Diese letzte Tatsache zeigt nochmals, wie wenig auf Unterbrechung der Verbindung des Gegners mit der Insel auch von England gegeben wurde. Tourville war Ende August nach Brest gegangen, Killigrew's und Shovel's Geschwader waren nicht im Gefecht gewesen und doch geschah nichts, um das Abholen zu hindern!
Die von den Franzosen angegebenen Gründe für ihre Lauheit nach Beachy Head sind: Nach der Schlacht Munitionsmangel, dann schlechter Zustand der Schiffe, endlich Herannahen der schlechten Jahreszeit. Seignelay verlangte mehr von der Flotte,[480] vor allem den Versuch, in die Themse einzudringen, wie es Ruyter einst getan habe. Dies oder ähnliches hätte die Hauptflotte unternehmen müssen, während leichte Schiffe Irland abschlossen, wo sich Wilhelm III. in Person befand. Möglich, daß die Reste der Flotte der Verbündeten immer noch als eine „fleet in being“ ernstliche Unternehmungen gegen die Küste verhindert haben; zulässig auch erscheint mir, die nach der Schlacht am Boyne eingetretene Mißstimmung Ludwigs gegen Jakob und seine Sache als Grund der Lauheit anzunehmen; geschah doch auch nichts von französischer Seite, als Ende September endlich ein Teil der Flotte der Verbündeten die letzte Stadt Irlands im Süden nahm.
Der strategische Plan Ludwigs im Jahre 1690 war gewiß richtig, genügende Kraft dafür bestimmt und die Gelegenheit zur Ausführung günstig, weil die französische Flotte noch überlegen auftreten konnte; er scheiterte an ungenügender Vorbereitung und am Nichtausnutzen der errungenen Erfolge. Sollte eine Invasion gelingen, so mußte die geschlagene feindliche Flotte vernichtet werden.
Das Jahr 1691 bringt nur die strategisch und auch taktisch glänzende Leistung Tourvilles, seine Hochseekreuztour. Die Franzosen hatten wiederum 70 Linienschiffe aufgestellt, auch die Verbündeten spannten endlich ihre Kräfte an und brachten jetzt gegen 100 Linienschiffe unter Russell zusammen. Aber die Franzosen waren zuerst seeklar und nur bei ihnen kann man einen strategischen Plan wahrnehmen. Dieser war jedoch, nach Seignelays Tode, ein ganz anderer als im Vorjahre: anstatt einer Offensive gegen die feindlichen Streitkräfte oder gar Küsten nur Schutz der eigenen Küste und Angriff des feindlichen Handels, insbesondere des großen Levanteconvois. Ohne Antwort auf seinen Einwurf, daß diese Aufgaben sich kaum vereinigen ließen, tat Tourville sein Bestes, doch sah er im Gegensatz zu seiner Regierung den Schutz der Küste als die wichtigere an. Als der Convoi ihm, durch Wetterverhältnisse begünstigt, entgangen war, verstand er es, den Feind wochenlang hinter sich herzuziehen, ohne ihm Gelegenheit zum Schlagen zu geben. Damit hinderte er die Gegner, von ihrer starken Rüstung irgendwelchen Gebrauch zu machen, und hielt den Kanal für die französischen Freibeuter sowie für die wiederaufgenommene Verbindung mit Irland frei.
Das Verhalten der Verbündeten war so schwächlich wie in den Vorjahren. Wieder waren sie durch verzögerte und mangelhafte Ausrüstung gelähmt, aber auch Tatkraft in der Führung fehlte. Man muß annehmen, daß sie noch unter dem Eindruck der Niederlage von Beachy Head standen (Herberts abschreckendes Schicksal), daß sie deshalb trotz der übermacht ihre Kräfte so ängstlich zusammenhielten, alles andere preisgaben und doch nichts wagten.
Zu erwähnen ist noch, daß in diesem Jahre die französischen Streitkräfte im Mittelmeer zu den Erfolgen gegen Savoyen und Spanien am Lande beitrugen; die schwache spanische Marine konnte ihnen nicht entgegentreten.
