Es ist nicht sicher, ob die Verbündeten genau über die Absichten der Franzosen unterrichtet waren. Holländische Quellen behaupten es, englische zweifeln daran. So sagt Colomb, man habe bis zum letzten Augenblick selbst ein Unternehmen gegen St. Malo im Auge gehabt und hierzu seien die Truppen in Portsmouth zusammengezogen gewesen. Das Zusammentreffen bei Barfleur scheint jedenfalls auch ihnen unerwartet gekommen zu sein.

In der Schlacht waren die Verbündeten von erdrückender übermacht, und doch brachte diese den Franzosen den größeren Ruhm. Die Verfolgung kostete ihnen infolge der Rücksichtnahme auf die beschädigten Schiffe zwar schwere Opfer, aber die Verbündeten hätten den Sieg mehr ausbeuten müssen, die nach der Schlacht entkommenen Schiffe durften ihnen nicht entgehen.

Haben sie endlich die errungene Seeherrschaft ausgenutzt? Die französische Flotte legte auf und die Transporter wurden mit Marinemannschaften in den Dienst der Freibeuterei gestellt, die gerade noch in diesem Jahre den Handel der Verbündeten auf das empfindlichste schädigte, weit mehr als im Jahre 1690, in dem die Franzosen die See beherrschten. Die Flotte der Verbündeten wurde zwei Monate hindurch behufs Vorbereitungen zu einem Unternehmen auf dem Festlande, zu dem es schließlich nicht kam, untätig zusammengehalten.

Das Jahr 1693 zeigt den Übergang in den zweiten Abschnitt der Kriegführung: die Franzosen richten ihren Angriff nur gegen den Handel, aber noch mit einer großen Hauptflotte; die Verbündeten halten weiter ihre Kräfte zusammen, können sich aber noch nicht zur Offensive entschließen. Ihre Leistung ist auch in diesem Jahre recht mäßig und zeigt eine Reihe von Fehlern und Mißständen.

Die Verbündeten beabsichtigten, ein Geschwader zur Unterstützung Spaniens ins Mittelmeer zu senden und mit der Hauptflotte in den nördlichen Gewässern zu operieren. Das Geschwader sollte ferner auf der Ausreise den Frühjahrsconvoi Levantefahrer geleiten und gerade diesem galt der französische Angriff. Infolge des schlechten Unterrichtetseins und der Unentschlossenheit auf seiten der Verbündeten sowie der Fehler des Kommandos der Hauptflotte und des Convoiführers gelang es Tourville, den Convoi großenteils zu vernichten.

Die Abfahrt des Convois war zu lange verzögert. Frankreich, gut unterrichtet, sandte Tourville in See, als die Abfahrt bevorstand. Die Hauptflotte der Verbündeten war nicht rechtzeitig bereit, um die französische in Brest festzuhalten. Als sie dann das Geschwader nebst Convoi durch den Kanal geleitete, wußte sie nichts vom Auslaufen Tourvilles, und die „drei Admirale auf einem Schiff“ versäumten es, sich hierüber zu vergewissern. Sie entließen ihre Schutzbefohlenen zu früh und diese fielen infolge der Unvorsichtigkeit des Geschwaderchefs dem Feinde in die Hände. Die Flotte blieb vor Brest und erfuhr erst über London die Abfahrt Tourvilles; sie ging dann nach England, um „neu auszurüsten“ und „Befehle einzuholen“, anstatt dem Feinde zu folgen.

Dieselben Mißstände und dieselbe Unentschlossenheit zeigen sich weiter. Wohl sah man ein, daß es richtig sei, Tourville zu folgen, um ihn an seinem Vorhaben zu hindern oder, als es hierzu zu spät war, ihn wenigstens zur Schlacht zu zwingen. Es kam nicht dazu; die Flotte war ungenügend ausgerüstet und wurde schließlich frühzeitig aufgelöst. Tourville kehrte im Herbst unbehelligt zurück, nachdem er den Sommer über zum Schaden des feindlichen Handels die See im Mittelmeer beherrscht hatte.

Im Herbst 1693 setzte der Kreuzerkrieg der Franzosen mit dem ihm eigentümlichen Charakter ein. Auch hier traten die Verbündeten nicht mit der nötigen Kraft auf; im November machten sie den ersten Versuch gegen einen der Hauptstützpunkte der Freibeuterei (St. Malo). So beginnt Ende 1693 die Kriegführung, die wir in den letzten Jahren des Krieges durchweg finden.

In den Jahren 1694–1697 beschränkten sich die Franzosen in den nördlichen Gewässern auf Küstenschutz und Kreuzerkrieg; im Mittelmeer unterstützten sie den Angriff auf Spanien. Die Verbündeten stellten ihren Seestreitkräften drei Aufgaben: Unterstützung Spaniens, Angriff auf französische Küsten, Handelsschutz.

Im spanischen Landkriege hatten die Franzosen 1694 Erfolge durch Unterstützung der Flotte, bis Russell im August mit der Hälfte der verbündeten Flotte erschien. Dann ging Tourville nach Toulon und wurde hier, auch das Jahr 1695 über, festgehalten. Russell beherrschte die See, aber Erfolge für den Landkrieg errang er nicht, da die Spanier am Lande zu schwach waren. Als er 1695 imstande war, diese durch ein Landungskorps zu unterstützen, brach er schon günstig liegende Unternehmungen ab, sobald er das Auftreten der französischen Flotte fürchten mußte. 1696 zogen sich die Verbündeten aus dem Mittelmeer zurück und die Franzosen hatten 1697 Erfolge in Spanien, die wichtig für den Verlauf des Krieges waren. Wir sehen also auf beiden Seiten die Flotten nur dann größere Aufgaben an der Küste durchführen, wenn die Seeherrschaft gesichert ist.