei Désirade, in dem die Engländer einen Convoi gegen den Angriff einer überlegenen Kraft deckten. 1693 machten die Engländer einen vergeblichen Angriff auf Martinique; 1694 fielen die Franzosen in Jamaica und 1695 die Engländer und Spanier in den französischen Teil Haitis ein. Aber alle diese Expeditionen hatten eben keinen dauernden Erfolg.

Das größte Unternehmen Frankreichs — der Zug de Pointis' gegen Cartagena, 1697 — haben wir als militärisch-seemännisch wie politisch bemerkenswert näher berührt (Seite [466]).

In Nordamerika hatten schon vor dem Kriege Feindseligkeiten an den Grenzen begonnen; hier waren zwar die englischen Kolonien den französischen an Bevölkerung weit überlegen, aber Frankreich strebte sehr nach Erweiterung seiner Macht und scheint vor und während des Krieges stets die stärkeren regulären Landstreitkräfte — allerdings auch nur sehr geringe — gehabt zu haben.

Schon 1686 nahmen sie einige englische Besitzungen an der Hudsonbai weg und bekriegten englisch gesinnte Indianerstämme; es lag in der Absicht, New York zu nehmen, um einen eisfreien Hafen für Kanada zu erhalten. 1689 sollte hierzu zu Wasser und zu Lande vorgegangen werden, aber die von Frankreich erwarteten Schiffe kamen zu spät und mußten dann gleich zurück, da sie infolge langer Überfahrt ihre Vorräte aufgebraucht hatten; zu Lande unternahm man noch im Winter (Februar 1690) Einfälle an den Grenzen, durch Indianerhorden mit großer Grausamkeit ausgeführt. Nun aber rüsteten die englischen Kolonien mit aller Kraft. Ein englisches Geschwader — Admiral Phips mit 8 Linienschiffen — traf ein und nahm im April 1690 die festen Plätze von Akadia (Neuschottland); dann wurde ein Angriff auf Quebec ins Werk gesetzt. Phips führte Mitte August die Kriegsschiffe und 32 Transporter — mit Milizen von Massachusetts, etwa 2000 Mann — den Lorenzstrom hinauf, landete unweit Quebec — ungünstiger Winde auf See und schwieriger Navigation im Flußrevier wegen erst Mitte Oktober — und versuchte die Stadt zu nehmen; einige Schiffe beschossen diese. Aber die Artillerie der Stadt war der der Schiffe gewachsen, die Garnison dem durch Krankheit geschwächten Landungskorps überlegen; das Unternehmen mußte mit bedeutendem Verlust aufgegeben werden. Ein gleichzeitiger Vormarsch zu Lande von Albany auf Mont Real — 3000 Milizen der Kolonien — war auch infolge Uneinigkeit zwischen den Kontingenten nicht vorwärts gekommen. — Während der folgenden Jahre beschränkte sich die Kriegführung auf Grenzstreifzüge; beide Parteien wurden von Europa nicht unterstützt. Die Franzosen bemächtigten sich nach und nach Akadiens wieder und besetzten weitere Plätze an der Hudsonbai sowie in Neufundland. Ein zweiter Plan gegen New York und Boston 1696 kam wieder nicht zur Ausführung, da das dafür bestimmte Geschwader — 15 Kriegsschiffe unter de Nesmond — abermals zu spät (1697) und von allem entblößt eintraf. Im ganzen hatte aber doch Frankreich die meisten Vorteile errungen; beim Frieden gab England die Hudsonbai und Neuschottland auf und auch von Neufundland behielt Frankreich den festen Platz Placentia sowie die Niederlassungen an der Westküste.

Bemerkenswertes in diesem Kriege.Über Strategie. In Hinsicht auf das Kriegsmaterial ist bei diesem Kriege wenig zu sagen. Das Schlachtschiff wächst weiter (vgl. Seite [353] u. [418]); trotz der nur kurzen Zeit seit dem letzten englisch-holländischen Kriege hat dieser Prozeß wieder einen Schritt vorwärts gemacht: das 40–50 Kanonenschiff ist ganz aus der Linie verschwunden, die 50–60 Kanonenschiffe erscheinen so selten wie im vorigen Kriege die 40–50er; die Zahl der Schiffe über 80 Kanonen hat zwar auch zugenommen, aber die Hauptkraft der Flotten liegt in den 60–70 Kanonenschiffen.

Es ist also der angedeutete (Seite [178/179]) Abschluß des Abschnittes fast erreicht. Dort wurde gesagt, daß man im nächsten Zeitabschnitt, nach 1740, in England das 74 Kanonenschiff als das geeignetste Schlachtschiff ansah. (So sehr, daß man, wenn das Auftreten der Seemacht überhaupt bezeichnet werden sollte, nur von „unseren 74ern“ sprach, schon in diesem Kriege lag die Hauptkraft der Engländer in 70 Kanonenschiffen.

Von den Spezialwaffen sind die Brander, die im letzten Kriege, was die Zahl anbetrifft, auf ihrem Höhepunkte waren, nicht mehr so stark bei den Flotten vertreten; ihre Leistungen sind noch geringer geworden. Infolge der vielen Unternehmungen gegen Küstenstädte treten die Mörserboote, bisher nur von den Franzosen im Mittelmeer verwendet, auch bei den Engländern und Holländern auf; ihre Wirkung läßt aber zu wünschen übrig. Völlig versagten die von England gegen Küstenbefestigungen und Hafenanlagen gebauten Infernals.

In bezug auf die Taktik bringen die wenigen großen Aktionen nichts Neues. Sie zeigen eigentlich nur, inwieweit das Personal — und zwar die höheren Offiziere — der verschiedenen Marinen seinen Aufgaben gewachsen war. Bei der eingehenden Schilderung der Schlachten sind die vorzüglichen Leistungen und die Fehler hervorgehoben.

Es genügt hier, darauf hinzuweisen, daß die Franzosen in diesem Kriege auf der Höhe standen; sie wandten die Taktik, die sich nach und nach entwickelt hatte, richtig an. Sie zeigen dies sowohl bei Stärke wie bei Schwäche auf ihrer Seite: bei Beachy Head durch Ausnutzung der eigenen Überlegenheit und der Fehler des Gegners; bei Barfleur, indem sie durch geeignete Manöver und durch gegenseitige Unterstützung die Überlegenheit des Feindes nach Möglichkeit aufhoben. Größere taktische Fehler machten eigentlich nur der sonst so hervorragende Führer Tourville als Verfolger in der ersten, als Verfolgter in der zweiten Aktion und de Nesmond bei Lagos. Auch Holland gebot über tüchtige Admirale, Schüler Ruyters, doch kamen sie nicht genügend zur Geltung; das einzige Mal, wo es der Fall war, bewährten sie sich — Evertsen bei Beachy Head.