Aus dem bereits teilweise wiedergegebenen Briefwechsel (S. [435] ff.) zwischen Herbert und Nottingham geht hervor, daß Herbert keine Schlacht schlagen wollte, nachdem er sich durch Augenschein von der Überlegenheit des Gegners überzeugt hatte. Sein Plan war, nach Westen zu gehen, um die dort stehenden Teile der Seestreitkräfte an sich zu ziehen, oder falls dies nicht möglich wäre, von einer sicheren Stellung im Osten aus mit seiner unversehrten Flotte den Gegner im Schach zu halten. Dies entsprach also dem Verhalten Ruyters im dritten englisch-holländischen Kriege. Nottingham billigte den Plan nicht und erwirkte, immer noch mit falscher Einschätzung der Stärke des Feindes, den Befehl der Königin, der zur Schlacht führen mußte.
Colomb hält Herberts Standpunkt für den einzig richtigen; Clowes stimmt nicht völlig bei: „Es sei doch nicht sicher, daß Herbert unbedingt imstande gewesen sein würde, die sich gestellte Aufgabe zu lösen; Wind- und Wetterverhältnisse hätten ihn hindern können.“ Dieser Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Lage ist z. B. nicht durchaus mit der Ruyters zu vergleichen: Ruyter hatte eine weit kürzere Küstenstrecke zu schützen und stand im Westen (westliche Winde vorherrschend)[479] der bedrohten Punkte; Herbert wollte von der Themse aus den ganzen Kanal bewachen. Mit beiden Kritikern muß man aber den Umstand verurteilen, daß Herbert von London aus so bindende Befehle erhielt; soweit darf der Einfluß auf den Chef einer Streitmacht nicht gehen, wie es hier geschah.
(Clowes führt hier den Ausspruch eines Admirals der Neuzeit, Sir G. Th. Hornbys, an. Als man in England gelegentlich von Differenzen mit einer fremden Macht erwog, ein Kabel zur Flotte zu legen, wenn diese an der feindlichen Küste sei, um stets von Whitehall mit ihr in Verbindung zu bleiben, äußerte genannter Admiral: „Wenn ich der Chef der Flotte wäre, würde man — so fürchte ich — bald hören, daß das Kabel gebrochen sei.“)
Kommen wir nun zu Herberts Verhalten bei dem Zusammenstoß. Er kannte die Überlegenheit des Feindes, griff trotzdem an, führte aber den Kampf nicht mit äußerster Energie durch. Clowes sagt hierzu: „Drei Wege standen ihm nach Eingang des Befehls offen:
1. Direkter Ungehorsam und Handeln nach seiner Überzeugung; das tun nur sehr bedeutende Männer: Napoleon, als General, und Nelson haben es getan.
2. Nachdem er die Schlacht beschlossen hatte, fechten, solange er eine Planke unter den Füßen hatte; Nelson würde dies getan haben.
3. Ein Kompromiß: Gehorsam gegen den Buchstaben, aber nicht den Sinn des Befehles; diesen Weg wählte er.“
Herbert selbst sagte in der Untersuchung aus, er habe nicht annehmen können, daß die Königin die Order unterzeichnet haben würde, wenn sie die Überlegenheit des Gegners voll gekannt hätte. So habe er nun die Flotte nicht ganz opfern und damit das Land völlig dem Feinde preisgeben wollen; „die Folgen hätten ihm Recht gegeben.“ (Ferner: „Ich war stets der Ansicht — und so kam es —, daß der Feind nichts unternehmen würde, whilst we had a fleet in being.“)
Auch dies erkennt Colomb als richtig an, aber es ist doch wohl auch nicht ganz zutreffend: Denn wenn Tourville seinen Sieg — zunächst schon taktisch durch schärfere Verfolgung, vielleicht gar Nachdringen in die Themse — mehr ausgenutzt hätte, wäre Herbert wahrscheinlich auch bei dem gewählten Verfahren vollständig vernichtet worden. Clowes dagegen sagt: „Wenn Herbert anders gefochten, so hätte er möglicherweise einen glorreichen Sieg erkämpft, jedenfalls aber den Gegner bedeutend mehr geschädigt, und dieser würde um so weniger etwas unternommen haben; keinenfalls würden die Franzosen so unbedingte Herren der See geworden sein, wie sie es für einige Zeit wurden.“ Auch diese Ansicht kann man angreifen, aber man muß doch wohl sagen: Wählte Herbert die Schlacht, von der er wußte, daß sie entscheidend werden würde, so mußte er auch alles tun, was er vermochte; Kompromisse sind in großen Sachen wohl stets das Ungeeignetste und Unsicherste.
Die Franzosen nutzten ihren Sieg weder taktisch noch strategisch aus. Eine schärfere Verfolgung würde den Verlust der Verbündeten weit größer, vielleicht entscheidend für den Krieg mit England gemacht haben; die für fast drei Monate errungene Seeherrschaft wurde nur zu unbedeutenden Unternehmungen gegen die feindliche Küste und zum Abholen der französischen Truppen von Irland benutzt, als Ludwig die Sache Jakobs vorläufig aufgab.