Wie Ludwig XIV. im Jahre 1692 den Landkrieg aufs neue mit aller Kraft begann, so nahm er auch seinen Plan von 1690 wieder auf: Frühzeitiges Zusammenziehen der gesamten Seestreitkräfte, um die Flotten der Verbündeten vor der Vereinigung zu vernichten und dann in England einzufallen. Wieder rechnete er mit einem allgemeinen Aufstande der Jakobiten, hatte aber dieses Mal richtigerweise — im Sinne des verstorbenen Seignelay — trotzdem eine große Invasionsarmee aufgestellt. 1689 und 1690 lagen die Aussichten für einen solchen Plan günstig; jetzt war es zu spät. Bei der eigenen Marine waren die Schäden in der Organisation fortgeschritten, auch machte sich infolge des langen Krieges schon Geldmangel bemerkbar; die Feinde dagegen waren imstande, ihre natürlichen Hilfsmittel auszunutzen. Eine Überlegenheit zur See war nicht mehr vorhanden, selbst nicht wenn sämtliche Schiffe Frankreichs rechtzeitig fertig und vereint gewesen wären; doch auch dies war nicht der Fall. Zu dem für Beginn der Operationen festgesetzten Zeitpunkt (Ende April) verfügte Tourville nur über 39 Schiffe; die Verbündeten aber waren in diesem Jahre früher als bisher mit ihrer ganzen Macht bereit (am 19. Mai 88 Linienschiffe). Ludwig glaubte trotzdem an die Überlegenheit seiner Flotte und gab den Befehl zum Auslaufen, als diese 45 Schiffe stark war.
Er hielt die Gegner für nicht bereit oder doch, wenn dies der Fall und selbst wenn vereinigt, seiner Flotte kaum gewachsen und er rechnete mit der Unzuverlässigkeit eines großen Teiles der englischen Flotte. So sagen die Quellen! Diese Unkenntnis ist aber auffallend, weil man in Frankreich bisher und auch später wieder stets rechtzeitig und genau von den feindlichen Rüstungen und Plänen unterrichtet war. Man muß fast annehmen, daß Ludwig durch Hochmut und Ungeduld fortgerissen worden ist.
Zu spät kam Ludwig Nachricht und Einsicht, daß alle seine Voraussetzungen falsch seien, daß er vorläufig von dem Unternehmen absehen müsse; Tourville war ausgelaufen, die Gegenbefehle und die Benachrichtigung, daß die Gegner vereint seien, erreichten ihn nicht. Er stieß unvermutet bei Cap Barfleur (29. Mai) auf den Feind und griff seinem Befehle gemäß an, obgleich er dessen Überlegenheit erkannte. Was Tourville zu diesem Schritte bewogen hat, wissen wir; strategische Überlegungen leiteten ihn nicht. Er stand ganz unter dem Einfluß persönlicher Gefühle, und die Schuld an der Katastrophe trifft in erster Linie den König, der die berechtigten Einwendungen seines Admirals unbeachtet gelassen und ihm so bindende Befehle gegeben hatte. Es erfolgte die Niederlage in der Schlacht und die Vernichtung so vieler Schiffe nach dieser bei La Hogue. Wichtiger für den Verlauf des Krieges als der Verlust an Material war aber, daß Frankreich die Offensive zur See von jetzt an aufgab.
Der Erfolg der Verbündeten ist nur dem Umstande zuzuschreiben, daß sie ihre Rüstung beeilt hatten, große Tatkraft und strategische Kunst haben sie auch in diesem Jahre nicht entfaltet. Sie wären sogar noch überrascht worden, wenn Tourville für seinen Marsch günstigen Wind gehabt hätte. Bis zum 18. Mai lagen sie getrennt bei Rye und in den Downs, zwei Geschwader kreuzten im Kanal; es war wohl ein Fehler, daß man diese anstatt leichter Schiffe zum Erkunden entsendet hatte. Wie sich die Sache entwickelte, schlug die Verzögerung der Ausrüstung und Vereinigung ihrer Flotte zum Vorteil der Verbündeten aus, denn hierdurch wurde Ludwig im Festhalten an seinem Plane bestärkt.